Freitag, 20. November 2015

Die Stunde Null

Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag. Zumindest für die nächsten drei Wochen. Der Anfang vom Ende des Resturlaubes aus 2014, garniert mit ein paar Überstundentagen. Wie es eben so ist.

Normalerweise versuche ich, am letzten Tag so viel Ordnung zu schaffen, daß meine Vertreter sich nicht zu sehr beklagen können. Was natürlich immer in eine unschöne Hektik ausartet. Darüber hinaus neigen nicht wenige Kollegen dazu, natürlich an meinem letzten Tag noch mit ihren Ekelakten bei mir aufzutauchen, um für sie gerade rechtzeitig vor meiner Abwesenheit damit verbundene Fragen zu klären. Als ob man gerade am letzten Arbeitstag nicht selbst genug zu tun hätte.

Doch heute sollte es anders laufen – sah der Plan vor. Mein Plan. Ein guter Plan.



30 Stunden vor der Stunde Null

Ich hole schon mal die Post rauf, die mich im Normalfall erst am nächsten Morgen erwarten würde, sortiere vor, lege Akten an und erledige, was erledigt werden kann, damit es Freitag etwas ruhiger wird.



24 Stunden vor der Stunde Null

Ich habe alle verschiebbaren Termine entsprechend verschoben. Alles, was eilig oder ekelig ist, wurde erledigt. Am letzten Tag würde ich nur noch den Rest vom Laufenden machen müssen.



8 Stunden vor der Stunde Null

Ich empfange eine E-Mail von Dr. Strebsinger. Besprechung zweier Fachbereiche. Es geht um die Laufzeiten. Immer geht es um die Laufzeiten. Nicht für den Kunden, sondern für die Statistik arbeiten wir. Darum sind auch nicht die Fälle am eiligsten, bei denen jemand am längsten auf sein Geld wartet, sondern jene, die man am schnellsten erledigen könnte, auch wenn der Zahltermin in weiter Zukunft liegt. Dabei kann es sich durchaus um Monate handeln. So eine Besprechung wird dauern.



4 Stunden vor der Stunde Null

Besprechung erledigt. Inhalt wie erwartet. Dazu Mehrarbeit ab Januar. Es kommen nur wenige Kollegen mit ihren Ekelakten. Was auch daran liegen könnte, daß wir mittlerweile an Freitagen aufgrund von Kollegen in Teilzeit, Urlaub und Erkrankung kaum noch Personal vor Ort haben. Wieso müssen eigentlich alle Teilzeitkräfte grundsätzlich freitags frei haben? Und nicht zum Beispiel mittwochs? Mittwoche können doch auch schöne Tage sein.



2 Stunden vor der Stunde Null

Mein Schreibtisch ist blank. Nicht blank in dem Sinne, daß ich nichts mehr zu tun hätte. Aber alles, was jetzt noch herumliegt, hat Zeit und kann in den Schrank. Ich riskiere es, mich auf einen pünktlichen Feierabend und damit Urlaub einzustellen. Zur Feier des Tages mache ich mir einen heißen Kakao. Ohne Sahne. Danach fange ich an, mir ein paar schnelle und geistig nicht herausfordernde Fälle von meinen Resten zu holen und beginne, diese zu erledigen.



58 Minuten vor der Stunde Null

Ich schreibe eine E-Mail an meine Kollegen, verabschiede mich und gebe die letzten Hinweise, Bitten und freundlichen Anweisungen für die Zeit meiner Abwesenheit.



32 Minuten vor der Stunde Null

Frl. Hasenclever wünscht mir schon mal einen schönen Urlaub. Donnerstag werden wir uns wiedersehen. Denn es ist Blood Bowl-Tag.



7 Minuten vor der Stunde Null

Mein Arbeitsmaterial beginnt, in den Schreibtisch zu wandern. Auf dem Tisch liegen noch zwei Akten, die ich erst zwischen den Feiertagen benötige, um eine Schulung vorzubereiten.



6 Minuten vor der Stunde Null

Der Fachbereichsleiter des Bereichs Leistungsgewährung erscheint ungefragt.

„Ich hatte gerade einen Typen am Telefon, der wohl schlecht gefrühstückt hat.“

Oh oh, wenn der so anfängt…

„Er hat mich rund gemacht und besteht darauf, seinen Bescheid zu bekommen. Er will nicht zurückgerufen werden, falls es nicht möglich ist, sondern verlangt nach dem Bescheid. Ohne Wenn und Aber. Hier, kümmere dich mal darum.“

Ok, meine Zuständigkeit. Keine Ahnung, warum der Typ so einen Wirbel macht. Der Antrag ist noch fast frisch. Ich kann keinen Grund zu besonderer Eilbedürftigkeit erkennen, es geht um kein Auszahlungen und nichts. Reine Dokumentation. Aber eine fiese Sache.

Nichts, was man den Kollegen hinterlässt. Und schon gar nicht, wenn jemand meint, Terror machen zu müssen.



1 Stunde und 45 Minuten nach der Stunde Null

Dr. Strebsinger wünscht wider besseren Wissens nur ein schönes Wochenende. Ich weise nicht korrigierend auf meinen anstehenden Urlaub hin, um das übliche Abschiedsgesülze zu vermeiden. 



2 Stunden nach der Stunde Null

Akte erledigt. Drei Viertel des Beantragten abgelehnt. Er wollte es nicht anders. Wenn ich nicht ausermitteln darf und die Belege nicht genügen, ist das die logische Konsequenz. Um den zu erwartenden Widerspruch kümmere ich mich in vier Wochen. Oder so.



2 Stunden und zehn Minuten nach der Stunde Null

Urlaubsanfang.



Und irgendwann werde ich es erleben, daß der letzte Arbeitstag so etwas wie einen gleitenden Übergang in die Freizeit bietet. Ohne nochmal so richtig hochgepuscht zu werden.

Schon meldet sich die Lebenserfahrung mit einem abgewandelten Zitat des verblichenen Herrn von Moltke (wahlweise auch Rommel, Clausewitz oder Herrn Müller von drei Häuser weiter):

Kein Plan übersteht den ersten Kontakt mit der Realität.

Isso!



Kommentare:

  1. Übel. Das mit den 2 Stunden. Aber immerhin ist jetzt Urlaub angesagt.

    Und ja, ich habe auch eine Bekannte. Die möchte 1 Jahr vor Rente nur noch die Fälle abarbeiten, die sich derweil sammeln. Hat sie angekündigt. Ihr Chef hat auch abgenickt. Und inzwischen andere Pläne für sie in dem Jahr.

    Sie hat es versucht. Sie will ihren Kollegen ja kein Chaos hinterlassen - und auch die Kunden zufriedenstellen. Und ich sagte schon, als sie das mal erwähnte und stolz erzählte, der Chef hätte schon abgenickt "Das wird nix!". Wollte sie ja nicht glauben. Inzwischen rotiert sie. Wie ein Brummkreisel. Ich hoffe mal, die Geschwindigkeit steigert sich nicht in ungesunde Höhen und sie findet einen sanften Ausgang aus diesem Irrenhaus.

    Ach ja, ist natürlich eine Behörde. Wie sollte es anders sein.

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  2. Zwei Stunden und zehn Minuten.
    Ich erkenne den Fehler … den Kakao OHNE Sahne.
    Das nächste mal MIT und du bist pünktlich draußen! :-)

    Einen wunderschönen und erholsamen Urlaub wünsche ich dir.

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    1. Danke. Aber den Kakao dann mit einem Schuss Rum.

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