Sonntag, 7. Februar 2016

Die Geschichte zum Gedanken - Fremdschämen

Die Belegschaft unserer LASA-Außenstelle setzt sich nicht nur aus Einheimischen zusammen, sondern auch zu einem nicht unerheblichen Anteil an Zugezogenen. Schwerpunkte bilden hier Menschen aus dem Ruhrgebiet, Westfalen und dem Rheinland – als in NRW Aufgewachsener differenziere ich hier natürlich etwas stärker - sowie aus Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Dazu finden sich noch Kollegen aus Schleswig-Holstein und aus Regionen, in der die deutsche Sprache nicht so flächendeckend verbreitet ist, also Afghanistan, der Türkei, Kasachstan, Sibirien und Bayern.

Es dürfte sich herumgesprochen haben, daß am Donnerstag vor Rosenmontag, also der Hochphase der Karnevals-Faschings-Fastnachtszeit, im Rheinland regelmäßig der Ausnahmezustand ausgerufen wird. Mit dem Altweiberdonnerstag beginnt der Straßenkarneval. Als aus den Grenzgebieten zwischen Niederrhein und Ruhrgebiet stammend ist mir der Karneval in der rheinischen Form natürlich nicht unbekannt, doch vermochte ich mich mit zunehmenden Alter immer weniger damit anzufreunden.

Nun war es so, daß die Rheinländer im LASA auf den Gedanken gekommen sind, im Rahmen des innernationalen Kulturaustausches rheinisches Brauchtum an den Tag zu legen. Dr. Strebsinger gestattete die Veranstaltung eines gemeinsamen Frühstücks mit dem kulturellen Hintergrund angepasster Kleidung sowie einer entsprechenden Auswahl zugehöriger folkloristischer Melodien. Die Teilnahme an der Veranstaltung war nicht verpflichtend. Wer mitmachen wollte, wurde aufgefordert, etwas Nahrhaftes beizusteuern.

Man zwängte sich in unseren in Anbetracht der Teilnehmerzahl viel zu kleinen Besprechungsraum. Vollkommen selbstlos verzichteten hingegen unter anderem der Ökoklaus, Herr Harnischfeger, Mandy, meine Wenigkeit und noch ein paar wenige andere Kollegen auf eine Teilnahme. Wir hatten in Sven unseren Spion gefunden, welcher uns später berichten würde. Wenn meine Teilnahme an einem normalen, alle paar Monate mal angesetzten Gemeinschaftsfrühstück bei schon reicht, um die Gefahr einer Panikattacke zu beschwören, dann wird eine solche Veranstaltung, wie ich sie hier erwartete, ein Garant dafür sein.

So arbeitete eine Hand voll einsamer LASA-Mitarbeiter in ihren lauschigen Büros friedlich vor sich hin, während die Demonstration rheinischen Kulturgutes mit mehr oder weniger aufwändig verkleideten Narren anderen Ortes ihren Lauf nahm.

Nach einer gewissen Zeit drangen die ersten Musikfetzen an unsere Ohren. Ein Grund, zunächst das Radio lauter zu machen und später auf CD umzustellen. Während Mandy und ich uns mit 60er-Jahre-Oldies begnügten, begann sich späteren Bekundungen nach beim Ökoklaus der Wunsch nach Heavy Metal auszubreiten. Doch der Geräuschpegel aus unserem Besprechungsraum steigerte sich. Man begann dort offenkundig, die exotischen Lieder mitzusingengrölen,  was sich schließlich hin zu einer Polonaise steigerte. Diese führte direkt durch das Büro vom Ökoklaus, was mich veranlasste die Türen zur Höhle im Schicksalsberg zu verrammeln. Wäre ja noch schöner, wenn die hier ebenfalls noch einmarschieren. Auch der Ökoklaus zeigte nur eine mindere Begeisterungsfähigkeit für die dargebotene Brauchtumsaktion, denn das Zuknallen seiner Bürotür hinter dem letzten Polonaise-Anhängsel übertönte sogar den Radau der Feiernden.

