Montag, 2. März 2015

Der verlorene Sohn

Wir arbeiteten ausnahmsweise mal nicht ruhig und friedlich in unserem gemütlichen Büro vor uns hin. Nein, ich musste meinen Schreibtisch kurz verlassen, um anderen Ortes etwas zu erledigen. So etwas kommt häufiger vor, als man denken mag, wenn man einen Bürojob sein eigen nennt. Dies wird einem spätestens dann gnadenlos ins Bewusstsein hämmern, wenn man ein medizinisches, durchaus mit Schmerzen verbundenes Problem in einem Fuß hat und diesen eigentlich hoch legen soll.

Wie dem auch sei, verließ ich gerade unser Zimmer, als ich auf Sven traf, der gerade mit Ludwig sprach, welcher sich wiederum in Indien (für alle, die jetzt zu faul sind, dem Link zu folgen und dort zu suchen: Indien liegt auf der anderen Seite des Ganges)aufhielt.

„Guck mal, Paterfelis, da ist unser Mädchen.“

„Watt?“

„Wir haben uns mittags wieder was von der Supersonderspezialpommesbude geholt.“

„Und?“

„Ludwig hatte als Vorspeise einen 180 g-Burger.“

„Als Appetitanreger. Ist ok.“

„Ja, und danach einen 360 g-Burger.“

„Da sehe ich auch kein Problem.“

„Das kam auch erst danach.“

„So so.“

„Er hat sich einen Salat geholt.“

Meine Gesichtsfarbe wurde etwas blasser. Ich konnte es förmlich spüren.

„Ich hoffe, es war ein anständiger Salat? Kartoffelsalat, Nudelsalat oder etwas in der Art. Vielleicht ein Wurstsalat?“


Ich erahnte bereits den heraufziehenden Schwächeanfall. Da werden doch wohl nicht…

„Und Croutons!“

Also doch. Meine Beine begannen nachzugeben. 

„Parmesan auch noch.“

Parme… Auf grünem Sal… Ich musste Luft holen. Ein Mädchensalat! Unser Ludwig isst einen Mädchensalat. Fieberhaft begann ich nach einem Stuhl Ausschau zu halten, der meinen anstehenden körperlichen Zusammenbruch auffangen könnte.

„War doch nur der Nachtisch.“ war es zaghaft aus Indien zu vernehmen.

„Mädchen, keine Ausreden mehr. Es ist vorbei. Du bist an die Frauenwelt verloren.“

Ich konnte es nur noch japsen und hoffen, daß meine Stimme die Worte bis Indien getragen hatte.

„Paterfelis, es gibt Hoffnung.“ meldete sich der Rothaarige wieder zu Wort.

„Welche?“

„Seine Brotbeilage hat er an Trudi abgegeben.“

Vielleicht ist da noch was zu retten. Es wird Zeit, wieder zum Chinamann zu gehen. Schocktherapie, gemeinsam mit dem Ökoklaus und mir. Der verlorene Sohn muß nicht verloren bleiben.

Da bin ich ganz selbstlos.



Kommentare:

  1. Kämpfe um die abtrünnige Seele, kämpfe!!! Und mantraartig: "Alles unter 500 g ist vegan!" Auf gehts, bei einem solchen Krankheitsbild gilt es, keine Sekunde zu verlieren. Ich drücke bange die Daumen!

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    1. Aber natürlich werde ich kämpfen. Man hat ja gegenüber den jugendlichen Kollegen so etwas wie ein fastväterliches Verantwortungsgefühl.

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  2. Guten Morgen,
    tja da kannst du nur noch die Ärmel hochkrempeln und den rebellischen Kollegen wieder
    auf die richtige Spur bringen.
    Lg und einen kalorienreichen Tag.
    Sadie

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  3. Wie viel Magendehnungstraining habt Ihr für solche Höchstleistungen wohl schon hinter Euch gebracht? ;-)

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    1. Jahrelanges Üben bedarf es schon. Allerdings stelle ich zu meinem größten Missfallen fest, daß diese Fähigkeit im fortgeschrittenen Alter stetig abnimmt. Schrecklich.

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  4. Lieber Paterfelis!

    Ich bin ehrlich und ernsthaft erschüttert, wie unemphatisch Ihr Euch gegenüber Eurem lieben Arbeitskollegen verhaltet! Ist Euch nicht mal in den Sinn gekommen, ihn in den Arm zu nehmen und einfach mal zu FRAGEN, warum er das getan hat?
    Da kommen doch SO VIELE Möglichkeiten in Betracht! Als da wären:
    1. Er wollte zusammen mit den vorherigen Burgern in seinem Bauch einen Super-Burger kreieren, kam aber wegen der lästigen Arbeitszeiten nicht mehr dazu, noch eine Kug zu essen.
    2. Die Kuh, die er gefrühstückt hat, lebte noch und die wollte er füttern!
    3. Das war zusammen mit der "Brotbeilage" eigentlich auch ein Burger, aber die Kuh war noch nicht ganz tot und ist ihm abgesprungen.
    4. Das war ein Hilfeschrei.

    Also erhlich jetzt mal: Bisschen mehr Verständnis, ja?

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    1. Empa... wie? Mädels (ja, auch du da oben, Sadie), ihr braucht hier nicht mit irgendwelchen Fachbegriffen aus der Frauensprache um euch zu schmeißen. Die verstehen wir Männer sowieso nicht.

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    2. Och Paterfelixchen, auch Du kannst Em-pha-tie, alle Männer können das, auch, wenn sie es nicht wissen, weißt Du?
      Schau: Wenn ein Mann ankommt und den Kopf schüttelt und "Weiber!" grumnelt und die anderen Männer dann einen Blick austauschen, mit den Schultern zucken und auch"Weiber!" brummen und die Köpfe schütteln: Das ist Emphatie! ;-)

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    3. Ach DAS meinst du. Ich hatte dieses Verhalten unter den Sammelbegriff "Binsenweisheiten" abgelegt.

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  5. Ich will das zarte Pflänzchen namens Hoffnung, welches Sie im Umstand, dass Ludwig die Brotbeilage an Trudi abgegeben hat, haben keimen sehen, nun nicht mit der Wurzel ausreißen, aber erlauben Sie mir den Hinweis, dass dieses Verhalten auch ein halbherziger Versuch von Low-Carb-Ernährung sein könnte. Nun gut, eine nicht besonders konsequente Form, denn Croutons auf dem Salat und die Burgerbrötchen vorher sind bzw. waren ja alles andere als low-carb, aber trotzdem. Und das wiederum, also dieses "Ich verzichte zur Zeit auf Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln... wegen der Kohlenhydrate, die machen nämlich dick, du weißt schon...", ist auch nicht selten in der weiblichen Ernährungshemisphäre anzutreffen :)

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    1. Sie meinen also, Ludwig sei im tiefsten Herzen eine Ludwiga? Ich verstehe. Dann hätte sie aber einen ausgeprägten Damenbartwuchs, aber wer weiß das alles schon genauer?

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