Montag, 8. Februar 2016

Die Geschichte zum Gedanken - Schlechte Verlierer

Nachdem die Veranstaltung zur Präsentation rheinischen Brauchtums ohne der rheinischen Tradition entsprechenden abgeschnittene Krawatten - der einzige potentielle Krawattenträger in unserem Hause glänzte durch urlaubsbedingte Abwesenheit - ihren Abschluss gefunden hatte, erschien Frl. Hasenclever mit einem lustigen albernen Hütchen auf dem Kopf, um sich bei Mandy, Sven und mir zu erkundigen, wann wir denn gedachten, Feierabend zu machen, damit wir mit unserem monatlichen Blood Bowl-Spiel starten können. Wir teilten ihr unsere diesbezüglichen Vorstellungen direkt mit: so früh es unsere Arbeitszeitordnung eben zuließe.

Fräulein Hasenclever erhob direkt Protest.

„Eine Stunde später bitte, damit ich noch etwas geschafft bekomme.“

Wie der unermüdliche Leser sich zu erinnern wissen wird, hatten Mandy und ich schon einiges an Arbeit bewegt, und auch Sven war es aufgrund seines vorzeitigen Rückzugs von den Feierlichkeiten gelungen, gegenüber Frl. Hasenclever einen entsprechenden Vorsprung aufzubauen.

„Nö. Pünktlich!“

„Dann komme ich eine Viertelstunde später. Sie können ja schon mal alles aufbauen. Mandy spielt ohnehin gegen Herrn Paterfelis, dann können die beiden ja schon mal starten.“

Also gönnten wir ihr dieses Viertelstündchen, wohl wissend, daß dies sowohl bei uns als auch bei Frl. Hasenclevers Arbeitsplanung ohnehin nichts mehr reißen würde. Aber es ging eben um die psychologische Komponete. Wenn sie sich dadurch besser fühlen und ihr schlechtes Gewissen beruhigen würde, dann soll es halt so sein.

Natürlich kam Frl. Hasenclever noch etwas später als angekündigt.

Die beiden Spielfelder waren bereits aufgebaut. Schnell versorgten wir uns noch mit den aufgefundenen Resten des Frühstücks, konkret einer offenen Packung Kekse, einigen dieser maßlos überteuerten Mini-Schokoriegeln und ein paar Erdnüssen. Ich warf noch einen kritischen Blick zu Frl. Hasenclever.

„Was haben Sie denn?“

„Das Spiel hier ist eine ernste Angelegenheit.“

„Äh, was?“

„Haben Sie mal in den Spiegel gesehen?“

„Warum?“

„NICHT MIT DIESEM ALBERNEN HÜTCHEN AUF DEM KOPF, FRL. HASENCLEVER!“

Sie nahm das Hütchen vom Kopf und verspürte auch direkt selbst eine gewisse Erleichterung, da das zugehörige Gummibändchen wohl doch etwas gedrückt hatte.

Den ersten Touchdown gab es in dem Spiel zwischen Mandy und mir bereits nach drei Spielzügen, während Sven und Frl. Hasenclever noch hinterherlagen. Zeitlich betrachtet. Als Sven den ersten Touchdown erzielte, hatte ich bereits den zweiten vollbracht, doch befand man sich auf dem benachbarten Spielfeld zu diesem Zeitpunkt erst im zweiten Zug.

Wir spielten vor uns hin. Mandy wurde zunehmend schweigsamer, nachdem ich in der zweiten Halbzeit Touchdown Nummero 3 und 4 verbuchen konnte. Nebenan hingegen machte sich eine doch erhöhte Lautstärke bemerkbar. Frl. Hasenclever begann um die Regeln zu diskutieren. Irgendwie schien sie gestresst zu sein, zum Ende der ersten Halbzeit mit 0 zu 3 Touchdowns gegen Sven im Rückstand zu stehen.

Zu diesem Stand beendeten wir dann auch das Spiel. Mandy und ich hatten beide Halbzeiten absolviert, während Sven und Frl. Hasenclever zum Ende der ersten Halbzeit mit einem Blick auf die Uhr befanden, daß es sich nicht lohnen würde, die zweite Halbzeit noch zu beginnen. Irgendwann hätten wir das Haus ja auch zu verlassen, bevor der Wachdienst uns rausschmeißen würde.

