Samstag, 21. Februar 2015

Stuhlkreise und weitere Wirrungen des Lebens

Das harte Arbeitsleben hatte unseren Fachbereich einst in ein Seminar gespült. Den gesamten Fachbereich zur gleichen Zeit. Die Arbeit konnte tatsächlich für drei Tage liegen bleiben. Teambildung nannte man so etwas. Wir bezeichneten es sehr zur Verärgerung Dr. Strebsingers stets als Schmusekurs.

Zu lernen gab es nichts, was man nicht auch mit gesundem Menschenverstand herausfinden konnte. Überhaupt erschien mir der gesamte Seminaraufbau etwas seltsam. Rajiv, mit dem ich mich später darüber unterhalten habe, meinte als in der Thematik sachkundiger Mensch, daß ein Teambildungsseminar in der uns angebotenen Form nicht funktionieren könne. Aber so ist das, wenn man seitens des LASA alles haben aber nichts bezahlen will.

Grundsätzlich halte ich Seminare nicht für uninteressant. Allerdings gibt es zwei Aspekte, die sich immer wiederholen und die mir und meiner Phobie überhaupt nicht entgegenkommen. Da hätten wir zunächst die Teile, in denen Gruppenarbeit angesetzt ist. Ich bin kein Typ für Gruppenarbeit. War ich nie und werde ich auch nie sein. Ich arbeite alleine. Fertig. Gegen Menschen, die mir dabei assistieren, habe ich zumeist nichts einzuwenden. Ideen würde ich auch aufgreifen. Aber jeden Mist mit allen besprechen? Nein, vielen Dank. Ja, ich weiß, das soll angeblich ineffektiv sein und entspricht mit Sicherheit nicht dem Zeitgeist. Ist mir egal, ich bin ein phobischer Dinosaurier. Das bedeutet nicht, daß ich mich nicht in ein Team integrieren kann. Aber ergebnisorientierte Arbeit ist was mich betrifft in einer Gruppe nicht möglich.

Dann kommen noch die elendigen Stuhlkreise. Ich hasse Stuhlkreise. Man sitzt auf im Regelfall viel zu kleinen Stühlen, zumeist ohne Armlehne und daher unbequem, mit den anderen in einem Kreis. Jeder kann jeden sehen. Mehr oder weniger. Es gibt keinen Tisch, auf dem man etwas – einschließlich verschiedener eigener Körperteile, wie zum Beispiel Unterarme – ablegen könnte. Das Ganze soll aus psychologischer Betrachtung wohl dazu dienen, Offenheit zu erzeugen und Verstecken sowie Abwehr verhindern. Einen solchen Effekt habe ich nie bemerkt. Eher das Gefühl, schutzlos den anderen ausgeliefert zu sein. Was ausgeprägtes Unwohlsein zur Folge hat. Das kann sich steigern bis hin zur mühsam unterdrückten Aggressivität. Und nachfolgend Kreuzschmerzen. Wegen der unbequemen Stühle.

Auf unserem Schmusekurs bildeten wir natürlich ebenfalls verschiedentlich Stuhlkreise. Ich habe sie mit Würde ertragen. So auch am letzten Tag zur Abschlussbesprechung. Aus dem Kollegenkreis wünschte man sich, vermutlich beseelt vom neu erwachten Drang nach Gemeinsamkeit in unserem Team, wir mögen noch näher zusammenrücken als wir ohnehin schon saßen, das fände man ganz toll.

Gut, das Empfinden war durchaus zulässig. Toll fand das allerdings keineswegs.

Als instinktive Abwehrreaktion hätte ich um mich schlagen können, nachdem die Bitte geäußert wurde.

Durfte ich aber nicht. Weil man so etwas nicht macht.

Der Seminarleiter zeigte sich nahezu begeistert von der Idee. Also des Zusammenrückens, nicht des Schlagens. Widerstand zwecklos. So saß ich da, den Sitznachbarn auf die Pelle gerückt, von beiden Seiten bedrängt bis in den persönlichen Schutzbereich. Meine Hölle auf Erden. Mehr Adrenalin als Blut im Körper ohne eine Möglichkeit, es wieder abzubauen. Mit der Pflicht, ruhig und gelassen zu bleiben.

Ich mag keinen Körperkontakt zu Fremden. Ich mag es schon gar nicht, von Menschen, dir mir nicht oder nur bedingt nahe stehen, umarmt zu werden. Ich will auch nicht sonstwie geherzt werden. Das Drücken und Knutschen zur Begrüßung und zum Abschied mag ich nicht mal im Familienkreis. Selbst Händeschütteln ist mir zuwider, kann ich aber als Umstand eines zivilisierten gesellschaftlichen Miteinanders gerade noch akzeptieren und als anerkannte Geste der Höflichkeit auch praktizieren. Wenn dann bloß nicht so ein fischiger Händedruck zurückkommt. Das ist ja schlimmer als ein fester Handschlag.

Die Herzerei war dankenswerterweise das erste, was meine Angetraute meinen Schwiegereltern mir gegenüber abgewöhnt hat, als sie einst mit Schrecken meine aus gegebenem Anlass höchst bedrohlich angeschwollene Halsschlagader bemerken musste. Wenn ich mich recht erinnere, erfolgte das schon bei meinem Antrittsbesuch. Oder zumindest kurz danach.

Und ich hasse Stuhlkreise.

Besonders die engen.

Aber wer fragt schon danach?



Kommentare:

  1. Wenn ich das Wort Stuhlkreis nur lese bekomm ich Zahnschmerzen...

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    1. Oh je, es sollte doch nicht zum Schlimmsten kommen.

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  2. Und sich dann auch noch vorstellen müssen, wenn die anderen im Stuhlkreis dir völlig unbekannt sind. Ich hasse sowas. Früher bin ich zur Toilette gegangen, bevor ich dran war.

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    1. Erstaunlicherweise bereitet mir das keine Probleme. Aber alles, was danach kommt.

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  3. Ich hasse diese gleichmachende Umarmerei auch- so bin ich nicht aufgewachsen, es kommt mir künstlich vor und aufgesetzt, und daher entfällt das, wenn ich zu entscheiden habe. Leider habe ich das nicht immer...

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    1. Ja, man kann sich dem nicht immer entziehen. Aber mit einer am langen Arm ausgestreckten Hand zum Gruß kann man schon einiges bewerkstelligen.

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  4. Ich sehe schon, lieber Paterfelis: Wir beide würden wunderbar nicht-zusammenarbeiten, :D
    Und diese Kuschelkurse? Finde ich genau so dufte, als würde man mich mit 10 Fremden in eine Kiste stecken und erwarten, dass wir alle da als beste-Freunde-für`s-Leben wieder herauskommen.
    Sicherlich eine feine Sache für Extrovertierte; für Introvertierte eine sagenhafte Qual, da rollen sich mir allein bei der Vorstellung, dass Dich einer zu so etwas zwingt, die Zehennägel hoch!
    Mein bisheriges Kuschelkurstrauma: Man sollte sich nach 2 (!) gemeinsamen Tagen dem zugewiesenen Partner "öffnen" und ihm "vertrauen", das sah dann so aus: Sollte man sich rückwärts fallen lassen, der andere fing einen auf. geht`s noch?????

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    1. Ich sehe in meinem Umfeld nicht viele Personen, denen ich es auch nur zutrauen würde, mich überhaupt auffangen zu können. Muß ich auch nicht haben.

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