Samstag, 31. Oktober 2015

Spielleute in der Hexennacht



Es ist nun auf den Tag genau ungezählte Jahre her, als 
Bruder Bernhard van Instincfeld, der Wandermönch mit dem 
geheimnisvollen, Bilder einfangenden Kasten aus dem 
fernen Lande Nippon, und einige seiner schutzbefohlenen 
Weibsbilder, sich in die Nähe der Gutterdorfer Burg herumtrieben.

Allerlei fahrendes Volk war zugegen, um dort ihre Waren 
feilzubieten oder ihre Künste zu präsentieren. Gaukler und 
Marketenderinnen, Feuerspucker, Wollweber, Bogenmacher, 
Rittersleute und Bauernpack versammelten sich in ihren 
typischen Gewandungen zu einem wahrlichen Durcheinander.


Doch zeigten sich auch weniger sittsam gekleidete Besucher. 
Die Mannsbilder trugen überwiegend, gleich einer Uniform, 
Beinlinge aus einem blau-verwaschenem Tuche, welches Bruder 
Bernhard vollkommen unbekannt war. Und auch die Weiber erdreisteten 
sich, ihre Körper mit solcherart Beinlingen und Hemden, welche gemäß 
der allgültigen Ordnung auf der Welt den Mannsbildern vorbehalten sind, 
zu bedecken. Nicht wenige unter ihnen trugen allerdings, wie es sich für 
Weibsvolk geziemte, ein Kleid. Damit allerdings war es mit 
der Sittsamkeit vorbei, denn auch diese Kleider bedeckten den weiblichen 
Körper nicht so, wie es sich gehörte. Nein, die Weiber zeigten ihre Knöchel. 
Ihre Knöchel! Und mitunter sogar noch mehr vom Beine. Welch sündige 
Nacktheit. Was war dies für eine seltsame Welt. 
Bruder Bernhard schickte ein Stoßgebet zum Allmächtigen. 

Etwas abseits hatten Zimmerleute eine Bühne errichtet, welche natürlich 
das Interesse des Bruder Bernhard begleitenden Weibsvolkes auf sich zog. 
Schnell zückten sie ihre Geldbeutel, entrichteten den Obolus von einigen 
Talern und nahmen Platz. Natürlich hatte Bruder Bernhard seiniges versucht, 
um sie davon abzuhalten. Denn schließlich würde es den Weibern gut zu Gesichte 
stehen, ihre Taler für ein dem Herrn gefälligeres Werk herzugeben. So hatte Bruder 
Bernhard kurz zuvor einen Bäckerburschen gesehen, welcher köstliche Rahmflecken 
feilbot. Und ein solcher Rahmflecken mit ordentlich Schweinespeck hätte ihm 
jetzt wohlgetan. Doch zog Katja unserem armen Wandermönche eine lange Nase, 
und das rechtliche Weibsvolk tat es ihr nach.

Seufzend folgte Bruder Bernhard seinen lustvollen lustigen Weibern, welche sich 
bereits im Vorfeld des heranrückenden kühlen Abends mit reichlich gefüllten 
Humpen Mets versorgt hatten. Denn auch die innere Wärme ist wichtig, bis zur 
Entzündung des großen Feuers würde es noch dauern, und die Zeit, zu der die 
unheiligen Flammen ihre Hitze abgeben würden, galt es zu überbrücken.

Bruder Bernhard war ob diesen Ansinnens erschüttert, doch hatten die 
Weiber es sich in den Kopf gesetzt, so daß er sie trotz redlicher Mühen nicht 
innehalten lassen konnte. Denn ein jeder Mann weiß, daß er dem sturen festen 
Willen eines Weibes wahrlich nichts entgegenzusetzen vermag.

Nun saß die Gruppe in Erwartung des kommenden Spiels des reisenden 
Volkes auf ihren harten und leidlich unbequemen Bänken. Doch besser 
schlecht gesessen als gut gestanden. Als die letzten freien Plätze mit derben 
wie auch mit feinen Ärschen belegt waren und man selbst an Stehplätzen kaum noch 
was anzubieten vermochte, erschien ein Narr auf der Bühne. Weithin hallte seine 
Stimme, kündigte er doch den baldigen Beginn des munteren Spieles an, 
welches dem anwesenden Volke in Bälde dargeboten werden sollte.

Man würde eine Geschichte erzählen, voll Liebe und Hass, Freude und Trauer und 
des wahren Heldenmutes eines Ritters. Wir würden sehen, wie der kühne Recke 
Walther die liebliche Isolde vor einer Intrige des bösen Inquisitors und damit vor 
dem Scheiterhaufen bewahren sollte.

Doch hatte der Narr einen Wunsch an das Publikum zu richten.


„Liebe Leute, es wäre schön für uns, wenn ihr in ansprechender Weise 
auf das dargebotene Spiel zu reagieren vermögt. Dies wollen wir nun mal üben.“


Er wandte sich an den rechten Teil des Publikums.


„Euch allen gebe ich jetzt ein Zeichen. Und wenn ihr dieses Zeichens 
gewahr werdet, dann möchte ich aus euren Kehlen und lautes, wohlig 
erstauntes Aaaaaah vernehmen.“


So gab er das Zeichen, und vielstimmig ertönte das


„Aaaaaaaaaa!“


„War das alles? Nein, das könnt ihr besser. 
Macht es so, als würde euch ein fetter Gänsebraten servieret werden.“


„AAAAAAAAHHH!!!“


„Nun, so gefällt es mir schon recht gut.“


Er wandte sich der linken Hälfte des Publikums zu.


„Und ihr sollet auch nicht ohne Müh verbleiben. 
Gebe ich euch das Zeichen, 
so möge ich im Anschluss ein vielstimmiges, 
ebenso höchst gütig erstauntes 
Ooooooooh vernehmen.“


Wiederum gab der Narr das Zeichen.


„Ooooooooh!“


„War das alles? Die anderen lachen doch über euch. 
Vermisst ihr wohl den Gänsebraten? 
Nun denn, der ist schon vergeben. 
Aber für euch soll es dann eine Haxe sein.“


Das Zeichen ward gegeben.


„OOOOOOOOOHHHH!“


„Wunderbar. Und nun, liebe Leute, üben wir das zusammen. 
Ich gebe euch das Zeichen, ich sage es auch für die weniger 
Sehkräftigen unter euch an. Und los.“


Das Zeichen ging nach rechts.


„Aaaaaahhh!“ 

sprach der Narr.


„AAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHH!!!“ 


echote das Publikum auf der rechten Seite.

Es ging nach links.


„Ooooooohhh!“

rief der Narr.


„OOOOOOOOOOOOOHHHHHHHHHHHH!!!“ 


ertönte das Publikum der linken Seite.

Und immer weiter.


„AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHH!!!“


„OOOOOOOOOOOOOHHHHH!!!“



„AAAAAAAAAAAAAAAAHHHH!!!“



„OOOOOOOOOOOOOHHHH“!!!



„AAAAAAAAAAAAAAHHHH!!!“



„OOOOOOOOOOOOOHHH!!!“



Wild wogte es hin und her, bis schließlich der Ruf des Narren erschall:


„Und nun alle zusammen – YPSILON!“


YPSILON...


Die Stimmen wurden leiser, die Erkenntnis lauter.

Der Narr gluckste.


„Ein paar gibt es immer.“


So verschwand er von der Bühne. Fanfaren erklangen 
und das muntere Spiel um Ritter Walther begann.

Und das, meine liebe Gedankenhüpferin, 







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