Sonntag, 9. November 2014

Verpennt

Man ist in den letzten Wochen nicht umhingekommen festzustellen, daß in diesen Tagen ein geschichtsträchtiges Ereignis jubiliert. An sich sogar mehrere. Aber während ich bei des Kaisers Abdankung allenfalls als flüchtige Zukunftsvision meiner noch im Kindheitsalter befindlichen Oma zugegen war, kann ich die ewige Frage nach dem Wo warst du, als… für den 9. November 1989 doch recht eindeutig beantworten.

Zu dieser Zeit wohnte ich noch in meinem Elternhaus. Hier nannte ich zwei Zimmer mein Eigen, nämlich mein Wohnzimmer sowie den Raum unter dem Satteldach als Schlaf- und Fernsehzimmer. Es war ein Donnerstag, an dem ich wie üblich im LASA geschuftet hatte. Damals beschäftigte ich mich dort noch mit den Geheimnissen des europäischen Rechts und dessen Auswirkungen auf das unsrige. Meine täglichen An- und Abfahrtswege waren damals schon durchaus beachtlich, aber als junger Mensch der noch bei seinen Eltern lebt, störte das Geld, welches er somit täglich durch den Auspuff bläst, noch nicht so richtig. Es war genug vorhanden (he, ich verdiente 2.600 DM brutto, mir gehörte die Welt) und ich hatte nach Abzug des natürlich abzuliefernden Kostgeldes nicht viele Ausgaben für meine Freizeitbewältigung zu stemmen. Außerdem machte Auto fahren seinerzeit noch Spaß.

Schon damals ein Frühaufsteher hielt ich es abends natürlich nicht übertrieben lange aus. Unter der Woche war allerspätestens um 22 Uhr Schicht. So lag ich zu einer mir nicht mehr erinnerlichen Uhrzeit noch lesenderweise in meiner Koje, als mein Vater die Treppe erklomm und mir die Empfehlung gab, mal den Fernseher einzuschalten, die Mauer wäre geöffnet worden. Doch nein, ich hatte keine Ambitionen, mir das Spektakel anzusehen und zog es vor, ein Ründchen zu schlafen, um den letzten Arbeitstag der Woche dann auch noch überstehen zu können.

Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, was da mit mir los war. Es berührte mich schlichtweg überhaupt nicht, auch wenn ich mir die Faszination des möglichen Mauerfalls als Gedankenspiel schon seit Jahren immer wieder mal vorstellte. Seit ich mich erinnern kann war ich an Geschichte und historischen Ereignissen interessiert. Eine frühere Inkarnation Dr. Strebsingers sagte einst in einem privaten Gespräch zu mir, daß man ja durchaus schon mal gehört habe, daß jemand erzähle, an Geschichte interessiert zu sein, ich aber derjenige sei, dem man dies auch tatsächlich glaube. Und ausgerechnet ich, der als Zeitzeuge auch noch einen ganzen Stapel alter Zeitungen mit geschichtsträchtigen Geschehnissen archiviert hat, ignorierte bewusst ein Ereignis, welches man später eindeutig als welthistorisch bedeutsam bewerten würde.

Die Bilder, die ich in jener Nacht verpasste, flimmerten in den Jahren danach immer und immer wieder über den Fernseher. Aber es ist doch etwas anderes, sie als Archivaufnahmen zu sehen als behaupten zu können, man sei dabei gewesen. Irgendwie jedenfalls. Indirekt. Aber dabei. In Echtzeit.


Doch die Welt bewegte sich auch ohne mich weiter. Eine tröstliche Erkenntnis.


NRZ vom 11.11.1989





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