Sonntag, 10. Mai 2015

Nur der Zaun kann sie halten

Nachdem ich mal wieder in der Wohnung herumgekramt hatte begann ich, Stimmen zu hören. Es war die verlockend süßliche Stimme unseres Monsters, welche mir immer und immer wieder einflößte, nun baldmöglichst den freien Sitzplatz einzunehmen. Den mit dem besten Blick auf den Fernseher. Kann man solchen Verlockungen widerstehen? Keinesfalls, denn so ein Monster ist ja auch sensibel. Selbst dann, wenn es nur aus Holz, Stoff und Schrauben besteht.

Also platzierte ich meine Allerwertesten auf die mir dargebotene  Stelle, nahm eine der bereitliegenden Fernbedienungen zur Hand und begann zu sondieren, was das von uns genutzte Video-on-demand-Portal denn so an unterhaltsamen Dingen für mich bereitgestellt hat. Es war noch ausreichend Zeit für einen Film, bevor die zweitbeste Ehefrau von allen wieder auf der Bildfläche erscheinen und damit das Ansehen männerfreundlicher Kulturfilme vereiteln würde.

Mir war nach Trash, und natürlich wurde ich fündig. Filme, welche von The Asylum produziert wurden, erfüllten meine in diesem Moment an sie gerichteten Erwartungen. Man konnte sie mit abgeschaltetem Gehirn konsumieren, dabei im Internet surfen und alle paar Minuten wieder die Aufmerksamkeit auf sie richten, ohne den Eindruck zu gewinnen, auch nur irgendetwas der zumeist strunzdummen Handlung verpasst zu haben.

Nach fünf abgelaufenen Minuten, es gab auch schon den ersten von einem Roboterangriff verursachten Todesfall, machte sich das Telefon bemerkbar. Eine Reihe von raffinierten elektronischen Bauteilen und eine hochkomplexe Software identifizierten den Anrufer als die zweitbeste Ehefrau von allen. Ich stellte also die Verbindung durch Drücken die Annahmebereitschaft signalisierenden Taste des Apparates her. Die zweitbeste Ehefrau von allen kündigte eine alsbaldige und somit unerwartet frühe Rückkehr von der Trainerschule an, in der sie zur Zeit daran arbeitet, als letzte Stufen der Trainerausbildung die Qualifikation eines Personal Trainers sowie nachfolgend eines Medical Fitness Coaches zu erreichen. Und wie so oft vermeldete sie, mit ausgeprägten Hungergefühlen zu Hause aufzuschlagen.

Also fand der Low-IntelligenceBudget Film vorzeitig sein verdientes Ende. Ich vermutete, daß die Guten wohl 85 Minuten später gewonnen haben würden, konnte mir dessen aber natürlich nicht sicher sein. Die Zeit wird erweisen, ob ich später die Kraft aufbringe, mir das nochmal anzutun.

Während ich in der Küche werkelte und in einer Zwischenphase darauf wartete, daß die Kombination von Pfanne und stromversorgten Induktionsfeld ihrer Bestimmung dahingehend nachging, einem Stück toten Tier auf natürliche Weise veredelter Pflanzenrohkost (einfach dran glauben, auch wenn man es besser weiß) Röstaromen zu verpassen, hörte ich von draußen Kinderstimmen. Familie Lewandowski hatte nämlich Besuch empfangen und diesen großzügig auf ihrer Terrasse sowie im Garten geparkt. Dank ihres eigenen Sprösslings sowie dem von den Besuchern mitgebrachten Nachwuchs tummelte sich auf dem Nachbargrundstück nunmehr eine riesige Kindermeute.

Ein Blick durch das Küchenfenster belehrte mich darüber, daß sich alle beiden Kinder sowie die jeweiligen Elternteile an dem die Grenzlinie zwischen ihrem und unserem Grundstück bildenden Jägerzaun aufgebaut hatten. Insbesondere bei den zwei Kindern machte sich Aufregung breit, jedoch vermochte ich nicht zu erkennen, was der auslösende Faktor war. Ich vermutete, daß man beim Spielen mal wieder einen Ball zu uns befördert hatte, den man sich nun nicht zu holen wagte.

Es ist ein weiter Weg, die offizielle Strecke von ihrem in unseren Garten zu bezwingen, während der lewandowskische Jägerzaun es vermutlich nicht verzeihen würde, wenn ihn jemand überstieg und dabei hängen blieb. Das Teil hatte schon bessere Tage gesehen und neigte zwischenzeitlich zu einer gewissen Instabilität.

Ich verließ die Küche, um kurz von unserem Esszimmer aus einen Blick in einem günstigeren Winkel nach draußen zu werfen, als ich auch schon erkannte, was der Auslöser des Menschenauflaufes war. Es waren derer sogar zwei.

Lilly!

Und Marty!

Beide hatten es sich und friedlicher Koexistenz auf der Fensterbank gemütlich gemacht, um ihren Bestimmungen nachzugehen und nach draußen zu glotzen. Katzenfernsehen halt. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn Smilla selbiges von einer der anderen noch freien Fensterbänke aus in die gleiche Blickrichtung getan hätte. Die Kindermeute hatte sie gesehen und war fortan kaum noch zu halten.

Aber eines sage ich euch gleich: Streichelzoo ist bei uns nicht drin.




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