Sonntag, 4. Januar 2015

Schulbesuch

Stets zum Jahresanfang steht bei mir seit einiger Zeit ein Termin im Kalender. Das ist durchaus eine Auffälligkeit, denn wenn ich mir den familieneigenen, zweispaltigen Terminkalender so ansehe, findet sich auf meiner Hälfte mit Ausnahme vom obligatorischen Termin beim Zahnarzt  – so dieser da überhaupt eingetragen wird – sowie familiärer Verpflichtungen (mit anderen Worten: Besuche bei den Schwiegereltern oder auch mal den eigenen Eltern) höchst selten eine Notiz, während die Seite, welche die zweitbeste Ehefrau von allen für sich in Anspruch nimmt, nahezu vor Eintragungen platzt. Mit etwas gutem Willen könnte ich die Termine für die Müllabfuhr noch meiner Seite zuordnen lassen, damit es nicht ganz so leer aussieht. Würde auch Sinn machen, schließlich unterliegt der Müll hier meiner Zuständigkeit.

Bei diesem Jahresanfangsdauerwiederholungstermin handelt es sich um den Zeitpunkt, zu dem ich meinen vor Witz und Esprit nur so strotzenden Vortrag in Rajivs Schule für angehende und fortzubildende  Fitnesstrainer halte. Nur Rechtsgedöns, nichts Sportives. Und wie immer als unentgeltlicher Freundschaftsdienst. Ich bin da ja nicht so kleinlich.

Im Rahmen meines Vortrages erwähnte ich, daß ich durchaus auch zu den verpeilten Menschen zähle, welche sich die schlauen Worte hinsichtlich des korrekten Bedienens der Geräte sowie der Ausführung der Übungen nicht länger als zehn Minuten merken würden und danach erfolgreich aus dem organischen Zentralspeicher verdrängten.

Nachdem ich mit dem Vortrag durch war und eine kleine Nichtraucherpipipause eingelegt wurde, kam meine Angetraute auf mich zu.

„Sollte das gerade heißen, du würdest dir auch nur zehn Minuten lang merken, was ich dir sage?“

„Na ja, öhm, also zehn Minuten oder so werden es wohl schon sein.“

„Glaubst du doch selber nicht!“

„Ähm, worüber haben wir gerade geredet?“

Und jetzt zügig in Deckung gehen; in dem Raum befanden sich zahlreiche potentielle Wurfgeschosse, von denen ich die in einer Kiste deponierten  Tennisbälle – ganz im Gegensatz zu den diversen Hantelscheiben – noch als überaus harmlos einstufen konnte. He, meine Flucht ist als rein prophylaktisch anzusehen. In der Grundschule hatte ich es beim Völkerball mal geschafft, mindestens fünf Minuten lang als letzter auf dem Feld zu bleiben und mehreren zeitgleich nach mir mit dem Ziel mich zu treffen geworfenen Bällen auszuweichen, bis das Spiel dann endlich abgebrochen wurde! Ich war ein Held! In einer Sportart! Davon zehre ich noch heute, obwohl ich in meiner zutiefst bescheidenen Art natürlich kein großes Aufheben darum mache. Aber ich bin unbesiegt vom Platz gegangen! Un-be-siegt! Ich habe meine Gegner förmlich gedemütigt und… (Anm. d. Red: Schluß jetzt!)

Obwohl mein Anteil an der nunmehrigen Lehrveranstaltung beendet war, blieb ich noch bis zur Mittagszeit. Dann würde sich entscheiden, ob die zweitbeste Ehefrau von allen den Nachmittag ebenfalls noch als unterstützende Lehrkraft in der Trainerschule verbringen sollte ober ob wir zusammen nach Hause fahren konnten. Die Alternative wäre für mich eine FahrtWeltreise mit dem öffentlichen Personennahverkehr gewesen, worauf ich nicht übertrieben viel Lust hatte. Alleine der Fußweg zur nächsten Haltestelle hätte laut Online-Fahrplanauskunft unfassbare 235 Meter Latscherei, beladen mit Laptop, Kabeltrommel und anderem Zeug, bedeutet.

So hörte ich mir an, was Rajiv seinen Schützlingen noch zu vermitteln hatte. Unter anderem erzählte er von seinen ersten Trainererfahrungen, von dem blöden Gefühl, daß sich einstellte, als er einen Kurs vertretungsweise übernahm und einige Kursteilnehmer, kaum daß sie seiner ansichtig wurden, den Raum verließen, ohne daß man ihm nur eine Chance gegeben hatte. Darauf muß ein Nachwuchstrainer sich einstellen können. Auch wusste er im Gegenzug von Yoga-Kursen zu berichten, in welchen er schon alleine aufgrund seiner offenkundigen indischen Abstammung und dem Umstand, daß er mal in China war, als Trainer gewonnen hatte, bevor auch nur die erste Übung absolviert wurde. Eine Form von Placebo-Effekt, aber wenn es wirkt, sollte es in Ordnung sein.

Und schließlich kam er zu den Kursen, an denen auch gestandene Trainer durchaus verzweifeln. Nämlich jenen, bei denen die Teilnehmer nichts auf die Reihe bekommen. Auch nach Wochen oder Monaten der Teilnahme. Die noch nicht mal einen Step Touch hinbekommen hätten.

Während ich als bekennender Bewegungslegastheniker bemüht war, möglichst unbeteiligt zu wirken und keinerlei Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, warf mir meine Angetraute einen lange anhaltenden Blick zu. Ich konnte förmlich hinter ihrer Stirn lesen, was ihr durch den Kopf ging. In Worte gefasst sollte es sich etwa um diesen Gedanken gehandelt haben:

„Schatz, warst du etwa damals auch in diesem Kurs, ohne daß ich etwas davon weiß?“

Daran hätte ich mich zwar erinnert, aber egal. Tatsächlich war ich erst einmal in einem Kurs, den Rajiv geleitet hatte, aber das erfolgte damals seinerseits nur vertretungsweise. Und zwar Pilates. Da kann man einfach nicht von Wochen oder gar Monaten sprechen. Auf keinen Fall. Und einen Step Touch haben wir da bestimmt auch nicht gemacht. Oder gar mehrere. Ich war ja kurz davor, Rajiv darauf aufmerksam zu machen, daß ich mich durch eine seiner hier im Raum befindlichen Schutzbefohlenen gerade aktiv gemobbt fühle, ließ es dann doch aber sein.

Ich wollte ja nicht mit der Bahn nach Hause fahren müssen.



Kommentare:

  1. Ja ja, was die öffentlichen Verkehrsmittel manchmal an Loyalität bewirken ... ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es soll ja niemand behaupten können, ich sei Sachargumenten gegenüber nicht aufgeschlossen.

      Löschen
  2. ... das hatte jetzt aber schon was von psychischer Selbstprostitution, oder? ;-)

    AntwortenLöschen