Sonntag, 31. Januar 2016

Statistikwahn

Ganz ehrlich – der Statistikwahn setzt mir zu. Natürlich sehe ich durchaus den Sinn in einer gut geführten Statistik. Aber wenn diese nur noch zum Selbstzweck wird, dann beginnt etwas ganz gewaltig schief zu laufen.

Es ist ja eine Eigenart des öffentlichen Dienstes, sich eher nicht gewinnwirtschaftlich zu orientieren. Es werden andere Instrumente benötigt, um den Erfolg der anstehenden Arbeit zu bestimmen, da ein unternehmerischer Gewinn in den meisten Bereichen gar nicht eintreten kann. Kundenorientierung  wird aber dennoch immer größer geschrieben. Ja, man merkt es vielleicht nicht überall, aber es ist tatsächlich so. Ok, nicht zwingend dergestalt, daß der Kunde es auch bemerkt, daß wir uns an ihm so orientieren, wie dies aus der Praxisferne angeordnet wurde. Mitunter wirkt es auch albern und sachfremd, aber wir dürfen halt nicht anders. Und mal unter uns: Wenn ich einen Bescheid bekomme, der mich zu einer Steuernachzahlung verdonnert, käme mir auch nicht als erstes der Gedanke in den Sinn, daß mich das Finanzamt gerade als Kunde behandelt hat.

Und manchmal stehen auch Sachzwänge im Weg, welche von unbedarften Außenstehenden nicht in der Form wahrgenommen werden. Aber die Statistik vermasselt eben doch immer wieder auch die brauchbaren Ansätze. Sie steht über alles. Mit ihr steht und fällt unser Verwaltungshandeln. Sie beeinflusst unsere tägliche Arbeit. Es geht nicht nur darum, wann wir etwas ausführen, sondern letztendlich auch um das wie. Die Auswirkungen sind teilweise so dermaßen abstrus, daß ihr es nicht glauben würdet. Nur werde ich hier keine Beispiele bringen; das ist mir dann doch eine Nummer zu heiß. So heiß, daß ich nicht mal wage, das etwas zu Abstrahieren.

Mein Gefühl ist da aber sehr eindeutig: Nicht für den Kunden, sondern für die Statistik arbeiten wir.

Der dominierende Statistikdruck spielt nach all den Jahren, in denen wir als Mitarbeiter darauf getrimmt wurden, auch in mein Privatleben rein.

Nicht alleine, daß ich einfach nur noch platt bin, wenn ich nach Hause komme und zur gar nichts mehr Lust habe, wird mir dadurch auch die Freude an den letzten Resten meiner aktiven Freizeitgestaltung genommen. Es betrifft konkret das Bloggen. Ich fühle mich durch diese nicht abschaltbare Drecksblogstatistik unter Druck gesetzt, zu schreiben. Ich bin frustriert, wenn ich mal nichts abgeliefert habe. Ich bin frustriert, wenn die Zahl der Seitenaufrufe mal zurückgegangen ist oder mir innerlich selbst gesteckte Grenzen nicht überschritten hat. Wenn sich mal wieder ein Leser verabschiedet hat. Dabei geht es hier noch nicht mal um irgend etwas.

Mein erster Blick morgens im Büro fällt in die diversen statistischen Auswertungen meiner dortigen Arbeit. Und jedes Mal, wenn ich hier zu Hause den Rechner einschalte, fällt der erste Blick nahezu zwanghaft auf die Blogstatistik. Mehrfach täglich. Immer wieder.

Das kann es doch nicht sein.

Ich war wiederholt kurz davor, hier den Laden dicht zu machen, bloß um von dieser scheiß Statistik wegzukommen. Oder den Blog auf nicht öffentlich umzustellen und nur angemeldete Leser zulasse. Fragt mich nicht, was ich mir davon verspreche, aber es wäre vermutlich irgendwie anders. Obwohl hier in dem Fall natürlich auch eine Statistik läuft. Und keine Statistik könnte so gut sein, daß ich nicht irgendetwas finden würde, was ich daran aussetzen könnte.

Dieser Eintrag hier - klick mich - sollte zu dem Zeitpunkt eigentlich der letzte gewesen sein, den ich normal veröffentlichen wollte. Das hat mir damals schon ein paar Tage vermiest. Und alles, obwohl ich noch mehr auf Halde habe, die Themen noch lange nicht am Ende sind und es tatsächlich auch noch Menschen gibt, die das hier lesen. Es ist einfach oft, zu oft, nur belastend und auch noch nicht ausgestanden. Aber das muß ich mit mir selbst ausmachen.

