Samstag, 27. Dezember 2014

Weihnachten, entspannt

Für heute war eigentlich eine andere Geschichte geplant, nicht schon wieder was mit Weihnachten, doch wurde diese von aktuelleren Ereignissen verdrängt.

Wir kamen spät vom Weihnachtsbesuch bei meinen Schwiegereltern wieder nach Hause. Meine Nerven hatten sich noch nicht zur Gänze wieder beruhigt, doch so langsam zeigte sich, daß sie sich zumindest schon auf der Zielgerade befanden. Meine Nerven, nicht meine Schwiegereltern. Stundenlang war ich gefesselt von den Geschichten über Alter und Krankheit und über den Tod von Menschen, von denen ich bis zu diesem Augenblick noch nicht mal wusste, daß sie jemals gelebt hatten.

Auch das ständige, nervenzerfetzende Geräusch von Kluntjekandis, welche mein an Diabetes leidender erkrankter Schwiegervater vor sich hinkaute, hatte nicht dazu beigetragen, daß sich bei mir eine gewisse Gemütsruhe einstellte. Kandis bekommt man auch durch Lutschen klein, der muß nicht gekaut werden. Ich weiß das, ich bin in einer Teetrinkerfamilie väterlicherseits aufgewachsen. Für Bonbons gilt das Gleiche. Die Kaugeräusche können mich rasend machen. 

Und dann war da noch das mehrstündige Drama um das Smartphone meiner Angetrauten, welches sie irgendwie aber doch erfolglos auf Geheiß meiner Schwiegermutter mit dem neuen schwiegerelterlichen Fernseher zu verbinden gedachte, um die gespeicherten Filmsequenzen im Großformat vorzuführen. Hinweisen möchte ich auch noch darauf, daß es ziemlich bescheuert ist, wenn man sich beim Kacken im schräg gegenüber der Toilette aufgehängten Badezimmerspiegel selbst bewundern kann. Doch es war überstanden. Unsere eigene Wohnung hatte uns wieder. Zügig verschwanden wir ins Bett.

Nach den üblichen fünf Stunden relativ durchgehender Nachtruhe wachte ich von Lilly bedrängt auf.

Hmmm, es war kühl in der Wohnung. Ziemlich kühl. Verdächtig kühl.

Das Thermometer zeigte etwas von 18 Grad an. Also fühlte ich mal an den Heizkörpern. Kalt. Alle. Das heiße Wasser plätscherte auch nur noch mit knapp über Zimmertemperatur aus dem Wasserhahn. Also warf ich doch mal einen Blick in den Heizungsraum. Stille. Dafür ein Flackerlicht auf der Anzeige. Eine blinkende 0. Böses Zeichen. Ich schaute auf die Bedienungsanleitung.

Scheiße. Störung! Heizung kaputt. Wahlweise wegen ausgefallener Sensoren, defekten Sicherungen oder einer Überhitzung im Heißwasserbehälter.

Keine Wärme in den Heizkörpern und auch kein warmes Wasser in den Leitungen. Natürlich an Weihnachten, gefolgt von einem Wochenende. Wann auch sonst? Ich versuchte es mit der klassischen IT-Lösung für und gegen alles. Strom aus, Neustart.

Ohne Erfolg.

Die technische Beauftragte mußte her. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und weckte die zweitbeste Ehefrau von allen. Nach kurzer Inaugenscheinnahme des technischen Gerätes versuchte sie es mit der klassischen IT-Lösung für und gegen alles. Strom aus, Neustart.

Ohne Erfolg.

Kriegsrat. Der Notdienst würde 100 % Aufschlag nehmen, am Samstag nur 50 %. Sofern dann keine Betriebsferien sind. Das würde alles wieder auf 100 % katapultieren. Und Betriebsferien sind nicht unwahrscheinlich.

Oh ja, mit der Inanspruchnahme von kostenpflichtigen Notdienstleistungen kennen wir uns aus. Nicht wahr, Daisy? Sally? Lucy? Lilly? Meine Angetraute und ich blickten gemeinsam zur Urnenreihe. Marty und Smilla, ihr hört da jetzt gefälligst weg, bevor ihr auf dumme Gedanken kommt. Ihr müsst euch nicht alles von euren Vorgängern abgucken.

Egal, wir beschlossen, es nicht zu Weihnachten, sondern erst am besagten Samstag mit dem Notdienst zu versuchen. Die Katzen haben ein dickes Fell. Und wir wollten ohnehin Raclettereste essen, das wärmt gerätebedingt auch äußerlich. Fangen wir halt schon mittags zum Frühstück damit an. Die Reste-Reste werden wohl für einen zweiten Durchgang am Abend reichen. Wir waren entspannt. Das Kaminfeuer brannte. Gut, die dadurch verbreitete Wärme war rein subjektiv, denn es war nur eine Aufnahme, die vom Fernseher aus heimelige Atmosphäre verbreitete. Echte Kamine werden einfach überschätzt. Im Sommer ist dann wieder das Aquarium mit den exotischen Fischen an der Reihe. Bevor jemand fragt: Nein, für die Aufnahmen haben wir nichts bezahlt. So weit kommt es noch.

Wie würde es eigentlich aussehen, nur eben zum Duschen in den Sporttempel zu fahren? Geöffnet hätte er ja.

Mal sehen. Samstag.



Nachtrag:

Während des Raclette-Frühstücks ließen wir die Heizung stromlos. Ein weiterer Neustart erfolgte nach dem Essen. Jau, hat gereicht, die Heizung sprang an.

Was? Wie? Meine Angetraute verlangt nach mir. Assistenzdienstleistungen beim Entlüften der Heizkörper. Mit gut gefülltem Magen? Wie gut, daß ich an Weihnachten so wirklich überhaupt keine Erwartungen habe.



Kommentare:

  1. Na, wenigstens müsst ihr jetzt keinen teuren Notdienst bezahlen. Und so ein hübsches Kaminfeuer im Fernseher oder auf PC hat doch auch was :) Und es ist immer - wirklich immer - besser, man hat an Weihnachten so gar keine Erwartungen! Ich kenne kein besseres Mittel zur Vorbeugung eventueller Enttäuschungsgefühle oder gar vor- oder/und nach-weihnachtlicher Depressionen!

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    1. Vor- und nachweihnachtliche Depressionen haben wir hier schon lange abgeschafft.

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