Donnerstag, 5. November 2015

Immer nur Du kannst nicht - warum eigentlich?

Die meisten von euch werden diese moderne Lebensweisheit kennen:

„Immer nur lächeln und winken!“, optimaler Weise mit dem Nachsatz kombiniert „Du kannst sie nicht alle töten.“

Warum? Und warum eigentlich nicht? Vom vielen Lächeln bekomme ich schon Muskelschmerzen, und das Winken ist auch nicht gut für die Gelenke. Zumindest nicht, wenn man das im Dauermodus machen muß. Ich weiß nicht, wie die Queen das hinbekommt. Außerdem ist es auf mittelfristig unbefriedigend. Die Seele will ja auch mal zu ihrem Recht kommen.

Nicht genug damit, daß ich in Bälde wieder meinen regelmäßigen Vortrag in der Trainerschule halten werde. Nein, kurz vor knapp bekomme ich den Hinweis, daß mir nicht nur aufgrund der dieses Mal etwas seltsamen Terminlage schon etwas Zeit genommen wird, sondern daß es noch einen weiteren Referenten zu einem anderen Thema gibt, der vermutlich auch ganz gerne ein paar Minuten für sich in Anspruch nehmen würde.

Ohne ihn hätte ich ja problemlos alles etwas straffen können, aber jetzt muß ich die komplette Präsentation überarbeiten. Kurzfristig. Sehr. Kurzfristig.

Dann bin ich seit Dienstag designierter stellvertretender Hausverwalter unserer Eigentümergemeinschaft. Ich kann mein Glück kaum fassen. Und gleichzeitig bin ich seit dieser Woche schon jetzt dafür zuständig, die Abrechnung für das Jahr 2014 fertig zu stellen. Kurzfristig. Da muß ich mich erst mal reinarbeiten.

Wie der treue Blogleser sich zu erinnern vermag, ist Frau Knutsen, welche bislang alles geregelt hatte, vor einiger Zeit überraschend verstorben. Seit dem hangeln wir uns hier hausorganisatorisch etwas durch und müssen nun so langsam wieder System in die Sache bringen. Also ran. Aber erst, nachdem ich die Sache mit der Präsentation erledigt habe. Danach wird die Zeit aber auch schon knapp.

Ich habe zwar noch vor dem Termin Urlaub – den Anfang vom Resturlaub aus 2014, nachdem der 2013er endlich verbraten war - aber den werde ich wohl eine Zeit lang im Keller meiner Schwiegereltern verbringen, um da auch mal Ordnung in das Chaos reinzubringen. Als ob es mein Hobby wäre und ich mir nichts Schöneres vorstellen könnte, als irgendwo irgendwas in großem Stil aufzuräumen. Wie eigentlich zu fast jedem Urlaub in den letzten Jahren. Zu dumm, wenn man vor Ort der Einzige ist, der selbst im größten Chaos den leuchtenden Pfad eines Systems sieht und weiß, wie man diesen konsequent ausbaut, ohne dem Wahnsinn zu verfallen. Meine Schwiegereltern und deren Abkömmling sind von dieser Befähigung leider absolut befreit.

Im Büro habe ich einen Antrag in die Finger bekommen, welchen der Kunde gemeinsamen mit einem Berater unseres Service-Teams aufgenommen hat. Besagter Berater, nennen wir ihn mal Herrn U. N. Geheuer, neigte früher schon dazu, auf seiner Meinung nach in der Vergangenheit schiefgelaufene Sachverhalte hinzuweisen, welche den Kunden zu Unrecht benachteiligt hätten. Gut, ist soweit in Ordnung. Wenn etwas dran ist, kann man es meistens schnell bereinigen. Und falls nicht – hat man Mehrarbeit damit, das dem Kunden auch klarzumachen. Was aber meistens noch übersichtlich ist.

