Freitag, 12. Dezember 2014

Hallo, ich bin der Gottfried

Diesen Kommentar von Molly L. habe ich zum Anlass genommen, den nachfolgenden schon vor geraumer Zeit verfassten Blogeintrag aus dem Archiv zu kramen.


Das LASA wurde als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet. Mich betreffen die freudigen Umstände dieser Auszeichnung eher weniger, da der bloße Umstand, verheiratet zu sein, per Definition nicht genügt, um als Familie herhalten zu können. Es sind eher die nachteiligen Auswirkungen, daß andere Familie sind, die ich mit auszubaden habe. Der gesellschaftspolitische Konsens macht es eben nötig. Ich sehe es ja auch bis zu einem gewissen Grad ein.

Als familienfreundlicher Betrieb ist es bei uns möglich, daß Elternteile, welche sich gerade in einer betreuungstechnischen Verlegenheit befinden, mal das eine oder andere Kind mit ins Büro bringen. Zu diesem Zweck gibt es bei uns ein so genanntes Eltern-Kind-Zimmer. Das ist ein Einzelbüro, in welchem sich neben einem voll ausgestatteten Arbeitsplatz auch ein Kinderbett und etwas Spielzeug befinden. Die kindgerechte Ausstattung stammt aus persönlichen Spenden; öffentliche Mittel wurden nicht verwendet.

Der Nachteil an diesem Zimmer ist, daß es sich auf einer anderen Etage befindet, weit ab von unseren Aktenschränken und dem Rest der Sachbearbeitung. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß die Nutzung dieses Zimmers nur selten zur Freude der betroffenen Elternteile erfolgt. So geschieht es, daß man es bevorzugt, seinen üblichen Arbeitsplatz weiter in Anspruch zu nehmen und das Kind an eben diesem Arbeitsplatz irgendwie beschäftigt.

Als es mal wieder soweit war, daß sich ein Kind auf der Etage befand, kam auch Dr. Strebsinger auf seiner Guten-Morgen-Runde vorbei und wurde dem Kind als „Das ist Dr. Strebsinger. Er ist der oberste Chef von uns allen hier.“ präsentiert.

Dr. Strebsinger war sichtlich gut gelaunt und meinte „Oh, danke, damit haben Sie mir den Tag gerettet.“ Und zu dem Kind gewandt „Ich bin der Gottfried.“

Damit komme ich irgendwie nicht klar. Niemand aus dem Haus duzt Dr. Strebsinger. Das ist für mich schon aufgrund seiner Position vollkommen in Ordnung. Ich selbst mag die reflexartige Duzerei auch unter Kollegen nicht so gerne und behalte inzwischen zunächst gerne die etwas förmlichere Variante bei. Damit bin ich ein kleiner Exot. Mir sind sogar schon Gerüchte zugetragen worden, nach denen es ganz offensichtlich sei, daß ich nicht gut mit Frl. Hasenclever zusammenarbeite, weil wir uns nicht duzen würden. Mit was für einem Unfug man sich auseinandersetzen muß... 

Mir fällt immer wieder auf, daß es für Kinder heute immer normaler wird, jeden Erwachsenen sofort duzen zu dürfen. Zu meiner Kinderzeit musste ich jeden Fremden siezen. Das galt auch für Nachbarn und Freunde meiner Eltern. Die würde ich bis heute immer noch siezen, falls ich sie sehe. Und das nach deutlich über vierzig Jahren. Mit meinen Schwiegereltern war ich deren Wunsch entsprechend bereits vom ersten Tag an per du. Das hat mir durchaus nicht wenig Anpassungsschwierigkeiten bereitet, zumal ich mit fremden Menschen nicht sofort warm werde.

Wie sollen die Kinder denn lernen, daß man nicht mit jedem sofort auf Kumpel machen kann, wenn ihnen direkt das Du gestattet wird? Daß es auch eine Distanz gibt und geben muß. Die macht ja durchaus auch Sinn. Nicht selten reagieren unsere Auszubildenden und jüngeren Nachwuchskräfte schon fast verstört, wenn ich sie sieze. Sie wollen oft unbedingt geduzt werden. Gut, können sie haben, was aber nicht bedeutet, daß ich mich von ihnen auch in jedem Fall duzen lasse.

