Mittwoch, 19. November 2014

Niedergeknüppelt: Beethovens neunte Sinfonie, 4. Satz

Freude schöner Götterfunken,

jetzt hast du deinen Führerschein.

Mag dein Vater noch so unken,

froh steigst du ins Auto ein.


Dieses literarische Kleinod habe ich vor unzähligen Jahren mal irgendwo gelesen. Es geht noch weiter, aber wie bei so vielen anderen in früheren Zeiten auswendig gelernten Gedichten, so ist auch dieser Text meinem Gedächtnis nur rudimentär verhaftet geblieben.


Nein, dies ist nicht das Ergebnis meiner ersten Autofahrt.*)

Ednong möchte in seiner vierten Frage wissen, worüber ich mich freue bzw. womit man mir eine Freude machen könnte. Ich gestehe freimütig ein, daß gerade die Beantwortung dieser Frage schon ein paar Schweißperlen auf meiner Stirn erscheinen ließ.

Emotional bin bekanntlich ich ein wenig – öhm – sagen wir mal unterkühlt. Und ansonsten ja auch recht durchgeknallt. An das Gefühl, echte Freude empfunden zu haben, kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Klingt brutal, ist aber so. Als Kind war das sicher anders, da schweben mir schon entsprechende Szenen vor das innere Auge, aber im Laufe der Jahre wurde das immer weniger.


Muttiherzen schlagen jetzt hoffentlich schneller.

Beginnen wir mit dem zweiten Teil der Frage. Womit könnten mir andere Menschen eine Freude machen? Gar nicht. Ist einfach so. Ich mag es nicht, wenn andere etwas für mich tun. Es ist schon eine Herausforderung für mich, andere zu bitten, mir einen kleinen Gefallen zu erweisen, wenn ich gerade im Augenblick oder grundsätzlich etwas nicht selbst erledigen kann. Die Herausforderung ist natürlich je nach potentiellem Empfänger und Art meines Begehrs unterschiedlich stark ausgeprägt, aber sie ist immer da. Und wenn dann jemand etwas für mich getan hat, habe ich grundsätzlich ein schlechtes Gewissen.  Einfach nur deswegen, weil ich es nicht selber getan habe. Da wird es schwierig, auch noch Freude zu empfinden.

Mir etwas schenken zu wollen ist eine ganz schlechte Idee. Ihr könnt davon ausgehen, daß ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach eher darüber ärgere, es sei denn, daß es sich bei dem Geschenk um ein Ding handelt, welches ihr ansonsten weggeworfen hättet. He, das bedeutet nicht, daß ihr von jetzt an all euren Müll bei mir loswerden könnt. So ist das nicht gedacht.

Geschenke haben etwas Verpflichtendes für mich. Ich will aber in niemandes Schuld stehen. Und die alte Nummer Ich schenke dir 10 Euro und du mir 10 Euro bringt es ja auch nicht. Früher, als es auch nach dem Rauswachsen aus dem Kindes- und Jugendalter bei uns noch üblich war, zu Geburtstagen und Weihnachten Geschenke zu verteilen und zu empfangen, fand ich es schlimm, Wunschzettel abgeben zu müssen. Natürlich war das hilfreich, denn man bekam nur die Dinge, die man haben wollte. Mehr oder weniger. Denn irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem man nichts mehr benötigt, was man sich nicht selber kaufen könnte. Oder die Sache war viel zu teuer, um sie sich schenken zu lassen. Also schrieb man Verlegenheitswünsche auf.

Meint nun jemand, mir ein Überraschungsgeschenk machen zu müssen, handelt sich meistens um etwas, was ich nie haben wollte. Und wenn ich es nicht haben will, dann kann ich zumeist mit diesem Ding auch nichts anfangen. Ich ärgere mich, weil für dieses Ding Geld ausgegeben wurde, mit dem ich unter dem Strich mehr hätte anfangen können. Also wurde im Umkehrschluß quasi mein Geld ausgegeben, ja sogar verschwendet. Hört sich doof an, ich weiß. Und dafür muß ich dann sogar Dankbarkeit heucheln?! Nur damit der Schenkende sein Ziel erreicht und sich selbst gut fühlt? Nein, vielen Dank. Ein Geschenk als Dankeschön für etwas, was ich getan habe, nehme ich allerdings schon gerne an. Wenn es sich dabei denn um etwas handelt, was ich auch haben will und nicht - siehe Stichwort Überraschungsgeschenk.

