Dienstag, 22. März 2016

Klischee mal wieder

Sehr geehrte Lebensfinalistin aus der Spaßkasse zu Neustadt,

es interessiert weder den freundlichen Menschen an dem Spaßkassenschalter noch die Menschen an der sich hinter euch bildenden Schlange, warum, wieso und vor allen Dingen weshalb ihr ein gefühltes Dutzend Daueraufträge ändern zu lassen gedenkt.

Ihr müsst nicht zu jedem einzelnen Auftrag die dazugehörige Geschichte erzählen. Wirklich nicht. Der freundliche Spaßkassenmensch erledigt das auch so für euch. Ganz bestimmt. Ich bin da sicher. Ja, ich würde sogar sagen: Ich bin mir da sehr sicher.

Und wenn der freundliche Spaßkassenmensch alles erledigt hat, dann werden ihn die neuesten Abenteuer eurer Enkelkinder auch nicht weiter interessieren. Auch da bin ich mir sicher. Sehr sicher.

Ältere unter der Leserschaft werden sich an so etwas erinnern: Sparbücher. Für alle anderen: Man stelle sich vor, es gab so kleine Hefte, voll analog und so, echt retro, da stand drin, wie viel Geld man auf einem Konto geparkt hatte. Und noch aberwitziger: Es gab Zinsen auf das Geld. Also so richtig jetzt. Mit Zahlen deutlich größer als Null vor dem Komma. Eben der in Leserichtung linken Seite. Man musste die Zinsen nicht bezahlen, sondern die Bank hat etwas dazugetan. Voll witzig.

Ja, ich stamme aus einer abstrusen Zeit und könnte euch noch ganz andere Geschichten erzählen.

Egal. Jedenfalls war mein Ansinnen, zwei sich hier noch befindliche Sparbücher aufzulösen. Bei der Spaßkasse war ich der erste in der Schlange und niemand hinter mir. Ich bildete somit folgerichtig die komplette Schlange. Eine sehr stattliche Schlange, ganz gewiss, aber eben auch eine sehr übersichtliche, wenn man deren Länge als Maßstab zu Grunde legt. Vor mir befand sich nur eine ältere Dame, die aussah wie eine Oma aus dem Bilderbuch. Und sie textete den Spaßkassenmenschen tatsächlich zu jedem Punkt ihres Begehr mit damit in Zusammenhang stehenden Gründen und Geschichten zu. Klischee erfüllt. Als ich dann endlich an der Reihe war, habe ich mich bemüht, die sieben weiteren Personen hinter mir innerlich auszublenden, die sich zwischenzeitlich eingereiht hatten.

Es ist nicht immer einfach für einen Soziophobiker, sein Begehr am Schalter oder einer Theke erfüllen zu lassen, insbesondere aber dann nicht, wenn eine solche Schlange hinter ihm lauert. Der Drang ist da, einfach zu verschwinden oder jeden anderen, der vermeintlich weniger Zeit benötigt als er selber, einfach vorzulassen. Aber selbst dazu müsste man den Menschen ja auch noch anquatschen, was tendentiell schwierig wird, wenn man gerade mal mental schlecht sortiert ist. Die Anzahl der möglichen Optionen wird dann sehr schnell übersichtlich. Die Nervosität steigt und steigt, selbst wenn man in diesem Fall ausnahmsweise mal kein Problem damit gehabt hätte, hier persönlich, also im mitmenschlichen Direktkontakt was zu regeln. Kommt ja auch mal vor; alles ist eine Frage der Gewohnheit. Und der Tagesverfassung. Nur eben nicht die Sache mit der Schlange. Daran gewöhne ich mich einfach nicht.

Aber ich habe es durchgehalten.

Und frage mich immer wieder, wieso andere Menschen damit so offenkundig kein Problem haben, daß sie die Erledigung ihrer Angelegenheit auch ohne Rücksicht auf Verluste hinauszögern.




Kommentare:

  1. Oma:
    Vermutlich liegen die Geschichten der Enkel weiter zurück und sie brauchte jemanden zum reden. Jemanden zum zuhören. Umso älter man wird, umso weniger werden halt die Zuhörer. Da darf man nicht wählerisch sein und alles nehmen, was da kommt. Egal ob es nun die MFA beim Arzt, der Bankangestellte bei der Spaßkasse, unsoziale Personen wie du oder ich oder der Typ neben ihr im Bus ist. Da kann auch einzelne Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen werden. Und auf wachsende Schlangen auch nicht. :/

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    1. Auch nicht bei den freundlichen Beratern des LASA oder dem freundlichen Sachbearbeiter des LASA, wenn man ihn mal am Telefon erwischt hat. :-(

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  2. Neulich erging es mir ähnlich - ich stehe in der Schlange bei der Bank und die Damen vor mir texten den Bankmenschen zu und hören gar nimmer auf. Herrgott, ich hätte am liebsten laut gebrüllt.

    Ich hab zwar keine Sozialphobie, aber da reicht es schon, wenn ich seelenteschnich nicht so auf der Höhe bin und schnell wieder Heim möchte - und dann kriegen die da vorne die Kurve nicht. Zum schreien ist das manchmal.

    Du hast mein ganzes Mitgefühl :)

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    1. Danke. Und dir schicke ich rein vorsorglich auch schon mal eine Portion Mitgefühl von mir rüber. So als Vorschuß für das nächste Mal.

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