Freitag, 20. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 1 - Ein Urlaubsende

Mein Urlaub ist vorbei, der erste Arbeitstag hält mich gefangen. 99 E-Mails wollen gelesen werden, ungezählte Newseinträge, Änderungen von Arbeitsanweisungen und Protokollen harren meiner Aufmerksamkeit im Intranet. Ich war doch nur drei Wochen lang weg, wer soll sich das denn alles noch merken können? Die morgendliche Witterung verspricht einen heißen Tag.

Es ist Mittagszeit als ich bemerke, daß an meinem linken Unterschenkel ein leichter Schmerz spürbar wird, wenn ich das Bein belaste. Nicht direkt spontan, eher sich so langsam steigernd. Nichts Großartiges. Ich kremple das Hosenbein hoch und sehe eine rote Stelle. Wie Männer so sind, ignoriere ich sie weitgehend. Kam von alleine, geht auch wieder von alleine. Vielleicht habe ich mich mal wieder irgendwo gestoßen, ohne es mitzubekommen. Daß mir auch etwas schwindelig ist schiebe ich auf die jetzt doch sehr drückende Wetterlage. Wir haben bekanntlich keine Klimaanlage im Büro, obwohl beide Außenwände unseres Zimmers aus einer durchgehenden Fensterreihe bestehen und die lange Front im Moment spätestens um 10 Uhr unter sonnigem Dauerbeschuss steht. Das hört erst nach Feierabend wieder auf.


Also echt jetzt, für MICH sieht das nicht dramatisch aus.

Später - zu Hause - bemerkt die zweitbeste Ehefrau von allen gleichfalls die rote Stelle. Sie befühlt meinen Unterschenkel und kommt zu der messerscharfen Erkenntnis: Der ist deutlich zu warm. Zudem ist mir immer noch etwas schwindelig. Man kann ja mal Fieber und Blutdruck messen. Im Ergebnis stehen Blutdruck und Pulsschlag in keinem guten Verhältnis zueinander, darüber hinaus habe ich 38 Komma Garnix Fieber. Die Praxis meines Hausarztes ist bereits geschlossen, also schleppt mich meine Angetraute in die Notdienstpraxis des örtlichen Krankenhauses. Von hier wurde ich nach erster Inaugenscheinnahme direkt in die Notfallambulanz weitergeleitet. Normalerweise bin ich da die Begleitperson, diese Seite der Medaille aber habe ich zuletzt während meiner Lehrzeit erlebt. Und damals ging es nur um ein angebrochenes Armgelenk, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Arzt diagnostiziert eine schwere Entzündung. Nun noch Blut abnehmen und feststellen, wie stark die Entzündung bereits fortgeschritten ist. Gegebenenfalls müsse ich im Krankenhaus bleiben. Das Fieber beträgt jetzt 39,2 Grad. Er meint, in gut 30 Minuten habe er das Ergebnis. Der Krankenpfleger meint später, eine Stunde sei Minimum. Meine Angetraute und ich warten gespannt, wer Recht behalten würde. Wir setzen einvernehmlich auf den Krankenpfleger. Je weiter unten man in der Hierarchie steht, desto näher ist man eben an den Realitäten des Lebens, oder?!

Die Wartezeit ist zermürbend. Kann es schönere Aussichten für einen Soziophobiker geben, als mit zwei vollkommen unbekannten Menschen einige Tage auf einem gemeinsamen Zimmer zu verbringen? Meine Gedanken rotieren schon wieder. Der Umgang mit Ärzten und Krankenschwestern wird von mir mit etwas gutem Willen zu bewältigen sein, weil sich da alles auf Geschäftsebeneabspielt. Aber mit Zimmergenossen sähe das ganz anders aus, von den üblichen Einschränkungen mal ganz abgesehen, die so etwas immer mit sich bringt.

