Sonntag, 22. März 2015

Das alte Schema

Wie ich bereits erwähnt hatte, stand hier eines jener selten gewordenen Ereignisse an. Das letzte derartige Ereignis ist über zwei Jahre her. Besuch wurde erwartet. Kein Besuch für mich, sondern für die zweitbeste Ehefrau von allen. Ich wäre an der Sache weitgehend unbeteiligt und plante, mich zeitig zurückzuziehen. Das hatte ich hier ja bereits erwähnt. Und damit sollte die Sache für mich ausgestanden sein. Besuch zu empfangen war schon in der Vergangenheit nichts, dem ich gelassen entgegensehen konnte. Aber immer noch besser, als irgendwo anders selbst der Besucher zu sein. Immerhin habe ich hier den Heimvorteil in Form einer vertrauten Umgebung.

Wie gesagt, bin ich davon ausgegangen, dieses Mal etwas entspannter damit umgehen zu können als in den Jahren zuvor. Die Besucherin selbst war mir auch nicht gänzlich unbekannt; ich habe sie schon mal im Rahmen einer meiner Vortragstage in Rajivs Trainerschule kennen gelernt. Ein weiterer Punkt auf der Bonusseite.

Aber natürlich aktivierte sich das alte Schema wieder.

Wie so üblich bringt man die Wohnhöhle auf Vordermann, bevor Gäste empfangen werden. Einen Teil davon hatte ich ja schon erledigt. Andere Schwerpunkte hingegen lagen darin, Dinge wegzuräumen, welche in den Verantwortungs- und Nutzbereich meiner Angetrauten fallen. Diesen Teil übernehme ich aus verschiedenen Gründen nicht oder nur eingeschränkt – und ich sollte es auch auf ausdrückliche Weisung der zweitbesten Ehefrau von allen nicht tun.

Jetzt bin ich eher der Typ, der alles Erforderliche und Mögliche schon mit geraumem Zeitvorlauf erledigt haben will. Ich hasse es, auf dem letzten Drücker fertig zu werden. Allerdings lassen sich bestimmte Dinge aber erst erledigen, wenn andere Arbeiten bereits ausgeführt sind. Wer schon mal einen Ablauforganisationsplan erstellt hat, wird das kennen. Und ich bin in Bezug auf verschiedene Situationen ein wandelnder Ablauforganisationsplan. Um es anschaulich darzustellen: Will ich den Boden feucht wischen, wäre es zweckmäßig, die darauf befindlichen Stühle und andere Dinge eventuell auf einem Tisch abzustellen. Dazu sollte dieser Tisch aber zuvor abgeräumt worden sein. Ist doch soweit in sich schlüssig, oder?! So lange dies noch nicht geschehen ist, wird das Wischen des Bodens hingegen nur eingeschränkt möglich sein.

Die Erledigung der durch meine Angetraute zu leistende Vorarbeit verzögerte sich umständehalber, da sie kurzfristig einige unaufschiebbare berufliche Termine reinbekommen hat. Blöde Sache, aber so ist das nun mal. Bringt ja auch Geld, da will das niemand so eng sehen. Jeder ist käuflich; ich auch.

In den letzten zwei Tagen vor dem Tag X wurde ich dann zunehmend gereizter. Ein für mich im Zusammenhang mit der Erwartung von Gästen durchaus normaler Ausdruck steigender Nervosität. Am Tag X selber verschwand meine Angetraute dann planmäßig abends, um zu ihren Kursen zu gehen. Ihr Besuch würde bei uns aufschlagen, sobald sie auch wieder zurück sei. Natürlich barg dies dennoch das Risiko, daß ich die Tür aufmachen und den vorübergehenden Pausenclown spielen müsste, falls sich da einige zeitliche Verschiebungen ergäben. Kann ja immer mal sein. Also wieder ein Grund zur Anspannung, auch wenn ich erst mal dachte, daß ich aktuell ruhiger damit umgehen könnte.

Jedenfalls begann ich meine abschließenden Vorbereitungen zum Aufhübschen der Wohnhöhle – Entstauben, Wischen und andere derlei seltsame Dinge mehr – sobald meine Angetraute verschwunden war und ich allseits freie Bahn hatte. Ich hasse es, solche Dinge tun zu müssen, wenn jemand anderes zu Hause ist. Vom Zeitansatz her würde ich es rational gesehen locker hinbekommen, mein Vorhaben umzusetzen. Daran hatte ich keinerlei Zweifel. Aber es ist eben nicht immer das Rationale, was einen Menschen leitet. Ich habe keine spitzen Ohren.

