Samstag, 26. Dezember 2015

Morgenröte

Es ist ein Uhr. Morgens. Der zweite Weihnachtstag ist angebrochen. Die zweitbeste Ehefrau von allen fährt auf dem Rückweg von unserem – zumindest für mich wie immer wenig tiefenentspannten - Besuch bei meinen Schwiegereltern noch einen Umweg, um mir das Studio zu zeigen, in dem sie ab nächstem Jahr als Trainerin tätig sein wird. Zusätzlich zu den anderen Wirkungsstätten, die sie jetzt schon innehat. Als Trainer kommt man rum. Wie Rajiv einmal seinen Auszubildenden in einer Veranstaltung sagte, auf der wir beide als Referenten zugegen waren:

Fitnesstrainer sind wie Söldner. Sie ziehen von Studio zu Studio, bleiben eine Weile und sind dann wieder unterwegs zum nächsten Studio.

Obwohl eine gewisse Stabilität natürlich auch nicht verkehrt wäre. Beides hat meine Angetraute nun schon erlebt.

Wir sind nun also nächtens auf dem Weg in Richtung dieses brandneuen Studios, welches noch der Eröffnung harrt. Nur mal von außen gucken, mehr nicht. Nach Verlassen der Autobahn fahren wir mit eingeschaltetem Fernlicht weiter über gut ausgebaute Straßen, nur flankiert von großen, unbestellten Feldern. Die Gegend hier ist flach. Sehr flach. Fast wie zu Hause. Also nicht da, wo ich jetzt wohne, sondern in der Heimat am Niederrhein, in der Grenzregion zum Ruhrgebiet. Wir nähern uns einem roten Lichtschein. Eine Ampel steht zwischen den Feldern an einer Kreuzung.

Ich fasse zusammen: Um ein Uhr am fast frühest möglichen Morgen des zweiten Weihnachtstages stehen wir mitten in der Pampa des Neustädter Ländchens einsam und verlassen an einer rot leuchtenden Ampel ohne Kontaktschleifen. Sie spult gnadenlos ihr Programm ab. Zwei Minuten sind nun schon vergangen. Die Kreuzung und die zugehörigen Straßen sind bis weit in die Ferne einzusehen. Nirgendwo ein Licht. Nur wir und die rote Ampel.

Wie bescheuert kann man sein, hier zu warten? Jeder vernunftbegabte Italiener wäre in seinem Heimatland einfach gefahren. Wie andere in anderen Gegenden auch.

Wir nicht.

Denn wir wissen: Der einzige Polizist in Umkreis von fünf Kilometern, der gerade nichts Besseres zu tun hat, wird hier hinter einem der niedrigen Sträucher warten und auf uns lauern. Nur auf uns. Und sobald auch nur eine Achse des Wagens die Haltelinie überrollt hat, wird er zuschlagen. Qualifizierter Rotlichtverstoß.




Nein, kein Risiko. Ich käme einen Monat ohne Führerschein aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Die zweitbeste Ehefrau von allen jedoch nicht. Als Söldnerin Fitnesstrainerin ist sie auf den Lappen die kleine Karte zur Legitimierung ihrer Fahrberechtigung angewiesen. Also warten wir als brave Bürger um ein Uhr morgens mitten in der Pampa an dieser roten Ampel.

Irgendwann ist der Durchlauf des Programms beendet. Die Ampel schaltet auf grün. Wir fahren weiter.

Nach wenigen hundert Metern der Fahrt bewegt sich aus einer Seitenstraße kommend ein Polizeiwagen auf die Hauptstraße und uns entgegen. Er war zu weit von der Ampel entfernt, als daß er da auf der Lauer gelegen haben könnte.

In ihm befindet sich bestimmt die Ablösung von dem mutmaßlichen Polizisten hinter dem Busch.

Ich bin mir da sicher.

Sehr sicher.






Kommentare:

  1. Natürlich war er auch insgeheim super enttäuscht, dass er euch nicht erwischen konnte. Ihr Fieslinge! Das habt ihr mit Absicht gemacht! Widerstand gegen die Staatsgewalt quasi!!!!!!!

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  2. Es mag sein, daß er das glaubt. Ist aber sein Problem. Als öffentlich-rechtlicher Angestellter bin ich ja als Angehöriger der Exekutive die Staatsgewalt. Und ich kann doch nicht gegen mich selbst Widerstand leisten. Und überhaupt: Klick mich

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  3. Hab ich im vergleichbaren Fall schon gemacht... Nachts um eins. Auf die Idee mit dem Gebüsch bin ich nicht gekommen. Aber die Polizei auch nicht, die schlief wohl.

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    1. Da scheint es euren Polizisten an der gewissen Raffinesse zu fehlen.

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