Samstag, 3. Januar 2015

Silvestereinkauf (Teil 2)

Auf dem Weg zum Sporttempel war ich gefühlt der Einzige auf den Straßen. Was die öffentliche Verkehrssteuerung nicht davon abhielt, mich an jeder, aber auch wirklich jeder einzelnen Ampel warten zu lassen. Der Umstand, alleine in der Pampa elend lange und wiederholt sinnlos darauf zu warten, daß ein grünes Licht zu leuchten beginnt, ließ mir schon den einen oder anderen Fluch entfahren. Die Ungewissheit über den Ausgang meines anstehenden Abenteuers verstärkte meine Nervosität. Diese hätte durchaus jederzeit in eine Panikattacke umschlagen können. Dann hätte auch der Besuch des Sporttempels nichts mehr retten können – denn den hätte ich dann ebenfalls nicht mehr zuwege gebracht. Doch so weit kam es nicht.

Im Sporttempel lief es wie geplant. Erwartungsgemäß war es ruhig. Zu Beginn waren wir zu Dritt, ein kleiner Teil der üblichen Verdächtigen aus der Montag-Mittwoch-Freitags-Runde. Langsam trudelten noch ein paar Versprengte ein. Ich hielt auch Ausschau nach Mandy, welche ihr Erscheinen ebenfalls angekündigt hatte, doch leider vergebens.

Im Zirkeltraining erhöhte ich an allen Geräten erst mal wieder das Gewicht. Das würde einen ordentlichen Muskelkater geben. Ist schon in Ordnung so, dann hätte es wenigstens was gebracht.

Als ich wieder den Umkleideraum betrat bemerkte ich, daß ein kleinerer, eher schmächtiger Typ, wohl deutlich älter als ich, den Spind neben meinem und auch die zugehörige Sitzbank in Anspruch nahm. Die Örtlichkeiten lassen es in so einem Fall nicht zu, sich selbst in Ruhe umzuziehen; es ist dann einfach zu eng. Da der Typ aber bereits in Unterwäsche war und nur noch seine Sportbekleidung überstreifen musste, würde es wohl nicht allzu lange dauern, bis er fertig wäre.

Ich setzte mich also auf eine andere Bank und begann, mich ein wenig von der vorherigen Aktivität zu regenerieren. Kurz nach mir kam jemand aus der üblichen Morgenrunde, um zügig unter der Dusche zu verschwinden. Aus dem Augenwinkel warf ich immer wieder mal einen Blick auf den Typen, der meinen Spind blockierte. Ich war versucht, in eine Tischkante zu beißen, wenn denn nur eine dagewesen wäre. Anstatt seine Sachen an die dafür vorgesehenen Haken in den Spind zu hängen, faltete er diese höchst akkurat zusammen. Sein Hemd, seine Hose und alles, was sich sonst falten ließ. Und das mit einer Gemütsruhe. Wie er auch ewige Zeiten benötigt hat, um seine Sportkleidung anzuziehen.

Um die Sache mal abzukürzen: Der andere Kerl, der nach mir in die Umkleide gekommen war, hatte in der gleichen Zeit zu Ende gedusc ht, sich umgezogen, die Haare ausgehtauglich zurecht gemacht und den Raum schon wieder verlassen, während ich immer noch darauf wartete, endlich an diesen blöden Spind herankommen zu können. Aber endlich war es soweit: Der Typ holte nur noch seinen Kann-vor-Kraft-kaum-laufen-Gürtel aus seiner Tasche und begab sich nach oben.

Als ich später der zweitbesten Ehefrau von allen davon erzählte, glitt der Hauch der Erkenntnis über ihr Gesicht. Sie kannte den Typen vom Sehen und wusste, was und womit er trainiert. Und sie meinte nur, daß er sich auch dabei ausnehmend umständlich anstellte.

Weiter ging es zum Laden, der Lebensmittel liebt. Es war nicht übertrieben voll. Ich besorgte meine Sachen, schaffte es sogar, immer noch (oder trotzdem noch) vollgepumpt mit Glückshormonen, ohne nennenswerte innere Probleme meine Angelegenheiten an der Bedienungstheke zu erledigen und begab mich in Richtung Kasse.

Scheiße!

Man hatte die Kassen neu gestaltet. Hier sah es anders aus als in meiner Erinnerung. Und auf diesen hatten meine Erkundigungen bei meiner Angetrauten zum Ablauf des Kassiervorganges gebaut. Ein gewisses Nervenflattern baute sich auf. Doch mit geschärften Sinnen beobachtete ich die Vorgänge und bekam auch noch Zeit geschenkt, um die Örtlichkeiten aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen, als der Kassenmensch mit einer Reklamation beschäftigt war. Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt der Übernächste an der Kasse.

Gut, alles hat danach problemlos geklappt. Beim nächsten Besuch des Ladens, der Lebensmittel liebt, werde ich von vornherein ruhiger sein.

Die Irre auf dem Parkplatz, die ihren Einkaufswagen locker anderthalb Meter von ihrem Auto entfernt verkehrsbehindernd auf der Fahrbahn abgestellt hat und zum Ent- und Beladen immer ein paar Schritte hin und her lief, lasse ich jetzt mal unerwähnt. Und auch den Umstand, daß sie mich später, als sie den leeren Einkaufswagen wegstellen wollte, damit nahezu aufs Korn nahm und mich nur die kleine Lücke zwischen zwei gegenüber parkenden Autos davor bewahrte, von ihr und ihrem Einkaufswagen überrollt zu werden, soll eine Randnotiz der Weltgeschichte bleiben.

Auf dem Rückweg musste ich nicht mehr an jeder Ampel halten. Nur an jeder zweiten.

Doch das kann zumindest was Entspannendes haben.


(Ende)




Kommentare:

  1. Oh man, Mitmenschen können doch echt die Pest sein :-)
    Du hast mich an die Zeit erinnert, als ich vor lauter Panikattacken kaum einkaufen konnte. Da war in der Schlange stehen immer mein persönlicher Horror. Wie gut, dass Du noch Zeit bekommen hast um Dich ein wenig vertraut zu machen und es dann gut geklappt hat.
    So eine Irre mit Einkaufswagen gibt es wohl in jedem zweiten Supermarkt, irgendwo ist immer eine(r) dabei, andere Leute per Einkaufswagen zu attackieren :)

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    1. Deswegen habe ich diese Irre ja auch gar nicht erst erwähnt. :-D

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  2. Ich kann das nur zu gut nachfühlen. Glückwunsch, dass Du Dich Deiner Angst so stellst!
    LG, Holger

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