Es ist ein Kommen und Gehen in der Ambulanz, doch herrscht weitgehend Ruhe. Bis eine Dreigenerationenfamilie auftaucht, deren jüngster Angehöriger der wohl dreijährige, schon jetzt vollkommen überdrehte Sohn darstellt. Wir haben ja auch keine Uhrzeit mehr, zu der Kinder außerhalb des eigenen Bettes sein sollten. Nicht für wesentlich Ältere und schon gar nicht für Kinder in seinem Alter. Aber manchmal geht es ja nicht anders. Ob er der Patient ist, kann ich nicht erkennen. Auch nicht aus den Gesprächen, denn die Familie stammt aus dem Ausland. Man redet untereinander nur in der Heimatsprache, und das ziemlich lautstark. Leute, überlegt mal, wo ihr seid. Dies ist nicht das heimische Wohnzimmer.

Der Junge entdeckt als erstes den Getränkeautomaten. Lesen kann er noch nicht, aber Cola kennt er. Die will er haben, und die soll er auch bekommen. Cola original, mit Zucker und Koffein. Eine ganze Flasche. Man bemüht sich, dem Automaten das Gewünschte zu entnehmen. Es gelingt nicht. Automaten sind ja so unendlich kompliziert. Weitere wartende Patienten werden in den Versuch, an die Schätze im Automateninneren zu gelangen, involviert. Man spricht sie in gutem Deutsch an. Oha, geht doch. Warum redet die Mutter dann mit dem Junior in der Sprache eines Landes, in dem er dem Augenschein nach nicht aufwachsen wird, obwohl sie es besser kann? Sie wird ihre Gründe haben, und es sind wohl nicht meine Gründe.

Man klärt sie auf, daß ein Euro nicht ausreicht, der Automat verlangt 1,50 Euro. Der Automat wird entsperchend gefüttert, doch es gibt weiterhin keine Cola. Der Kleine wird unruhig, springt durch die Gegend und ruft nur noch Cola, Cola, Cola! Der nächste Wartende bringt sich ein. Man muß dem Automaten schon übermitteln, was man haben möchte. Dies geschieht, indem die zur Ware gehörende Ziffer gedrückt wird. Ahhh, es rumpelt laut und vernehmlich, die Cola-Flasche rollt in das Entnahmefach. Wasser hätte es gratis gegeben. Der Junge sieht die Stelle, an der es das gekühlte Wasser zum Selberzapfen gibt. Vergessen ist die Cola, jetzt muß es das Wasser sein. Ein großes Glas, wie er nonverbal signalisiert. Ich werde in den Untersuchungsraum gerufen. Endlich Ruhe. Über eine Stunde haben wir auf das Ergebnis der Blutproben gewartet.

Natürlich fällt es derart aus, daß ich die Bettenburg zu beziehen habe. Alles andere sei zu riskant. Hier spricht man von vielleicht drei Tagen erforderlichen Aufenthaltes. Man kommt mir mit meinem kleinen mentalen Problem allerdings soweit entgegen, daß ich alleine auf einem Dreierzimmer liegen könne, bis eines der anderen Betten zwingend belegt werden müsse. Immerhin etwas.

Die mich aufnehmende Krankenschwester fragt noch nach einigen Details, zum Beispiel wann ich zuletzt stationär in einem Krankenhaus gelegen habe. Nun, das war vor etwa 40 Jahren. Ob ich schon mal Penicillin bekommen hätte? Nein, nicht soweit mir bewusst wäre. Diabetes? Ich verneine. Sie bestätigt mir ein nicht bekannt. Ich bestätige ihr ein definitiv nicht, denn ich weiß es besser. Die letzte entsprechende Untersuchung ist noch nicht so lange her. Es passt eben nicht ins Klischee, daß extrem Übergewichtige nicht Diabetiker sind, daß ihre Blutwerte stimmen und daß sie sich sportlich betätigen.

Mein Blutdruck läuft aus dem Ruder, obwohl er mit Tabletten an sich gut eingestellt ist. Die Umstände und beginnende Panikattacken sorgen dafür.

