Sonntag, 22. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 3 - Afrika

Mein Magen macht sich bemerkbar, so daß ich mir meinen Mitternachtssnack genehmige: ein trockenes Ciabatta. Die Temperaturen sind wieder angenehmer. Ich liege hellwach im Bett, schreibe etwas, hole danach mein Buch raus und warte auf die nächste Infusion. Irgendwann schlafe ich doch ein. Um fünf Uhr werde ich wach und finde mich vollkommen nassgeschwitzt unter der Bettdecke vor. Ekelig. Kurze Zeit später erscheint die Nachtschwester und tankt mich per Schlauch wieder auf. Der Tagesablauf schreitet in seinem Ritual voran und wird sich voraussichtlich in der nächsten Zeit nicht ändern. Meiner Hand geht es besser. Gut so.

Zum Frühstück gibt es ein Brötchen, eine kleine Scheibe Brot, eine Portion von dem trockenen Magerquark, Geflügelleberwurst, Aprikosenmarmelade, zwei Scheiben Käse und Butter. Weitaus mehr Belag, als ich ihn ernsthaft für die zur Verfügung stehenden Unterlagen benötigen würde. Variationen in der morgendlichen Verköstigung bestehen künftig nur aus abweichenden Marmeladensorten.


Blick zum Fußende des Bettes - mit den zugehörigen Füßen

Ich erinnere mich an einen früheren Kollegen, der einst mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus lag. Er war Privatpatient und hatte aufgrund Anspruch auf ein Einzelzimmer. Darauf hat er freiwillig verzichtet, ein Einzelzimmer sei ihm zu langweilig. Na ja, jeder so wie er meint.

Wir kommen zum Experiment Haare waschen. Die hier auf der Station vorhandene Dusche ist etwas klein geraten, so daß ich die tägliche Waschung auf klassische Weise mit Hilfe eines Waschlappens am Waschbecken vornehme. Das muß jetzt auch für die Haare herhalten. Es ist nur etwas unglücklich, daß der Wasserhahn eher kurzhalsig ist. Egal, probieren. Die Sache funktioniert dann doch erstaunlich gut, , der gelegte Zugang stört nicht weiter, ich kann sogar die Rückseite meines Kopfes unter den fließenden Wasserstrahl bugsieren. Und bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ich mit der Stirn ebenfalls in Wasserkontakt stehe. Kein ablaufendes Fließgewässer von oben, sondern Standwasser von unten. Der Wasserablauf verdient offensichtlich auch mal eine Grundreinigung, denn er ist nicht in der Lage, die nur in vergleichsweise geringer Stärke nachlaufenden Wassermassen zeitnah wieder abfließen zu lassen, so daß sich das Waschbecken zügig füllt. Wenn man es weiß, kann man sich drauf einstellen. Wunderbar, ein Problem weniger.


Blick nach links - so soll es bleiben

Die Krankenschwester ist heute alleine auf der Station, wird allerdings von einer Praktikantin unterstützt. Die hübsche junge Dame, welche bald Studentin der Medizin zu werden wünscht, scheint ein unerschütterlicher Quell der Lebensfreude zu sein. Faszinierend. Sie trägt eine dieser Brillen, welche wir früher als AOK-Brille oder Kassengestell bezeichnet haben, als die Krankenversicherung so etwas noch bezahlt hat. Warum nur sind diese Dinger wieder in Mode gekommen?


Blick nach rechts - es grünt so grün

Nachmittags erscheint eine Studentin im Klinikum. Nein, ohne Rollstuhl, ich bin nicht an Jule geraten.  Sie ist mit allen möglichen Dingen bepackt, jemand hat ihr Blutabnahmetablett entführt, so daß sie nun den ganzen Kram irgendwie anders mit sich herumschleppen muß. Ich würde ihr ja bereitwillig von meinem Blut etwas abgeben, aber meine problemloseste Hauptblutspendevene ist gerade mit anderen Dingen besetzt. Der hier liegende Zugang rückt auch nach Säuberung kein Blut raus, die Venen auf der rechten Seite zicken herum. Feigheit vor dem Feind. Immer und immer wieder beugt sich die Studentin vor, tastet, klopft, sticht. Bis sie fündig wird. Ich werde gefragt, ob ich für die Einstichstelle ein Pflaster benötige oder ob ich den Tupfer lieber ein paar Minuten drücken möchte. Ich entscheide mich für das Drücken, dann habe ich wenigstens eine sinnvolle Beschäftigung.


Blick nach oben - gestrichene Rauhfaser, eher langweilig

Mir bleibt die Erkenntnis, daß ein wohlgestaltetes und ansprechend präsentiertes Dekolleté auch die überwiegend vergebliche Prozedur einer Blutabnahme zu einem angenehmen Erlebnis werden lassen kann. Einen Keks für die Chauvi-Kasse. Den gebe ich gerne.
 
Die entzündete Stelle hat sich deutlich vergrößert, obwohl ich nun seit 36 Stunden Penicillin bekomme. Außerdem haben sich Blasen gebildet. Dr. Altwasser, der diensthabende Stationsarzt, sieht sich die Sache an. Er weiß nicht, wie die Ausgangslage war, bekommt die Bilder zu sehen, die wir ganz am Anfang gemacht haben. Ja, die Sache könnte ernst sein. Wir müssen das Ergebnis der Blutuntersuchung abwarten und unter Umständen eine andere Art von Penicillin einsetzen. Was bedeutet: alles wieder auf Anfang und Aufenthaltsverlängerung. Übrigens: Auch Dr. Altwasser trägt eine fette Angeberuhr. Sind die jetzt Mode? Egal, er ist ein sympathischer Kerl und kann auch mehr als drei Sätze sprechen. Sowohl jetzt als auch bei späteren Besuchen.

