Sonntag, 22. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 4 - Hierarchien

Gegen 1.00 Uhr erscheint ein Arzt. Er ist in Eile, aber sichtlich gut gelaunt. Wie ich später erfahre, hat er wohl gerade eine Zusage für seine Bewerbung auf eine bestimmte Stelle im Haus erhalten. Wie ich gleichfalls in Erfahrung bringe, kommt er direkt von einer dreistündigen Notoperation. In der Ambulanz ist wohl immer noch der Teufel los. Hat nicht gerade die Fußball-WM begonnen? Ich weiß es nicht, halte es aber für gewagt, da einen Zusammenhang herzustellen. 

Er sucht eine Stelle, um mir einen neuen Zugang zu legen. An meinem rechten Arm scheitert er genauso gnadenlos wie die angehende Ärztin am Nachmittag zuvor. Es ist unverkennbar, daß er unter Zeitdruck steht, obwohl er ruhig und freundlich bleibt. Schließlich wird mir der Zugang auf dem linken Handrücken eingebaut. Meine Angetraute hat mich schon im Vorfeld instruiert, dieses möglichst vermeiden zu lassen, aber die Umstände sind offensichtlich gegen mich.


Bei Wolverine sieht das cooler aus.

Der Tropf läuft zügig durch, um 1.45 Uhr kann ich mich endlich nach 21 Stunden zum Schlafenhinlegen. Liege tue ich ja schon lange genug.

Um fünf Uhr werde ich wach, eine dreiviertel Stunde später hänge ich wieder am Tropf. Nun verspüre ich auch tatsächlich, daß die ehemalige Zugangsvene im Oberarm schmerzt. Nicht viel, aber doch spürbar. Zum angedachten Penicillinwechsel gibt es keine neuen Erkenntnisse, die Ärzteschaft ist weiterhin kaum erreichbar. Wer weiß, was alles vorgefallen ist?

Der neue Zugang stört mich nicht, wo er jetzt liegt. Tatsächlich empfinde ich diese Stelle sogar als angenehmer, wenn auch unpraktischer. Denn von nun an muß ich mich einhändig Waschen, die theoretische Möglichkeit zu duschen wurde mir aufgrund der Entzündung, welcher ich meinen Aufenthalt hier verdanke, ohnehin verboten. Ich beschließe, es jetzt aber mal sein zu lassen. Noch herrscht hier zu viel morgendliche Geschäftigkeit. Vielleicht am Nachmittag, mal sehen. Oder nach der Visite. Hoffentlich kommt die zügig. Ich sehne mich nach anderer Kleidung und einem frisch bezogenen Bett. Meines ist seit der Nacht etwas mit Penicillinlösung und Blut eingesaut und riecht entsprechend übel.

Das Mittagessen bildet einen steten Quell der Überraschung. Meine Angetraute wollte es heute selbst in Augenschein nehmen und hat dafür Sorge getragen, pünktlich bei mir zu sein, wenn es serviert wird. Es gab gebratenes Makrelenfilet mit Stampfkartoffeln in einer undefinierten Sauce, dazu etwas Blattsalat und einen Aprikosenjoghurt. Die Stampfkartoffeln waren tatsächlich selbst gemacht, das Makrelenfilet erwies sich wirklich als grätenfrei. Alles zusammen schmeckte tatsächlich hervorragend. Mein Problem: Der Fisch war geschätzt ungefähr so groß wie drei einzelne Fischstäbchen zusammen.


Gebratenes Makrelenfilet mit Kartoffelstampf an Kräutersauce

Die Oberärztin wird als zur Visite erscheinend angekündigt, die Patienten haben auf den Zimmern zu verweilen. Bei den gewöhnlichen Stationsärzten kommt das nicht vor. Ja, man ist eben wer. Ich höre schon die Fanfaren erklingen, wenn ihre Majestät sich zu dem gemeinen Volk begibt.

