Sonntag, 31. Januar 2016

Statistikwahn

Ganz ehrlich – der Statistikwahn setzt mir zu. Natürlich sehe ich durchaus den Sinn in einer gut geführten Statistik. Aber wenn diese nur noch zum Selbstzweck wird, dann beginnt etwas ganz gewaltig schief zu laufen.

Es ist ja eine Eigenart des öffentlichen Dienstes, sich eher nicht gewinnwirtschaftlich zu orientieren. Es werden andere Instrumente benötigt, um den Erfolg der anstehenden Arbeit zu bestimmen, da ein unternehmerischer Gewinn in den meisten Bereichen gar nicht eintreten kann. Kundenorientierung  wird aber dennoch immer größer geschrieben. Ja, man merkt es vielleicht nicht überall, aber es ist tatsächlich so. Ok, nicht zwingend dergestalt, daß der Kunde es auch bemerkt, daß wir uns an ihm so orientieren, wie dies aus der Praxisferne angeordnet wurde. Mitunter wirkt es auch albern und sachfremd, aber wir dürfen halt nicht anders. Und mal unter uns: Wenn ich einen Bescheid bekomme, der mich zu einer Steuernachzahlung verdonnert, käme mir auch nicht als erstes der Gedanke in den Sinn, daß mich das Finanzamt gerade als Kunde behandelt hat.

Und manchmal stehen auch Sachzwänge im Weg, welche von unbedarften Außenstehenden nicht in der Form wahrgenommen werden. Aber die Statistik vermasselt eben doch immer wieder auch die brauchbaren Ansätze. Sie steht über alles. Mit ihr steht und fällt unser Verwaltungshandeln. Sie beeinflusst unsere tägliche Arbeit. Es geht nicht nur darum, wann wir etwas ausführen, sondern letztendlich auch um das wie. Die Auswirkungen sind teilweise so dermaßen abstrus, daß ihr es nicht glauben würdet. Nur werde ich hier keine Beispiele bringen; das ist mir dann doch eine Nummer zu heiß. So heiß, daß ich nicht mal wage, das etwas zu Abstrahieren.

Mein Gefühl ist da aber sehr eindeutig: Nicht für den Kunden, sondern für die Statistik arbeiten wir.

Der dominierende Statistikdruck spielt nach all den Jahren, in denen wir als Mitarbeiter darauf getrimmt wurden, auch in mein Privatleben rein.

Nicht alleine, daß ich einfach nur noch platt bin, wenn ich nach Hause komme und zur gar nichts mehr Lust habe, wird mir dadurch auch die Freude an den letzten Resten meiner aktiven Freizeitgestaltung genommen. Es betrifft konkret das Bloggen. Ich fühle mich durch diese nicht abschaltbare Drecksblogstatistik unter Druck gesetzt, zu schreiben. Ich bin frustriert, wenn ich mal nichts abgeliefert habe. Ich bin frustriert, wenn die Zahl der Seitenaufrufe mal zurückgegangen ist oder mir innerlich selbst gesteckte Grenzen nicht überschritten hat. Wenn sich mal wieder ein Leser verabschiedet hat. Dabei geht es hier noch nicht mal um irgend etwas.

Mein erster Blick morgens im Büro fällt in die diversen statistischen Auswertungen meiner dortigen Arbeit. Und jedes Mal, wenn ich hier zu Hause den Rechner einschalte, fällt der erste Blick nahezu zwanghaft auf die Blogstatistik. Mehrfach täglich. Immer wieder.

Das kann es doch nicht sein.

Ich war wiederholt kurz davor, hier den Laden dicht zu machen, bloß um von dieser scheiß Statistik wegzukommen. Oder den Blog auf nicht öffentlich umzustellen und nur angemeldete Leser zulasse. Fragt mich nicht, was ich mir davon verspreche, aber es wäre vermutlich irgendwie anders. Obwohl hier in dem Fall natürlich auch eine Statistik läuft. Und keine Statistik könnte so gut sein, daß ich nicht irgendetwas finden würde, was ich daran aussetzen könnte.

Dieser Eintrag hier - klick mich - sollte zu dem Zeitpunkt eigentlich der letzte gewesen sein, den ich normal veröffentlichen wollte. Das hat mir damals schon ein paar Tage vermiest. Und alles, obwohl ich noch mehr auf Halde habe, die Themen noch lange nicht am Ende sind und es tatsächlich auch noch Menschen gibt, die das hier lesen. Es ist einfach oft, zu oft, nur belastend und auch noch nicht ausgestanden. Aber das muß ich mit mir selbst ausmachen.

So kam Mandy letztens von Frau Dr. Strebsinger zurück.

„Sie hat mich gefragt,  ob ich nach der letzten Sonderaktion schon mal in meine Statistik geguckt hätte; die sähe ja jetzt toll aus.“

„Und?“

„Ich habe ihr gesagt, daß ich da schon seit Jahren nicht mehr reinsehe und das erst wieder anfangen werde, wenn darin auch alles erfasst ist, was hier zu tun ist, und nicht nur ein paar ausgewählte Sachverhalte, an denen alles festgemacht wird. Da hat sie etwas traurig geguckt.“

„Na ja, besser als das, was unser Fachbereich mal mit dem alten Dr. Strebsinger veranstaltet hat.“

„Was war denn?“

„In einer Besprechung ging es auch mal wieder um die Zahlen. Und der meinte doch glatt, daß die Statistik die Wahrheit darstellen würde. Das sagte er so. Da haben wir ihn ausgelacht. Denn schließlich wissen wir viel besser, wie sehr die Zahlen manipu… ähm, nach offiziellem Sprachgebrauch ja ‚berichtigt‘ sind, weil wir es doch sind, welche die Manipu… ähm, die ‚Berichtigungen' vornehmen müssen. Er hatte doch nicht mal im Ansatz eine Ahnung von dem Volumen, weil er von der Sachbearbeitung keine Ahnung hat. So wie alle Außenstellenleiter.“

Es ist einfach nur noch zum Kotzen.

Dann wäre, weil wir doch gerade beim Thema sind, auch noch was nachzutragen. Blogleser Ednong hat hier mal die Frage gestellt, warum wir die Statistik zu unserem Nachteil verfälschen. Die Antwort ist simpel: Weil wir es müssen. Es ist immer wieder ein Streitthema zwischen allen Beteiligten. Wenn wir die Statistik nicht den offiziellen Vorgaben entsprechend berichtigen, setzen wir uns dem Risiko aus, gewaltig Ärger zu bekommen, weil wir die Statistik verfälschen. Alles schon dagewesen. Ich bin Arbeitnehmer und als solcher weisungsgebunden.

