Donnerstag, 29. Oktober 2015

Ausputzer

Kommen wir zurück auf ein Thema von gestern. Welt, was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Es fing doch an sich ganz ordentlich an.

Auf der morgendlichen Fahrt ins Büro habe ich mir die Geschichte durchdacht, die ich der Frau Gedankenhüpfer noch schuldig bin. Die weitere Planung des Tages sah dann vor, mal wieder Ordnung auf meinem Schreibtisch zu schaffen. Zuviel Vertretung und sonstige Arbeit für andere, Aktenkorrekturen, die man selbst erledigt anstatt jeden Mist zurückzugeben, nur damit es schneller geht, und andere Dinge mehr haben ihre Spuren hinterlassen.

Da die Kollegen sich zu einem gemeinsamen, alle paar Monate stattfindenden Geburtstagspausensammelfrühstück der in diesen, seit der letzten Runde vergangenen Monaten Geborenen versammelten, von dem ich mich üblicherweise zur Vermeidung einer potentiellen Panikattacke tunlichst fernhalte, konnte ich weitgehend ungestört durcharbeiten. Kommt in letzter Zeit nicht sehr oft vor. Mandy und ich haben schon unsere Bürotüren geschlossen, um zu signalisieren, daß wir mal unsere Ruhe haben wollen. Doch ist zwischendurch wohl ein Gewöhnungseffekt eingetreten, die Zahl der Fragenden nimmt wieder zu. Als nächsten Schritt haben wir überlegt, mangels Abschließbarkeit der Türen – wir haben bekanntlich keinen Schlüssel zu unseren eigenen Türen, so etwas gibt es nur für unsere Putzfrauen – die Türklinken unter Strom zu setzen.

Starkstrom, damit es sich auch lohnt.

Endlich mal wieder habe ich mich also nur mit meinen eigenen Akten beschäftigen können, da ich auch noch bereitliegende Vertretungsakten konsequent ignorierte. Es ist ordentlich was weggegangen, so daß meine Wunschvorstellung in die Nähe einer möglichen Realität rückte, den Arbeitstag mit einem pünktlichen Feierabend ausklingen zu lassen, zu Hause die zweitbeste Ehefrau von allen von meinem Sofaplatz zu vertreiben und endlich die besagte Geschichte zu schreiben - dieser Platz auf dem Sofa ist im Moment aus ganz praktischen Gründen der einzige Ort, an dem ich mit dem Laptop arbeiten kann.

Drei Minuten vor Ultimo kam Kollege Harnischfeger in unser lauschiges Büro.

„Ich muß jetzt nach Hause. Morgen und übermorgen habe ich frei, das neue alte Haus erwartet meine Anwesenheit. Renovierung tut Not.“

Bis hierhin war alles wie geplant.

„Herr Paterfelis, wenn Sie Lust haben, könnten Sie mal einen Blick in den Aktenstapel an meinem Schreibtischrand werfen. Das sind noch ein paar Vorgänge zur Abgabenerhebung. Ich komme damit nicht weiter, aber für Sie ist das doch bestimmt ein Klacks.“

Klingt jetzt dreist, ist es aber nicht unbedingt. Herr Harnischfeger hat so seine Probleme mit dieser Art Akten. Und meisten sind es wirklich nur Kleinigkeiten für mich, die schnell erledigt sind. Dafür hilft er mir auch bei Leistungsakten, mit denen ich so meine Not habe.

„Ich schau mal. Die individuellen Jahresabschlüsse machen Sie aber auf jeden Fall alleine. Ich habe bei meinen am Dienstag alleine vier Stunden gebraucht, um meine Kunden an ihre Mitwirkungspflichten zu erinnern.“ Ja, ernsthaft. Das ist ein Massen- und gleichzeitig ein Termingeschäft. Sehr nervtötend.

„Ja, bin schon dran. Ich muß jetzt, der Zug wartet nicht. Ich danke Ihnen sehr, Sie machen mich zu einem glücklichen Mann. Schönen Feierabend.“

„Sagen Sie es nicht weiter, ich habe einen Ruf zu verlieren.“

Neugierig geworden habe ich mir den Stapel geholt, ihn durchgesehen – und fast einen Herzinfarkt bekommen. Da lagen uralte Anfragen, als dringlich markierte Telefonvermerke sowie Beschwerdeandrohungen wegen Untätigkeit drinnen. Und die meisten Sachen hätte man wirklich in ein paar Minuten erledigen können, wenn sie nicht so lange liegen geblieben wären. Jetzt aber wurde es schwierig, da verschiedenen Dinge durch Zeitfortschreiten erst bereinigt werden mussten.

Scheiße.

Also los, zur Beschwerdevermeidung retten was zu retten ist. Feierabend auf unbestimmte Zeit verschieben. Kotau machen vor der Kundschaft. Was man eben so macht.