Nun wird mein Luxuskörper mit einem Anbauteil in Form eines dauerhaft gelegten Zugangs für die späteren Infusionen, einen Venenkatheter, sinnvoll ergänzt. Das Ding ist mir unheimlich, so etwas bin ich ja gar nicht gewohnt. Meine Angetraute amüsiert sich königlich über meine Bedenken, sie hat da eine ganz andere Routine. Das Schlimmste: Bettruhe ist angeordnet. Ich darf mir nur was zu trinken holen und zur Toilette gehen. Ansonsten liegen, das Bein erhöht lagern, Kühlkompressen drauf. Schlimm. Auch wenn es jetzt doch etwas mehr schmerzt, würde ich gerne ein paar Schritte machen. Egal, ich ergebe mich in mein Schicksal.


Erste Blutverluste sind erkennbar

An der Rezeption wird meine Krankenakte zusammengestellt, ich bekomme ein Plastikbändchen mit meinen wichtigsten Identifizierungsmerkmalen und der Angabe der Station, auf welcher ich die nächste Zeit liegen werde. Alles im Klartext und als Barcode. Da ich nicht auf uneingeladene Besucher stehe, weder zu Hause noch hier im Krankenhaus, wird hier an der Rezeption später noch der Vermerk aufgenommen, daß es mich für anfragende Zivilpersonen in diesem Krankenhaus nicht gibt. Mein einziger Gast ist in den nächsten Tagen die zweitbeste Ehefrau von allen. Das genügt. Ich muß nicht noch krampfhaft versuchen, mit anderen Menschen wie unseren Nachbarn etwa ein belangloses, uninteressantes Gespräch für mehr als fünf Minuten in Gang zu halten und dabei bemüht sein, eine Panikattacke im Zaun zu unterdrücken, nur damit diese Menschen ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen. Ich bin hier zur Genesung. Da kann ich Frau Kleinhüppgenreuther durchaus nicht gebrauchen.

Anschließend beziehe ich das Zimmer; meine Angetraute holt noch ein paar Dinge, die man im Krankenhaus eben so benötigt. Ich erinnere sie an alle wichtigen Dinge wie Lesestoff, Kamm und eine Zahnbürste. Die weniger wichtigen Dinge wie Ersatzkleidung, Tabletten, Hygieneartikel, Handtücher, Handy und allerlei Cremes werden danach von ihr auf der Liste ergänzt. Ich scheue noch davor zurück, mir den Laptop bringen zu lassen. Meiner ist zwar kein Premiumgerät, hat aber trotzdem sein Geld gekostet. Den muß ich mir nicht klauen lassen. Später entschließe ich mich anders, nachdem feststeht, daß ich alleine auf dem Zimmer bin und dieses auch nie länger verlassen werden muß.



Ein Kühlpack in Ehren kann niemand verwehren.

Die Nächte würden kurz und unruhig werden. Alle sechs Stunden soll ich eine Infusion bekommen, beginnend um Mitternacht. Außerdem ist natürlich auch in den Zimmern des Krankenhauses die draußen herrschende Schwüle zu spüren; ein durchziehendes Gewitter sorgt nicht für eine Besserung der Nachtruhe. Erschwerend kommt hinzu, daß der Anstand es gebietet, sich im Krankenhaus auch während der Nachtzeit eine gewisse Form der Bekleidung überzuziehen. Etwa einen Schlafanzug. So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr getragen, weder im Sommer noch im Winter. Und ich werde auch sofort daran erinnert, warum dies so war. Mir wird viel zu warm im Bett. Dann soll es eben so sein.

Etwa zehn Minuten lang werde ich von starkem Schüttelfrost geplagt, der ganze Körper zittert. Das Fieber. Und vermutlich auch eine Reaktion auf die stundenlange Anspannung, die nun langsam nachlässt.




Kommentare:

  1. (Abgesehen von der akuten Entzündung) Gesunder Übergewichtiger - ha! Das wäre ja noch schöner, wenn Sie keinen Bluthochdruck und keinen Diabetes hätten - oder zumindest kurz davor stehen. Bei dieser Form von volksmedizinischer Häresie, die Sie sich anmaßen, können Sie noch froh sein, dass Ihnen keine pseudologia phantastica o.ä. attestiert wurde!
    Ich hoffe, dass solche Verallgemeinerungen - dick = krank (wo beginnt "dick"?) - im weiteren Verlauf Ihres Aufenthalts keine große Rolle mehr gespielt haben?