So einfach ist das.


Freitag, 29. Januar 2016

Abendessen oder so ähnlich

Seit die zweitbeste Ehefrau von allen ins Trainergeschäft eingestiegen ist, haben sich ihre Termine stetig erhöht. Viele davon sind in den Abendstunden. Aktuell ist es so, daß wir uns unter der Woche oftmals gar nicht sehen, weil ich erst zu Zeiten nach Hause komme, in denen meine Angetraute schon wieder weg ist und sie erst nach Hause kommt, wenn ich schon Matratzenhorchdienst schiebe.

Am Wochenende ist sie auch zumeist einen Tag bis zum späten Nachmittag oder frühen Abend abwesend.

Es ist halt so, da macht man nichts.

Somit liegt die Vorbereitung ihres Abendessens, welches eine warme Komponente haben sollte, bei mir. Und einfach früher essen kann meine Angetraute nicht, denn das ist vor einem Training nicht unbedingt ein so guter Gedanke. Auch bei Trainingsstunden, in denen man sich als Trainer mit eigenem Körpereinsatz mal zurückhalten kann und die Teilnehmer schuften lässt.

Also sehe ich zu, daß ich täglich ein passendes Abendessen vorbereite, es sei denn, ich erhalte rechtzeitig eine Absage, weil sich bei meiner Angetrauten etwas anderes ergeben hat. Was durchaus schon mal vorkommt, wenn man mit der Bauchtanztruppe abends stilgerecht noch etwas beim Araber essen geht.

Die Auswahl des Essens ist schon durchaus eine Herausforderung, denn es muß ja aufwärmbar sein, nicht zu fettig, nicht am nächsten Morgen nachdünsten und auch nicht zu anderen am nächsten Tag unerwünschten Körperreaktionen führen, nicht immer Tomaten enthalten *leider* und sich natürlich auch nicht stetig wiederholen. Ganz wichtig: Die Zutaten müssen schon seit Freitag da sein und sich halten, bis ich sie am Donnerstag benötige, wobei insbesondere auf den nächsten Punkt der Liste auch zu beachten ist, daß aufgetaute Bestandteile nicht wieder eingefroren werden können. Spontane Neudispositionen sind natürlich auch zu berücksichtigen. Wir essen auch immer beide das Gleiche, da ich mich bemühe, auch mal solche Dinge wie Spinat *schauder* zu verwenden, den ich allenfalls zur Unkenntlichkeit in Ravioli oder so verarbeitet zu mir nehme.

Außerdem bin ich nach Feierabend zunehmen einfach nur noch platt und habe nicht zwingend die Lust, immer zu kochen. Also muß ich soweit variieren können, um komplexere Gerichte zu Gunsten der einfacheren zu verschieben, ohne daß mir was von den Vorräten verreckt.

Gestern hatte ich Essen aus der Stadt mitgebracht. Wieder würden wir uns nicht zu sehen bekommen.

Am frühen Abend klingelte unser Telefon. Natürlich wieder im passenden Augenblick, denn ich war gerade bei meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Katzenscheiße schaufeln, und musste dementsprechend hastig vom Gartenzimmer aus die Treppe rauf ins Wohnzimmer hechten.

Ich konnte meiner Angetrauten, die eine vorherige SMS von mir nicht richtig interpretiert hatte, die frohe Kunde übermitteln, daß ihr ausgeschriebener Kurs an der örtlichen VHS schon so gut wie ausgebucht sei. Danach gingen wir über in den wichtigen Teil:

„Dein Nachtsnack steht im Kühlschrank. Oder aber dein spätes Frühstück.“

„Aber ich hatte dir doch eine SMS geschickt, daß ich heute kein Abendbrot brauche. Wir gehen mit den Mädels heute Essen.“

„Ja, aber da war es schon zubereitet.“

„Wieso? Da warst du doch noch gar nicht zu Hause.“

„Stimmt.“

„Und die Nudeln von gestern habe ich gegessen.“

„Weiß ich. Trotzdem war es schon fertig. Hält sich aber locker bis morgen.“

„Und was ist es?“

„Eine flexitarische Salattasche. Oder auch zwei. Du kannst beide haben, wenn du willst.“

„Eine was?“

„Eine flexitarische Salattasche.“

„Häh?“

„Nochmal sage ich es nicht.“

„Und was ist eine flexitarische Salattasche?“

„Dein (zumeist erst gegen Mittag eingenommenes (Anm. d. Red.))Frühstück.“

„Woraus besteht es?“

„Ein Döner. Oder auch zwei.“

„Hachz!“

Ja. Und wer sich jetzt wundert von wegen Knoblauchfahne und Sport: Die hiesigen Dönerbuden haben sich darauf eingestellt, daß es in der Neustädter Innenstadt nur Einzelhandel und Büros gibt. Da wär Knoblauch nicht so toll. Zumindest nicht in den sonst üblichen Mengen.

Ich kenne jedenfalls niemanden, der nach so einem Döner jemals eine Knoblauchfahne gehabt hätte.

Und nochmal ja. Wir essen Döner auch kalt.  

Legga!




PS: Sie sind nun zum heutigen Mittagessen mutiert, rechtzeitig genug bevor meine Angetraute wieder weg musste.




Montag, 25. Januar 2016

Ich konnte nicht ablehnen

Sie machten mir ein Angebot, welches ich nicht ablehnen konnte. Was habe ich jetzt davon?

Ein Paket!

Es wurde schnell aber dennoch stilvoll mit dem großen Küchenmesser geöffnet. Und siehe da:

Papier.

Dafür habe ich gerade keine Verwendung. Weg damit.






Aber jetzt: Kulturgüter. Yeah!





Die Vergangenheit hat mich wieder. Gute alte Zeit.





Die Komplettbox. 4.899 Minuten. Das wären dann runde 82 Stunden. Mit Schlaf-, Pinkel- und Katzenscheißeschaufelpausen sowie unter Berücksichtigung, daß die zweitbeste Ehefrau von allen in der Zeit abwesend sein muß..., also mal rechnen... das wären dann...

*schluck*

Verdammt, ich brauche mehr Urlaub.



Sonntag, 24. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 7 und Ende)

Mit einer leichten Anspannung wartete ich an der Haltestelle. Noch eine Minute. Würde der Bus pünktlich sein?