Anschließend kommt die Krankenschwester vorbei und zieht die Grenzen der Ausbreitung mit einem schwarzen Stift nach. Die Umrisse Afrikas erscheinen auf meinem Bein. Na ja, so ungefähr. In etwa. Mit etwas Phantasie. Es ist Afrika. Ohne Madagaskar. Dafür aber aufgrund der Beulen dreidimensional.


Blick auf Zentralafrika

Ich bekomme Tagträume von Gyros vom Drehspieß, Pommes, Zwiebeln und Zaziki. Alternativ einen klassischen 80er-Jahre jugoslawischen Grillteller. Statt dessen erwartet mich die übliche Abendbrot-Variation mit den beiden Brotscheiben und einer Beilage. Heute besteht diese aus einer Karotten-Rohkost. Auf dem Bild findet ihr diese links oben auf dem Teller sowie auf den Resten meines Käsebrotes. Die Versorgungsleistung durch die zweitbeste Ehefrau von allen hält mich über Wasser.


Komplettes Abendessen, die Karotten-Rohkoste sticht förmlich heraus.

Nach dem Essen gibt es das Dessert in Form einer Infusion. Währenddessen ist mir langweilig, ich darf den linken Arm nicht anwinkeln, da dies den Zufluss behindert. Somit bin ich in meinen Gestaltungsmöglichkeiten zum Zeitvertreib etwas eingeschränkt. Die Magazine und Bücher, welche ich hier herumliegen habe, sind nicht in einem Format, welches einhändiges Halten beim Lesen angenehm macht. Also beschließe ich, die Tropfen zu zählen, die aus der Flasche in den Tropfenfangbehälter fallen. Oder die Blubberblasen, die sich in ihr bilden. Das wird mir dann aber doch zu hektisch; ich lasse es sein.

Meine Hand hat sich weiter beruhigt. Also lagen die Schwellung und alles, was sonst noch nicht so war, wie es sein sollte, meiner Theorie entsprechend tatsächlich an dem hautschonendenDesinfektionszeug. Ich habe nicht weiter benutzt, sondern mich mit einfacher Seife begnügt und die Hand regelmäßig eingecremt. Meine Angetraute erbringt darüber hinaus den meine Theorie stützenden Beweis, indem sie das Zeug wider besseres Wissens ebenfalls benutzt. Mit eindeutigem Ergebnis. Wenn das die hautschonende Variante war, muß die Normalausführung für schwielenübersähte Holzfällerhände sein.


Hautschonendes

Mir fällt vollkommen zusammenhanglos ein, daß ich noch ein Geschenk für Alex aus dem Krankenhaus mitbringen möchte. Darf ich nicht vergessen.

Meine Angetraute versorgt mich mit meinen täglichen Eiweißshakes. Wirklich hochwertige Sachen auf Sojabasis ohneleere Füllstoffe, im Gegensatz zu den sonstigen derartigen handelsüblichen Pulvern. Nein, die sind nicht überflüssig. Die täglich benötigte Eiweißmenge richtet sich nach dem tatsächlichen Körpergewicht. So viel Quark kann ich gar nicht essen, um meinen Mindestbedarf durch die normale Nahrungsaufnahme stillen zu können. Ich gebe das Pulver zur Milch in den Shaker, schüttle und stelle fest, daß ich ungewöhnlicher Weise noch nicht alles ordentlich vermischt habe. Ja, da macht sich meine schwächliche Konstitution bemerkbar. Ich rege an, eine Matratze mit eingebauten Vibrationseffekten zu bekommen. Meine Angetraute versteht nicht sofort, warum ich die haben will. Dabei liegt das doch auf der Hand: Ich muß mich doch schonen, habe Bettruhe, Sport fällt ohnehin aus. Wenn das Bett vibrieren würde, müsste ich den Shaker währenddessen nur in der Hand hal… Ja, an dieser Stelle hat sie mich auch ausgelacht. Ich fand die Idee gut.

23.30 Uhr. Die Nachtschwester erscheint und möchte mir den Tropf anlegen. Sie fragt, ob mir der Arm eventuell schmerzt, da die Vene, über welche die Infusion erfolgt, augenscheinlich entzündet ist. Nein, Schmerzen verspüre ich da nicht. Es kommt durchaus häufiger vor, daß ich kleinere Verletzungen, Entzündungen etc. überhaupt nicht bemerke, obwohl mir erklärt wird, daß die schon schmerzhaft sein müssten. An sich sollte sich ein Mediziner die Sache mal ansehen, aber die zur Verfügung stehenden Ärzte des Hauses haben gerade alle in der Ambulanz zu tun. Da ich keine Schmerzen verspüre, wird mir der Tropf angelegt. Spätestens morgen aber müsse sich ein Arzt die Sache ansehen.

Einige Augenblicke später, nachdem die Nachtschwester das Zimmer verlassen hat, läuft es mir kalt den Rücken Arm hinunter. Die Penicillinlösung! Ich rufe die Nachtschwester. Sie stoppt den Durchfluss und versucht, einen Arzt zu erreichen. Ohne Reaktion. Wir müssen warten. Die Nachschwester verlässt den Raum, um ihre weiteren Arbeiten zu erledigen. Ich hole mir was zu lesen und harre der Dinge, die da noch kommen sollen.

Bis Mitternacht geschieht nichts mehr.





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