Trompetenschall und Trommelwirbel bleiben dann doch aus, als die Oberärztin in Begleitung der amtierenden Stationsärztin erscheint. Man ließ sich vom niederen Personal instruieren, beugte das Haupt einmal über Afrika, kommentierte ein wenig, sprach laut zu mir und leise zur Stationsärztin. Ja, sie werde sich das morgen nochmal selbst ansehen – und gab im Rausgehen der Stationsärztin die Anweisung, ihr zu berichten. Als ob Ihre Majestät am Wochenende selbstpersönlich hier erschienen wäre. Ja, im Krankenhaus werden Hierarchien noch voller Inbrunst ausgelebt. Ich verleugne an dieser Stelle nicht, daß ich an sich ein Freund von klaren Hierarchien bin. Es ist nicht jeder überall im Berufsleben gleich. Aber man kann es so oder eben auch anders ausgestalten. Das ist der Punkt.

Verbliebener Lesestoff nach drei Tagen im Krankenhaus, es könnte knapp werden

Und ganz ehrlich: Mir ist die Meinung und das Tun eines Stationsarztes wichtiger als das, was Ober- oder erst recht Chefärzte so von sich geben. Die Stations- und Assistenzärzte sind es doch, welche abgesehen von den Krankenschwestern die Arbeit machen und voll im Geschehen stecken. Ich habe keinen inneren Reichsparteitag, wenn mir der Chefarzt das Händchen hält. Der administriert doch nur noch und zehrt von dem, was er in seinen jüngeren Jahren, also vor langer Zeit, mal gelernt hat. Sollte es jemand unter meinen Lesern besser wissen, lasse ich mich gerne belehren.

Die Oberärztin erinnert mich sowohl äußerlich als auch durch die ganze Art, ihrer schneidenden Sprechweise und den Umgang mit ihrer Kollegin – so sie sich als solche bezeichnen darf - an eine mir bekannte Person, welche einst Ambitionen auf ein sehr herausgehobenes stadtverwaltendes Amt hatte, diese Ambitionen aber nicht verwirklichen konnte… Sympathieträger jedenfalls verhalten sich anders.

Die Behandlung läuft weiter wie geplant: Penicillininfusionen alle sechs Stunden, Kühlung, Bettruhe, Bein hoch lagern. Alternativen gibt es nicht.

Das Wetter ist wieder erträglicher geworden. Die Stationsassistentin hat mich zusätzlich mit einem kleineren Kissen und einem leichten Bettlaken zum Zudecken versorgt. Das schwere Oberbett benötigt jetzt kein Mensch, und große Kissen sind auch nicht nachtschlaffördernd für mich.

Die abendliche Infusion läuft nicht. Der Zugang liegt nicht mehr richtig. Er muss ausgetauscht werden. Ein Arzt wird gerufen. Nach 90 Minuten ist er da. Der neue Zugang wird mir am rechten Arm gelegt. Etwas suspekt ist mir der junge Bursche mit seinem blauen Oberteil schon; er scheint mir sehr aufgeregt und etwas zitterig zu sein. Ich glaube aber fest daran, daß er schon häufiger solche Zugänge gelegt hat. Dieser erfüllt seinen Dienst, das allerdings erst, nachdem er mit Kochsalzlösung durchgespült wurde. Und zwar vor jedem Einsatz. Ist soweit kein Problem.


Der dritte Zugang

Aus dem Fenster blickend sehe ich das Flachdach des niedrigeren Nachbargebäudes. Es ist mit Grünpflanzen bedeckt und erinnert mich an Gelände für Tabletop-Spiele: Es gibt einige scharf abgegrenzte Stellen mit hohem Bewuchs (= Wald), eine höhere Anzahl ebenfalls scharf abgegrenzter Stellen mit mittlerem Bewuchs (= Büsche, hohes Gras), der Rest ist nur flach bewachsen (= Gras). Mir kommt der Gedanke, daß man da vielleicht auch eine Spur 1-Modellbahn-Gartenanlage aufbauen könnte, welche sich von den Zimmern aus fernsteuern ließe. Technisch ist das heute überhaupt kein Problem mehr. Die zweitbeste Ehefrau von allen schüttelt ob meiner Gedanken nur den Kopf. Kann ich nicht nachvollziehen. Wo ist hier der Kasten, in denen man die Zettel mit Verbesserungsvorschlägen werfen kann?