Im Dunkel der Nacht sah ich zwei sich bewegende Lichtpunkte. Scheinwerfer. Ein Fahrzeug näherte sich der Haltestelle. Zu klein für einen Linienbus. Viel zu klein. Das Fahrzeug stoppte in der Haltebucht.

Ein Kleinbus. Interessant. So etwas hatte ich auch noch nicht gesehen. Ihr kennt ja alle die Handwerker-Lieferwagen. So ein Fahrzeug, vielleicht etwas verlängert, fuhr auf die Haltestelle zu. Die eine Tür auf der rechten Seite öffnete sich automatisch; ich konnte bequem einsteigen. Die Inneneinrichtung entsprach im Wesentlichen der eines Standard-Busses, nur war sie natürlich der geringeren Nutzfläche entsprechend angepasst. Wirklich praktisch, das muß ich ja mal so sagen. Und der Bus war pünktlich. Ich hatte alle Chancen, meinen Zug zu erreichen.

Wenn, ja wenn die Planer des Fahrplans, auf den ich meine Hoffnung setzte, nicht den nahezu bedeutungslosen Umstand berücksichtigt hätten, daß die Züge der Deutschen Bahn mitunter auch mal pünktlich fahren. Und das taten sie heute.

Wo das Problem war? Ich hatte doch fünf Minuten zum Wechsel des Transportmittels?

Ja. Aber auf dem Weg zum Bahnhof muß der Bus einen Bahnübergang kreuzen. Der pünktlich aus Neustadt kommende Zug sorgte für verschlossene Schranken. Diese waren umso länger geschlossen, als er vor passieren des Bahnüberganges zunächst am Haltepunkt Neustädter Ländchen einen planmäßigen Zwischenstopp einzulegen hatte. Während dessen war es jedoch erforderlich, die Schranken geschlossen zu lassen. Was sie auch blieben, nachdem der Zug seine Fahrt fortgesetzt hatte. Denn es lohnte nicht, die Schranken wieder zu öffnen, da ja auch der Zug in Richtung Neustadt erwartet wurde.

Mein Zug!

Nach einigen abgewarteten Minuten kam er endlich und hielt am Bahnsteig. Unser Busfahrer setzte alles daran, den Weg bis zur Haltestelle unter Anfeuerung durch andere Mitreisende so schnell wie möglich zurückzulegen und schaffte den Halt auch, während der Zug noch stand. Doch allen Traditionen folgend warten bei uns die Züge nicht auf die Busse und die Busse nicht auf die Züge. Auch dann nicht, wenn die ersten Reisenden das jeweilige Fahrzeug schon verlassen haben und den Weg offenkundig zum bereitstehenden Transportmittel nehmen. Sobald der erste Mitreisende unseren Bus verlassen hatte und die 20 Meter Richtung Zug nahm, wurden dort die Türen geschlossen.

Also suchten wir uns einen neuen Anschluss.

Und mich hat mein vorübergehendes Borg-Dasein mal eben anderthalb nachzuarbeitende Arbeitstage gekostet, für die ich auch keine Vertretung bekam. Und bei der entgangenen Nachtruhe war der übrige halbe Tag auch nicht besonders effektiv.

Ab sofort gibt es Arztbesuche nur noch im laufenden Urlaub oder nach 16 Uhr. Freie Einzeltage bringen mich im Büro um.

Wenn das jetzt alles so nochmal an mir vorbeilaufen lasse:

Das kann doch nicht gesund sein.


(Ende)




Samstag, 23. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 6)

Bis…

…zu meiner üblichen Zeit um drei Uhr irgendwas.

Wieder begann das Warten. Ich musste das Gerät ja noch in der Zeit zwischen 7.45 und 8.00 Uhr beim Arzt vorbeibringen. Meine Angetaute hatte sich zwar angeboten, dies für mich zu übernehmen, aber ich möchte ihr die Unterbrechung der bis dahin nur kurzen Nachtruhe nicht zumuten. Auch wenn sie sagt, daß sie sich danach ja – ganz im Gegensatz zu mir - wieder hinlegen können.

Also wartete ich, daß die Zeit verging, zu der ich losmarschieren konnte. Und wartete. Wartete. Wartete weiter. Und noch etwas. Ein paar Minuten noch. Endlich 7.30 Uhr. Aufbruch. Da ich vom Arzt aus direkt weiter ins LASA wollte, konnte ich Balduin nicht mitnehmen. So ging es schließlich zu Fuß durch die ländlichen Pseudogroßstadtelternschülerverkehr, den ich irgendwie auch dieses Mal unbeschadet mit einigen Hechtsprüngen zwischen Straße und Fußweg wechselnd überstand.

Pünktlich zu Praxisbeginn klingelte ich. Die elektrische Entriegelung war zu vernehmen, ich öffnete die Haustür, lief die Treppe hoch zur Praxis in den ersten Stock, öffnete die nächste Tür – und stand im Halbdunkel. Kein Mensch am Empfang, keine Deckenbeleuchtung, nur die in Bodenhöhe angebrachte indirekte Beleuchtung war eingeschaltet. Ähm, hallo? Huhu?

Eine Tür öffnete sich einen Spalt weit. Aha, man hatte sich zu einer Teambesprechung zurückgezogen und zu dieser Urzeit noch keine Termine vergeben. Eine kurze nonverbale Kommunikation später legte ich meine nun für mich nutzlos gewordenen Borg-Anbauteile auf dem Tresen ab und verschwand wieder.

Natürlich hatte ich es eilig, denn ich musste meinen Bus erwischen, der mich zum nahegelegenen Bahnhof Richtung Neustadt bringen sollte. Bei dem Gedanken könnte ich regelmäßig kotzen. Seit dem letzten Fahrplanwechsel hat sich wurde der ÖPNV hier bei uns neu strukturiert. Die Presse örtliche Tagespresse verlautbarte ständig, daß dieses eine Verbesserung sondergleichen sei.

Nun, wie soll ich es sagen? Lügenpresse! Jetzt verstehe ich auch die …gida-Leute. Das sind auch alle Nutzer des ÖPNV. Mag ja sein, aber nicht für unsere Gegend. Die durchgehende Busverbindung nach Neustadt ist weg. Ich darf nun jeden Morgen zum örtlichen Bahnhaltepunkt latschen und mich da in den vollen und stets überhitzen Viehtransporter Nahverkehrszug zwängen.