Dabei hatte ich durchaus im Hinterkopf, daß mir Frl. Hasenclever unlängst eine Akte von Herrn Harnischfeger hat zukommen lassen, welche dort auch schon am verschimmeln war. Auf richterliche Anordnung hatten wir einen Bescheid in einer bestimmten Form auszufertigen. Die gesetzte Frist war längst abgelaufen. Und wieder handelte sich um eine Sache, mit der Herr Harnischfeger nicht klargekommen wäre. Was ich durchaus verstehe, aber er hätte mich jederzeit um Hilfe bitten können. Oder darum, die Sache im Tausch gegen was anderes zu übernehmen. Aber nicht liegenlassen. Auf keinen Fall!

Diese Drecksakte hat mich am Freitag vier Stunden meiner Arbeitszeit gekostet. Die intellektuelle Herausforderung war dabei noch gering; wenn man weiß wie es geht, war es vielmehr eine reine Fleiß- und stumpfsinnige Schreibarbeit.

Und jetzt auch noch das!

Bis auf zwei Vorgänge habe ich den Stapel weggehauen. Die beiden restlichen Akten, in denen wirklich täglich mit einer massiven Kundenbeschwerde zu rechnen war, mussten jetzt für den nächsten Tag liegenbleiben, weil die etwas intensivere Betrachtung verdienen. Da muß ich mich richtig einarbeiten. Ich könnte kotzen.

Rebecca rief mich zwischendurch an.

„Oh, Rebecca. Gut, daß du mich hier unterbrichst. Ich bin gerade dabei, aus der Hose zu springen.“

„Ähm, das muß ich wohl nicht sehen.“

„Warum das denn nicht?“

„Ähm, och, oder mache es einfach. Ich halte den Anblick schon aus.“

Na ja, sie ist jetzt ja lange genug verheiratet und dürfte schon mal einen nackten Mann gesehen haben.  Obwohl – muß nicht sein. Meine Tante hat trotz zweier Kinder auch noch nie einen nackten Mann gesehen. Und mein Onkel sie auch noch nie in dem Zustand. Dabei haben die ihre goldene Hochzeit auch schon lange hinter sich. Wem’s gefällt…

„Rebecca, ich mache hier gerade ein paar alte Abgaben-Akten vom Harnischfeger.“

„Ja, davon hat er einen ganzen Stapel. Während er mal einen Tag nicht da war und ich sein Telefon hatte, musste ich schon ein paar Kunden von ihm am Telefon gaaaaanz vorsichtig wieder runterbringen. Da war zum Beispiel dieser Koch, der…“

„…unbedingt fürs Finanzamt eine Bescheinigung brauchte.“

„Ja, genau.“

„Jupp, die habe ich gerade fertig gemacht.“

„He, mit dem habe ich Ende August telefoniert.“

„Hast du. Und dem Harnischfeger die Telefonnotiz mit rot leuchtendem Dringlichkeitsvermerk versehen.“

„Die Akte habe ich mitten auf seinem Tisch gelegt, damit er die sofort erledigt.“

„Tja, vergebliche Liebesmüh.“

Montag, wenn er wieder da ist, werde ich ihn mit einer siffverstärkten, rostigen, stumpfen Eisensäge filetieren. Ganz langsam. Das steht ganz oben in meinem Kalender. Sollte noch jemand passende Alternativen kennen, bitte ich um entsprechende Anregungen.

Danke im Voraus.

Um die Reste wird sich Frl. Hasenclever kümmern. Die konnte ich da nicht raushalten, selbst wenn ich gewollt hätte. Wollte ich aber nicht. Aus verschiedenen Gründen, die ich hier jetzt nicht weiter ausbreiten möchte.

Feierabend. Durch das Treppenhaus ein paar Etagen nach unten, da unser Aufzug in den letzten Tagen dazu neigt, zu streiken. In weniger als einer Woche gab es drei Mal die Situation, daß Kollegen damit stecken blieben. Der Techniker war da, geändert hat sich aber nichts. Und jetzt traut dem Ding eben niemand mehr. Und mit was? Mit Recht! Ich freue mich schon darauf, morgen die Treppen nach oben zu latschen.

Und dann ging es nach Hause. In die Wohnhöhle. Erst mal Dinge wegräumen, die ich nicht an ihren Fundorten liegen gelassen hatte. Musste aber sein.

Ja, ich war sauer.

Richtig sauer.



(Text nach der gestern erstellten Urschrift entschärft.)



Kommentare:

  1. Hrm.
    *auf ihre Tafel Schoki schaut*
    *sich an den Vortag erinnert*
    *Entrecote (argentinisch) medium rare brät*
    *Paterfelis serviert*
    Wenns lieber gut durch sein soll oder so... einfach mit dem Finger schnipsen. Kräuterbutter liegt anbei.

