Donnerstag, 10. März 2016

Ballett

Ich verbrachte meine Zeit damit, in der Küche etwas Nahrhaftes zuzubereiten. Schweinegulasch mit Rotwein und Semmelknödel, falls es jemanden interessiert. Wie immer hatte ich die zum Wohnzimmer führende Küchentür von innen geschlossen und das Radio eingeschaltet. Warum ich das Radio beim Kochen dudeln lassen, gehört zu den unerklärlichen Geheimnissen der Menschheitsgeschichte, denn sobald die Dunstabzugshaube in Betrieb ist, nehme ich das auf Zimmerlautstärke eingestellte Radio ohnehin nicht wahr. Und wenn ich es entsprechend lauter drehe, dürfte es alles übertönen, was jenseits der Küchentür aber dennoch inhäusig Geräusche entwickelt. Außer unserer Schlagbohrmaschine. Und man will es sich schließlich mit der zweitbesten Ehefrau von allen nicht verscherzen.

Nachdem alles was flüssig war in den verschiedenen Töpfen so vor sich hinblubberte, wie es meiner Meinung nach erforderlich sein würde, begab ich mich zurück ins Wohnzimmer. Die zweitbeste Ehefrau von allen hatte sich die Verfügungsgewalt über die TV-Fernbedienung gesichert. Aus dem zugehörigen Empfangsgerät klimperte ein Klavier in einer Form, die mir nun so gar nicht behagte. Auf dem Bildschirm waren einige spindeldürre weibliche Gestalten zu erkennen, welche sich in durchaus unnatürlich erscheinenden Bewegungen – ähm – bewegten.

Der Alptraum gefühlter 98 % aller Männer.

Ballett.

Der Kater hatte es sich wieder auf der Rückenlehne des Fernsehsessels gemütlich gemacht und starrte mich erwartungsvoll an. Ich beugte mich zu ihm hinunter, während ich hinter dem Sessel stand. Sofort streckte sich Marty mir entgegen und rammte seinen Kopf gegen meine Stirn. Eine klare Aufforderung. Ich begann, sein Fell zu wuscheln und schließlich mit beiden Händen seine Kopfhaut durchzukneten. Als ich mit jeder Hand ein Ohr intensiv bearbeitete, war die Sache klar, wie mir ein wohliges Brummen seitens des Katers offenbarte.

„Marty, warum hast du nicht gleich gesagt, daß ich dir die Ohren zuhalten soll?“

Die im Sessel sitzende zweitbeste Ehefrau von allen warf mir den Ansatz eines vernichtenden Blickes zu. Was blieb mir jetzt großartig anderes übrig, als den inzwischen zur Flucht ansetzenden Kater in Ruhe zu lassen und hier die paar Minuten abzusitzen, die es dauern würde, bis ich mich wieder dem harmonischen Klang der Dunstabzugshaube und dem kaum wahrnehmbaren Hintergrundrauschen des Rundfunkempfängers widmen konnte?

Mit Ballett kenne ich mich ja nun nicht so aus. Vom Nußknacker habe ich schon mal gehört, und von den drei kleinen Schweinchen vier kleinen Schwänen auch. Außerdem hat es sich Frl. Hasenclever nicht nehmen lassen, im Büro hin und wieder den sterbenden Schwan zu geben, was allerdings mehr an eine verunglückte, nach hinten wegsackende Kampfposition von Karate Kid erinnerte denn an irgendetwas mit Tanz. Oder so.

„Sag mal, warum halten die sich da an der Stange fest? Das dürfen die doch später auf der Bühne auch nicht.“

„Das, was die da machen, ist kein Gleichgewichtstraining, sondern Krafttraining.“ wurde ich aufgeklärt.

Meine Angetraute hatte sich auch mal dem Ballett gewidmet und vor einigen Monaten sehr zum Gefallen einer international bekannten Ballettgröße, deren Name mir natürlich Nullkommagarnichts sagte,  im Rahmen der Teilnahme an einigen Workshops eben dieser Ballettgröße unter Beweis gestellt, daß sie es noch nicht verlernt hat.

„Außerdem halten die sich da auch nicht richtig fest. Das würde auffallen. Halte mal deinen Arm rüber, so als ob der die Stange wäre.“

Ich tat, wie mir geheißen. Meine Angetraute legte ihre Hand locker auf meinen Arm.

„Siehst du?“

Ja. Das war kaum der Rede wert. Mit kaum noch steigerungsfähigem aber dennoch zunehmendem Desinteresse verfolgte ich das Programm.

„Da, jetzt kommt das, auf das du gewartet hast.“

Also überwand ich mein Wachkoma, welches eigentlich andauern sollte, bis mich ein programmiertes, luftübertragenes Schallsignal aus der Küche erreichte, und schaute mit einem gewissen Bewusstsein aber dennoch verständnislos in Richtung Bildschirm. Die magersüchtigen Mädchen vollführten immer noch diese unnatürlichen Bewegungen.

„Nein.“

„Doch, guck doch mal hin.“

„Nein, echt nicht. Was glaubst du denn, worauf ich gewartet habe?“

„Na, daß die ohne Stange tanzen.“

„Als ob ich darauf gewartet hätte.“

„Worauf dann?“

„Auf den Abspann der Sendung.“

Nur die beherzte Flucht in die Küche konnte mich vor den nunmehr tödlichen Blicken retten.






Kommentare:

  1. Sag mal, du wohnst nicht zufällig eine Etage über mir? Dunstabzug und Küchenuhr... Und mehrere Katzen. Das würde passen. Aber die Frau von oben hat ein Nagelstudio. Das passt ja eher nicht...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nö, hier ist Erdgeschoss. Es sei denn, du wohnst noch unter unserem Keller. Und die Sache mit dem Nagelstudio müssten wir noch klären.

      Löschen
  2. Erst einmal: Willkommen zurück! Das hier freut mich genauso, wie die Entdeckung der ersten Frühlingsblumen!
    ;-D Was das Ballett anbelangt: Alles was so federleicht aussieht, ist durch Schwerstarbeit entstanden. Stell dir vor, du staubsaugst und wischt deine Wohnung 8 Stunden lang auf Zehenspitzen, das ist dann ungefähr 30 % der Kraftanstrengung, die Balletttänzer täglich für ihr Training aufbringen. Grüße an die zweitbeste Ehefrau, die einen exzellenten Geschmack hat, was die Wahl des Fernsehprogramms anbelangt...;-D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es besteht meinerseits nicht der mindeste Zweifel daran, daß das Schwerstarbeit ist. Aber trotzdem kann ich damit nichts anfangen. Aber so rein gar nichts. Wie mit allen anderen Tanzgeschichten auch. Außer Stepptanz. Da sehe ich mir gerne sowohl die Klassiker mit Fred Astaire als auch das Modernere mit Michael Flatley an.

      Löschen
  3. Ich mag Ballett. Vor allem wenn die so Tibbelschrittchen machen. Perfekte Beute: schön langsam. xD

    Aber im ernst - allein, was Balletttänzern mit den Jahren ihren Füßen antun... nein danke. Gut, dass Dzweba zum Bauchtanz konvertiert ist. ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Aber die Musik ist da auch nicht immer besser. :-/

      Löschen