Sonntag, 6. März 2016

Drei gegen einen

Wir begeben uns nochmal ein paar Wochen zurück - in die Zeit meines Urlaubs.

Die zweitbeste Ehefrau von allen hatte am Vortag in einem Studio für Leibesertüchtigungen vertretungsweise einen Kurs übernommen, da die übliche Trainerin mit einer Lungenentzündung darniederlag. Und sie stellte sich die Frage, wie man überhaupt auf den Gedanken kommen könne, morgens vor zehn Uhr schon als Teilnehmer für einen solchen Kurs freiwillig bereitstehen könne.  Ihre Uhrzeit ist das nicht, aber was soll man machen?

Am späten Nachmittag verschwand sie dann wieder zu einem langen Abend, welcher gespickt war mit orientalischem Tanz. Spätes Heimkommen, essen, Nachrichten gucken, weiter runterfahren, ab in die Koje.

Und um allen potentiellen Widrigkeiten für den nächsten Morgen bereits im Vorfeld entgegenzuwirken, welcher zum Ausgleich der Mühsal des Vortages ihrerseits mit ausgiebigem Matratzenhochdienst vorgesehen war, erhielt ich die Weisung, in ihrem Zimmer das Fenster sowie wie immer die Tür zu schließen, wenn ich aufstehen und zum Sport gehen würde. Denn hier in der Gegend hat sich ein Nachbar in den letzten Tagen angewöhnt, früh morgens schon seine Kreissäge anzuwerfen. Sollte meine Angetraute just an diesem Tag durch eben diese Kreissäge oder vergleichbare Geräusche geweckt werden, würde es Tote geben. Das war sicher.

Ich wachte völlig zerschlagen auf. Mein Rhythmus war in den letzten Tagen sehr durcheinander geraten. Nachdem ich es in meiner ersten Urlaubswoche hinbekommen hatte, mehrfach morgens zu noch angetrautenfeindlicher Uhrzeiten zum Sport zu erscheinen und anschließen ein paar Saunagänge einzulegen, war dies in der zweiten Woche aufgrund meiner Erkrankung ausgeschlossen. Jetzt, in der dritten Woche, bin ich zwar wieder einsatzfähig genug, aber wie gesagt: Der Rhythmus ist kaputt. Das lange Aufbleiben um zu warten, bis die zweitbeste Ehefrau abends wieder zu Hause ist, um dann das Essen frisch auf den Tisch zu bringen, hat einiges durcheinander gebracht. Nö, mit Sport würde das heute nichts geben. Nicht so, wie ich mich fühlte. Es gibt da bereits einschlägige Erfahrungswerte, die mich bereits im Vorfeld wissen lassen, wann die Veranstaltung peinlich werden würde.

Aber dennoch stand ich beizeiten auf, um wie versprochen angewiesen das offene Fenster im Mädchenzimmer zu schließen, bevor die stadtamtliche Nachtruhe für beendet erklärt und damit das Signal zur Inbetriebnahme der Kreissäge gegeben sein würde.

Ich schlich mich in den dunklen Raum, vernahm die Schlafgeräusche meiner Angetrauten und schloss das Fenster möglichst leise. Die Schlafgeräusche änderten sich nur wenig, also war alles ok.

Das nächste Problem war es, die Tür zu schließen.  Ein solches Unterfangen sollte tunlichst nur in Angriff genommen werden, wenn alle in Frage kommenden Katzen raus sind. Die Prüfung konnte nur durch Inaugenscheinnahme der restlichen Wohnung erfolgen.

Marty saß brav vor der Tür und glotzte mich an. Sicherheitshalber zog ich erst mal die Tür zu, bevor ich mich auf die Suche nach den beiden Mädels begab. Doch die blieben verschollen. Schließlich schnüffelte Marty mit steil in die Höhe gestrecktem Schwanz an der Tür. Aha, also war doch wieder jemand eingesperrt. Ich vertrieb Marty, öffnete die Tür und ließ die wartende Lilly raus, gefolgt von… niemandem. Also Tür zu und Smilla suchen.  Doch die fand sich nicht an ihren üblichen Stellen. Ich wähnte sie auf dem Bett meiner Angetrauten. Also besser abwarten, bis einschlägige Geräusche darauf hinweisen, daß sie auch raus möchte. Und dann bloß schnell sein, damit meine Angetraute nicht davon geweckt wird.

Nach einigen Minuten hörte ich ein leises Fiepen. Könnte passen. Wieder ging es in Richtung Mädchenzimmer. Tür auf – niemand kam raus, aber zwei stürmten rein. He, der Plan war anders. Ich wartete noch an der geöffneten Tür, als Lilly auch schon wieder herauskam. Normal. Das Spiel spielen wir häufiger. Mindestens aber an jedem zweiten Morgen. Marty erschien nicht. Und auch keine Smilla.

Plan B wurde aktiviert: Die Tür blieb offen, ich breitete mich mit einem Buch auf dem Monster aus und passte gleichzeitig auf, wann das Mädchenzimmer von den Vierbeinern verlassen werden würde. Aus dem Augenwinkel sollte es von hier aus kein Problem sein, die hellen Gestalten der Geschwister wahrzunehmen. Und Lilly war bei mir, wie immer, wenn ich zu dieser Zeit zu Hause bin.

Minuten später registrierte ich leises Klacken. Oha, da rennt jemand die Treppe runter. Diesem Jemand hatte ich dann entgegen aller Erwartung doch nicht im Augenwinkel wahrgenommen. Ja, eventuell anwesende Literaturverweigerer, so ein Buch kann auch mal spannend sein. Da bemerkt man eben nicht mehr so viel von seiner Umwelt. Das ist fast so, als ob man sein Smartphone in Händen hält.

Ohne etwas gesehen zu haben wusste ich, daß das nur Marty gewesen sein konnte. Die Geräusche waren eindeutig. Also wieder aufstehen und die Tür schließen, denn Smilla würde es erfahrungsgemäß auch noch stundenlang aushalten können, im Mädchenzimmer zu verweilen. Zumindest so lange, bis sie pinkeln muß. Ich würde es auf jeden Fall mitbekommen, wenn es soweit ist. Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt ist es stets so, daß der Rest der Katzenbande außen vor der Tür Stellung bezieht und darauf aufmerksam macht, daß ein Gefangener raus will.

Warten. Lesen. Weiter warten.

Lilly hat sich wieder an mich angedockt. Ich höre den Kater, wie er unten im Gartenzimmer rumort. Es ist das typische Klangmuster.

Oh, hallo Smilla.

Wo kommst du denn her?

Katzen sind Gewohnheitstiere durch und durch. Man kann schon fast Uhren nach ihnen stellen. Aber hin und wieder machen sie doch mal etwas anders, schlafen nicht auf dem Kratzbaum, sondern auf einem Stuhl. Oder sie belegen nicht das Katzenkissen vor der Terrassentür, sondern glotzen zu ungewohnter Uhrzeit von der Fensterbank des Esszimmers in den Garten.

Wehe, man sucht sie zu solch einer Gelegenheit.

Das wird dann schwierig.

Insbesondere bei einem drei gegen einen.



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