So kam Mandy letztens von Frau Dr. Strebsinger zurück.

„Sie hat mich gefragt,  ob ich nach der letzten Sonderaktion schon mal in meine Statistik geguckt hätte; die sähe ja jetzt toll aus.“

„Und?“

„Ich habe ihr gesagt, daß ich da schon seit Jahren nicht mehr reinsehe und das erst wieder anfangen werde, wenn darin auch alles erfasst ist, was hier zu tun ist, und nicht nur ein paar ausgewählte Sachverhalte, an denen alles festgemacht wird. Da hat sie etwas traurig geguckt.“

„Na ja, besser als das, was unser Fachbereich mal mit dem alten Dr. Strebsinger veranstaltet hat.“

„Was war denn?“

„In einer Besprechung ging es auch mal wieder um die Zahlen. Und der meinte doch glatt, daß die Statistik die Wahrheit darstellen würde. Das sagte er so. Da haben wir ihn ausgelacht. Denn schließlich wissen wir viel besser, wie sehr die Zahlen manipu… ähm, nach offiziellem Sprachgebrauch ja ‚berichtigt‘ sind, weil wir es doch sind, welche die Manipu… ähm, die ‚Berichtigungen' vornehmen müssen. Er hatte doch nicht mal im Ansatz eine Ahnung von dem Volumen, weil er von der Sachbearbeitung keine Ahnung hat. So wie alle Außenstellenleiter.“

Es ist einfach nur noch zum Kotzen.

Dann wäre, weil wir doch gerade beim Thema sind, auch noch was nachzutragen. Blogleser Ednong hat hier mal die Frage gestellt, warum wir die Statistik zu unserem Nachteil verfälschen. Die Antwort ist simpel: Weil wir es müssen. Es ist immer wieder ein Streitthema zwischen allen Beteiligten. Wenn wir die Statistik nicht den offiziellen Vorgaben entsprechend berichtigen, setzen wir uns dem Risiko aus, gewaltig Ärger zu bekommen, weil wir die Statistik verfälschen. Alles schon dagewesen. Ich bin Arbeitnehmer und als solcher weisungsgebunden.

So einfach ist das.


Kommentare:

  1. Als ich im öffentlichen Dienst meine Lehre (so nannte man das damals noch) gemacht habe, musste man zu jedem abgeschlossenen Fall einen Statistikzettel ausfüllen. Jede Abteilung hatte ihre eigene Farbe. Und es gab mangels EDV einen Staristiker, der den ganzen Kram bearbeitet hat. Ein Zigarre rauchendes Rumpelstilzchen, den wir Lehrlinge möglichst mieden und der allen Kollegen die Fälschung der Statistik vorwarf. Ich glaube, er war der Einzige, der an die Zettelchen geglaubt hat. Und mir fällt gerade auf, ich bin steinalt... Übrigens habe ich das/den Blog nicht wegen der Statistik zugemacht, obwohl mir mangels Beiträge einige Leser abhanden gekommen sind, sondern wegen der Leser, die man nicht sieht und weil ich etwas anders machen möchte, ich wriß aber noch nicht wie und was. Schreiben könnte ich genug, aber auch mir saß der "Zwang" im Nacken. So schaue ich mal, wie es weiter geht. Liebe Grüße von hier nach dort!

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    1. Meinst du etwas neues in Richtung Blog oder etwas ganz ganz ganz anderes?

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  2. Da gibt's nichts hinzuzufügen - scheint überall im Großen und Ganzen ähnlich zu laufen. Bitte den Sonntag irgendwie zum gedanklichen Abschalten nutzen.
    Und falls nicht-öffentlich, bitte ich um Einlass - auch wenn da tage-, wochen-, monatelang nichts Neues geschrieben steht. Wir sind hier zum Vergnügen, nicht zur Arbeit - und nicht andersrum :-)
    Viele Grüße von Alessa, Schwester im Geiste ;-)

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    1. Ist die Arbeit nicht ein Vergnügen? Nicht, daß wir dann noch vergnügungssüchtig werden.

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  3. Bei uns heißt das hier: "In die eigene Tasche lügen...". Machts nicht besser, trifft es aber ;-)

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    1. Es dürfte mehr mit Außendarstellung zu tun haben. Der Rest wird ausgeblendet.

