Montag, 11. August 2014

Die Razzia

Es wird höchste Zeit, daß ich aus meinem Leben im Allgemeinen und dem Büro im Besonderen wieder mehr von den kleinen, lustigen Dingen am Rande schreibe, die ich immer noch regelmäßig mit Mandy, Rebecca, dem Ökoklaus und Co erlebe, aber die aktuellen großen Geschehnisse bewegen und belasten mich zur Zeit etwas mehr. Diese bedürfen auch einer Verarbeitung meinerseits; ich möchte sie auch als wichtigen Bestandteil meines Lebens hier zumindest in gefilterter Form nicht untergehen lassen. Aber keine Sorge, die Zeiten werden sich auch im Blog wieder ändern. Material ist genug vorhanden.



Dr. Strebsinger hat es nicht leicht mit uns. Immer und immer wieder haben wir eine eigene Meinung dazu, wie unsere verfahrene Arbeitssituation zu handhaben ist - nicht aber zu lösen, dazu braucht es unstrittig Personal. Aber man muß ja doch irgendwie mit den ganzen Akten umgehen. Dabei ist es etwas unglücklich, daß Dr. Strebsinger nicht willens ist, unsere diesbezügliche Meinung zu teilen.

Auch eine Stufe niedriger, wenn es darum geht, Akteninhalte auszuwerten und zu einem Ergebnis zu gelangen, kommt es vor, daß er sich mit seinem akademisch geschulten Verstand(O-Ton) in irgendwelche Ideen allgemeiner Natur verrennt, welche aber nicht zielführend sind. Seit Tagen diskutierten wir über einen Vorgang und darum, welche Vorschrift zu dessen Lösung anzuwenden sei. Das war nicht ganz unwichtig, denn je nachdem würde der Kunde einen Betrag X von uns bekommen, nur die Hälfte davon (meine Lösung) oder gar nichts (Dr. Strebsingers Idee).

Schließlich hatte ich Dr. Strebsinger so weit, daß er kurz vor der Verzweiflung stand. Eine letzte Argumentationskette wollte ich noch bringen, doch zu deren Beleg benötigte ich verschiedene Unterlagen aus meinem Schrankarchiv. Hier verwahre ich zwischen Milch, Haferflocken und Zwieback uralte, noch in Papierform gepresste Arbeitsanweisungen und alte Gesetzestexte, welche die Kollegen nicht mehr besitzen. Das ist der Vorteil, wenn man schon etwas länger dabei ist und sammelt. Denn das Zeug kann man immer wieder mal gebrauchen; in unserem Intranet findet sich nicht alles. Als wir uns trennten meinte Dr. Strebsinger, er würde vor mir eine tiefe Verbeugung machen, wenn es gelänge, ihn von der Richtigkeit meiner Lösung zu überzeugen.

Die Ereignisse der letzten Tage ließen es nicht zu, daß wir uns des Problems nochmal annahmen. Wir bekamen Besuch aus Bad Husten. Eine Razzia stand an – böses Wort, ich weiß. Dr. Strebsinger wusste Bescheid, wir hingegen nicht. Herr Berger von unserer Hauptabteilung kam in Begleitung, um auf Wunsch des Abteilungsleiters zu untersuchen, warum es hier nicht vorangeht. Ziel war natürlich, Fehler in unseren internen Arbeitsabläufen und -strukturen durch Aktenkontrolle und Gespräche aufzudecken.

Die Aktion zog sich über mehrere Tage hin. Ich will über die Ereignisse nicht viel Worte verlieren; nur so viel: Die Emotionen kochten teilweise schon hoch. Ich konnte der Sache schon entspannter entgegensehen, denn die Wege Herrn Bergers kreuzen die meinen nun schon seit fast 30 Jahren immer wieder, so daß ich ihn auch persönlich gut einschätzen kann. Wir sind zwar auch schon mal hart aneinandergeraten, aber das ist lange vorbei. Freitag erfolgte die Abschlussbesprechung. Abgesehen von der Feststellung, daß es durchaus sinnvoll sei, wenn unsere Stellen endlich mal alle besetzt wären, wurde folgendes Ergebnis präsentiert:

Wir arbeiten so, wie wir es sollen.

Fehler finden in vertretbarem Rahmen statt. Dr. Strebsinger bezweifelte dies bis dahin immer wieder, konnte uns dies mangels näherer Kenntnisse unseres Tuns  jedoch nie belegen. Und seine Statistiken erklären nun mal auch nicht alles.


Wir, also die Ebene der Sachbearbeiter und der Assistenten, sind ein gutes Team.

Auch dies wurde von Dr. Strebsinger immer wieder mal bezweifelt.


Wir benötigen Nachschulungen in den Fällen, welche wir von anderen Fachbereichen und uns damit fremden Rechtsgebieten übernommen hatten.

Unsere entsprechenden Forderungen wurden in der Vergangenheit immer wieder mit dem Hinweis abgelehnt, wir hätten dies auch so zu können, ansonsten solle man sich in jedem Einzelfall durchfragen.


Die Restbestände liegen auch in der Vergangenheit unserer Außenstelle begründet, deren Missstände wir nicht zu verantworten hätten.

Dr. Strebsinger wollte dies nie von uns hören.


Wir sollen alle unsere Reste in einem „Giftzimmer“ sammeln und jeden Tag eine bestimmte Anzahl, konkret eine Akte pro Mitarbeiter, rausnehmen und erledigen.

Dies hatten wir schon mal erfolgreich so gehandhabt, bevor Dr. Strebsinger unser Außenstellenleiter wurde. Er aber wollte die Aktion nicht wiederholen, weil sie unsinnig sei.


