Dienstag, 29. März 2016

Über 700 Ocken

Es war früher Morgen in der Höhe zum Schicksalsberg. So früh, daß Mandy den Weg zu uns noch gar nicht gefunden hatte. Aber ein anderer. Herr Harnischfeger befand sich noch im vollen Ich-gehe-jetzt-vor-die-Tür-Ornat, als er sich vor meinem Schreibtisch aufbaute.

„Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt!“

Da stand er und strahlte mich an.

„Sie haben sich eine Modelleisenbahn gekauft?“

„Nein, ernsthaft.“

„Ich meinte das durchaus ernst und hätte heute noch gerne eine.“

Wehmütig dachte ich an die von mir einst mühsam auf unterschiedlichsten Wegen gesammelten Lokomotiven und Wagen, die noch immer bei meinen Eltern eingelagert waren und es wohl auch bleiben würden.

„Nein. Ich meine ein Orkus Riff.“

Das gab mir Grund zu überlegen. Einen Orkus kenne ich, könnte damit aber nicht so unmittelbar Jugendträume verbinden. Weder für mich noch für andere. Und was hat ein Riff damit zu tun?

Was blieb mir also übrig, als meine Prinzipien für den Moment zu vernachlässigen und nachzufragen?

„Watt?“

„Eine Oculus Rift.“

Hört sich etwas anders an als zuvor verstanden, aber dennoch…

„Durch Wiederholen wird es auch nicht besser.“

Ja, es ist besser geworden, das kann ich hier ja nicht leugnen. Aber man will sich ja keine Blöße geben. Außerdem bin ich immer noch nicht im Bilde, was der Mensch mir da erzählen will.

„Eine Virtual-Reality-Brille. Damit kann man richtig in Computerspiele abtauchen, so als ob man dabei wäre. Kennen Sie doch bestimmt auch noch aus Ihrer Jugend. In den späten Neunzigern gab es doch mal erste Versuche damit, aber die Zeit war noch nicht so weit.“

„Danke, sehr schmeichelhaft, aber in den Neunzigern war meine Jugend schon vorbei; in den späten Neunzigern sowieso. Und ich habe mich nie großartig für solche Spiele interessiert. Aufbausimulationen schon, aber dafür benötigte man so etwas nicht.“

Mich traf ein ausnehmend verständnisloser Blick. Ja hallo, ich bevorzuge den 3 D-Effekt zum Anfassen. Einst beginnend mit Lego über Playmobil bis hin zur Modelleisenbahn und Miniaturenspielen. Ich stamme aus der Generation, die Teletennis noch als den wunderbaren Beginn der Umsetzung sämtlicher Science Fiction-Literatur interpretiert hat. Die Manifestation der Welt des Raumschiff Enterprise Orion im elterlichen Wohnzimmer, wenn man so will.

„Jedenfalls hat man endlich eine Brille entwickelt, die ordentlich funktionieren soll. Und die kann man jetzt vorbestellen. Knapp über 700 Euro. Da habe ich direkt zugeschlagen.“

Ich breche zusammen. Scheint ja ein echtes Schnäppchen gewesen zu sein. Der Typ feilscht bei seiner Hauskaufrenovierung wochen- und monatelang um jeden Cent, den er an irgendeiner Stelle sparen kann, bastelt sich ein abenteuerliches Finanzierungsmodell aus fünf oder mehr Krediten unterschiedlicher Geldgeber, nur um dann mal eben nebenbei 700 Ocken für sein Spielzeug auszugeben, was in wenigen Monaten vermutlich billiger oder zum gleichen Preis als leistungsfähigeres Nachfolgemodell erscheinen wird. Herr Harnischfeger schien meine Gedankengänge zu erahnen.

„Es musste sein.“

„Aha?“

„Ja. Meine Frau hat sich gerade ein neues Smartphone für fast 700 Euro gekauft, obwohl das alte noch in Ordnung ist. Da kann ich doch nicht zurückstehen.“

Öhm, ja. Kann man verstehen.

Ich aber nicht.



Kommentare:

  1. Jetzt muss ich nochmal nachfragen: Ist Herr Harnischfeger eher meine Generation? Die Virtual-Brillen sind zwar nicht unbedingt mein Kindheitstraum, aber seit dem ich eine Brille habe, wünsche ich mir da eine Dateneinblendung, wie sie einst mal bei How I Met Your Mother gezeigt wurde (in der "Jeder hat Facebook"-Folge). Zumindest hatte ich mir das immer so vorgestellt wie die Einblendungen.
    ...
    Und dann am besten Pokemon Go drauf laufen lassen. DAS wäre mal geil *.*

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    1. Herr Harnischfeger ist irgendwas zwischen 35 und 39 Jahren alt.

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  2. In unserer Jugend (weit, weit in einem Land vor unserer Zeit) nannte man das mal das Gleichgewicht des Schreckens. Wenn auch total smartphone-los, gab da eine Seite auch immer mindestens soviel wie die andere für das neue Spielzeug aus. Wenn auch mit weniger Ehe, dafür mehr Atom.

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    1. Aber immerhin hat es da nach fast 45 Jahren einen Sieger gegeben.

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    2. Den gibt es in den meisten Ehen doch auch, oder? Den der zuletzt lacht?

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  3. Dann hoffe ich mal, dass der Herr Harnischfeger auch einen Rechner hat, der die Oculus Rift unterstützt. Die Anforderungen sind nämlich ziemlich hoch. Ich weiß das, weil ich gern selber eine Oculus Rift hätte (ich verfolge die Entwicklung schon seit Jahren), aber mein absolut nicht schmalbrüstiger Gamerlaptop, der noch nicht mal ein Jahr alt ist, hat nicht die nötigen Voraussetzungen.

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    1. Interessant. Vermutlich werden wir es erfahren. Ich bin gespannt, ob er direkt aufrüstet.

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    2. ... und was dann seine Frau dafür kaufen darf ... ;)

      Also ich verwende 3D auch lieber taktil. Das ist dann aber nur für Erwachsene :)

      Ja, die Jugend - lang ist's her.

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    3. Ja, denkt denn niemand an die Kinder?

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    4. Also meine Jugend ist auch schon mehr als 20 Jahre her, ich bin sogar noch ein bisschen älter als Herr Harnischfeger. Auch wenn ich mich KoelschGIRL nenne. ^^

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    5. Besitzen Frauen etwas nicht die ewige Jugend? Oder zumindest so lange, bis sie in die zeitlose Reife überwechseln. :-)

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