Mittwoch, 4. Juni 2014

Ran an die Wurst (3)

Nach einiger Zeit erschien die zweite Mitarbeiterin an der Durchreiche und fragte nach unserem Begehr. Während ich darauf hinwies, daß die von mir bestellte Bratwurst schon in der Mache sei, bestellte Sabine auf einmal Pommes. Einfach so. Und bekam sie dann auch, noch bevor die Bratwurst fertig war. Sie setzte sich an einen der Tische und begann zu essen. Schließlich waren die Bratwürste auch endlich mal fertig. Ich nahm meine von der Mitarbeiterin entgegen, die unsere Bestellung ursprünglich aufgenommen hatte und entrichtete den zuvor stillschweigend vereinbarten Obolus. Dann wurde Sabine angesprochen, daß auch ihre Bratwurst fertig sei. Sabine meinte nur „Ich habe keine Bratwurst bestellt.“  und vergaß nicht, den unschuldigsten Blick aufzusetzen, denn sie so draufhatte.

Na, jetzt ging es aber um die Wurst. Hektische Flecke bildeten sich im Gesicht der Mitarbeiterin. Ein Nervenzusammenbruch schien sich anzukündigen. Sie versuchte Sabine davon zu überzeugen, daß sie sicherlich eine Bratwurst bestellt habe, und zwar genau jene Bratwurst, welche jetzt verzehrbereit dalag. Sabine verneinte weiterhin.

„Ja, was soll ich denn jetzt mit der Bratwurst machen?“ Diese Frage stand nicht nur unausgesprochen im Raum. Meine Finanzlage ließ es leider nicht zu, mich – natürlich aus reinem Mitleid - auch noch dieses metzgerlichen Spitzenerzeugnisses anzunehmen. Um die gute Bratwurst nicht gänzlich umsonst zubereitet zu haben wurde im ganzen Raum nahezu inquisitorisch nachgefragt, wer denn jetzt diese Bratwurst haben wollte. Vorher ging der Betrieb nicht weiter. Endlich erbarmte sich jemand vom Ende der Schlange und nahm die Bratwurst ab. Na also, geht doch. Alles eine Frage von festem Willen und Überzeugungskraft.

Auf dem Weg nach draußen sprach ich Sabine an. „Du hast doch die Bratwurst mit mir zusammen bestellt.“ Nein, das habe sie niemals getan. Nun ja, ihr Mut zur Wahrheit war seinerzeit schon ein wenig - unterentwickelt. Aber gut zu Lügen vermochte sie auch nie.

Ja, meine sehr geschätzten Leser, das war die böse Tat und ihre Folgen: Sabotage. Betrug. Verrat. Seelische Grausamkeit. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Stadt an der Grenze zum Bankrott. Hungernde Freibadbenutzer standen in langen Reihen, alleine in der Hoffnung, etwas Essbares erhalten zu können. Sie alle mussten warten, bis das Drama vorbei war. Nur der selbstlose und vor allen Dingen hartnäckige Einsatz einer die Staatsmacht vertretenden städtischen Mitarbeiterin sowie eines braven Bürgers hat alles wieder ins Lot gebracht.

Ich hoffe, Ihr erkennt die Notlage, in welche ich schon in früher Jugend durch Sabine, dieses fast schamlos zu nennende Frauenzimmer, gebracht wurde. Hätte ich sie kalten Herzens verraten sollen? Quasi ans Messer liefern? Oder war meine fast noch kindliche Loyalität gerechtfertigt? Geht bitte in euch und denkt darüber nach. Euren Rückäußerungen sehe ich mit Interesse entgegen. Und daß mir niemand die Kinder vergisst. Denn alleine zu deren moralischen und sittlichen Erbauung habe ich diese Geschichte niedergeschrieben. Natürlich.

Das Freibad existiert heute noch. Ob es auch andere Bratwurstbetrüger gegeben hat, bei denen die Sache nicht so glimpflich ausgegangen ist wie in dem geschilderten Fall? Ich weiß es nicht. Dem hoffentlich nicht aus dieser Bratwurstbetrügerei resultierenden Zwang zum Sparen folgend wurde die Gastronomie später geschlossen, das zugehörige Gebäude abgerissen und auch die Fläche der Liegewiese deutlich reduziert. Das zweite Kassenhäuschen an einer Bachbrücke, direkt neben dem Fahrradabstellplatz, dient auch nur noch als Lagerraum; der Haupteingang wird von einer automatischen Kasse und einer angeschlossenen Personenvereinzelungsanlage bedient. Ist es nicht erschreckend, daß das jetzt ausnahmsweise mal keine meiner gefürchteten monströsen Wortschöpfungen ist? Finde ich auch.

Den Bereich des Nichtschwimmerbeckens hat man mit Hilfe eines Zaunes ausgegliedert, das Becken zubetoniert und als Rollschuhbahn der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Auch dieses Stück seinerzeit moderner Freizeitarchitektur verkommt zusehends; der Beton zeigt Risse und wird zunehmend von Wildpflanzen bewohnt. Die Natur holt sich das Ihrige langsam aber sicher zurück. Das große Becken wurde baulich in Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken unterteilt. Wer Bahnen ziehen will, ist fehl am Platze. Aber immerhin wird der Betrieb fortgeführt.

Man lernt es, bescheiden zu werden und sich nicht mehr darüber zu wundern, daß immer weniger Kinder und Jugendliche schwimmen können. Wo sollten sie es denn auch noch lernen?


(Ende)





Kommentare:

  1. Boah, was für eine böse Tat .... und Du mittendrin.... noch ein Kind ... schutzlos .... *kopfschüttel*

    Und wirklich erschreckend, zu erfahren das nicht Du das schöne Wort 'Personenvereinzelungsanlage' erfunden hast. Das muß man doch ändern. Kreiere doch einfach ein neues Wort dafür. :o)

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    1. Ja, ich hatte scheinbar eine harte Kindheit und bin für alles, was ich künftig anstelle, nicht verantwortlich zu machen. Und ich fürchte, zur Kreierung eines bescheuerteren Namens fehlt mir die Phantasie. ;-)

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  2. Und ich wette das das Mädel heute wie damals deine Traumfrau war/ist....

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    1. Leider verloren. Ich habe sie, nachdem wir aus der damaligen Wohnung ausgezogen sind, noch einmal wiedergesehen. Die Intelligenz einer rohen Kartoffel hat sich nicht steigern lassen. Da kann ich nichts mit anfangen.

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  3. Da sind wir aber froh, dass sich Euer Umzug so gut auf Deinen Umgang ausgewirkt hat...

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