Von der Praxis aus schaffe ich den Weg zu Fuß jedoch nicht rechtzeitig bis zur Abfahrt des nächsten Zuges. Also nehme ich einen anderen Bus, der mich bei pünktlichem Erscheinen zum Haltepunkt Neustädter Ländchen bringen soll, wo ich dann fünf Minuten Zeit habe, in den Zug zu wechseln. So mein dem Fahrplan entsprechend geplanter Plan. Sollte meine so geplante Planung planmäßig aufgehen?

Mit einer leichten Anspannung wartete ich an der Haltestelle. Noch eine Minute. Würde der Bus pünktlich sein?


(wird fortgesetzt)




Freitag, 22. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 5)

Nein, die 24 Stunden waren noch nicht vorbei.

Nachmittags verließ mich die zweitbeste Ehefrau von allen, um ihre Mutter in Krankenhaus zu besuchen und von dort aus direkt weiterzufahren, um ihre Kurse wahrzunehmen. So ließ sie mich in meinem Elend alleine. Der Fernseher musste es im Dauerbetrieb büßen. In großen Zügen verinnerlichte ich mir die fünfte Staffel von The Walking Dead. Auf Star Trek hatte keine Lust mehr – es hätten Borg auftauchen können. Außerdem haben die Menschen da immer gegen die Borg gewonnen. Und ich wäre somit der Verlierer gewesen. Man sieht ja nicht gerne, wie das eigene Volk zerschlagen wird.

Lilly zeigte sich übrigens von meinen neuen Brummkünsten auch nicht sonderlich beeindruckt.

Wie der geneigte Leser sich vorzustellen vermag, ist das Schlafen mit derartigen Anbauteilen auch keine Freude. Ich weiß jetzt, warum die Borg im Stehen schlafen. Mit so einem Kasten zwischen Körper und Matratze ist das Liegen leidlich unbequem. Leider ist mir diese Fähigkeit des Stehendschlafens nicht gegeben. Und das ständige Brummen und Pumpen, jeweils nach vorherigem Achtsamkeitston, damit der Arm entspannt werden kann, ist dem Bemühen um Schlaf auch nicht förderlich.

Auf dem Weg ins Bett lehnte ich die Schlafzimmertür nur an, weil sich Smilla bereits in ihrem Topf ebenfalls zum Schlafen eingerollt hatte und sie die Möglichkeit behalten sollte, auf Wunsch auch wieder das Zimmer zu verlassen. Katzen neigen bekanntlich dazu, bei verschlossenen Türen heftig Alarm zu schlagen.  Ich war mir sicher, sie würde wegen der fehlenden Ruhe bald verschwinden. Dann hätte ich die Tür geschlossen, um nicht wieder geweckt zu werden, wenn meine Angetraute mitten in der Nacht wieder nach Hause käme. Sie würde die Tür wieder öffnen, wenn sie selbst in ihrem Mädchenzimmer zu Bett ginge. Eine bewährte Methode.

Selbstverständlich schlief ich dieses Mal noch nicht. Die zweitbeste Ehefrau von allen kam ins Schlafzimmer und sah, daß sich Smilla nun so gar nicht davon beeindruckt zeigte, daß der von ihr adoptierte Papa zum Borg umgebaut Radau im Bett machte. Wohl wissend, daß ich noch wach war, versuchte meine Angetraute Smilla davon zu überzeugen, daß es spätestens jetzt an der Zeit sei, das Schlafzimmer zu verlassen, da sie die Tür schließen wolle. Schließlich hatte sie als Nachteule jetzt noch nicht vor, es außerhalb des Schlafzimmers zu Nachtruhe kommen zu lassen. Alles soweit kein Problem.

Natürlich außer dem Umstand, daß es immer noch durchaus mit Risiken verbunden ist, Smilla hochheben zu wollen. Im Tierheim hatte man es nicht mit ihr trainiert, und zu Hause konnten wir es ihr – im Gegensatz zu ihrem Bruder Marty – nicht mehr beibringen. Erschwerend kommt hinzu, daß Katzen, die sich auf einem mobilen Untergrund befinden, in den sie sich festkrallen können, selbigen mit hochziehen.

Und wenn es ein ganzer Kratzbaum ist. Na gut, ein kleiner Kratzbaum. Aber immerhin.

Schließlich gelang es meiner Angetrauten, mit entsprechendem Nachdruck dafür Sorge zu tragen, daß Smilla das Schlafzimmer verließ, die Tür zu schließen und Ruhe einkehren zu lassen. Was meine Anbauteile unbeeindruckt ließ. Dennoch döste ich etwas vor mich hin, bis schließlich…

RÖÖÖÖÖÖÖÖÖM!!!

Das kurze Aufmerksamkeitssignal vor Einleitung des Pumpvorganges hatte sich zu einem Dauersignal gewandelt. Also ergriff ich die rettende Maßnahme: Licht an, Schalter suchen, Gerät ausschalten, Gerät in die Ecke schmeißen loswerden, hinlegen, Ruhe genießen und schlafen.

Bis…


(wird fortgesetzt)




Donnerstag, 21. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 4)

Doch damit war das Elend nicht überstanden.

So marschierte ich also, drapiert mit elektronischem Gerät, einem über die Schulter gezogenen Schlauch und der Manschette am Arm zum auf mich wartenden Balduin. Ich habe Anbauteile! Ich bin Borg! Kann man nicht oft genug sagen. Borg sind voll cool. First of One oder so. Was bin ich froh, daß es draußen Winter ist und ich eine Jacke anziehen kann, welche meine Borg-Anbauteile verdeckt. Es wäre ja ziemlich blöd, auf meiner Mission frühzeitig enttarnt zu werden.

Alleine das Bedienen Balduins Lenkrads war nun eine Kunst für sich, denn die blöde Manschette sollte ja an ihrem Platz bleiben. Schwierig, wenn sie im nicht aufgepumpten Zustand etwa zwei Finger breit Platz zum Arm haben sollte.

Als ich zu Hause meine Jacke auszog, hing mir die Manschette schon wenig zweckmäßig am Unterarm. Zügig (relativ, meine Borg-Anbauteile zeigten sich eher hinderlich) entledigte ich mich auch des Restes meiner Oberbekleidung, um der Lage wieder Herr zu werden.

Habt ihr schon mal versucht, eine derartige Manschette alleine anzulegen? So mit einem Blutdruckmessgerät für den Hausgebrauch? Ja, das kann man und ist für mich auch kein Problem.  Das hauseigene Gerät ist für einen Arm meiner Größe ausgelegt, jedoch befinde ich mich hier am oberen Ende des Maximums. Die Manschette, welche ich jetzt mit mir herumschleppte, war aber riesig. Riesig! Sie war für Arme ausgelegt, die bis zu 10 cm mehr Umfang haben als meiner.

