Samstag, 21. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 2 - Das Abenteuer beginnt

Um Mitternacht erhalte ich die erste Infusion durch die Nachtschwester. Netter Hase, so wie die meisten Mitarbeiterinnen, die mir in den nächsten Tagen noch begegnen werden. Nach 15 Minuten ist die Flasche leer.

Neue Infusion um 5.45 Uhr. Das Fieber ist gesunken, die Temperatur liegt bei 37,5 Grad. Der Krankenpfleger der Frühschicht stellt die Tropfgeschwindigkeit deutlich runter. 2 ½ Stunden hing ich am Schlauch. Um der Sache vorzugreifen: Auch mittags gibt es die gebremste Geschwindigkeit, während die 18.30 Uhr-Infusion wieder in Nullkommanix erledigt ist. Das erhöhte Tempo wird künftig so bleiben. Man lernt mit der Zeit die Tricks, um das selbst zu bewerkstelligen.


Es läuft

Das Frühstück wird für ein Krankenhaus nach meinem Kenntnisstand relativ spät serviert. Um 8.00 Uhr ist es soweit. Ja, bei dem Anblick wird es einem warm ums Herz: ein Brötchen, eine kleine Scheibe Brot, eine Scheibe Wurst, Erdbeermarmelade, Frischkäse, Quark und Butter. Niedlich. Als Appetitanreger brauchbar. Egal, morgens kann ich damit leben.

Nach dem Frühstück versuche ich, mich unter den gegebenen Umständen wieder halbwegs manierlich aussehen zu lassen. Haare waschen ist nötig, wird aber eine Herausforderung werden. Diese Aktion wird auf morgen verschoben.

Der amtierende Stationsarzt erscheint zur Visite. Mir fällt seine fette Angeberuhr auf; er wirkt übernächtigt. Ich bilde mir ein, ihn in der Nacht schon auf dem Gang vor meinem Zimmer gesehen zu haben. Meine voraussichtliche Aufenthaltsdauer wird auf sieben Tage erweitert. Ohne Gewähr, Verlängerung ist möglich.

Der nächste Höhepunkt des ansonsten tristen Tagesablaufs ist das Mittagessen um 12 Uhr. Es wird Nasi Goreng mit süß-saurer Soße serviert. Ein Teller schon fast risottoartiger Reis und etwas Magerquark als Dessert. Der Quark hat einen Fettanteil von 0,2 %. Genau wie beim Frühstück. Da bleibt einem die Spucke weg. Als Nasi Goreng würde ich das Reisgericht auch nicht durchgehen lassen. Alles zusammen hat etwa 400 Kalorien. Bin ich auf der Kinderstation gelandet? Nein, und man hat mich auch nicht auf halbe Kost gesetzt, das ist die Vollkost! Ich lese es ganz deutlich auf den Menü-Begleitzetteln.

Um 17 Uhr erwartet mich das Abendessen mit einer mediterranen Beilage. Was bedeutet: eine große und eine kleine Scheibe Brot, zwei Scheiben Wurst, zwei Scheiben Käse, Butter. Die mediterrane Beilage besteht aus Teilen einer in Scheiben geschnittenen Tomate. Und das soll alles sein? Nichts weiter zwischen 17.00 Uhr und 8.00 Uhr? Setzt ihr darauf, daß die angemessene Versorgung durch Angehörige erfolgt? Die Sichtung der Speisekarte für die ganze Woche bestätigt mir, daß man von einem Tageskalorienverbrauch zwischen 1.200 und 1.500 ausgeht. Hallo? Mein Grundumsatz liegt schon deutlich darüber.

Die Tomate ist als solche auch relativ geschmacklos. Dank eines lieben Menschen, welcher mir in meinem Elend vorausschauenderweise ein echtes geräuchertes Salz, kein Chemiezeug, hat zukommen lassen, lässt sich dieser Zustand beheben.

Sorge bereitet mir noch meine linke Hand. Sie hat einige rote, etwas angeschwollene Stellen. Entweder vertrage ich das Desinfektionsmittel zum Händewaschen nach dem Toilettengang nicht, oder ich habe eine Unverträglichkeit gegen Penicillin, welches über die gleiche Seite zugeführt wird.

Wie sagte die Nachmittagsschwester? Das müssen wir beobachten. Ich bin förmlich begeistert.

Meine Angetraute besorgt mir eine Überlebensration Nahrungsmittel, damit ich nachts nicht vom dem Löwen geweckt werde, der in meiner Magennähe höchstwahrscheinlich später zu brüllen beginnt.

Gebrüllt wird jetzt schon. Und zwar draußen. Einige Kinder haben das Dach der zum Krankenhaus gehörenden Kapelle gestürmt und toben darauf herum. Dies missfällt zumindest einer anwesenden Mutter. Diese ruft ihren Sprössling runter und zieht ihn – ganz klassisch – am Ohr weg. Der Rest der Bande bleibt unbeeindruckt. Irgendwann ist auch sie verschwunden. Am nächsten Tag werden wieder Kinder auf dem Dach spielen, soviel darf ich schon verraten. Dann werden sie alle mit beeindruckendem Gebrüll des Platzes verwiesen werden.

Ich warte, daß die Zeit vergeht. Den Fernseher will ich nicht anmelden. Lesestoff habe ich genug. Von der Welt da draußen bekomme ich nichts mit.

Gegen 19 Uhr schlafe ich ein und werde um 23 Uhr wieder wach. Richtig wach. Ich bin unter der Decke, unter die ich mich wohl verkrochen hatte, nassgeschwitzt. Eine halbe Stunde später kommt die Nachtschwester und verabreicht mir die nächste Infusion. Mein Tag-Nacht-Rhythmus ist endgültig durcheinander.

Hoffentlich bleiben die beiden anderen Betten leer.





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