Samstag, 2. Mai 2015

Germanys next Supersize-Model

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich die Zeit am ersten Mai zu vertreiben. Man könnte demonstrieren gehen für Frieden und Arbeitnehmerrechte. Ebenso könnte man den Tag - in diesem Zusammenhang allerdings recht sinnfrei - im Bett verbringen, weil man sich nach dem Aufstellen eines Maibaums den Rücken verrenkt hat. Als Alternativbegründung für den anhaltenden Matratzenhorchdienst ließe sich aus das Ausschlafen eines Rausches nach dem Tanz in den Mai oder die Verarbeitung von Nachwehen der Feiern zur Walpurgisnacht aufführen.

Natürlich war bei mir wieder alles anders. Es zeichnete sich schon vor Tagen ab, als im Hause Paterfelis folgender kleiner Dialog zu vernehmen war:

„Schatz, am ersten Mai bin ich nachmittags weg. Rajiv will für die Homepage der Trainerschule neue Bilder anfertigen lassen. Portraits von den Referenten und einige Situationen während der Ausbildung im Kursraum und in den Studios. Und für mein Sportprogramm soll da auch was gemacht werden. Er hat extra eine professionelle Fotografin engagiert.“

„Ok. Und ich bin dann als Vertreter des gewöhnlichen Menschen aus dem Volke dabei.“

Dieser von mir so leicht ausgesprochene und selbstverständlich keinesfalls ernst gemeinte Satz, das werdet ihr ahnen, hatte Folgen.

Tage später.

„Ich habe Rajiv gesagt, daß du als Model mitkommen wirst.“

An dieser Stelle möge der kundige Leser das leise Geräusch einer bei mir unmittelbar einsetzenden Schnappatmung gewahr werden.

„Ich brauche da unbedingt jemanden mit Übergewicht und kenne niemanden, der das sonst machen würde.“

Wie heißt es so schön? Wer sich in Gefahr begibt, also in diesem Falle ich, kommt darin um.

Am ersten Mai zogen wir also von dannen Richtung des als Zentrum des Geschehens bezeichneten Ortes sportlicher Ertüchtigung. Es war keines jener Studios, in denen ich mich wohl fühlen könnte. Dafür sorgte schon das hier anzufindende Publikum an den Geräten, die Ausstattung und die dröhnende, hochgetaktete Musik. Aber es ging um die Voraussetzungen, die zu erfüllen waren, um die Fotos machen zu können.

Nachdem die für mich als Soziophobiker schreckliche Phase überwunden wurde, in der noch vereinzelt Menschen auftauchten und sich zu einer gleichfalls übersichtlichen Gruppe gesellten, ging es irgendwann Schlag auf Schlag zur Sache, so daß ich mich weitgehend abseits halten konnte. 

Horden von Menschen sammelten sich schließlich, um auch verschiedene Kurssituationen darzustellen. Einige kannte ich immerhin und verschiedentlich wusste man sich auch an mich noch von meiner Vortragstätigkeit her oder aus dem Sporttempel zu erinnern. Hier kam ich emotional zurecht. Wir, die wir gerade nicht benötigt wurden, warteten vor dem Kursraum und beobachteten das Geschehen durch die große Glaswand. Natürlich sparten wir nicht mit intelligenten, sachkundigen, konstruktiven Kommentaren, insbesondere bei einem tanzbasierten Kursprogramm.

„Was machen die da?“

„Weiß ich nicht, ich habe schon Sekunden nach dem Anfang aufgehört, da mitkommen zu wollen.“

„Oh, diese Bewegung war jetzt der klassische Hip.“

„Und das?“

„Das nennt man das klassische Wedeln.“

„Oh, das jetzt kenne ich. Ein Kick. Ganz klassisch. Und noch einer.“

„Ob die knatschig werden, wenn wir jetzt alle TOR brüllen?“

In bester Statler-und-Waldorf-Manier ließ sich auf einem bequemen und passender Weise gegenüber der Glaswand aufgebauten Sofa sitzend durchaus die Zeit vertreiben.

Rajiv kam vorbei und warf von außen einen Blick auf das Geschehen in dem weitgehend schalldichten Kursraum. Nur wenige Musikfetzen drangen nach draußen, doch wurden diese sofort von der im Rest des Studios dröhnenden Musik überlagert.

„Hey, die sind ja gar nicht im Takt zur Musik. Doch, jetzt sind sie es. Ups, auch schon wieder vorbei.“

„Da, jetzt ist Trikot-Wechsel.“ 

Die im Kursraum befindlichen Mädels bildeten eine lockere Mauer, um die Sicht auf jene zu verdecken, welche kurz das textile Oberteil austauschten.

„Ob die wissen, daß die Wand hinter ihnen ein von hier gut sichtbarer Spiegel ist?“

Es wurde hektisch im Kursraum.

„Ah ja, jetzt haben sie es gemerkt.“

Tja, zu spät ist zu spät.

Sehr zu ihrem  Leidwesen und natürlich ohne Vorankündigung von Rajiv musste die zweitbeste Ehefrau von allen sich auch als neue Referentin der Trainerschule präsentieren. Mein ewiger Vorschlag, ihn endlich mal zu hauen, wurde natürlich und vollkommen erwartungsgemäß wieder abgelehnt.

Nach Stunden kam auch ich an die Reihe. Großer Auftritt Paterfelis, während sich die meisten der zuvor noch anwesenden Menschenmassen bereits verabschiedet hatten. Ich wurde von einer der Trainerinnen in Fortbildung auf einem Sportgerät eingewiesen. Später ging es dann in die nächste Runde. Meine Angetraute absolvierte mit mir als ihrem Kunden eine Übung.

So verging die Zeit.

Immerhin kann ich jetzt mit Fug und Recht behaupten, wirklich mal den ganzen Nachmittag im Sportstudio verbracht zu haben.




Kommentare:

  1. Übergewichtiger... Pfffft..... Wohlgenährt. Oder Seitenstabiloptimierter. Aber Ü.B.E.R.G.E.W.I.C.H.T.I.G.E.R!!! Abartig gemein. Echt jetzt!

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