Mittwoch, 17. Dezember 2014

Nikolaus kam auch in unser Haus (Teil 3)

Alteingesessene Kollegen zeigten sich bald von ihrer niederträchtigsten Seite. Sie ließen erst die nachrückenden, noch unbedarften Kollegen den am 6. Dezember oder am nächsten Werktag vorgefundenen Schokoladennikolaus ohne jegliche Vorwarnung oder gar einer Spur von Mitleid verkosten, um dann nach kritischer Beobachtung derselben zu dem Ergebnis zu gelangen, daß dieser auch wohl als ungenießbar zu betrachten sei. Was mithin auf den Schokoladennikolaus als auch für die nächste Zeit auf den als Testobjekt missbrauchten Kollegen bezogen werden sollte.

Doch die Zeiten änderten sich. Frau Dr. Adele Strebsinger wurde zur Wahrnehmung anderer Aufgaben in unsere Hauptverwaltung nach Bad Husten abberufen, so daß Dr. Gottfried Strebsinger sich an die große Herausforderung wagte, uns Führung angedeihen zu lassen.

Er traf eine weise Entscheidung, indem er mit dem Nikolaus ein langes Gespräch führte und ihm unzweideutig klarmachte, daß biologisch-dynamische, fair gehandelte und überhaupt von Grund auf gütige politisch korrekte fröhliche Frischluftnikoläuse bei ihm und uns so gar nicht angesagt wären.

Nikolaus hat verstanden. In der nächsten und auch der übernächsten Saison fand sich das vom gemeinen Volk bevorzugte, unfair gehandelte und garstig erzeugte Schokoladenzeug auf den Tischen. Allgemeine Zufriedenheit breitete sich aus.

In diesem Jahr jedoch gab es eine Neuerung. Da stand nichts auf den Tischen. Und gelegen hat da auch nichts. Hat man uns vergessen? Mein Gemüt drohte zu verfinstern. 

Im Laufe des Vormittags fand sich auf dem Tisch, welches das etageneigene Faxgerät beherbergte, ein Teller mit saisonal eher unpassenden Mini-Schokoriegeln vor, aus deren Mitte ein größerer Schokoladenweihnachtsmann (kein Nikolaus, wie eine sofort durch mich in die Wege geleitete und auch persönlich ausgeführte Prüfung zweifelsfrei ergab) herausragte.

Ich habe nicht großartig gezählt, aber eine vorsichtige Schätzung meinerseits ergab, daß die Zahl der vorhandenen Mini-Schokoriegel vermutlich nicht ausreichen würde, um die Grundversorgung eines jeden Kollegen zu gewährleisten, welcher sich üblicherweise auf unserer Etage aufzuhalten pflegt. Aber da mag ich mich auch irren. Dennoch drängte sich mir die Frage auf, was denn wohl mit dem Nikolaus los war. Waren wir unartig, weil unsere Zahlen nicht stimmten?

Der Teller leerte sich im Laufe des Vormittags, bis mich schließlich zur Mittagszeit die Nachricht erreichte, daß nur noch der Schokoladenweihnachtsmann einsam seine Wache hielt.

„Wieso ist denn der Schokoladenweihnachtsmann noch da?“ erkundigte sich Nadja interessiert.

Fragen über Fragen...


(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. scheint so,als wärd ihr Teil einer größeren Studie über Verhaltenspsychologie...

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    1. Das würde natürlich einiges erklären. Ich bekomme Angst.

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