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    1. Sehr liebenswürdig, vielen Dank. Ich habe mich zwar wieder auf Normalmaß runtergeschraubt, aber ich nehme es trotzdem. :-)

      Und am Wochenende wird gegrillt.

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    2. Uuuuh... darf ich vorbei kommen? *_*
      Ich bring auch keine 300g Milka-Tafeln mit. Versprochen. :D

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  2. Mein Tipp: Nutze die morgige Abwesenheit des Kollegen und verstecke (aber richtig gut, reiße zur Not irgendwo ein Stück Wand raus und maure sie ein!) in seinem Büro folgende Dinge:
    - 1 gekochtes Ei ohne Schale
    - 1 Orange
    - 1 Handvoll gekochten Kohl
    Lege ihm des Weiteren alle gesammelten Akten der Belegschaft, die er mit seiner Kompetenz bearbeiten kann, auf den Schreibtisch. Dazu ein kleines Schild: Pro so und so viel Akten verrätst Du ein fieses Stinkeversteck ...
    Übers Wochenende dürfte der Kohl schon recht streng zudünsten. Das Ei folgt auch recht schnel, aber unterschätz mir die Orange nicht! Die braucht, ja, aber dann ... muahaha!

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    1. Wand? Mauern? Die Hütte ist in Leichtbauweise errichtet. Bei Rigipsplatten gibt es nichts zu mauern. Außerdem sitzt der Bursche nicht alleine in dem Zimmer. Und sein Gegenüber kann ausnahmsweise nichts dafür. Der ist selbst schon genervt.

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    2. Siehst Du? Genau DAS ist das Problem in diesem Land! Da hat mal einer eine richtig gute Idee, und dann wird wieder nur von allen Seiten genölt, warum das nicht geht. Genau das! :-P

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    3. Meine Angetraute hat auch gerade eine richtig gute Idee. Gib mal 750.000 Euro, damit wir das umsetzen können. ;-)

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    4. Hier bitteschön, *rüberreich*, aber erst waschen und schälen, gelle?

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    5. Watt? Noch nicht mal Bio? ;-)

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  3. "... mit einer siffverstärkten, rostigen, stumpfen Eisensäge filetieren ..."
    Siffverstärkt, aha. Kenne ich noch gar nicht. Und ich würd ja den Stuhl oder den Tisch, auf derm er liegt, auch noch unter Strom setzen. Dann hat er noch ein paar Reize mehr.

    Behörden und ihre Arbeitsweisen - ja, mit manchen habe ich auch so meine Erfahrungen. Ich könnte da auch so manches Mal k*tzen. Wenn ich so arbeiten würde oder meine Kunden so abhandeln würde oder gar mein Finanzamt ...
    ... aber lassen wir das, aufregen hilft nicht. Zumal es in den Ämtern auch (leider) immer wieder solch idealistischen Leute gibt, die dann Ausputzen. Und die, die der ganze Shit treffen müßte, die bleiben sauber. Leider.

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    1. Frl. Hasenclever zog durchaus in Erwägung, es auf eine oder mehrere Beschwerden ankommen zu lassen, hat den Plan dann aber wieder verworfen. Zunächst mal wäre sie es, die es dann ausbaden müsste, und nicht der Verursacher. Und außerdem kommen in den Fällen, in denen man es sich aus welchen Gründen auch immer wünscht, nie Beschwerden. Die fängt man sich dann in den Fällen ein, in denen es eher unverdient war. Ist leider so.

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  4. Paterfelis, Du bist zu gut für diese Welt.Weiss das der Herr Harnischfeger überhaupt zu schätzen, was Du da für ihn geleistet hast??? Ich denke nicht. Hoffe Du machst es das nächste Mal anders! Bei den Leistungsakten hilft Dur auch garantiert ein(e) andere(r) Kollege/Kollegin. So wuselig und konfus die Abteilung vielleicht auch sein mag, aber wenn es hart auf hart kommt, dann halten alle zusammen, gerade wenn es darum geht sich nach "oben" zu verteidigen.Das ist wie in einer ganz normal (wahnsinnigen) Familei von heute auch so. Die Kinder schlagen und streiten sich aber wenn es darum geht sich gegen die Eltern zu stellen oder zu verteidigen, halten Sie zusammen. Naja, und da gibt es auch leider immer schwarze Schafe in den Familien, die sich grundsätzlich und immer quer stellen, die damit aber meist auch nicht weit kommen und irgendwann auf die Schn... auf den Mund fallen. Thats life :-) Schönes Wochenende!!

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    1. Harren wir der Dinge, die da noch geschehen.

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