Samstag, 18. April 2015

Partykeller

Damals war es. Damals, das sind die frühen bis mittleren 1980er Jahre. Die Zeit der Kindergeburtstage war vorbei.

Rücksturz in die Vergangenheit.

Wir sind keine Popper und auch keine Punker. Wir sind Angehörige der unauffälligen breiten Masse an Teenagern.

Die Eltern zweier meiner Kumpels haben Partykeller – oder zumindest einen Raum im Keller, den man entsprechend nutzen kann. Relikte aus den 1970ern. Wir beginnen, diese für uns zu nutzen. An Geburtstagen. Zu Silvester. Vier Jungs, vier Mädels. Der harte Kern. Mal ein paar mehr auf Seite der Jungs, mal ein paar weniger auf der Seite der Mädels.  

Mittags den Raum vorbereiten, Musik, Getränke und Knabberzeug anschleppen.

Anlage kaputt? Kann jemand seine von zu Hause ankarren lassen?

Jau, ich. Radio, Kassettendeck und Plattenspieler, alles in einem Stück. Keine Einzelkomponenten. Gebraucht für 200 DM von meinem Cousin gekauft. CDs waren noch kein Thema.




Oh, die hat ja Anschlüsse für vier Boxen. Wusste ich gar nicht, ich habe ja nur zwei. Testen wir mal aus was geht und hängen noch zwei weitere dran.

Hört sich gut an.

Bumm.

Danach Stille.

Leistungsgrenzen überschritten, Sicherung von dem Teil im Arsch. Auf was man alles achten muß.

Bringt eben jemand anderes einen Ghettoblaster mit. Oder das, was man dafür hält. Hauptsache, das Ding erzeugt brauchbare Töne. Wenn auch nur von Kassetten.

Erste Tanzversuche. Klammerblues mit der vergebens Angehimmelten.

Herumalbern.

Unter uns Jungs reden wir uns nicht mit dem Vornamen an, sondern mit dem Nachnamen. He, Müller, machst du mir eine Cola? Wo ist der Schmidt? Boah, Lehmann, nicht so lahm. Ist nur eine Phase, die legt sich wieder.




Die Luft lässt sich in fingerdicke Scheiben schneiden. Dazu benötigt es keinen anwesenden Raucher. Gibt es bei uns auch nicht. Den Geruch dieser Luft werde ich auch in Zukunft nicht vergessen. Immer, wenn ich diese Musik höre, auch noch in 30 Jahren, wird er mir wieder in die Nase kommen. Ich weiß es jetzt, Mitte der 1980er Jahre, nur noch nicht.

Zumindest etwas, was nie endet.

Nahrungsmittelversorgung aus der Küche der eine Etage höher anwesenden Eltern. Uncool, aber praktisch. Später werden uns die EZBs, wie wir sie unter uns nennen, auch mal ganz alleine feiern lassen und sich woanders in Sicherheit bringen.

Es gibt Gulaschsuppe oder auch mal Schweinebraten mit Äpfeln aus dem Römertopf. Baguettes und selbst gemachte Kräuterbutter. Gegessen wird in der Küche.

Im Keller stehen Chips bereit. Die guten aus der grün-roten Tüte.

Getränke? Kein Korn, Bier, Schnaps und Wein. Wir feiern ohne Alkohol. Nicht, weil wir nicht gedurft hätten. Ok, hätten wir wahrscheinlich auch nicht. Aber es hat auch niemand das Bedürfnis danach.

Cola, Fanta, Apfelsaft. Gerne alles zusammen gemischt in einem Glas. Idealerweise mit Zitronenscheiben und Eiswürfeln. Ich bin einer von den ganz Harten, verzichte auf die Fanta und trinke Cola-Apfelsaft unverdünnt.




Dann mit dem alten Rennrad zu einem der Kumpel nach Hause, um dort zu übernachten. In späteren Jahren mit dem Mofa über Land die 10.000 Meter nach Hause fahren. Mit dem einzigen unfrisierten Mofa im Umkreis von 20 Kilometern. Mindestens.

