Samstag, 7. November 2015

Unsere Nummer Eins

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist großartig, daß nun auch sie sich zu unserer Übertragung aus dem Flammenbart-Stadion zuschalten. Das Publikum hat die Tribüne gut gefüllt und sorgt mit Hilfe der mitgebrachten Lärminstrumente, Trommeln, Tröten und Dudelsquigs für mächtig gute Laune. Die Zombis in den hinteren Reihen sollten lieber aufpassen, ihre Hände nicht in Fetzten zu klatschen, denn so etwas trübt die Stimmung.

Ja, meine Damen und Herren, wo sonst kann man Zwerge und Nachtgoblins ebenso wie Dryaden und Chaoskrieger friedlich vereint gegen den Schiedsrichter auf dem Feld erleben außer hier bei uns? Die Stimmung ist gut, mein Name ist Paterfelis und das Spiel heißt 


Blood Booooooooooowl!!!


Zu dieser Gelegenheit möchte ich dem Hauptsponsor des Tages danken. Denn Sie wissen ja: Gute, zähe Sportbekleidung kauft man nur von Orkidas.

Auf der rechten Seite ist Mandys Menschenteam angetreten, heute in freundlichen grün-grauen Farben in einem zeitlosen 90er Jahre Retrolook. Als Gegner erleben wir erstmals Svens dunkle Dunkelelfen, deren Trikots noch nicht durchgehend mit Farbe versehen wurden. Wir werden sehen, ob die alte Erfahrung wieder unter Beweis gestellt wird. Denn wie jeder Miniaturenspieler weiß, kämpfen bemalte Püppchen einfach besser.

Und damit stehen alle Zeichen gut für Mandy, welche zum zweiten Mal mit ihrem Team antritt. Nachdem sie da vor einigen Wochen gegen Frl. Hasenclevers blutrünstige Orks eine Niederlage einstecken musste, wird sie heute alles geben, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Das Spiel hat bereits begonnen. Nach dem Anstoß der Dunkelelfen kam das Menschenteam sofort in Ballbesitz. Mandy hält den ballführenden Spieler tief in der eigenen Spielfeldseite zurück, will noch nichts riskieren, während die Dunkelelfen sofort beginnen, den Gegner zu attackieren.

Doch was ist das? Ein einsamer Blitzer der Menschen hat sich durchgekämpft und steht fast alleine in der gegnerischen Spielfeldhälfte. Los, Mandy, das ist deine Chance. Wenn sie es schafft, den Ball so zu werfen, daß der namenlose Blitzer ihn in die Hände bekommt, ist das ein sicherer Touchdown.

Die Wurfentfernung wird gemessen. Es sieht schlecht aus, das ist ein Megapass, schon an der Grenze der maximalen Reichweite. Doch jetzt setzt sich der Werfer in Bewegung. Er bricht aus der dunkelelfischen Tacklezone, der rund um jeden Spieler befindlichen Angriffszone, aus, tänzelt großzügig um ein paar Gegner herum und vermindert so die Wurfentfernung. Ja, das könnte was geben.

Und nun der Wurf. Mandy nimmt sich den sechsseitigen Würfel. Sie benötigt eine fünf, um den Ball sicher zum Ziel zu bringen. Oh nein, eine Drei. Ballverlust! Und jetzt? Halb so schlimm, der Spieler hat die Fähigkeit Wurfsicher und darf den Versuch wiederholen. Jetzt gilt es. Jawoll, geschafft. Der lange Pass wurde erfolgreich ausgeführt. Mit einem lockeren Wurfergebnis von Drei fängt der Blitzer, dessen Aufgabe es eigentlich eher ist, den Weg freizuprügeln als den Ball ins Ziel zu bringen, das stachelbewehrte Leder und stürmt vor in Richtung Ziellinie.

Mandy überlegt weiter. Sie könnte den Ball mit zwei zusätzlichen Sprintbewegungen über die Ziellinie bringen, unterliegt dabei aber dem Risiko, ihn durch ein unglückliches Stolpern ihres Spielers wieder zu verlieren. Doch nein, sie geht kein unnötiges Risiko ein. Im nächsten Zug der Dunkelelfen wird keiner der Gegner nah genug an den ballführenden Spieler heranreichen können. Der Ball ist sicher, sie wartet ab.

Was sehe ich hier von meiner Sprechertribüne? Ist das nicht pure Blutgier in ihren Augen? Sie will einen am Boden liegenden Dunkelelfen foulen. Ihre Argumentation lautet: Ich will das Spiel lernen! Blood Bowl ist kein Hallenhalma, das Foulspiel gehört dazu. Es interessiert sie nicht, daß Trainercoach Paterfelis vor dem Spiel verkündet hat, erst mal ohne Fouls zu spielen. Das Publikum rast vor Begeisterung.

Der am Boden liegende Dunkelelf trägt eine 8er-Rüstung. Das bedeutet, daß Mandy ihn nur verletzen kann, wenn sie mit zwei Würfeln mindestens eine Neun würfelt. Doch halt, zwei weitere Dunkelelfen signalisieren, ihren Teamkameraden zu unterstützen. Damit erhöht sich der erforderliche Wurf für Mandy auf mindestens Elf Punkte.

