Freitag, 26. Dezember 2014

Wie wir in diesem Jahr aufs Christkind warteten

Sagt bloß, ihr habt von Weihnachten immer noch nicht genug? Oder wollt ihr euch nur an dem Elend anderer weiden? Mir scheint das zwar eurerseits moralisch etwas verwerflich zu sein, aber egal. Hier seid ihr richtig. Und weil Weihnachten ist, habe ich keinen Mehrteiler daraus gemacht. Ja, die grundgütige Stimmung dieser Tage hat mich übermannt.

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich verbrachten in diesem Jahr Heilig Abend alleine zu Hause. Der obligatorische Besuch bei den Schwiegereltern war für den ersten Weihnachtstag vorgesehen, und Besuche bei meinen Eltern müssen wir nicht unbedingt zu den einschlägig bekannten Terminen unternehmen, zu denen es auf den Autobahnen ausnehmend voll zu werden droht. Was das angeht, ist man in unser beider Familien doch sehr entspannt. Gut so.

Für den Abend hatten wir Raclette vorgesehen. Blieb also nur noch die Zeit zu überbrücken, welche andere in Erwartung der abendlichen Höhepunkte in der Küche oder mit anderen vorbereitenden Dingen verbringen.

Meine Angetraute läutete die Wartezeit auf den Abend mit folgenden reiflich überlegten Worten ein:

„Du, können wir gleich noch etwas Wolle aus dem Monster holen?“

Der kundige Blogleser wird wissen, daß es sich bei dem Monster um unser Riesensofa handelt. Der weniger kundige Blogleser könnte dies hier >Klick mich< in Erfahrung bringen. Jedenfalls wurde das Monster aus guten Gründen so konstruiert, daß es auch ein nicht zu verachtendes Volumen an Stauraum aufbietet, welches geschätzt zu 60 %, was nach objektiveren Kriterien wohl eher etwa 75 % sein dürften, mit Wolle gefüllt ist.

Vor einiger Zeit hatte ich die in der ganzen Wohnung sowie dem Keller und dem Keller-Keller verteilte Wolldepots der zweitbesten Ehefrau von allen eingesammelt und dem Monster zu fressen gegeben zentral im Monster gelagert. Und dies nicht ohne Androhung strengster Konsequenzen für den Fall, daß meine Angetraute nochmals irgendwann in ihrem Leben auch nur einen Fitzel Wolle nach Hause schleppt. Der hier aufgehäufte Vorrat an Wolle würde problemlos ausreichen, um eine hochtibetanische Fußballmannschaft inklusive der Gegenmannschaft und sämtlicher Ersatzspieler mit Wolljacken, Wollhosen, Wollmützen und einige Versprengte hochtibetanische Hooligans auch noch mit hochtibetanischen Vereinsschals auszustatten.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Um in die Körperhöhle des Monsters zu gelangen, muß zuvor das Fell abgezogen es zuvor abgeräumt werden. Soweit kein Problem, doch erfordert dies auch anschließend ein ordentliches Wiederanbringen der entfernten Decken, was wiederum keine Arbeit für Papas Lieblingssohn ist. Akkurates Handwerken ist einfach nicht meine Domäne. Nun war es aber gerade so, daß just zu diesem Zeitpunkt das Monster ohnehin fellbefreit herumstand, da ich selbiges vorher gewaschen hatte. Der Zugriff konnte somit ohne Aufwand erfolgen, während die Komplettierung des Monsters hin zu einem vorzeigefähigen Zustand unleugbar als noch zu erledigen anstand. So weit, so gut.

Die geeignete Wolle war schnell gefunden und das Monster unter überwiegendem Einsatz meiner Angetrauten sowie der Belastung meines Nervenkostüms wieder in seinen Sollzustand versetzt, was ab dem Zeitpunkt weitgehend gut funktioniert hatte, zu dem ich meiner Angetrauten mal wieder unmissverständlich klarmachte in Erinnerung holte, daß ein einfacher Blick, ein Stirnrunzeln oder eine fahrige Handbewegung ihrerseits keineswegs ausreichen würden, um ihr an mich gerichtetes Verlangen zutreffend interpretieren zu können. Ich bin da ein Mensch der Worte, bevorzugt schriftlicher, in diesem Fall aber ausnahmsweise auch mal verbalkommunikativ erzeugter. Hauptsache klar und eindeutig.

Anschließend ermahnten wir die Katzenbande aufs Strengste, sich gut, wirklich gut und im Zweifel noch einmal deutlich besser zu überlegen, wo sie beim nächsten Mal hinkotzen würde. Und ja, wir sind Anhänger dessen, was man gemeinhin unter verschärfter Sippenhaft versteht. Zumindest in diesem Fall.

Zufrieden saßen wir auf dem Monster, als uns der zugehörige Tisch ins Auge fiel.Doch war dies nicht alles, stellte meine Angetraute schon die nächste Frage.