Kurze Zeit später konnte ich einen flüchtenden Sven wahrnehmen. Wie er später erzählte, hätten zu Beginn der Polonaise vier (!) Kollegen versucht, ihn von seinem Stuhl zu zerren, damit er entgegen seines erklärten Willens daran teilnehme. Was ihm dann gehörig den Spaß an der Sache versaut hat.

Nein, ich werde es niemals begreifen, wie erwachsene Menschen an so etwas Gefallen finden können. Mir ist das nur noch peinlich.

Erschwerend kam hier noch hinzu: Es war noch nicht mal Alkohol im Spiel.

Natürlich sollen sie feiern und ihren Spaß haben. Kein Problem. Wenn sich aber Mitmenschen bewusst dafür entscheiden, nicht daran teilhaben zu wollen, dann sollte es doch wohl möglich sein, das zu respektieren.

Der krönende Abschluss kam, als ich nach Ende der als harmloses Gemeinschaftsfrühstück gestarteten Feier gefragt wurde, ob ich eben helfen könnte, die aus anderen Räumen beschafften Tische wieder an ihren Ort zu schleppen.

Nein, konnte ich nicht.

Die benutzten Tische waren nicht besonders groß und schon gar nicht übertrieben schwer. Sie durch die Gegend zu tragen bedurfte keiner größeren körperlichen Kräfte. Darum können sich dann auch gerne diejenigen kümmern, die in der Lage waren, die Tische zuvor zu verschleppen.

Wer saufen feiern kann, der kann auch arbeitenschleppen.


Die Zeit in der Schule und Ausbildung, in der ich immer verantwortungsbewusst freiwilliger Angehöriger des Aufräumkommandos war, auch wenn ich mit dem anderen Kram nichts zu tun hatte und die Verursacher des Durcheinanders längst nach Sonstwohin verschwunden waren, ist definitiv vorbei.

Und für alle, die dennoch nicht genug davon haben:




Ich kann ja gönnen.




Kommentare:

  1. Antworten
    1. *----* (aus Gründen der Völkerverständigung zensiert - d. Red.)

      Löschen
    2. Pffff.... Sag nur: Bratwurst, Schäufele, Fränkischer Sauerbraten... Muss ich deutlicher werden? ;-)

      Löschen
    3. Das alles sind mir sehr genehme Kulturexporte, aber die Sprachbarriere... :-D

      Löschen
    4. Ach was, wir werden Dich hier schon verstehen... ;-)

      Löschen
  2. Ich wohne hier auch mitten im Karnevalsgebiet und kann dem ganzen Zauber auch nichts abgewinnen.
    Furchtbar wie die Menschen hier in der Zeit scheinbar jede Hemmung verlieren und Leute, die dich sonst mit dem A**** nicht ansehen sind auf einmal deine besten Freunde.
    Meine Menschenscheu, wenn auch noch lange keine Phobie, macht das sicherlich nicht besser.
    Aber allem voran ist es echt widerlich morgens, auf dem Weg zum Bahnhof, im Slalom um die Hinterlassenschaften Derjenigen laufen zu müssen, die sich den Tag nochmal durch den Kopf gehen lassen haben.

    Wie ist das eigentlich bei dir? Sind deine Kollegen und Vorgesetzten über deine Phobie informiert oder verursachst du, wie ich, manchmal doch verwunderte Reaktionen? Ich habe viele, sehr extrovertierte Kollegen, das macht es nicht immer einfach.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dr. Strebsinger und Frl. Hasenclever sind informiert, weil es notwendig war. Einige andere Kollegen wissen es auch, die Mehrheit allerdings nicht. Zumindest nicht von mir. Ich würde es erzählen, wenn es mir angebracht erscheint, erzähle es aber nicht jedem, der es nicht wissen will. Allerdings habe ich die Vermutung, daß die meisten von denen, die es wissen, es in der Konsequenz nicht richtig einsortieren können. Was mich aber auch nicht weiter stört.

      Löschen
  3. Das Grenzgebiet zum Rheinland bewohne hier auch ich. Ein Ort weiter ist schon Rheinland, zumindest landschaftsverbandmäßig. Ich find Karneval in der geschilderten Variante ist etwas, das man nur volltrunken ertragen kann- und kann eure Weigerung vollinhaltlich nachvollziehen. Grusel.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen.

      Löschen