Auswärts schlafen finde ich blöd. Wieder etwas, was sich nie ändern wird. Auch nicht als älterer, grauhaariger Herr.

Am nächsten Tag ist gemeinsames aufräumen angesetzt. Es wird auch eine kleine Party für sich. Reste am nächsten Tag durch Entsorgung im eigenen Magen vernichten hat auch etwas Zeitloses. Alle sind dabei, niemand ist ausgefallen.

Alles hat irgendwie einen Sinn.

Damals, bei uns, in den 1980ern.

Damals. Damals. Damals.

Rücksprung in die Gegenwart.

2015.

Alles ist anders.

Ich bin dann mal weg, um meine Krise auszuleben.





Kommentare:

  1. Oh man. In dieser Woche im Keller (48 qm ungenutzter Raum mit Möblierung aus den späten 80ern - wie zur Hölle kam der Sechs-Meter-Tisch in den Keller???) mal wieder nach dem Rechten geschaut. Und überlegt, dass das nun ein prima Heimkino geben könnte. Muss mal nachmessen ;-)

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    1. Ungenutzter Raum? 6-Meter-Tisch? Spielplatten rausholen, auflegen und Zockerabend!

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  2. Oh Mann! Kann nicht schlau kommentieren, bin geflashbacked! "Heartache to heartache we stand ..." *sing*

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    1. Ich nehme auch dumme Kommentare an. Los, du schaffst es. :-D

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  3. Cola-Apfelsaft? COLA-APFELSAFT?! Wissen Sie etwa nicht, welch' Vielzahl an potentiell krebserregenden Stoffen, die erst noch entdeckt / erfunden / benamt werden müssten, wenn es sie denn überhaupt gäbe, bei der Mischung von Cola und Apfelsaft generiert werden? Teufelszeug! Untergang des A...pfelsaftlandes! Pfui.
    Als ob der Umstand, dass Sie Zuckerbrühe mit Zuckerbrühe kombinierten, nicht schon schlimm genug war. Schon mal daran gedacht, was das mit Ihren Zähnen gemacht hat, hm? Die Säure aus der Cola zerstört den schützenden Zahnschmelz, und der böse, pure Zucker erledigt den Rest! Können Sie solche Konsumgewohnheiten und den damit verbundenen Raubbau an Ihrer (Zahn- und auch sonstiger)Gesundheit gegenüber dem solidarisch finanzierten System der gesetzlichen Krankenkasse (der gehörten Sie doch möglicherweise damals noch an?!) ruhigen Gewissens verantworten?
    Erschreckend.

    [Ohja, genau so war das... die Musik... Knabberzeug, Getränke etc. von den namhaften Herstellern, denn "no name" und Discounter (außer dem einen) gab's nicht ... manchmal spendierten die Gastgeber-Eltern unter wohlwollender Aufsicht eine begrenzte Menge an bspw. Bowle, Sekt oder ein Schlückchen Sahne-Likör, um sich danach weise lächelnd in ihre Gemächer zurückzuziehen.
    Und diese Woche habe ich freudig überrascht gelesen, dass a-ha im nächsten Jahr mit ihrer "Cast in steel"-Tour nach Deutschland kommen. Ich geh' ja sonst nicht auf Konzerte, aber da würde ich eine Ausnahme machen :-) ]

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    1. Ich war jung, brauchte das Geld und bin immer noch Kassenpatient.

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  4. *seufz*
    Self Control.... wie oft habe ich jene verloren in jener fernen Zeit.... zumindest in Gedanken ;-)
    Ach was hatten wir für schöne Musik.

    Liest sich ein bißchen wie Geburtstagsblues (?)
    Ich hoffe, er ist überwunden, weil wir 68er ja hart im Nehmen sind, nicht wahr?

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    1. Das hat jetzt nichts mit Geburtstagen zu tun. Aber es stimmt natürlich: Wir sind die Härtesten. Absolut!

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