Samstag, 25. April 2015

Ein zeitloser Schatz

Es war Weihnachten vor über vierzig Jahren, vermutlich um 1972, genauer kann ich das nicht mehr eingrenzen, als ich mein erstes, eigenes Buch geschenkt bekam. Auf jeden Fall war ich so jung, daß ich noch nicht lesen konnte. Es handelte sich um ein Märchenbuch, wie es sich für Kinder in dem Alter wohl gehört.

Bis ich selber lesen konnte, wurde mir aus dem Buch vorgelesen. Selbst erinnern kann ich mich nicht mehr daran, aber meine Mutter erzählt, daß sie die Märchen früher beim Vorlesen mit Absicht schon mal etwas verändert hatte, was stets mit einem Protest meinerseits quittiert wurde. Die Märchen sollten gefälligst richtigerzählt werden, so wie sie einst in grauer Vorzeit niedergeschrieben wurden. Später habe ich dann selbst immer wieder in dem Buch gelesen.


Das erste von hunderten Büchern

Das letzte Märchen in dem Buch heißt Die Nixe im Teich. In diesem Märchen wird der Sohn eines Müllers von einer Nixe in ihren Teich gezogen und dort behalten, bis seine Verlobte ihn schließlich retten kann und die beiden nach vielen Jahren wieder zueinander finden. Und wenn sie nicht gestorben sind… Märchen eben.

Nachdem ich dieses Märchen zum ersten Mal gelesen hatte, träumte ich in der Nacht davon. Das weiß ich noch bis heute. In meinem Traum wurde mein Vater von der Nixe geholt. Erzählt habe ich dies meinen Eltern nie. Dieses eine Märchen habe ich danach nicht mehr gelesen, ja noch nicht mal die Seite aufgeschlagen, auf der sich eine Illustration von der Nixe befand. Das Bild selbst habe ich bis heute noch vor Augen und die Geschichte rund um den Traum und das Buch auch nie vergessen. Sie ist mir sehr präsent geblieben.


Die Nixe und der Müller

Der genaue Inhalt des Märchens selbst ist im Laufe der Jahre allerdings verblasst. Es scheint auch eines jener Märchen zu sein, welches sich nicht ganz so großer Popularität erfreuen wie Hänsel und Gretel, denn ich wüsste auch nicht von einer Verfilmung oder einem entsprechenden Theaterstück.

Nun habe ich das Buch wieder aus dem Bücherregal geholt.  Der Einband wurde schon häufiger geflickt; man bemerkt das Alter und die lange Lagerung auf einem Speicher. Ich habe niemanden, dem ich Märchen vorlesen könnte, aber dennoch konnte ich dieses Buch vor ein paar Jahren, als ich mein altes Spielzeug und viele Kinder- und Jugendbücher verschenkt habe, nicht abgeben. Dieses nicht, und einige andere der alten Bücher auch nicht. Ich hänge einfach zu sehr daran.

Ja, tapfer wie ich bin, habe ich die entsprechende Buchseite aufgeschlagen. Ich las mir das letzte Märchen des Buches nochmal durch. Vielleicht werde ich dies auch noch mit den anderen machen, mal sehen. Es ist ein schönes Märchen. Typisch, ohne Besonderheiten. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieses Märchen mich so verängstigte. Mit den anderen hatte ich derartige Erlebnisse nie.

Und ich hoffe, heute Nacht gut schlafen zu können. Ohne Träume von bösen Teichnixen.

Ich bin ja schon groß.



Kommentare:

  1. ah, das kenn ich, ich hatte sehr ,sehr drastische Illustration bei Rotkäppchen, ich hab mich als Kind davor so gegruselt....ich hab immer weiter geblättert, weiß ich noch wie heute, is bestimmt schon 45 Jahre her..leider gibts da Buch nich mehr...
    finde ich beeindruckend, wie intensiv diese Eindrücke aus der Kindheit sein können...

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    1. Es ist für mich auch immer wieder erstaunlich, an wie viele kleine und an sich sogar bedeutungslose Szenen man sich noch nach Jahrzehnten erinnern kann.

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  2. Ich finde, der Müller sieht viel furchteinflößender aus als die zarte, blonde Nixe.

    Schade, dass ich nicht mehr die alten Bücher aus der Zeit habe.
    Wir hatten einen Wasserschaden im Keller Anfang der Achtziger, da ist viel kaputt gegangen....
    und dann natürlich im Müll gelandet.

    Ich bewundere Deinen Heldenmut!
    So tapfer - die Seite aufgeschlagen und FOTOGRAFIERT.

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    1. Ja, ich bin schon toll. ;-) Es hat mich aber auch immer wieder irritiert, daß der Müller so böse aussieht und sogar schwarze Haare hat, während die Nixe blond ist. Das müsste ja eigentlich umgekehrt sein. So etwas kann ein frühkindliches Rollenverständnis schon erschüttern.

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  3. Hallo Paterfelis,
    Als Kind und Jugendliche liebte ich Märchen und Sagen. Ich bin heute noch traurig darüber, dass
    ich meine unzähligen Bücher weggeben habe. Heute wären sie für mich der Schatz, von dem in
    den Märchen so oft erzählt wird.
    Lg für dich und die zweitbeste Ehefrau von allen.
    Sadie

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