Ich kämpfte mit dem Ding herum, doch gelang es mir nicht, sie so fest zu schließen, daß der Pumpvorgang ordentlich durchgeführt werden konnte. Immer verzahnte sich der Klettverschluss schon vorzeitig ineinander. Was blieb mir übrig, als die erst spät nach Hause gekommene zweitbeste Ehefrau von allen ungewohnt früh aus dem Bett zu jagen, damit sie mir noch ein paar Arme zur Verfügung stellen könne? Und so gelang es mit einigem Aufwand, die Manschette ordentlich zu schließen und auch unter Einsatz einiger Zusatzmaterialien so mit mir zu verbinden, daß sie auch an ihrem Platz bleiben würde.

Ich bin wieder Borg! Assimilieren!

Das Gerät begann zu pumpen. Und zwar bis zu einem oberen Messwert von 100.

100?

Ja, 100. In Worten: Hundert! Ein-Hundert, um genau zu sein! Reicht ja hinten und vorne nicht. Was das Gerät auch schlagartig bemerkte, die Luft wieder abließ und wenige Minuten später den zweiten Messvorgang startete. Es pumpte auf bis 70. Und dann in 15er-Schritten weiter bis 130, manchmal auch 145. Dann funktionierte die Messung. Aber es brauchte für den Rest des Tages immer diese beiden Messvorgänge. Alle 15 Minuten! Und man kann weiterhin nichts Vernünftiges zu Hause machen. Borg-Anbauteile sind einfach unpraktisch.

Nein, die 24 Stunden waren noch nicht vorbei.


(wird fortgesetzt)




Dienstag, 19. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 3)

Würde ich jetzt endlich meine Mitbringsel aus dem Wartezimmer bekommen?

Nein, würde ich nicht. Es ging direkt zum EKG. Endlich mal wieder hinlegen. Obwohl ich ja der festen Meinung war, der Doc hätte damals, als wir vor Urzeiten den Termin besprochen hatten, etwas von einem Belastungs-EKG geredet. Habe ich hier schon mal gemacht. War sehr lustig, denn bei einem Typen wie mir rechnet man ja nicht zwingend damit, daß da schon zumindest etwas sportliche Aktivität vorhanden ist. Die damals erreichten 200 Watt auf dem Rad bereiteten mir keine Probleme, veranlassten die MTAs aber zu der erstaunten Bemerkungen, daß das sonst kaum jemand bei ihnen so schaffe. Habe ich nicht verstanden, weil das echt keine große Herausforderung ist, und schon gar nicht für die paar Augenblicke, die verlangt waren. Aber ich habe es zumindest billigend geschmeichelt zur Kenntnis genommen.

Nächster Schritt: 24 Stunden Blutdruckmessung. Hat das schon mal jemand gemacht? Schrecklich. Man befestigte das Gerät an mir und machte eine Probemessung. Die Maschine pumpte, es knackte in der Manschette, mein Arm änderte seine Farbe. Die Azubine erkundigte sich bei der MTA nach dem Grund für die Geräuschentwicklung. Na, Mädchen, weil die Manschette und der Klettverschluss unter Spannung geraten. Und das Drecksding bis zu einem potentiellen zu erwartenden Messerwert von 200 zu irgendwas aufpumpte und meinen Arm eher von jeglicher Blutversorgung abschnitt als eine Messung der fließenden Flüssigkeit vorzunehmen.

Die Manschette war viel zu klein für mich. Die Standardgröße genügt nicht.  Ich bin schließlich kein Standardtyp. Godzilla fängt man ja auch nicht mit einem Lasso. Das unschlüssige Ergebnis von 102 zu 100 bestätigte diesen Eindruck. Nächster Versuch. 160 zu irgendwas. Nein, auch nicht im üblichen Rahmen. Also eine kurze manuelle Messung. Ah, das Ergebnis passt schon eher. War ja auch eine ausreichend große Manschette.

Also begab man sich auf die Suche nach einem anderen Gerät, versorgte es mit frisch geladenen Akkus, legte mir die Manschette an und maß nach. Joah, das passte sowohl vom Ergebnis als auch von der Größe. Nun noch den Technikteil umhängen, T-Shirt anziehen und raus. Ich bin Borg. Widerstand ist zwecklos. Ich werde euch assimilieren.

24 Stunden wird das Gerät nun bei mir bleiben. Alle 15 Minuten wird gemessen. Ab 22 Uhr noch jede halbe Stunde.

Um vor 8 Uhr muß ich es am nächsten Tag wieder abgeben.

Aus Erfahrung weiß ich, daß ich mit diesem Drecksding nicht arbeiten kann. Einerseits nervt es mich, wenn ich alle 15 Minuten meine Arbeit unterbrechen muß. Und es nervt die Kollegen, wenn es alle 15 Minuten deutlich vernehmbar brummt. Mandy hatte den Spaß mal im Büro gemacht, und der Ökoklaus meiner Erinnerung nach auch. Auf dem Rückweg nach Hause schon mal bei der Bank rein oder etwas einkaufen mache ich auch nicht. Ich brumme denen doch nicht die Hütte voll. Nein, vielen Dank.

Deswegen also vergeude ich einen Urlaubstag. Ohne Vertretung. Alles bleibt liegen.

Ich bin nahezu begeistert.

Doch damit war das Elend nicht überstanden.


(wird fortgesetzt)




Montag, 18. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 2)

Nun freute ich mich auf das Wartezimmer. Und während ich noch überlegte, was ich meinen Kollegen aus dem hier bestimmt reichlich vorhandenen Angebot an in Bereitschaft befindlichen Mikroorganismen mitbringen würde…

…riss mich die freundliche Dame vom Empfang Front-Desk, wie man heutzutage sagt, schon aus meinen Überlegungen. Ich sollte das Wartezimmer gar nicht erst zu sehen bekommen, sondern hätte mich auf direktem Wege, ohne über Los in das Wartezimmer zu gehen und ohne 4.000 DM einzuziehen (sorry, hab‘ noch die alte Ausgabe) mir ein paar freundliche Wartezimmerbakterien, Viren und Bazillen einzuziehen, in das Gefängnis in Raum 5 zu begeben, der Arzt warte  schon auf mich.

Man muß sich das mal im Gehörgang zergehen lassen:

Der! Arzt! Wartet! Schon! Auf! Sie! Also auf mich. Kein Versehen, es stand trotz offenkundig laufenden Praxisbetrieb und damit verbundener Patientenanwesenheit niemand anderes in der Nähe herum, der gemeint gewesen sein könnte.