„Sollen wir bei der Gelegenheit nicht gleich den Tisch fertig machen? Danach kannst du dann ja saugen.“

Wenn mich nicht alles täuscht, wird auch der kundige Blogleser hier nicht direkt eine Idee haben, um was es geht. Unser alter Wohnzimmertisch hatte vor längerer Zeit geäußert, uns seine Dienste nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stellen zu wollen. Wir einigten uns also mit ihm darauf, ihm seinen wohlverdienten Ruhestand im Sperrmüll zu gönnen und einen neuen Tisch an seiner statt bei uns willkommen heißen zu wollen. Diesen Tisch hatte meine Angetraute dann auch in echter Handarbeit selbst gebaut.

Leider zeigte sich bald ein Konstruktionsfehler, welchen es zu korrigieren galt. Denn der Tisch wollte sich nicht so rollen lassen, wie es von meiner Angetrauten gedacht war. Er benötigte andere Rollen (die bislang verwendeten waren zwar theoretisch geeignet, aber Theorie und Praxis weichen nun mal zuweilen stark voneinander ab) und zwei neue Tischbeine. Von letzteren nur zwei, denn mehr hat er nicht. Dafür aber ist unter seinem anderen Ende eine Kommode montiert, welche als Tischbeinersatz fungiert.

Wir begannen also trotz meinerseits vorgebrachter Bedenken hinsichtlich des von meiner Angetrauten ins Auge gefassten Zeitansatzes die Arbeit in der üblichen Aufteilung: Meine Angetraute setzte ihr handwerkliches Geschick ein, während ich der Trottel war, welcher alle möglichen Dinge, die sie anforderte, suchen und finden musste und auch sonstige unwürdigen Handreichungen ausführen sollte, für welche der liebe Gott oder jemand anderes den Handwerkslegastheniker erschaffen hatte.

Unsere Hummel, der handliche Akkuschrauber, versagte nach einiger Zeit seinen Dienst. Die Gründe empfanden wir als durchaus nachvollziehbar, plagten das arme Kerlchen doch arge Hungergefühle. Und zwar nicht nur ihm, sondern auch uns, doch ohne einen fertigen montierten Tisch würde sich die Sache mit dem Raclette wohl eher schwierig gestalten. Also warf ich das arme Hümmelchen auf seine FutterLadestation.

Die nunmehr wieder aufzubringende Wartezeit konnte damit überbrückt werden, auf der Tischbeinersatzkommodenrückseite einen Stoffbezug anzubringen. Die Uhrzeit ließ meine Bedenken ob des zu erwartenden durch Hammerschlag auf Polsternagel verursachten Lärmes nicht gerade in Vergessenheit geraten, aber versucht mal, meine Angetraute aufzuhalten, sobald sie sich was in den Kopf gesetzt hat. Sie würde jeglichen Ausdauertest gegen den störrigsten südostanatolischen Lastenesel locker bestehen.

So wurde in unserem Wohnzimmer auf dem Boden vor dem Monster am heiligen Nachmittag also aufs Derbste genagelt, während ich inständig darauf setzte, daß die über uns wohnenden Knutsens sich daran zu erinnern vermögen, daß sie unsere Anwesenheit im Wohnungsinneren außer zu den handwerklichen Stunden meiner Angetrauten niemals wahrnehmen. Es sei denn, daß wir mal wieder intensiver kochen, wie man es auszudrücken pflegte. Dabei konnten wir doch gar nichts dafür, daß ein paar Gerüche nach oben wanderten. Die hätten ja ihr Fenster schließen können.

Da ich nichts zu tun hatte, untersuchte ich das Fernsehprogramm der nächsten Tage darauf, welcher Sender zu dieser heiligen Zeit die meisten Zombiefilme bringen würde. Zombiefilm gilt hier als Sammelbegriff für alles, was sich meine Angetraute nicht ansehen wird und in denen auch im weiteren bis allerweitesten Sinne von den Toten Wiederauferstandene und Schreckensgestalten wie zum Beispiel Johannes Heesters auftreten würden. Es müssen also nicht zwingend kulturgeschichtlich reine Zombies in dem Film auftauchen. Meine Schätzung auf RTL2 wurde von einem locker aus der Hüfte geschossenen PRO7 meiner Angetrauten gekontert. In meiner Analyse waren auf Drängen der zweitbesten Ehefrau von allen auch sämtliche Harry Potter-Filme selbst in der dritten Wiederholung innerhalb von 48 Stunden einzeln zu berücksichtigen.

Während dessen wurde meine Angetraute ob des wachsenden Hungergefühls quengeliger, doch irgendwann hatten wir es geschafft: Der Tisch stand bereit und zeigte sich aufnahmefähig für das Raclette. Gesaugt habe ich aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nicht mehr. Und auf die an meine Angetraute gerichtete Frage, was diese denn nun aus der Aktion gelernt habe, gab sie nur die eine, unzweifelhaft vollkommen zutreffende Antwort:

„Nix!“

Der Tisch aber rollt nun zu unserer vollsten Zufriedenheit.

Und wer sich jetzt noch für das Ergebnis der Zombiefilmanalyse interessiert, dem sei versichert, daß Kabel 1 nur an den Feiertagen mehr entsprechende Filme bringt als die komplette RTL-Gruppe innerhalb der ganzen Woche. Wir gratulieren dem Sieger.

Wann kommt eigentlich die nächste Staffel von The Walking Dead?




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