Ich lege mich hin, um ein Stündchen Schlaf mitzubekommen, bevor die Mitternachtsinfusion fällig ist. Mit dem rechten Arm muß ich vorsichtig umgehen. Normalerweise liegt der immer in sehr exponierten Positionen. Mit dem Zugang könnte das jetzt nicht ganz so sinnvoll sein. Also aufpassen, soweit es geht. Ich wache auf, es ist dunkel draußen, aber wegen des Nachtlichts im Zimmer hell genug, um etwas erkennen zu können. Mein rechter Arm kommt mir sehr dunkel vor, so als ob er mit Blut vollgekleckert wäre. Ich bin noch nicht ganz klar im Kopf, versuche Licht zu machen. Nach einigen Versuchen klappt es auch schon. Alles in Ordnung, optische Täuschung. Ich werfe einen Blick aufs Handy. Zwei SMS meiner Angetrauten sind eingelaufen, eine davon ist etwas kryptisch:

Mädchen 0-0
Garten 0-0
Männer 5-3
Wo zum Henker lassen die Mistviecher das ganze Futter???

Ich komme nicht dahinter, was sie mir mitteilen will und schlafe über meinen Grübeleien wieder ein.

Die Nachtschwester erscheint im Zimmer. Sofort werde ich wach und bin gedankenklar, schaffe es aber, nach der Infusion nochmal wegzudämmern.


PS: Vorschläge zur Bedeutung der SMS werden in den Kommentaren gerne entgegengenommen. Die Auflösung gibt es im nächsten Teil.





Kommentare:

  1. Die SMS ist in der Tat etwas rätselhaft: Mädchen, Garten mit Nullen, dafür Männer 5 minus 3??? Bin schon stark interessiert an der Auflöung des Rätsels. Kann heute noch nicht richtig denken, da gestern zu viel Rotwein erwischt... Gibt es an Deinem Körper noch Stellen, in die du nicht gepickst wurdest?

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    1. Bis zum letzten Tag werden noch ein paar Stellen hinzukommen, aber insgesamt wurde das Potential nicht vollkommen ausgereizt.

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  2. Grüße, Du Auch-Nadelkissen. Schon erstaunlich, wie viele Löcher auf engstem Raum die Schwestern in so eine Blutbahn bekommen. Hätten die mich angehalten - Drogentest, schwöre ich ;-)

    Zum Glück hatte ich nur einen Zugang. Hab aber auch nicht um mehr gebettelt. Dein Essen sieht ja wirklich nich so besonders aus. Muss ich sagen - komm nach Coburg, Spitze. Auch die Mengen. Ich habe das sogar reduzieren lassen. Und die Schwestern.... Und Frau Gulasch.... Ach so, ja, Du bist ja nicht Single ;-)

    Die SMS... Liest sich fast wie bei den Kleintierzüchtern. Aber nur fast. Bin gespannt.

    LG, Holger

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    1. Der Umstand, daß ich alleine auf dem Zimmer war, hat schon mehr als genug entschädigt. Und zu den Nadeln: Warte mal auf den letzten Tag, da fahren die nochmal zur Hochform auf. :-D Man nannte mich nur noch "die Mumie", als ich mit den ganzen Tupfern und Pflastern da lag.

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    2. Heute beim Haus-Doc zur Nachuntersuchung... Überraschung: "Heute nehmen wir mal ein Eimerchen Blut!" Der Stich war in Ordnung. Das ziehen der Nadel die Hölle. Schöne Schwellung und ein fetter Bluterguss. Naja....

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    3. Gelobt sei, was hart macht - bei den anderen... ;-)

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