Jetzt aber hat er etwas gefunden, was sich vor 20 Jahren zu Unrecht positiv für den Kunden ausgewirkt hat. Und er wies im Antrag darauf hin. Da nützt auch kein Liter Tipp ex mehr, den Vermerk bekommen wir nicht unauffällig entfernt. Wir müssen da ran und prüfen, wie man es bereinigen kann. Da ist in diesem speziellen Fall nichts verjährt; Vater Staat besteht darauf, daß was Recht ist auch Recht bleiben muß. Egal was es kostet und ob es nur um geringe Summen geht. Relativ gesehen jedenfalls. Da gibt es auch kein Ermessen, keine Geringfügigkeit wegen Kleinstbeträgen und auch keine sonstige Möglichkeit des Verzichts unsererseits.

Über den Antrag wäre ohne den Vermerk in 10 Minuten positiv von mir entschieden worden. So aber hat einer unserer Assistenten erhebliche Mehrarbeit, weil er zusätzliche Berechnungen anstellen muß. Ich habe erhebliche Mehrarbeit, weil ich eine Anhörung und später einen manuellen Bescheid schreiben muß. Dr. Strebsinger, die sonst gar nicht mehr daran beteiligt wäre, hängt da jetzt auch mit drin. Und hinterher muß jemand überwachen, daß die Rückforderung auch beglichen wird. Außerdem ist alles für die Statistik gesondert und mit viel Aufwand zu dokumentieren.

Bloß, weil dieser Vollhonk mal nicht weghören konnte, als der Kunde den entscheidenden Hinweis gegeben hat. Niemand hätte was gemerkt. Zumal die Vorakten auch schon vernichtet sind.

Dann kommt Kollege Bäcker zu mir. Ja, dieser Herr Bäcker. Er müsste irgendeinem Gericht eine Auskunft geben und dazu was berechnen. Das MIST springt aber nicht darauf an, weil alle Ausgangswerte für die Berechnung – vollkommen korrekt - auf Null stehen. Nun fragt er mich, ob er nicht noch einen anderen Sachverhalt technisch einpflegen könnte, damit sich da was tut. Nein, verdammte Hacke nochmal! Denn dieser Sachverhalt wird die Ausgangswerte ganz offenkundig ebenfalls nicht ändern. Ein Automotor erhält auch nicht mehr PS, bloß weil das Auto in einer anderen Farbe lackiert wird. Nicht mal einer von VW. Null mal Null bleibt Null. Spätestens seit Adam Riese ist das so. Und wird vermutlich auch so bleiben. Zumindest aber bis zum Ablauf der Antwortfrist des Gerichts; davon ist auszugehen.

Dann hat Herr Harnischfeger wieder zugeschlagen. Gut, er kann nichts dafür. Wirklich nicht. Aber er befindet sich jetzt in einer misslichen Lage, in welcher er vorübergehend seine Arbeitszeit aufgrund erforderlicher vorübergehender Kinderüberwachungsbetreuungsmaßnahmen drastisch reduzieren muß. Und das gerade in der Zeit, in der es auf das Jahresende zugeht und wir ohnehin nicht wissen, wo uns der Kopf steht. Seine Frau hätte ihre vorübergehende Abwesenheit, die als Ursache des Problems anzusehen ist, dem Vernehmen nach durchaus anders lösen können. Wollte sie aber nicht. Daß er mit seinen Beständen jetzt unterzugehen droht, ist vorprogrammiert. Und daß irgendjemand mal so beiläufig wieder ein Auge darauf werfen sollte, daß bei ihm nichts anbrennt, ist auch klar.

Dann wollen wir nicht vergessen, daß ich noch eine Schulungsmaßnahme vorbereiten darf. Ich weiß zwar nicht, wann ich die Vorbereitung hinbekommen soll, kann es aber aus bestimmten Gründen wirklich nur im Büro während der Arbeitszeit erledigen und nicht zu Hause. Doch da fehlt mir neben der Zeit auch die Ruhe. Gut, Frl. Hasenclever hat mir angeboten, während ich mich um die Sachen kümmere, bestimmte Akten von mir zu übernehmen. Was mir aber leider so ziemlich gar nichts nützt, weil ich im Moment ohnehin nicht zu speziell diesen Akten komme. Die Zeitersparnis wäre für mich damit also wiederum nicht vorhanden. Und andere kann sie mir nicht abnehmen. Tja, Pech. Soll es halt mal wieder vor die Wand fahren. Man muß ja dokumentieren, daß es etwas zuviel des Guten ist.