Ja, ich weiß, das ist ein rein deutsches Problem, während in der englischen Sprache blablabla. Ist mir aber egal. Entgegen zahlreicher anderer Eindrücke lebe ich nicht in einem englischsprachigen Land. Das ist nun mal unser deutschsprachiger Kulturkreis. Man muß ja nicht direkt alles ablehnen, was mit dem Prädikat deutsch verbunden ist, bloß weil wir den Krieg verloren haben. Mir sträuben sich die Fußnägel, wenn ich in verschiedenen, allseits bekannten Geschäften automatisch per Order Mufti als Kunde geduzt werde. Ich sieze jedenfalls zurück.

Hier im Blog, im Umgang mit meinen Lesern, ist dies wieder etwas anderes. Ich habe mir vor Veröffentlichung des Blogs durchaus überlegt, wie ich die Frage der Anrede lösen soll. Es gibt verschiedene Blogs, in denen der Blogger sich für die distanzierte Variante entschieden hat. Das ist ein Stil, der mir durchaus gefällt und aus meiner Sicht in der Blogosphäre auffällt.

Aufgrund der thematischen Ausrichtung meines Blogs und meines zumeist damit verbundenen Schreibstils erschien dies für mich jedoch unpassend zu sein. Der Schwerpunkt liegt vom Ursprung des Blogs aus der Sicht des Lesers auf der humorvoll unterhaltenden Seite; der informelle Teil hat eher untergeordnete Bedeutung. Außerdem wollte ich nicht als schlechte Kopie erscheinen. Von daher pflegt die Figur des Paterfelis hier das Du. Würde ich einen Blog mit anderer Ausrichtung schreiben, wäre dies womöglich anders. Sofern ein Kommentator offensichtlich andere Ansichten dazu hat, was auch vorkommt, wird dies von mir respektiert, so ich es denn rechtzeitig wahrnehme.

Das Du würde ich, sollte ich jemals in der realen Welt einen meiner mir bis dato unbekannten Leser wissentlich persönlich treffen, beibehalten. Es wäre konsequent und sogar ehrlich gemeint. Aber für mich auch ungewohnt und vermutlich zunächst ziemlich anstrengend.


Kommentare:

  1. nö...direkt duzen muss nicht sein, weder beim Kind , noch bei mir selbst..
    Meine 3 wurde dazu erzogen und das is auch ganz gut so.
    Selbst ich habe mich über 20 Jahre mit einer ehemaligen Cheffin gesiezt ( zwar mit Vornamen, ist halt so, unter Schwestern..;o)..aber eben Sie. Wurde mir eine sehr mütterliche Freundin, feierte mit uns Hochzeit und diverse Jubeleien der Grädies...und alles per Sie..Irgendwann bot sie mir dass du an, ohne dies eingehake und so, aber trotzdem bissle feierlich. Das fand ich sehr schön.
    Alles eine Frage des Respekt, finde ich.

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  2. Ich differenziere im Prinzip auch - ABER: In so einen kleinen Betrieb wie bei uns, ist es echt seltsam, wenn man sich siezt. Ich meine... wir sind an sich keine 5 Helferinnen, zweikommafünf Azubis, zwei Büroleute, eine HomeOffice-Tante und eine Elternzeitfrau.
    Unter uns Helferinnen (inklusive HO und Elternzeit) arbeiten wir täglich eng zusammen, wir haben eher ein freundschaftliches Verhältnis und meine Kolleginnen unternehmen in der Freizeit auch gerne etwas zusammen (das fängt bei Weihnachtsfeier nur für Helferinnen an und hört bei Kinogängen, gemeinsamen Abhängen und ähnlichem auf) - zudem sind wir mit einem Ausreißer nach oben alle recht Nahe beieinander:
    Wir duzen uns.
    Selbst unser HomeOffice-Tante hat regen Kontakt zu uns - einzig wenn die Anderen über uns reden, nutzen sie unsere Nachnamen >zusätzlich< - wir haben nämlich den selben Vornamen. ;)
    Bürokraft #1 besteht auch auf das Du. Sie gehört auch zur Kategorie "macht jeden Scheiß mit", obwohl sie bereits länger in der Praxis arbeitet als ich auf der Welt bin. ;)
    Und Bürokraft #2? Der bekommt von den meisten das Sie, auch wenn wir uns alle duzen (lassen) - warum? Ich hab kein Plan. Es ist einfach so und wir kommen alle damit zurecht. Lediglich unsere Erstkraft duzt ihn - die Beiden haben aber auch fast zeitgleich angefangen (immerhin vor 25 Jahre - da waren wir Anderen alle noch im Kindergarten :D).