Wir sind zur Zeit nicht in der Lage, uns unseren originären Aufgaben zu widmen, so daß sich dabei nichts mehr bewegt. Dies ist nicht unsere Schuld, sondern liegt an äußeren Umständen.

Aus bestimmten Gründen haben wir zur Zeit nämlich vorrangig Vorgänge mit bestimmten Fallgestaltungen abzuarbeiten. Zu diesen Fallgestaltungen erreichen uns und andere Außenstellen dermaßen viele Neuanträge, daß nichts anderes mehr geht. Auch dies hatte Dr. Strebsinger uns nicht geglaubt, weil es die Statistik nicht hergebe.


Nach der Besprechungsrunde gab es Eisesstille auf beiden Seiten. Nach Auflösen der Besprechung trafen sich die Kollegen noch in meinem Büro und redeten über das Gehörte. Plötzlich klopfte es an der Tür, Dr. Strebsinger trat ein und sprach mich an: „Herr Paterfelis, ich habe die Gelegenheit genutzt, um mit Herrn Berger nochmal über unsere spezielle Akte zu sprechen. Sie hatten Recht.“

Die Verbeugung hat er jetzt nicht gemacht, aber angeboten, mir später ein Frikadellenbrötchen auszugeben. Ist auch ok, da habe ich mehr von.

Da sage ich doch mal: Spiel, Satz und Doppelsieg für Paterfelis und die Kollegen.

Ich bin durchaus gespannt, wie es weitergeht, denn ausgestanden ist die Sache noch nicht. Ein paar Gräben sind jetzt noch zu überbrücken, denn zwischen der Sachbearbeitung und unserer Führungsebene steht es gerade überhaupt nicht zum Besten. Und ich hänge der Natur meines Amtes entsprechend genau dazwischen. Dies wird nicht einfach zu lösen sein. Und letztendlich: Die Arbeit ist immer noch da – im Gegensatz zum Personal. Denn das wird aktuell immer weniger. Ich hatte schon mal in einem Kommentar erwähnt, daß eine Kollegin bald in den Erziehungsurlaub geht und mindestens eine andere wohl einen neuen Arbeitgeber gefunden hat.

Auch diese Stellen können voraussichtlich nicht vor Ablauf eines Jahres, wenn die nächsten Nachwuchskräfte fertig sind, besetzt werden. Und selbst dann steht es noch in Frage, ob jemand kommt, der auch bleiben wird. Zeit- und Leiharbeiter sind in unserer Branche kein Thema. Mit Fachkräften für Bürokommunikation oder ehemaligen Mitarbeitern anderer Behörden können wir nichts anfangen. Unsere Arbeit ist zu speziell und doch zu vielschichtig. Einsteigerplätze mit geringeren Anforderungen an Fachkenntnissen oder Leistungsfähigkeit gibt es nicht. Bei uns heißt es ganz oder gar nicht.

Die dauertemporäre Umverteilung aller anfallenden Arbeiten auf alle Anwesenden geht weiter.



Kommentare:

  1. Hallo Paterfelis,
    wahrscheinlich wäre es an der Zeit, mit Widersinnigkeiten aufzuräumen. Ich stolpere geradezu über das Wort "akademisch geschulter Verstand". Ich halte mich da lieber an meinen gesunden Menschenverstand (der allerdings nicht immer fehlerfrei urteilt). In der öffentlichen Verwaltung ist dies an vielen Stellen genauso, dass zwar Personal abgebaut wird, aber das Arbeitsvolumen gleich bleibt. In der freien Wirtschaft kann man damit gewaltig Schiffbruch erleiden, wenn die Belange der Kunden auf der Strecke bleiben.

    Gruß Dieter

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    1. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, daß alles, was man in der freien Wirtschaft ausprobiert und verworfen hat, in der öffentlichen Verwaltung 20 Jahre später nochmals getestet wird.

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  2. Ohjee.
    Ein lachendes und ein Tränendes Auge.
    Bin gespannt wie es weiter geht.
    Kopf hoch.

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    1. Ich bin noch nicht sicher, ob ich über das, was folgte, noch einen Eintrag mache. Ich bewege mich ja ohnehin auf einem schmalen Grat. Aber mit professioneller Herangehensweise hatte das nach meinem Empfinden kaum noch was zu tun.

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  3. Das klingt so richtig nach Verwaltung.
    Ich habe da auch einige Freunde sitzen und konnte in einige Behörden schon relativ frei mitarbeiten für einen kurzen Zeitraum.

    Mein Fazit: es ist Wahnsinn, womit die ihre Zeit verbrennen. Ich würde wahrscheinlich als Angestellter oder Beamte nach einigen Wochen abdrehen. Oder versuchen, morgens zu Arbeitsbeginn in einen "Sleepmodus" zu kommen, damit ich den Tag mit nicht allzuviel Nachdenken überstehen kann. Man darf dort wirklich nicht anfangen, großartig nachzudenken. Das zieht Kreise (von Gedankengängen), die immer größer werden. Und irgendwann stellt man dann alles in Frage. Echt verheerend ;)

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    1. Die Richtung für die künftige Arbeit wurde uns zwischenzeitlich vorgegeben. Jetzt wird noch mehr verwaltet und kontrolliert, was man uns als besser und toller und schöner verkauft.

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  4. Du bist - tief in dir drin - ein Abenteurer. Das ist toll. Und voller Kampfgeist.... alles wird gut, du wirst sehen. Weitermachen.

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    1. Alles wird gut? Das ist ein bei uns verbotener Spruch. Dafür wird man geächtet.

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    2. Bei uns auch. Hab halt gedacht..... ich probier's mal. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Dafür wird man auch geächtet? Verdammt. Bei uns auch.

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