Hallo? Ich bin Kassenpatient. Das gibt es doch wohl nicht. Man will mir hier nicht mal die üblichen Wartezimmer-Mitbringsel gönnen! Unverschämtheit. Dabei wollte ich die großzügig weiterverteilen. Ich hätte garantiert dankbare Abnehmer gefunden, Mistverdammtekackenochmal!

Nun denn, weiter ging es. Hallo Herr Paterfelis, schmeißen Sie sich gleich mal auf die Liege, machen mal den Bauch frei, jetzt gibt es etwas Glibber und dann Schwarz-Weiß-Fernsehen. Ultraschall. Nein, ich habe der vermutlich ohnehin wenig originellen Versuchung widerstanden zu fragen, ob er schon sehen könne, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Ich bin seit Jahren geschätzt im elften Monat, da kann ich auch noch weiter abwarten.

Der Film erwies sich als ausnehmend langweilig. Der Doc bestätigte mir auch, daß der inhaltlich irgendwie eine Neuverfilmung eines bekannten Stoffes sein müsste. Ohne großartige Drehbuchänderungen. So wie Episode VII. Aber halt, wir sind ja gerade bei Star Trek und ich werde bald zum Borg. Es gab jedenfalls keine Veränderungen zum letzten Mal.

So, fertig. Glibber mit den letzten Resten der Papierrolle entfernen. Weiter geht es. Würde ich jetzt endlich meine Mitbringsel aus dem Wartezimmer bekommen?


(wird fortgesetzt)




Sonntag, 17. Januar 2016

24 Stunden Borg für Einsteiger (Teil 1)

Ich war Borg.

Kennt ihr die Borg? Diese sympathischen Gesellen mit der verzerrten Stimme und den vielen Anbauteilen aus Star Trek? So kam ich mir letztens auch vor. Zumindest auf der Ebene der Neueinsteiger ins Borg-Kollektiv.




Wie es halt so vorkommt, war mein MÜV-Zertifikat abgelaufen. Also der Zeitraum, bis zu dessen Ende hin mein Hausarzt die letzte erfolgte Medizinisch Übliche Vorsorgeuntersuchungals ausreichend befunden hat, um mich unbehelligt draußen herumlaufen zu lassen. Und gerade als älterer Herr hat man ja schon mal eine Schraube locker, welche der Überwachung bedarf. Im Sommer hätte er mich eigentlich schon wieder sehen wollen, aber irgendwie… Ach, lassen wir das. Ich hasse Arztbesuche jeglicher Art.

Mein Termin war um 7.45 Uhr. Eine für mich sehr unpraktisch späte Uhrzeit, aber der Doc will seine Praxis einfach nicht früher öffnen. Im Normalfall arbeite ich zu dieser Zeit ja schon etwas länger. Da ich aber wusste, was heute noch alles ansteht, habe ich vorsorglich frei genommen.

Also erst mal zu Hause gelangweilt herumsitzen und warten. Warten, daß die Zeit vergeht. Lesen mag ich nicht, wenn ich weiß, daß mir ein Termin im Nacken hängt. Ich kann auch nicht in Bussen und Bahnen lesen. Mir fehlt einfach der Nerv dazu, wenn schon fest steht, daß ich nicht so lange lesen kann, wie mir gerade ist. Ich will ja auch nicht mitten im Text aufhören müssen, sondern wähle das Ende sonst immer mit Abschluss des Kapitels. Und wen es knapp zu werden droht, überfliege ich den Text nur noch, was unter dem Strich auch nicht Sinn der Übung sein sollte.

Doof.

Dann wäre da noch der Zeitpunkt abzuwarten, zu dem man endlich das Mitbringsel für den Doc abfüllen kann. Es soll ja nicht zu alt sein, sondern relativ frisch. Und ob des späten Aufstehens mal frühstücken geht ja auch nicht, weil er ja noch mehr von meinen inneren Werten sehen will, welche dann in der Praxis abgezapft werden. Die sollen ja schließlich nicht veruneinigt werden.

Auf dem Weg zum Arzt geht es an einer Schule vorbei. Es gibt keinen sinnvollen Alternativweg. Und da ist es jetzt so was von egal, ob ich den Weg als Fußgänger oder Autofahrer bewältige: Ich gerate zwangsläufig  (Sagt man, falls man mit dem Auto unterwegs ist, eigentlich zwangsfahrig?) in den Pulk von Elterntaxis. Horror. HORROR!!! Horden von unentspannten Elternteilen in ihren Autos versuchen, ihren Sprösslingen den möglichst besten Platz zum Aussteigen zu erkämpfen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang nochmals darauf aufmerksam machen, daß ich hier in einem ländlich geprägten Vorort wohne. Nicht in einer Großstadt. Die Schule selbst befindet sich in einer kleinen, nur mäßig ausgebauten Stichstraße mit rudimentären Andeutungen von Fußwegen und umso mehr Schotterflächen. Doch die geballte Ladung elterlicher Fahrzeuge auf der Stich- und den Zubringerstraßen, geschätzt etwa zwei Autos pro Kind, also ein Auto pro durchschnittlichem Elternteil, lassen Großstadtgefahren erahnen.

Oder das Gefühl, Heilig Abend um 11 Uhr zum Einkaufen zu fahren.

Irgendwie ist es mir gelungen, die Gefahrenzone weitgehend unbeschadet zu überstehen. Ab in die Praxis, das Geschenk abgeben und darauf aufpassen, den Becher in den Kasten fürs Labor und nicht in die Sammellunchbox für das gemeinsame Teamfrühstück  abzustellen. Wäre ja nicht schön, wenn jemand statt seiner Apfelschorle etwas optisch ähnlich Geratenes zu sich nehmen würde.

Blut abzapfen hat schnell und schmerzlos funktioniert. Nun freute ich mich auf das Wartezimmer. Und während ich noch überlegte, was ich meinen Kollegen aus dem hier bestimmt reichlich vorhandenen Angebot an in Bereitschaft befindlichen Mikroorganismen mitbringen würde…


(wird fortgesetzt)



Freitag, 15. Januar 2016

Das Klamottenphänomen

Und da ist es wieder – das Klamottenphänomen.

Es klingelt an der Tür. Ich weiß, es ist unser Postbote. Also öffne ich und nehme ihm einen Teil seiner Ladung schon fast an der Außentür ab.