Sollte Mandy jetzt einen Pasch würfeln, würde der Schiedsrichter das Foulspiel bemerken und ihren Spieler vom Platz werfen. Das wäre schlecht für Mandy, denn das Team steht schon jetzt nicht mehr in voller Spielerzahl auf dem Feld.

Es kann also nur eine Elf sein, die zum Erfolg führt. Mandy nimmt die Würfel. Sie wirft die Quader nicht gemeinsam, sondern nacheinander - eine Fünf. Das Publikum hält den Atem an. Der nächste Wurf muß sechs Augen zeigen. Und jaaaaaa, geschafft. Die Rüstung ist durchdrungen. Nun noch den Verletzungswurf. Auch geschafft, der Dunkelelf muß vom Spielfeld getragen werden.

Mandys Zug ist vorbei. Sven schickt einige Dunkelelfen auf den einsamen menschlichen Spieler zu, um ihn unter Druck zu setzen. Die restlichen Spieler greifen mit unterstützten Blocks Mandys Menschenspieler an, um noch das Beste aus Mandys Zeitspiel herauszuholen. Schnell ist Svens Zug vorbei, Mandy nimmt ihren ballführenden Spieler, bewegt ihn über die Ziellinie und



TOUCHDOOOOOOOOOOOOWN!!!



Ich nehme an, Sie können die Begeisterung des Publikums selbst erleben.

Die Teams versammeln sich zu einem neuen Anstoß. Sven hat nur noch wenige Züge, um den Ausgleich herzustellen, doch sein Team spielt jetzt in Unterzahl.

Die Dunkelelfen sind in Ballbesitz und preschen an der rechten Auslaufzone vor, um einen schnellen Durchbruch zu erzielen.

Aber nein, was muß ich da sehen? Der ballführende Spieler steht mit zwei seiner Teamkameraden in einer Linie quer zum Spielfeldrand? Wenn das kein schwerer Fehler ist. Oh, Mandy hat das Gemurmel des Stadionsprechers gehört, der sie auf ihre Möglichkeiten hinweist, da jetzt mal richtig Schaden zu verursachen. Sie blockt den inneren der drei Spieler, wirft den Blockwürfel und ja – der Spieler wird ein Feld weit zurückgedrängt und geht dort zu Boden. Die beiden neben ihm stehenden Spieler müssen die seitliche Bewegung ebenfalls mitmachen, was dazu führt, daß der ballführende Spieler vom Spielfeldrand geschoben wird. Ballverlust für die Dunkelelfen. Das Publikum stürzt sich der Tradition entsprechend auf den unglücklichen Dunkelelfen und verprügelt ihn nach Strich und Faden. Wir werden ihn heute nicht mehr auf dem Spielfeld erleben.

Einwurf. Der Ball landet auf dem Spielfeld. Mandys nächststehender Menschenspieler versucht, ihn aufzunehmen, aber nein, vermasselt. Das ist Pech, der Ball springt weiter. Die Dunkelelfen sind am Zug und gelangen sicher wieder in Ballbesitz.

Es ist der letzte Zug. Atemlose Spannung, der Ausgleich ist möglich. Sven schickt seinen ballführenden Spieler soweit es geht nach vorne zur Ziellinie. Zwei Felder zu wenig. Er muß die zusätzliche Sprintbewegung riskieren oder das Spiel ist vorbei. Die erste Zusatzbewegung gelingt. Nur noch ein Feld, und der Ausgleich ist hergestellt.

Der Dunkelelf wird über die Ziellinie geschoben, aber das ist noch nicht der Touchdown. Sven muß den alles entscheidenden Würfelwurf bewältigen. Gelingt ihm dieser nicht, geht sein Spieler zu Boden und verliert den Ball.

Sven nimmt den Würfel auf. Ihm ist bewusst, daß der erste Wurf den Erfolg bringen muß; ihm stehen keine Wiederholungswürfe mehr zur Verfügung.

Atemlose Spannung auf allen Rängen.

Nur keine Eins.

Alles andere, aber nur keine Eins.

EINS!

Der Fluch des Püppchenschubsers hat wieder zugeschlagen.

Der Spieler stolpert, er verliert den Ball. Sven springt von seinem Stuhl hoch, hält sich die Hände vor das Gesicht. Die Chance auf den Ausgleich in letzter Sekunde ist vertan.

Mandy Menschenteam gewinnt ihr zweites Trainingsspiel mit Eins zu Null gegen Svens Dunkelelfen.


***


Am nächsten Tag wurde Mandys ansonsten morgenmuffeliges Erscheinen am Arbeitsplatz von ihrem Dauergrinsen überlagert, welches noch bis über den Feierabend anhielt.

Und Sven? Er wurde am nächsten Tag von den Kollegen, die auf wundersame Weise von seinem Elend erfahren haben, verdächtig oft mit der Zahl Eins konfrontiert. Schließlich ist er doch unsere einszigartige Nummer Eins.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich die LASA-Süd-Südwest-Liga weiterentwickelt.



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