Obwohl: Ich habe im Gegensatz zu fast allen anderen Kollegen inklusive Frl. Hasenclever einen speziellen Dienstausweis, der mich legitimiert, das Hausrecht auszuüben. Vielleicht könnte ich ja damit den Wachdienst... Nein, besser nicht.

3 : 0 für Sven nach einer Halbzeit, 4 : 0 für mich nach einem vollständigen Spiel. Ein annehmbares Ergebnis. Dieser Interpretation vermochten sich die beiden Mädels aber nicht so vollinhaltlich anzuschließen, wie Sven und ich den Gesichtsausdrücken entnehmen konnten. Auch am nächsten Tag hat Sven noch von Mandy einen verbalen Schlag zwischen die Hörner bekommen, als er sie an unsere Siege erinnerte. Auf seine Anmerkung, daß Mandy nach dem letzten Mal ihn auch ständig aufgezogen habe, stellte sie den Sachverhalt mit einfachen Worten klar:

„Das war ja auch etwas völlig anderes."

Zweifellos.

Sie haben gut verloren, weil wir gegen sie gut gewinnen konnten. Schlechte Verliererinnen waren sie trotzdem. Dabei haben Sven und ich es ihnen während der letzten Spiele immer und immer wieder versucht nahezubringen, wie sie gegen unsere Teams spielen sollten. Im Blood Bowl gibt es nämlich etwas vereinfacht gesagt nur zwei Arten von Teams: so genannte Kreativteams und die Prügelteams. Sven und ich spielen Kreativteams. Diese sind geschickt im Umgang mit dem Ball und dabei auch noch schnell zu Fuß unterwegs. Worin diese Teams nicht glänzen, ist die körperliche Auseinandersetzung. Hier wiederum kommen die Prügelteams zum Zug. Tja, wenn man sich nicht traut, mit einem regeltechnischen körperlich überlegenen und gut gerüsteten Team auch körperlich anzugreifen, darf man sich nicht wundern, daß man bei einem versuchten Geschicklichkeitsspiel verliert.

Auf dem Weg zu unseren Zügen konnten Sven und ich an der U-Bahn in Neustadt noch unsere Blood Bowl-Erfahrungen sinnvoll nutzen. Wir gerieten nämlich noch in einen riesigen Haufen angetrunkener Jugendlicher, der sich aus der soeben eingefahrenen Bahn auf den Bahnsteig ergoss. Also ging ich mit breiten Schultern, ähnlich einem Blood Bowl-Blitzer (Offensive Lineman), vor, wich den dichtesten Ansammlungen aus und drängte mich ansonsten durch, während Sven quasi als Ballträger (Quaterback) unbehelligt folgte.

Da soll mal einer sagen, daß man durch das Spielen nichts fürs Leben lernt.




Kommentare:

  1. Spezieller Dienstausweis, soso. Was ist denn an dem so speziell, dass Sie das Hausrecht damit verliehen bekommen?

    Und wie kommt man überhaupt an einen solchen Dienstausweis?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Im Gegensatz zu den normalen Dienstausweisen wird auf diesem Ausweis ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Inhaber vom Hausrecht Gebrauch machen darf. Den habe ich noch aus einer Zeit, als ich in einer besonderen Funktion mehr Kundenkontakt hatte. Später ist die Gültigkeit des Ausweises mit Dr. Strebsingers ausdrücklicher Befürwortung verlängert worden, obwohl ich die Funktion gewechselt hatte. Man ist mitunter für jede Person im Haus dankbar, die einen solchen Ausweis besitzt.

      Löschen
    2. Eijeijei,
      habt ihr denn noch persönlichen Kundenkontakt in eurem Hause?

      Löschen
    3. Wir aus der Sachbearbeitung nur in Ausnahmefällen. Letztens habe ich erst 90 Minuten im persönlichen Gespräch mit einem meiner Problemkunden verbracht. Ansonsten aber sind dafür unsere Kundenberater zuständig.

      Löschen