Als ich soweit durch war und die Fliesen wieder einen trockenen und somit begehbaren Zustand erreicht hatten, klingelte das Telefon. Der Tag und die Uhrzeit ließen nur zwei Vermutungen zu: Entweder wünschte Herr Graumann mich zu sprechen, oder meine Angetraute, die etwas vermisste und sich bestätigen lassen wollte, daß es noch zu Hause herumliegt und nicht etwa in den Untiefen ihrer Tasche oder Balduins Kofferraum verschwunden sei. Nun, es handelte sich dann doch um den Erstgenannten.

Also nahm ich den Hörer ab.

„Paterfelis, alte Socke. (…) Wie lange ist es jetzt eigentlich her, daß ich zuletzt angerufen habe?“

Oh, das weiß ich ziemlich genau.

Das war vorletztes Jahr kurz vor Weihnachten.

Wer jetzt beim Lesen einen latenten Vorwurf in meiner imaginären Stimme wahrzunehmen gedenkt, liegt fehl. Ja, ich betrachte meine gelegentlichen Kontakte zu Herrn Graumann durchaus positiv. Aber auch diese empfinde ich als anstrengend, so daß sich längere Pausen eher als nutzbringend erweisen. Ihn selbst anrufen würde ich nie. Das weiß er. Ruft er nicht mehr an, ist es vorbei. Wird die Anruffolge zu dicht, also etwa über einen längeren Zeitraum in einem Monatsrhythmus, fange ich an, innerlich abzublocken. Und so etwas birgt immer ein nachhaltiges Katastrophenrisiko, genannt Rückzugstendenzen ohne Aussicht auf Wiederkehr. 

„Hatte ich denn schon erzählt, das letzte Jahr bei uns Weihnachten ausgefallen ist, weil meine Frau sich das Bein gebrochen hatte und meine Mutter…“

„Ähm, olles Graumännchen, ich sagte VORletztes Jahr kurz vor Weihnachten.“

„Ups.“

Wenn denn schon einer der wenigen Menschen anruft, mit denen ich mal ganz gerne am Telefon spreche, bleibe ich auch dran. Aber als routinierter Hausmann kann ich auch schwere Dinge durch die Gegend tragen, Putzeimer leeren sowie Stühle von den Tischen runter wuchten und wieder auf ihren Platz stellen, wenn ich dabei in einer Hand ein Telefon halte.

Das Gespräch zog sich erwartungsgemäß länger hin. Es ging um die üblichen altersentsprechenden Männerthemen: Alter, Krankheit, Tod, Ehefrauen, Bürogedöns, Tabletop-Spiele und Modelleisenbahnen. Kurz vor Erreichen der möglichen Aufschlagzeit sowohl des Besuches als auch meiner Angetrauten war das Gespräch vorbei. Es war ganz gut, daß ich entgegen der ursprünglichen Planung kein Essen vorbereiten sollte, denn das wäre dann wirklich etwas knapp geworden. Aber auch das hätte ich im Zweifel während des Telefonierens hinbekommen.

Einen Vorteil hatte der Anruf zweifellos: Ich wurde abgelenkt. Denn schon im Ansatz zeigte sich ja, daß die Wartezeit bis zum Eintritt des Fortgangs der Ereignisse und die während dessen entstehenden Grübeleien mich wieder in den Wahnsinn getrieben hätten. Vermutlich nicht bis zu einer Panikattacke, aber doch immerhin getrieben von einer (Achtung, es folgt eine maßlose Untertreibung) massiven Unruhe.

Normal.

Sagt mal: Wie ist es eigentlich, entspannt einen formlosen Besuch zu erwarten? Und sich darauf auch noch freuen zu können?



Kommentare:

  1. Ich sags mal so - seit ich aufgehört habe, die perfekte Gastgeberin sein zu wollen, ist es vieeel entspannter! Ich würde z.B. nicht mehr die ganze Wohnung putzen, nur weil Besuch ansteht. Flusen auf dem Teppich dürfen auch gerne dableiben, nur Geschirr das noch rumsteht wird abgespült und vielleicht die Sofakissen aufgeschüttelt und ein bisschen gelüftet. Der Rest bleibt wie er ist. Wer das nicht sehen will, muss draussen bleiben.

    Das geht aber auch erst seit kurzem bei mir, vorher war ich auch so schlimm angespannt und hab echt alles geputzt wie ne Irre und wollte alles richtig machen und war dann meistens, sobald derjenige da war, so mit meinen Panikattacken beschäftigt (die lösen sich bei mir meist dann, wenn die Anspannung etwas nachlässt), dass anschliessende Gespräche nur noch anstrengend für mich waren. Eine leichte Nervosität ist zwar noch immer mit dabei, aber mit der kann ich gut leben, weil ich ja auch nicht so häufig Besuch bekomme und es sich somit im Rahmen hält.