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  4. Hrm - ich habe meinen Blog ja geschlossen (und schließen müssen) und bereue es. Nicht wegen der Statistik, die schon teilweise ein kleiner Sklaventreiber war (bei mir - so gut waren die nicht, als das sie mich hätte groß beeindrucken können :) ) sondern weil es meine Stimme nach draußen war. Es war ein Teil Therapie, ein Teil Unmut äußern, ein Teil "seht her, ich bin toll!", ein Teil "ich will gepattpatter werden! ;_;" und so weiter und so fort.
    Jetzt wo der Blog zu ist und ich die Pfoten still halten muss, fehlt mir das massiv. Gerade jetzt, wo ich so viel zu schreiben hätte. *Seufz*

    Aber: Wir Leser können deine Entscheidung ja nicht ändern - egal wie du sie fällst. Ich lese gern bei dir mit - nicht wegen der Statistik bla und weil es vielleicht andere Leser zu mir locken könnte - sondern weil ich deinen Schreibstil mag, mich in vielen Sachen wieder erkenne und ich den Blog sehr unterhaltsam finde. Daher fände ich es traurig, nichts mehr von dir zu hören/lesen (und fand es nach den kaputten Ball sehr erfreulich, dass es weiter ging, hatte ich doch genau das richtige befürchtet >_> ).
    Aber: Du und deine Gesundheit geht vor. Wenn es dir zu viel Statistik wird und es dir deiner Freizeit schadet: hör auf. Ganz!

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    1. Warum musstest du eigentlich dicht machen? Wurdest du enttarnt?

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    2. Ich hab dir rotzfrech mal als Mail geantwortet. ;)

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    3. Boah, was bist du dreist. ;-)

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  5. Ich kann dein Dilemma gut nachvollziehen fände es aber dennoch schade, wenn du das Blog schließen würdest. Dein Blog zählt zu meinen Lieblings-Blogs und ich lese deine Texte sehr gerne. Du hast einen sehr unterhaltsamen Schreibstil und oft eine interessante Sicht auf die Dinge, in der ich mich oft auch wiederfinden kann.

    Ich gehöre nicht zu den Leuten die viele Kommentare geben, da ich nicht oft das Gefühl habe etwas Sinnvolles beitragen zu können, aber das eine oder andere mal wirst du mich sicher schon gesehen haben. Aber am ende bleibt: Es ist deine Entscheidung und wir haben diese zu akzeptieren. Ob wir wollen oder nicht.;-) Dein Wohlbefinden geht vor :-)

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    1. Och, du musst als Kommentator nicht immer was Sinnvolles zu Thema beisteuern. Anderes tut es auch. Oh, habe ich das gerade geschrieben, der sich anderen Ortes aus ähnlichen Gründen meistens vornehm zurückhält? :-D

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  6. Ach Paterfelis,
    wenn das Statistik-Berichtigen zum vorgegebenen Zwang wird, dann muß man sich doch in seiner Freizeit nicht auch noch der Statistik unterordnen. Echt jetzt!

    Das hier ist Freizeit - und Freizeitvergnügen. Da sind Besucherzahlen doch egal, solange du Feedback bekommst. Du machst das hier, weil du das willst. Nicht, weil andere irgendwas von dir wollen.

    Also locker bleiben. Und das mit dem Symbolbild hatte ich mir auch schon gedacht bei dem Titel - nur wollte ich das nicht konkretisieren und hab das mal genauso vorsichtig in den Kommentar gepackt. Ich wollte ja nix unterstellen.

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    1. Der Grad der Belastung ist ja auch eine Frage der Tagesform. An den schlechten Tagen ist es eben richtig übel, ansonsten nur leicht nervend. Mal sehen, was wird.

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  7. Meine Blogstatistik ignoriere ich seit Jahren sehr erfolgreich. Ist mir ziemlich Brause, wieviele Leute lesen, mir kommt es schon auf den Einzelnen an. Aber die Zeiten, wo die Luft raus war, hab ich auch gehabt, inklusive patziger Abschlussposts. Für mich zu schreiben und nicht für die Bedürfnisse Anderer war dann aber wichtiger. Ich freu mich aber immer noch über jeden Kommentar, weil er Input ist für das Gedankenauseinanderwickeln, das mal die Motivation war, und auch oft noch ist. Fuck Statistik. Auch nur so ein Herrschaftsinstrument.

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