„Uh, danke. Mächtig warm draußen.“

Die Knoblauchfahne sehe ich ihm nach. Er ist ja ein Lieber, wenn ich das als Mann mal so sagen darf.

Das Paket ist vom Klamottenversender. Und es sind auch ein paar Teile für mich dabei. Wegen bald wieder warm draußen und so.

Ich ziehe an, ziehe aus und stelle fest: zu klein.

Ich ziehe an, ziehe aus und stelle fest: passt.

Das ewige Rätsel wird bleiben, wieso das Teil, welches eine Nummer kleiner ist, passt wie angegossen, während das offiziell größere Shirt mich einzwängt wie eine Presswurst.



Mittwoch, 13. Januar 2016

Nicht lustig

Sven erzählte von einem Urlaub. Er war seinerzeit mit seiner Freundin und den beiden fünfjährigen Jungs mit dem Auto in Österreich. Für den Nachwuchs die erste Auslandsreise.

Auf einem Parkplatz wurde gerastet. Die Patchworkfamilie verließ den Wagen, um sich die Beine zu vertreten. Nur Svens höchst eigener Sohnemann weigerte sich.

„Was ist denn los, Junior?“

„Wir sind doch jetzt in Österreich?!“

„Ja, sind wir.“

„Wenn ich draußen bin, könnte ich mich verlaufen. Und dann nicht verständlich machen. Wir sind doch im Ausland. Und dann finde ich euch nicht mehr und niemand kann mir helfen.“

Ich kann den Kleinen verstehen.

Geht mir heute auch noch so…



Montag, 11. Januar 2016

Kontrolle wäre besser

Am Sonntag kam die zweitbeste Ehefrau von allen gegen mittags wieder zurück nach Hause. Wie der aufmerksame Leser sich zu erinnern vermag, war sie aufgrund der Teilnahme an einer abendfüllenden Bühnenshow seit Freitagabend wieder auswärtig untergebracht.

Nachdem wir den vor dem Haus parkenden Balduin geleert hatten und alle erforderlichen Berichte beiderseits erstattet worden waren, ging es für sie schon wieder weiter in Richtung Krankenhaus zu ihrer Mutter. Ich hatte am Wochenende Schlafanzüge gewaschen, welche dort dringlichst erwartet wurden.

Schon im Aufbruch befindlich bekam ich noch die Anweisung, schon mal den Trolley zu leeren.

„Du kannst auch nichts verkehrt machen. Auf der einen Seite ist mein Bettzeug, auf der anderen Seite nur Schmutzwäsche.“

Die Sache mit dem verkehrt machen ergibt durchaus einen Sinn, denn an die Auftrittskostüme und das Zubehör gehe ich vorsorglich und in beiderseitigem Einvernehmen nicht ran. Einmal irrtümlich in der Waschmaschine falsch mitgewaschen, und das nicht übertrieben billige, zumeist auch noch mit viel Aufwand hergestellte Material ist sinngemäß da, wo die Sonne beim Menschen nicht hinscheint.

Also legte ich den Trolley aufs Bett, öffnete ihn und fand zu meiner Linken tatsächlich das Bettzeug, welches ich direkt ins Mädchenzimmer schleppte. Zur Rechten sah ich direkt die angekündigte Schmutzwäsche. Ok, zwei Paar ordentlich zusammengelegte Socken wurden auch sichtbar. Die übliche Reserve, die man so mitnimmt, wenn man auf Reisen ist.

Ich nahm das komplette Bündel, um es die Treppe zum Gartenzimmer hinunterzuwerfen, von welchem aus wir unseren Waschmaschinenraum unter der besagten Treppe erreichen konnten. Üblicherweise wartet zu solchen Gelegenheiten Hauskater Marty am unteren Ende der Treppe, um dann im letzten Moment vor den ihm entgegenfliegenden Wäschestücken zu entkommen. Irgendwie mag er dieses Spiel.

Doch es war Zeit für seine Mittagsruhe; kein Marty war weit und breit zu sehen.  Während das Wäschebündel somit als Ganzes meine Hände verließ, spürte ich darin etwas Glattes, Hartes. Und bevor ich auch erste Überlegungen anstellen konnte… *KLONK*.

*KLONK*

Und noch einmal, weil es so schön war.

*KLONK*

Oh shit.

Ich konnte erkennen, wie sich unten ein Glas aus dem Wäschebündel gelöst hatte, die letzten Treppenstufen hinunterfiel, um danach rollender Weise den Weg unter den Tisch zu nehmen. Dieses Glas sollte meiner Theorie nach keineswegs zur Rubrik Schmutzwäsche zählen.

Natürlich ging ich direkt hinterher, um mir die Sache mal etwas näher in Augenschein zu nehmen. Es handelte sich um ein Marmeladenglas mit selbst gemachter Apfel-Zimt-Konfitüre aus September 2015. Offenbar ein Mitbringsel.

Und es hat gehalten. Kein Kratzer, kein Splitter.


Na dann: Mahlzeit!


Ich überstand einen Absturz





Sonntag, 10. Januar 2016

Wenn sie schon fragen

Donnerstag. Karla und Mandy bereiteten sich auf die Mittagspause vor. Selbst der untrainierte Beobachter vermochte dies ganz eindeutig daran zu erkennen, daß die beiden Damen ihre Jacken anzogen, obwohl die Bürofenster geschlossen waren und die Heizung das tat, was andere von ihr verlangten: Wärme im Übermaß abstrahlen. Also konnten die Jacken nichts mit zu geringen Temperaturen in der Höhle im Schicksalsberg zu tun haben.

„Wir gehen zum großen Supermarkt.“

Aha! Meine Beobachtung und die daraus gezogenen Rückschlüsse bestätigten sich soeben.

„Sollen wir dir was mitbringen?“

Ich überlegte nur kurz. Nein, ich erwartete nicht, daß sie mir die Vormittagseinnahme des Ladens anschleppen würden. Habe ich schon versucht, das machen die einfach nicht. Darin sind die beiden sich sogar mit Sven einig, dem ich auch schon wiederholt die entsprechende Order gegeben habe. Aber da gab es was anderes.

„Klar. Die haben Katzenstreu im Angebot. Davon hätte ich gerne ein paar Pakete. Aber bitte das Klumpstreu, nicht das andere Zeug.“

„Spinnst du? Wie sollen wir das schleppen?“

„Wo ist das Problem? Zwei Personen, vier Hände. Ihr schafft also mindestens vier Pakete.“

Damit war ich noch bescheiden in meinen Anforderungen, denn man kann pro Hand durchaus auch zwei Pakete schleppen. Genauso wie zwei Sixpacks mit den 1,5 Liter-Flaschen. Da tut sich nicht viel am Gewicht. Die Trageschlaufe eines Paketes an Zeige- und Mittelfinger, die des anderes Paketes an den kleinen Finger gehängt, und schon funktioniert das.