Wir haben die Sache mit der Schenkerei bei uns vor Jahren abgeschafft. Als es irgendwann so weit ging, daß wir unsere Geschenke selber kaufen mussten, sie vom Schenkenden bezahlt wurden, wir sie dann abgegeben haben, nur um sie einige Wochen später verpackt wieder zu bekommen, wurde es meiner Angetrauten und mir endgültig zu viel.

So ganz freudlos ist mein Dasein nun aber doch nicht. Ich empfinde anstelle dessen, was man gemeinhin mit Freude umschreibt, eher ein Gefühl der Zufriedenheit. Habe ich eine Prüfung bestanden oder etwas anders Aufwendiges erledigt, so war und bin ich zufrieden. Freuen werde ich mich nicht. Das Gefühl der Zufriedenheit ist jetzt nichts, was lange anhält und mich durch die nächsten Tage begleitet. Es ist da, bleibt einen Moment lang, dann geht es wieder zurück zur Tagesordnung.

Es gibt da aber etwas, was mich wirklich zufrieden machen kann. Mein persönliches Utopia sozusagen. Stellt euch folgende Szene vor: Ich stehe morgens auf, habe gut geschlafen und werfe mich unter die Dusche. Dann ziehe ich mir gemütliche Klamotten an und stelle fest, daß die Wohnung rundum aufgeräumt und sauber ist. Es steht nichts an, was ich gerade tun müsste. Die Heizung ist ausgeschaltet, von draußen strömt frische Luft durch die etwas geöffneten Fenster. In der Küche finden sich – los, alle mal lachen - Restevom gestrigen Abendessen. Kaltes Gyros mit Tzatziki und Zwiebeln, Überbleibsel einer Pizza oder etwas in der Art. Frühstück! Nur für mich.

Ich schlurfe ins Wohnzimmer, betuttel die nächste vorbeilaufende Katze und kann tun und lassen was ich will. Ein Buch lesen, einen Film ansehen – und den zeitfressenden Computer ausgeschaltet sein lassen. Ich muß wir weder Sorgen um meinen Kontostand noch um andere unleidliche Dinge machen.

Ja, das wäre es mal.



*) Näheres siehe hier.

Kommentare:

  1. ---Kaltes Gyros mit Tzatziki und Zwiebeln, Überbleibsel einer Pizza oder etwas in der Art.--

    Bei uns nennt man das Frühstück für Helden....

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, danke. Ich habe so etwas schon immer geahnt, doch jetzt habe ich endlich Gewissheit darüber, was ich bin. :-)

      Löschen
  2. Eigentlich ist es ja super leicht, Dir eine Freude zu machen: Man muss Dir nur morgens die Essenreste vom Vorabend vor die Tür stellen! ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Na ja, ein wenig wählerisch bin ich da schon.

      Löschen
  3. Schon interessant, ich finde viel von dem wie du deine Gefühlswelt und Ansichten beschreibst auch bei mir wieder. Ich hab auch eine Sozialphobie, wenn auch nicht so stark wie bei dir. Ob da ein Zusammenhang besteht? ;)

    AntwortenLöschen
  4. Wow - ich dachte ja schon, ich könnte viel erzählen, wenn ich wollte. Wahnsinn. Wenn ich also zu Besuch kommen wollen würde und dir ein Geschenk mitbringen sollte, wären als die Pizza-Reste des Vorabends angenehm? ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das wäre sehr riskant für dich. Bei Pizzaresten mit Spinatanteilen oder Meeresfrüchten würdest du wieder rausfliegen. :-D

      Löschen