Samstag, 10. Oktober 2015

Der Tag danach

Es war Freitag. DerFreitag. Der Tag nach dem großen Gelage beim Chinamann.

Wir saßen in unserem gemütlichen Büro und arbeiteten an den Nachwehen des gestrigen Abends. Zu alkoholischen Entgleisungen war es nicht gekommen. Es wäre auch absolut untypisch gewesen. Aber die am Vortag verinnerlichte Biomasse drückte im Rahmen des unvermeidlichen höchst natürlichen Umwandlungsprozesses noch so manchen. Auch mein entsprechend trainierter Luxuskörper hatte den Vorgang der Nachbearbeitung des gestrigen Abends noch nicht vollendet, doch musste ich bekennen, daß mich ein oder zwei frische Mettbrötchen, bevorzugt mit Kräutermett und ein paar Zwiebelringen, jetzt durchaus erfreut hätten. Platz wäre schon wieder vorhanden gewesen. Nicht in voller Kapazität, das gebe ich zu. Aber zumindest ausreichend für das Ersehnte. Ja, zumindest eines sollte passen. Aber woher zu dieser Stunde nehmen? Nu denn…

Die Fenster zur Außenwelt hielten wir geschlossen. Draußen waren wieder Trötemänner aktiv – Bahnarbeiter, die sich mit dem Rückschnitt des wuchernden Grünzeugs an den vorbeiführenden Gleisen des Neustädter Hauptbahnhofs beschäftigten. Die Motorsägen arbeiteten in einer Tour, nur beständig unterbrochen von den Warnhupen, welche auf einen herannahenden Zug aufmerksam machten. Die Tröten der Trötemänner eben.

Von unseren Knoblauchausdünstungen nahm ich nichts wahr. Außer in jenen Momenten, in denen ich, nachdem ich das kleine gemütliche Büro aus diversen Gründen mal verlassen musste, wieder in selbiges zurückkehrte. Es hatte sich wohl gelohnt. Und die Fenster blieben weiterhin geschlossen, denn die Trötemänner ließen sich Zeit.

Frl. Hasenclever erschien. Sie hatte des kürzeren Weges halber die Nacht bei ihren Eltern verbracht. Als sie spät abends nach der Völlerei dort ankam, gönnte sie sich erst mal einen Schnaps. Uiihh, hätte ich nicht von ihr gedacht. Morgens bekam sie dann die volle Breitseite. Ihre Mutter bot ihr Frühstück an. Feste Nahrung! Nach mehreren Tellern mit irgendwelchen vielbeinigen Seeviechern am Vorabend. Aber Frl. Hasenclever gelang die rechtzeitige Flucht, bevor ihre Mutter den Tisch decken konnte.

Auch Nadja war guter Dinge. Sie hatte eine Lösung für das Ananas-Problem gefunden. Man nehme nicht einfach vier Scheiben frittierter Ananas und ertränke diese auch nicht in Honig, um sie dann zur Enzymübertragung dem Magen zuzuführen, sondern begnüge sich mit nur einer Scheibe und erschlage diese förmlich mit Eis. Gut, dann soll es so sein. Hauptsache, es ist gut für das Wohlbefinden.

Nachdem so langsam wieder Ruhe eingekehrt war und ich mich wieder etwas mehr und – so meine Hoffnung – ungestörter mit dem Verdauen beschäftigen konnte, vernahm ich vollkommen überraschenderweise ein Guten Morgen aus Richtung der Zimmertür. Fast gleichzeitig wurde ich eines kurzen, grellen Lichtscheines gewahr.

Dr. Strebsinger! Sie hatte mich geblitzdingst.

Noch während ich mich von dem Lichtschock erholte, klärte Dr. Strebsinger Mandy und mich auf.

„Ich arbeite an einer Begrüßungsmappe für neue Mitarbeiter. Da müssen auch unbedingt Fotos von einigen Kollegen und natürlich von unserem Seniorsachbearbeiter rein.“

Ja. Klar. Absolut unvorbereitet. Während ich gerade verdaue. Suuuuuper Idee, Dr. Strebsinger.

Eventuell hätten wir wohl doch fragen soll, ob sie mitkommen möchte. 



Kommentare:

  1. So ein Glück, dass Fotos nicht riechen, sonst wäre das wohl eher eine Abschreckmappe! :-D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die wird auch so abschreckend genug - bei DEN zu erwartenden Bildern.

      Löschen
    2. Huch! Wieso? Nee, ich wette, Du siehst ganz freundlich aus! :-)

      Löschen
    3. So freundlich es geht lächelnd verdauend.

      Löschen
  2. Antworten
    1. Jawoll. Was mich übrigens daran erinnert, daß es draußen wieder kälter wird und ich hier endlich wieder Suppen und Eintöpfe kochen darf. :-)

      Löschen
  3. au weia, die Dünste dürften die morgentliche Fotographin fast erschlagen haben, schätze ich....

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sie ist jedenfalls nicht richtig ins Zimmer gekommen, sondern hat von der Tür aus fotografiert.

      Löschen