    Es ist auch immer wieder lustig, wenn man dick ist und gleichzeitig zu Weißkittelhypertonie neigt (meist nur bei mir noch unbekannten/m Ärzten/innen/Pflegepersonal), welche sich dann bereits beim zweiten Aufsuchen dieser Praxis (zwecks Kontrolle des vermeintlichen Bluthochdrucks) relativiert.
    Freundlich formulierte und wohlgemeinte Empfehlungen zur Reduzierung meines Körpergewichts akzeptiere ich gerne (auch wenn sich dann herausstellt, dass alle Werte gut sind sind) und versuche diese hin und wieder auch umzusetzen, aber Schubladen kann ich nicht leiden.

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    1. Zum Thema "Schubladendenken" von Ärzten hätte ich auch noch was im Blog-Thementank. Kommt später mal. Einräumen muß ich, daß mein Blutdruck, sofern unbehandelt, nicht den ärztlichen Idealvorstellungen entspricht. Aber das alles war später im Krankenhaus kein Thema mehr. Ich habe sogar Vollkost erhalten und konnte hemmungslos schlemmen. Oder so. Ihr werdet noch sehen.

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    2. Wie ich sehe (an der schnellen Freischaltung), schonen und erholen Sie sich gerade - sehr löblich :-) Wünsche Ihnen einen schönen, gemütlichen Tag!

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    3. Meine Angetraute lobt mich auch in den höchsten Tönen. Allerdings leide ich sehr unter dieser Untätigkeit auf dem Sofa. Schrecklich. Es gibt so viele Dinge zu tun, die man doch mal eben nebenbei...

      Sollte eine Freischaltung in den nächsten Tagen doch mal etwas länger dauern, finden Sie mich wahrscheinlich hinter einem Buch versteckt. ;-)

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  2. Mist, jetzt habe ich eben einen längeren Kommentar ins Nirwana geschickt, indem ich auf "Abmelden" statt auf "Veröffentlichen" geklickt habe, passierte mir schon öfter *grrr*.

    Ich denke es kommt einfach darauf an, wie mit dem Thema Übergewicht und den möglichen Folgen gegenüber dem einzelnen Patienten umgegangen wird. Da ich langjährige Forschungsergebnisse nicht anzweifle und die physiologischen / medizinischen Zusammenhänge nachvollziehen kann, versuche ich persönlich mich "im Rahmen zu halten", was das Gewicht betrifft und mich ausreichend zu bewegen.
    Zudem habe ich den Eindruck, dass Ärzte/innen heutzutage (häufig, nicht immer) sensibler und differenzierter im Umgang mit übergewichtigen Patienten sind und auch der psychosomatische / psychologische Aspekt stärker berücksichtigt wird. Nicht zuletzt ist man nicht selten selbst der- bzw. diejenige, der/die sich am meisten verurteilt - selbst dann, wenn das körperliche Übel kaum in einem Zusammenhang mit dem Gewicht steht ;-)

    Apropos hemmungslos Vollkost schlemmen: dann bin ich mal auf die kulinarischen Kleinode der Krankenhausküche gespannt!

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  3. Ich habe nie behauptet, dass es dramatisch AUSSIEHT!
    Aber das muss es auch nicht um dramatisch zu sein...

    Was man durch das Foto ja leider nicht transportieren kann, ist die Tatsache, dass dein Bein derart heiß war, dass man darauf fast ein Spiegelei hätte braten können!
    Und das in Kombination mit deinem Fieber, dem Blutdruck/Puls-Verhältnis und deinen Kreislaufproblemen war mir echt genug...

    Und die blöde Kamera schluckt ja auch einiges an Rot. So winzig wie das auf dem Bild rüberkommt war es nämlich nicht. :-P

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  4. Du bist also auch passionierter Nacktschläfer? Ach.
    Schön, dass es dir wieder besser geht!

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    1. Sagen wir mal so: Ich beschränke mich auf das Notwendigste.

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