    Hab trotzdem einen schönen Sonntag :)

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    1. Mein Anspruch, daß es hier perfekt aussieht, ist schon lange abgelegt. :-(

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    1. Du solltest die Skala der Freude für mich ganz weit nach unten erweitern. Sehr weit. Noch weiter...

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  3. Ich freue mich- aber mich schlaucht das Vorbereiten und das Perfektseinwollen derart, dass ich keinen Spaß mehr habe, wenn der Besuch dann aufschlägt. Da hab ich dann nur noch schlechte Laune. Und bin müde. Was dazu geführt hat, dass in der Regel alle Vierteljahr mal einer reinschneit, und das auch nur nach sorgfältiger Planung.

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    1. Planung ist alles. Sehe ich auch so. Aber wo sind denn die ganzen gut gelaunten Gastgeber?

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    2. Huhu, hier bin ich! :-)
      Allerdings, äh, nur bei einer einzigen Person, wie ich zugeben muss. Unser Lieblingsbesuch. Der Rest ist stressig-anstrengend usw. Aber immerhin, einen hammwa! :-)

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  4. Gut gelaunte Gastgeberin sein - das hängt a) von dem/-r/-n Besucher/-in/-n ab (wobei ich unliebsame und/oder unerwartet hereinschneiende Personen auch gerne mal im Treppenhaus abfertige) und b) vom Zustand meiner Wohnung ab.

    Nun ist es keineswegs so, dass meine Wohnung schmutzig, vermüllt o.ä. wäre. Allerdings beschäftige ich mich zu Hause ungern mit den Tätigkeiten, die einen nicht unwesentlichen Teil meiner Arbeit ausmachen, nämlich Papierkram/Korrespondenz sichten, verarbeiten, archivieren (bzw. wegwerfen). Meine Freizeitbeschäftigungen bringen aber so einiges an Post und Schreibkram mit sich, so dass nicht nur mein kleines "Arbeitszimmer", in dem der PC steht, sondern auch Wohnzimmer, Esstisch und freie Flächen in der Küche gerne der thematisch getrennten Lagerung von zahlreichen Unterlagen etc. dienen (die aber auch nicht ins Arbeitszimmer passen würden, weil dort schon Bücher und Ordner etc lagern. Neues Mobiliar mit genügend Stauraum und geeigneten Vorrichtungen (Schienen für Hängeregister o.ä.) wäre da vielleicht eine Hilfe, aber für solche "anständigen" Büromöbel fehlt dann schon fast wieder der nötige Platz.
    Langer Rede kurzer Sinn: bei mir liegt ständig Papierkram rum, und davon nicht wenig. Besuch empfangen will ich aber nur, wenn dieser Papierkram halbwegs verräumt ist. Wenn Eile geboten ist (Geburtstagsbesuche), muss dann meist ein großer Karton herhalten. Was aber auch keine Lösung ist, denn jetzt habe ich neben dem Papierkram in der Wohnung auch noch zwei Kartons hier stehen, die ich mal durchgehen müsste (nein, die Regel "was man ein Jahr lang nicht gebraucht hat, kann weg" hat hier keine Gültigkeit, weil da durchaus auch Unterlagen in Sachen Steuer, Versicherungen, Bausparvertrag oder so dabei sein können).

    Der einzige Punkt, in dem ich wirklich gelassen bin, ist die Versorgung der Gäste. Abgesehen von Champagner und Kaviar habe ich eigentlich so einiges hier, damit Gast/Gäste nicht Durst oder Hunger leiden muss/müssen.

    Fakt ist aber, dass ich aus o.g. Grund - und weil ich zur Zeit nach der Arbeit einfach nur froh bin, wenn ich die Tür zu meinem privaten Reich hinter mir schließen kann und meine Ruhe habe - schon seit längerer Zeit kaum mehr Gäste habe. Obwohl ich es mir manchmal wünsche oder vorstelle, dass ich ja wieder mal ... hm.

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    1. Oh, die Sache mit dem Papierkram kenne ich nur zu gut. Meine Mutter hat nie verstanden, wie ich als eingefleischter und ordentlicher Bürokrat in den eigenen Papieren nur so eine Unordnung (Chaos wäre jetzt übertrieben) habe.

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    2. Nun, wenn meine Papiere erst mal abgeheftet sind, dann auch wirklich ordentlich und mit System. Wenn.
      Denn vorher liegen sie kreuz&quer und im schlampig aufgerissenen Kuvert auf einem Stapel... ;-)

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