Oh, Moment, da war ja noch was. Dr. Strebsinger hat ja angedeutet, daß bei uns im Fachbereich noch Luft genug wäre, um Akten von anderen Kollegen zu übernehmen. Das beurteilt sie anhand der ohnehin von vorne bis hinten und sogar offiziell gefälschten Statistik. Denn genau wie ihr Vorgänger hat sie keine Ahnung von dem, was wir wirklich alles machen. Hauptsache, es erscheint nicht in der Statistik, damit der Herr Geschäftsführer weiter in Ruhe pennen kann.

Ja ja, ich mach‘ ja schon. Irgendwie. Wie immer ohne noch mehr offizielle Überstunden, weil die Zeitgrenzen mal wieder dermaßen ausgereizt sind, daß ich mir jeden Tag auf die Minute genau ausrechnen muß, wann ich Feierabend zu machen habe, damit es keinen Ärger wegen zu langer Anwesenheitszeiten gibt.

Ausstempeln und weiterarbeiten? Da freut sich die Berufsgenossenschaft, wenn was passiert. Mache ich nicht – mehr.

Verfallen wir also wieder dem Wahnsinn.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hatte ich so etwas wie ein eigenes Leben.

Ist lange her.

Schön war es ja.

Damals.



Kommentare:

  1. Oha,
    da ist ja gleich alles drin.

    Ja, so Vollhonks gibt es mit dem Nicht-Weghören-Können. Zumal, wenn die Akten eh schon vernichtet sind, ist da mehr Aufwand dran als das, was nachher zurück kommt. Vemrute ich mal so.

    Das mit den Überstunden - ja, laß es. Hat keinen Wert - es ist deine Gesundheit, die du ruinierst. Und es dankt dir keiner. Später wird man sich nur an deine Fehler erinnern. Ist so. Zeigt mir meine Erfahrung. Und Arbeitszeit ist nunmal Arbeitszeit. Ist zuviel Arbeit da, müssen halt mehr Leute her. Gibt genug. Ungefähr 14 Millionen in Deutschland.

    Und Urlaub von 2014? Wow. Aber macht eine Freundin von mir auch so. Der Chef hat da wohl jetzt mal ein paar auf die Finger bekommen - seitdem hängt sie zum Jahresende nur mti dem aktuellen Jahresurlaub hinterher, der noch nicht angefangen wurde. Ich kann dann immer nur den Kopf schütteln.

    Und Abrechnung von 2014? Ist das denn noch zulässig? Die muß doch spätestens bis Ende 2015 durch sein, oder?

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    1. @ Abrechnung: Eben, das ist jetzt ja das Problem. Obwohl es jetzt bei uns auch wieder nicht so ein Drama ist. Die Hausgemeinschaft hat eine übersichtliche Größe und versteht sich. Aber dennoch soll das jetzt endlich mal vom Tisch kommen.

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  2. Und die Post-Zeiten: stehen Sie da so früh auf? Oder ist das nur vorterminiert?

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    1. Ich bin vor vier Uhr wach, auch am Wochenende. Immer. Aufstehen ist spätestens um fünf Uhr angesagt. Kleinere Beiträge schreibe ich dann durchaus auch mal so früh am Morgen und hau die raus, längere Beiträge sind eher am Abend vorher geschrieben. Die schalte ich nach nach nochmaliger Draufsicht und Korrektur einfach nur noch frei. Vorterminiert ist hier eigentlich nur in Ausnahmefällen mal was.

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  3. Das waren jetzt aber ausführliche Antworten ... ;)
    Könnte man diesen Antrag nicht irgendwie im Häcksler, ich mein, so rein versehentlich - das spart dann das Tipp-Ex.
    Oder "versehentlich" als Unterlage für eine überbordende Kaffee-/Teetasse nutzen?
    Der Zusatz war mir neu - werd ich mir merken. Ist gut.

    Warum verfälschen Sie denn die Statistik so, dass es letztlich zu Ihrem Nachteil ist?
    Und morgens um 4 - oha. Da könnten wir uns ja fast die Klinke in die Hand geben ...

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