Sonntag, 22. Mai 2016

Die rote Tunke

Kenner der Materie werde es erahnen: Es geht um Ketchup. Im Zusammenhang mit der folgenden Geschichte hätte es auch etwas anderes sein können, aber Auslöser von allem war nun mal Ketchup.

Ich war noch ein Kind. Ob schon im schulpflichtigen Alter oder nicht, ist mir nicht mehr erinnerlich. Mit meinen Eltern und Großeltern ging es in ein Einkaufszentrum. Die standen damals, in den wilden Siebzigern, noch nicht so herum wie Sand am Meer. Also waren sie etwas Besonderes. Dieses Einkaufszentrum existiert heute noch, hat sich optisch aber natürlich deutlich gewandelt.

Nach Beendigung der Einkaufs- und Bummeltour sollte es wieder zurück zu meinen Großeltern gehen. Wir kamen noch innerhalb des Gebäudes an einer Imbissbude vorbei, als man auf Seiten der Erwachsenen darin übereinkam, sich zum heimischen Verzehr ein paar halbe Hähnchen bzw. Rippchen mitzunehmen. Zu gebratenen oder wegen meiner auch gegrillten Hähnchen wie auch Rippchen habe bis heute ein zwiespältiges Verhältnis. Geschmacklich fallen sie ja durchaus in mein Beuteschema, aber der Aufwand, den man beim Verzehr hat, schreckt mich phasenweise ab.

Mit anderen Worten: Mich nerven die Knochen. Mal mehr, mal weniger.

Seinerzeit schien ich in einer der Mal-mehr-Phasen gewesen zu sein, denn ich hatte keine Lust auf Hähnchen. Und Rippchen hatte ich damals noch nie gegessen, die waren mir unheimlich. Doch damit der arme kleine Paterfelis nicht an völliger hungerbedingter Entkräftung zusammenbrechen würde sollte es machbar sein, im großelterlichen Haushalt etwas anderes zu finden. Da machten wir uns allgemein keine Sorgen drüber.

Und so kochte meine Oma für mich ein paar Nudeln. Von al dente hatten wir seinerzeit noch nichts gehört. Die zu Hause gekochten Nudeln schienen immer etwas übergart gewesen zu sein. Das war ja nicht unbedingt heimische, sondern exotische Küche, mit der man sich im Haushalt meines eher rechtskonservativen Großvaters niemand so richtig auskannte. Also waren die Nudeln im Regelfall nicht nur tendentiell matschig, sondern im Falle von Spaghetti sogar noch einmal durchgebrochen, damit man sie leichter essen könne. Schwerer Fehler, wie man nicht erst heutzutage weiß.

Das mit dem Zerbrechen von Spaghetti konnten wir Enkel meiner Oma irgendwann abgewöhnen, und was die ideale Konsistenz der fertigen Nudeln angeht wussten wir es schließlich nicht besser.

Was gehörte damals auf einen ordentlichen Teller Nudeln? Ein paar Spritzer Maggi und selbstverständlich Ketchup. Der Ketchup wurde seinerzeit exklusiv zur Verköstigung der Enkelgeneration angeschafft. Die Generationen vor uns zeigten sich der unentbehrlichen roten Tunke, mit der man nahezu alles, im äußersten Notfall sogar Gemüse, schmackhaft machen konnte und welche zeitweise zu jedem nicht süßem Gericht zwingend erforderlich war, eher abgeneigt.

So aßen die Erwachsenen bei Oma und Opa im Wohnzimmer also ihre halben Hähnchen oder Rippchen ohne Ketchup, während ich alleine in der Küche am Kindertisch sitzend die ganze Flasche überlassen wurde. Der süßliche Geschmack dieser Ketchupsorte ist mir als Kinderheitserinnerung bis heute haften geblieben. Nur den Hersteller habe ich verdrängt. Die Flaschenform ist bis heute weit verbreitet, aber ich habe trotz wiederholten intensiven Testkäufen niemals mehr das Original gefunden.

Nachdem wir gegessen hatten, wurde mir übel. Es kam sogar so weit, daß ich mir das ganze Essen nochmal durch den Kopf gehen ließ.

Investigative Ermittlungen führten zu dem Verursacher. Da rohe Nudeln nicht dazu neigen, schlecht zu werden und ich mich auch nicht an ihnen überfressen hatte, kam man schnell auf die Ketchupflasche und ihren Inhalt. Denn der Inhalt der Flasche war schon lange Zeit nicht mehr von der Umwelt hermetisch abgeriegelt und seit mehr als einem Jahr abgelaufen. Zu allem Überfluß hatte sie diese Zeit nicht im Kühlschrank, sondern als nicht salonfähiges Exotenprodukt irgendwo hinten im Küchenschrank meiner Oma verbracht.

Im Gegensatz zur guten Molly habe ich jedoch keine traumatischen Erfahrungen davongetragen. Bis heute sind die zweitbeste Ehefrau von allen und ich was abgelaufene Lebensmittel angeht relativ unempfindlich, sofern wir wissen, daß die Sachen ordentlich gelagert waren.

Und was bringt uns jetzt diese Geschichte?

Mir die Erkenntnis, daß ich mich mal wieder auf die Suche nach dem besagten Ketchup begeben muß. Wenn ich schon nicht mehr das Nasi Goreng meiner Kindheit bekommen kann, welches meine andere Oma schon mal auf den Tisch brachte, dann will ich wenigstens mal wieder diesen Ketchup haben.   

Mit Nudeln.

Aber diese dann bitte al dente.



Kommentare:

  1. Die hatten auch Bami Goreng. Und ganz unten in der Dose sowas Fleischähnliches. Konnte man auch anbraten, das war dann aber nicht so der Brüller.

    Suzi Wan - muss ich mal im Großhandel schauen.

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    1. Das Bami Goreng habe ich später auch mal probiert und ebenfalls als schmackhaft empfunden. Im hiesigen einschlägigen Großhandel - Metro und Co - bekommt man beides auch nicht mehr, sehr wohl allerdings andere Suzi Wan-Produkte.

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  2. Mein Kindheits-Nasi Goreng wurde als Bausatz gekauft. Da gab es getrocknete Gewürzmischungen, die ebenso dazu gehörten wie exotisches Gesauce (Soja-irgendwas) und in kleine Würfel geschnittenes, gebratenes und anschließend mariniertes Fleisch, eine scharfe Chilipaste und Reis. War absolut unübertroffen.
    Das Interessanteste, was mir beim Dosenregalaufräumen über den Weg gerollt ist, waren Konserven, die so alt waren, dass sie überhaupt kein Verfallsdatum trugen. War aber nicht mein Haushalt, sondern der meiner Schwiegermutter. Die schon tot war, aber nicht von Konserven.

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    1. Boaaah, so weit waren wir damals noch lange nicht. Das fing erst so langsam an, als ich in der Schule Hauswirtschaft belegt hatte. Gab es für die Konserven wenigstens ein dankbares Museum als Abnehmer? Obwohl ich durchaus vermute, daß der Inhalt noch genießbar war.

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  3. Kein Museum für Konserven. Die fielen der Abfallentsorgung anheim, aber sowas von.

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