Montag, 22. Dezember 2014

Weihnachten anno dunnemals (Teil 2)

Am 24. Dezember lief seinerzeit im Fernsehen immer eine Sendung für Kinder mit dem durchaus gelungenen Titel Wir warten aufs Christkind. Damit verbrachte ich dann den aufregenden Nachmittag, nachdem mir Omma vorher über der Waschschüssel die Haare gewaschen hatte. Natürlich nur mit dem guten Timotei-Shampoo, wie sie betonte. Und immer zwei Durchgänge, was ich nie begriffen hatte, denn zu Hause genügte immer einer, um meine Haare wieder in Form zu bringen.

Nie konnte ich die Sendung zu Ende sehen, denn es näherte sich die Zeit, um gemeinsam mit Omma in die Kirche zu gehen. Es wurden üblicherweise zwei Gottesdienste veranstaltet. Es gehörte zur Tradition, daß Omma vorher immer zur Nachbarin gegangen ist, um sich nach der Uhrzeit zu erkundigen, wann denn der erste Gottesdienst beginnen würde. Denn die Nachbarin hatte ja eine Zeitung, in der das drinstand. In all den Jahren hat sich die Uhrzeit nie geändert.

So fuhren wir dann mit dem Schwarzen Blitz, Ommas 60er-Jahre-Käfer, in Richtung Kirche. Omma und ich hatten unseren Stammplatz auf der Empore oben links, erste Reihe, innen rechts. Von dem schlichten Inneren der Kirche war ich als Kind mehr als beeindruckt. Wir waren von Hause aus evangelisch, und evangelische Kirchen sind was Innendekoration angeht überaus sparsam eingerichtet. Doch die hohen, weißen Wände, die Bogengestaltung der Decke und was es trotz der Schlichtheit sonst zu sehen gab, hatten es mir einfach angetan. Nicht minder beeindruckend empfand ich den Klang der großen Kirchenglocken, der im Inneren des großen Raumes doch ein ganz anderes Erlebnis darstellt als von außerhalb.

Ebenfalls zur – vermutlich ungewollten – alljährlichen Tradition wurde es, daß mir Omma erzählte, wie mein Vater als Kind im Kirchenchor eben dieser Kirche gesungen hatte. Mir wurde aus der Ferne stets der Platz gezeigt, an dem er damals stand.

Etwas oberhalb unserer Augenhöhe hing ein riesiger Metallring, an dem die Hauptbeleuchtung der Kirche befestigt war. Während des Gottesdienstes beobachtete ich ihn, wie er sich langsam erst wenige Zentimeter nach rechts drehte, um dann wieder links herum zu bewegen und das Spiel schließlich wieder von vorne zu beginnen.

Der Gottesdienst endete alle Jahre wieder mit dem Oh du fröhliche. Omma und ich fuhren anschließend zunächst nochmal zu ihr nach Hause, um den Hund und all die Dinge abzuholen, die wir mit zu meinen Eltern nehmen wollten. Während des Kirchganges war es draußen dunkel geworden, aber die 6 Volt-Lampen des Schwarzen Blitzes genügten noch den Anforderungen des damaligen Straßenverkehrs. Während der Fahrt hatten sich Gespräche auf ein Minimum zu begrenzen, denn Omma musste sich konzentrieren. Ein Radio gab es im Schwarzen Blitz natürlich nicht. Und Sicherheitsgurte oder Kopfstützen musste man gar nicht erst suchen. Ja, es war eine wilde, urwüchsige Zeit. Wir waren noch bereit, Risiken einzugehen.


(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. Oh Mann!
    *Schnief*
    Lieber Paterfelis: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe mich mit den Jahren für echt immun in Sachen Weihnachtsstimmung gehalten. Vielmehr geht mir das ganze Brimborium auf den Senkel. Wir machen den Zirkus hier auch eigentlich nur noch für die Kinder mir.
    Dachte ich.
    Bis ich dann Deinen ersten und zweiten Teil eben las.
    Jetzt bin ich plötzlich in Weihnachtsstimmung und auch ein wenig rührselig geworden.
    *schnief*
    Schöne Texte! *Strahl*

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    1. Danke. Dann war es ja noch rechtzeitig.

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    2. Oh ja! Vor Allem, weil ich (mal wieder) völlig geschenkeeinpackwahnsinnsgestresst war! :-)

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