Sonntag, 17. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 1)

Ich war Borg.

Kennt ihr die Borg? Diese sympathischen Gesellen mit der verzerrten Stimme und den vielen Anbauteilen aus Star Trek? So kam ich mir letztens auch vor. Zumindest auf der Ebene der Neueinsteiger ins Borg-Kollektiv.




Wie es halt so vorkommt, war mein MÜV-Zertifikat abgelaufen. Also der Zeitraum, bis zu dessen Ende hin mein Hausarzt die letzte erfolgte Medizinisch Übliche Vorsorgeuntersuchungals ausreichend befunden hat, um mich unbehelligt draußen herumlaufen zu lassen. Und gerade als älterer Herr hat man ja schon mal eine Schraube locker, welche der Überwachung bedarf. Im Sommer hätte er mich eigentlich schon wieder sehen wollen, aber irgendwie… Ach, lassen wir das. Ich hasse Arztbesuche jeglicher Art.

Mein Termin war um 7.45 Uhr. Eine für mich sehr unpraktisch späte Uhrzeit, aber der Doc will seine Praxis einfach nicht früher öffnen. Im Normalfall arbeite ich zu dieser Zeit ja schon etwas länger. Da ich aber wusste, was heute noch alles ansteht, habe ich vorsorglich frei genommen.

Also erst mal zu Hause gelangweilt herumsitzen und warten. Warten, daß die Zeit vergeht. Lesen mag ich nicht, wenn ich weiß, daß mir ein Termin im Nacken hängt. Ich kann auch nicht in Bussen und Bahnen lesen. Mir fehlt einfach der Nerv dazu, wenn schon fest steht, daß ich nicht so lange lesen kann, wie mir gerade ist. Ich will ja auch nicht mitten im Text aufhören müssen, sondern wähle das Ende sonst immer mit Abschluss des Kapitels. Und wen es knapp zu werden droht, überfliege ich den Text nur noch, was unter dem Strich auch nicht Sinn der Übung sein sollte.

Doof.

Dann wäre da noch der Zeitpunkt abzuwarten, zu dem man endlich das Mitbringsel für den Doc abfüllen kann. Es soll ja nicht zu alt sein, sondern relativ frisch. Und ob des späten Aufstehens mal frühstücken geht ja auch nicht, weil er ja noch mehr von meinen inneren Werten sehen will, welche dann in der Praxis abgezapft werden. Die sollen ja schließlich nicht veruneinigt werden.

Auf dem Weg zum Arzt geht es an einer Schule vorbei. Es gibt keinen sinnvollen Alternativweg. Und da ist es jetzt so was von egal, ob ich den Weg als Fußgänger oder Autofahrer bewältige: Ich gerate zwangsläufig  (Sagt man, falls man mit dem Auto unterwegs ist, eigentlich zwangsfahrig?) in den Pulk von Elterntaxis. Horror. HORROR!!! Horden von unentspannten Elternteilen in ihren Autos versuchen, ihren Sprösslingen den möglichst besten Platz zum Aussteigen zu erkämpfen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang nochmals darauf aufmerksam machen, daß ich hier in einem ländlich geprägten Vorort wohne. Nicht in einer Großstadt. Die Schule selbst befindet sich in einer kleinen, nur mäßig ausgebauten Stichstraße mit rudimentären Andeutungen von Fußwegen und umso mehr Schotterflächen. Doch die geballte Ladung elterlicher Fahrzeuge auf der Stich- und den Zubringerstraßen, geschätzt etwa zwei Autos pro Kind, also ein Auto pro durchschnittlichem Elternteil, lassen Großstadtgefahren erahnen.

Oder das Gefühl, Heilig Abend um 11 Uhr zum Einkaufen zu fahren.

Irgendwie ist es mir gelungen, die Gefahrenzone weitgehend unbeschadet zu überstehen. Ab in die Praxis, das Geschenk abgeben und darauf aufpassen, den Becher in den Kasten fürs Labor und nicht in die Sammellunchbox für das gemeinsame Teamfrühstück  abzustellen. Wäre ja nicht schön, wenn jemand statt seiner Apfelschorle etwas optisch ähnlich Geratenes zu sich nehmen würde.

Blut abzapfen hat schnell und schmerzlos funktioniert. Nun freute ich mich auf das Wartezimmer. Und während ich noch überlegte, was ich meinen Kollegen aus dem hier bestimmt reichlich vorhandenen Angebot an in Bereitschaft befindlichen Mikroorganismen mitbringen würde…


(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. Hallo Paterfelis,
    dieser Satz: "ich hasse Arztbesuche jeglicher Art" könnte auch von mir stammen,
    nichts bringt mein eher beschauliches Leben derart aus dem Gleichgewicht, dabei
    sollte ich es schon gewohnt sein. Na egal, auf jeden Fall finde ich die Beschreibung
    deines Arztbesuches sehr originell, ich freue mich auf die Fortsetzung.
    Lg und einen gemütlichen Tag.
    Sadie

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    1. Gemütlich? Mal sehen, was geht. Den Staubsauger muß ich aber schon noch anwerfen.

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