Sonntag, 17. August 2014

Der Wächter bei den Löwen

Das Leben lässt zuweilen seine ganze Härte an mir aus. Wirklich, das muß man sich mal vorstellen. Am Donnerstag waren die wenigen, nach Abzug von Urlaubern und Kranken noch vorhandenen Restkollegen meines Fachbereiches in der Mittagspause beim Kleinen Chinamann. Mittagsbuffet. Wir waren zu sechst. Sechzehn Stellen stehen auf dem Plan…

Grund zum Strahlen haben wir ja eigentlich immer, und so ergab es sich relativ spontan. Beim nächsten Mal würde es wieder abends stattfinden, so daß auch der ehemalige Mitbewohner der guten Mandy seine Gelegenheit bekommen wird, uns dorthin zu begleiten und seine Fähigkeiten zu beweisen.  Der Mongolenteller fehlte schon ein wenig, während die knapper vorhandene Zeit mich auf acht und den Ökoklaus auf neun eher übersichtliche Gänge einschränkte. Dafür war das Spektakel auch kostengünstiger.

Die zweitbeste Ehefrau von allen zeigte sich ob unserer zwischenzeitlich quartalsweise erfolgenden kollegialen Heimsuchung des Kleinen Chinamannes leicht betrübt und verlangte, dort ebenfalls mal wieder einzukehren. Da ich mich diesbezüglich trotz einer eher schwachen Vorleistung trotzdem gut  trainiert wähnte und meine Angetraute erstmals seit Monaten, gefühlten Jahren, an diesem Samstag frei hatte, drängte es sich förmlich auf, das gleich zu erledigen. Dennoch würde es nach dem bereits erwähnten Mittagstraining eine Herausforderung werden. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.

So spazierten wir vom Parkplatz in Richtung des von zwei steinernen Löwen flankierten Eingangsbereiches, als ich plötzlich stutzte. Meine Angetraute spürte mit ihrer typisch weiblichen Sensibilität mein aufkommendes Unbehagen.  Es war aber nicht wie sonst so oft. Keine sich anbahnende Panikattacke oder auch nur die Vorstufe davon. Nein, es war anders. Schlimmer.Grundlegender. Dramatischer.

„Was ist los?“

„Siehst du es denn nicht?“

Nein, sie sah es nicht. Dieses wichtige, möglicherweise alles entscheidende kleine aber doch wesentliche Detail. Es fehlte.

„Was denn?“

„Der Wächter steht nicht an seinem Platz.“

„Welcher Wächter?“

„Der kleine Chinesenjunge, den sie hier immer in der Nähe postiert haben. Er ist nicht da.“

„Ist mir noch nie aufgefallen. Was macht denn der Junge hier?“

„Er passt auf, ob wir kommen.“

„???“

„Immer wenn wir uns dem Lokal nähern, rennt er sofort in die Küche. Dorthin, wo die beiden überlebensgroßen Poster hängen.“

„Welche Poster?“

Meine Augen bekamen so langsam ein irres Flackern. Ich habe gesehen, wie es sich in den Fenstern des Lokals spiegelte. Erkannte denn hier niemand die Notlage? Die sich anbahnende Katastrophe?

„Die beiden Poster von uns. Eines von dir und eines von mir. Guck doch mal durchs Küchenfenster. Der Junge stürmt immer hinein, zerrt dem Koch am Arm und zeigt auf die Poster. Auf deines, wenn du mal nur mit den Mädels hier bist, auf meines, wenn ich mit den Kollegen hier bin. Und wenn wir beide kommen, dann ist er richtig aufgeregt und zeigt abwechselnd auf beide Poster.“

„Warum sollte er denn so etwas tun?“

„Damit der Koch Bescheid weiß. Wenn du kommst, muß er gebackene Bananen bis zum Abwinken machen. Und die Bienen rausschicken, damit der Honig reicht. Bei mir geht es natürlich um die Enten. Er muß jemanden finden, der noch welche schießt, damit genügend da sind. Und da der Junge heute nicht da ist, sehe ich die Nachschublage als sehr kritisch an.“

„Schatz?“

„Ja?“

„Du spinnst.“

Hin und wieder soll das tatsächlich mal vorkommen.




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