Mandy sah das irgendwie anders.

„Vergiss es! Dein Katzenstreu bringe ich dir erst mit, wenn ich dir von oben auf den Kopf spucken kann, ohne mich auf eine Leiter zu stellen. Und dazu muß ich erst mal einen Kopf größer werden.“

Was zweifellos eine interessante Beschreibung der zu erfüllenden Voraussetzungen war, andererseits aber auch pure Selbstüberschätzung offenbarte.

„Mandy, du brauchst ja schon zwei Köpfe, um mit mir gleichzuziehen.“

„Und selbst wenn: Wie willst du die Pakete nach Hause bekommen?“

„Meine Angetraute ist  morgen wieder beim Friseur. Dann nimmt sie mich auf dem Rückweg mit.“

„Und wieso fahrt ihr dann nicht selber einkaufen?“

„Das klappt organisatorisch nicht mehr. Termine über Termine. Meine Schwiegermutter ist im Krankenhaus; meine Angetraute muß da noch vorbeifahren. Und danach geht es direkt weiter, weil sie am Wochenende als Gast auf einer Show auftritt. Das ist mit Übernachtung vor Ort. Außerdem muß sie früher da sein, weil sie noch mit den Gastgeberinnen etwas üben will.“

„Trotzdem: Vergiss es!“

Dann eben nicht. Ich habe gerade noch elf Pakete auf Vorrat. Die reichen nur noch für ein paar Monate.

Es wird eng.



Freitag, 8. Januar 2016

Völlig korrekte Sache

Frl. Hasenclever warf im Vorübergehen einen Blick in unser kleines, gemütliches Büro die Höhle im Schicksalsberg.

„Herr Paterfelis, Ihre Vorlagen von gestern habe ich alle unterschrieben und weitergegeben.“

„Das ist schön; dann haben Sie ja alles richtig gemacht, Fr. Hasenclever.“

„…“

Ja, ich weiß, ich lobe viel zu selten. Aber hin und wieder muß ich es einfach mal machen.



Mittwoch, 6. Januar 2016

Sitte, Anstand und Moral

Mandy telefoniert, während Sven bei mir stand, um eine Akte zu besprechen. Irgendwie bekommt man ja immer mit, was der Andere gerade so am Telefon treibt. Mandy versuchte in dem Moment einen Kunden davon zu überzeugen, daß es sicherlich allgemein sinnvoller wäre, seinen vorgesehenen Antrag bei uns im Haus aufnehmen zu lassen, als es zu Hause selbst zu versuchen. Letzteres führt meistens zu Verzögerungen aufgrund von dann noch erforderlichen Rückfragen, was wieder sehr nervtötend für alle Beteiligten ist.

Ihre Versuche schienen eher erfolglos zu sein.

„Dann können Sie sich den selber runterholen.“

Ah ja. Sven und ich konnten den Anflug, aber wirklich nur den leichten Hauch des Anflugs eines Grinsens nicht unterdrücken.

Minuten später beendete Mandy ihr Telefonat.

„Mandy?!“

„Ja.“

„Du hast dem Kunden gerade gesagt, er könne ihn sich selbst runterholen.“

„Was?“

„Das hast du schon richtig verstanden. Sven ist Zeuge.“

„Gar nicht. Ich meinte, er könne sich den Vordruck aus dem Internet runterladen.“

„Hast du aber nicht gesagt.“

„…“

„Warum hast du nicht gleich eine Banane empfohlen? Du sagst doch auch andauernd, daß Bananen glücklich machen, ohne eine Gebrauchsanweisung zu geben.“

„PATER…“

„Nix da. Du hast angefangen. Wie wäre es gleich mit einer Schlangengurke statt einer Banane? Die machen Frauen doch auch glücklich. Hört man immer wieder.

Obwohl ich die Sache, sich Essen in Form von Gurkenscheiben und Quark ins Gesicht zu schmieren, noch die verstanden habe.



Montag, 4. Januar 2016

Eilmeldung - Junge Mutter stellt sich quer

Neustadt

Mitten im Feierabendverkehr verursachte eine junge Mutter ein Verkehrschaos im Fußgängertunnel des Neustädter Hauptbahnhofs. Mit ihrem Kinderwagen stoppte die Frau an der bekannten Engstelle kurz vor der Rolltreppe und dem Aufzugsschacht zu Gleis 7 unvermittelt und stellte sich unter großräumiger Nutzung der an dieser Stelle knapp bemessenen Wegefläche quer zur allgemeinen Laufrichtung vor die Tür des Aufzugs.

Nachfolgende Passanten mussten aus den hier insbesondere zu dieser Uhrzeit üblichen höheren Geschwindigkeiten abrupt bremsen. Den in den vorderen Reihen befindlichen Fußgängern gelang es, knapp unter Nutzung der eng begrenzten Freifläche mit entsprechend improvisierten akrobatischen Bewegungen zwischen dem vorderen Teil des Kinderwagens und dem Aufzugsschacht vorbeizuhuschen, um nicht vom nachfolgenden Verkehr gerammt zu werden. Dabei wurde der Kinderwagen leicht touchiert.

Die junge Mutter machte ihrer Empörung mit einem „Können Sie nicht aufpassen?“ Luft, welches ein Passant mit „Selber mal Gehirn einschalten.“ quittierte. Das nachfolgende „Ich darf hier stehen, du Arschloch.“ dürfte der Unfallbeteiligte nicht mehr vernommen haben, da er sich bereits über die Rolltreppe zu Gleis 7 vor der tobenden Frau in Sicherheit gebracht hat. Dem gleichzeitig ausgestoßenen Gebrüll des Kleinkindes konnte kein verständlicher Sinngehalt zugeordnet werden. Vermutungen von Beobachtern aus dem näheren Umfeld des Geschehens deuten jedoch auf die Interpretation „Mama, du hast sie nicht alle!“ hin.

Der sich aufstauende Fußgängerverkehr wurde über die Gegenspur hinter dem Aufzugsschacht umgeleitet.  Ein direktes Erreichen der Rolltreppe zu Gleis 7 aus Richtung City war nach dem Vorfall bis zum Verschwinden von Mutter und Kinderwagen in der Aufzugskabine nicht mehr möglich.