    Unsere Azubis?
    Wir legen Wert darauf, dass sie uns beim ersten Kontakt siezen - und bieten ihnen DANN das Du an. Einfach auch aus Respektgründen. Eine unserer Azubis hat nämlich von sich aus einfach alle geduzt - den haben wir einen Riegel vorgeschoben und das Sie direkt verlangt und erst nach ihrer Probezeit das Du wieder angeboten, weil sie doch recht respektlos war.

    Und die Ärzte? Das sind unsere Vorgesetzte und als dieses absolut Siez-Würdig. Sie siezen uns auch zurück - allerdings mit Vornamen. Hier wurde wir aber alle einzeln befragt, ob das so in Ordnung sei.
    Aber auch hier: alle benutzen bei HomeOffice und mir gegenüber anderen primär den Familiennamen - aber auch, weil es mal ein 1-Stundengespräck kam, wo jemand von "Wölfchen" - seiner Frau - sprach, zwei Ärzte dachte er würde von mir und die anderen beiden von unsere Home-Office-Tante sprechen.
    Und JA... MEIN Vorname gibt es sogar viermal direkt oder indirekt in unsere Praxis (eine Tochter, eine Ehefrau, zwei Mitarbeiter ;) ).

    BTW:
    Bei den Ärztefrauen - also die Frauen unserer Chefs - ist es auch differenziert. Alle bis auf Eine werden gesiezt. Und die Ausnahme hat selbst mal in der Praxis als MFA gearbeitet, setzt sich nach wie vor für unsere Rechte ein und lästert gerne mal mit uns über ihren Mann - auf freundschaftlich-mütterlicher Ebene. Aber deren Mann siezen wir auch nur, weil die anderen Ärzte darauf bestehen - für ein einheitliches Konzept. ;)



    Boah... WALL OF TEXT INC!

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  3. Jaaaaa, mich graust es auch, wenn ich an der WALDI-Kasse einfach so geduzt werde. Ich bin noch so aufgewachsen, dass man prinzipiell alle älteren Erwachsenen siezt - bis sie einem das Du anbieten.
    Ich kenne einige Leute, die gegenseitiges Siezen als Affront ansehen. Ich nicht. Ich habe die Dinge gerne geregelt und manchmal ist siezen auch durchaus eine Frage des Respektes! Eine ehemalige Dozentin von mir etwa duzt mich (mit meinem Einverständnis), aber mir würde nie in den Sinn kommen, sie zurück zu duzen (obwohl ich dürfte!).
    Ein sehr interessantes Thema, lieber Paterfelis!
    Und ich habe das Gefühl, dass sich hier auch die Zeiten deutlich ändern und das Siezen immer mehr ins Abseits gerät!
    Es gibt allerdings ein paar Typen Mensch, die einen so fröhlich und vertraut duzen, dass man es ihnen nicht krumm nehmen kann.
    Das Gegenmodell dazu ist der Typ Mensch, der einen duzt aber gleichzeitig klipp und klar signalisiert, dass man ihn gefälligst zu siezen hat - den Typ Mensch hab ich ja gefressen!
    Ich bin da also im Zweifelsfalle - so wie hier - immer lieber etwas zurückhaltender und frage dann eben nach. Und jetzt weiß ich, dass ich Dich duzen darf! :-)

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