Freitag, 6. Juni 2014

Chinamann, scharf

Im Restaurant Zum Kleinen Chinamann gibt es neben dem klassischen Chinabuffet auch eine Erweiterung um ein Mongolenbuffet. Während die Speisen beim Chinabuffet bereits verzehrfertig sind, handelt es sich bei den Angeboten des Mongolenbuffets um Rohware, welche vom Koch noch zubereitet werden muss. Der Teil der Küche, an dem dieses geschehen soll, ist räumlich von der Hauptküche des Restaurants getrennt und für den Gast mehr oder weniger zugänglich. Die Gerichte selber entsprechen natürlich nicht dem, was man im fernen China so zu sich nimmt, sondern sind dem europäischen Geschmack angepasst. Fusionsküchenennt man so etwas. Cooles Wort. Soweit es mich betrifft, kann ich mit dem Ergebnis hervorragend leben. Ich brauche nicht das Original. Hauptsache es schmeckt.

Eines Tages verbrachten wir wieder einige Zeit mit meinen Schwiegereltern beim Kleinen Chinamann. Meine Angetraute ist eher eine ganz Scharfe. Die hierzu erforderlichen Grundlagen muss sie von ihrem Vater geerbt und dann noch ausgebaut haben. Jedenfalls hatte sie sich etwas vorgenommen.

Unser Weg führte zum mongolischen Buffetteil. An unseren Tellern befand sich die numerierte Wäscheklammer, welche dazu dienen sollte, den später fertig zubereiteten Teller dem entsprechenden Gast zuzuordnen. Im Gegensatz zum normalen Buffet kann man den gefüllten Teller mit Rohware nämlich einfach bei dem Koch abgeben und bekommt diesen später von einer Kellnerin einem Kellner einer Servicekraft an den Tisch gebracht.

Die zweitbeste Ehefrau von allen stellte den frisch gefüllten Teller an den vorgesehenen Platz und sprach den Koch an.

„Können sie das bitte so zubereiten, wie sie es in ihrer Heimat machen würden? So richtigscharf?“

Die Augen des Kochs zeigten ein Strahlen. Die Chefin des Hauses, welche den Wunsch meiner Angetrauten mitbekommen hatte, mischte sich ein.

„Oh, müssen aufpassen. Wirklich sehr scharf, wir machen etwas weniger.“ Um sich danach an den Koch zu wenden und ihm etwas in einer uns unverständlichen Sprache zu sagen.

„Nein, ich will es wirklich mal so scharf wie es in ihrer Heimat gekocht wird probieren.“ protestierte meine Angetraute. „Ich vertrage scharfes Essen sehr gut.“

Der zweifelnde Blick der Chefin des Hauses traf uns.

„Machen Sie ruhig, sie weiß, was sie tut.“ unterstützte ich den Wunsch meiner Angetrauten.

So sollte es auch geschehen.

Nach einigen Minuten wurde uns das Essen gebracht. Allerdings nicht von einer Servicekraft, sondern von der Chefin persönlich. Sie warnte nochmal vor der Schärfe, aber auch das konnte meine Angetraute nicht davon abhalten, zu probieren.

Und sie schaffte es, den Teller problemlos zu leeren. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Natürlich fiel meinen Schwiegereltern auch auf, daß hier etwas anders war als üblich. Wir klärten sie entsprechend auf, und sofort zeigte mein Schwiegervater Interesse. Er wurde von meiner Angetrauten gewarnt und daran erinnert, daß sie Schärfe besser vertragen würde als er. Und daß es wirklich scharf gewesen sei.

Während meine Angetraute kurz den Tisch verlassen hatte, tunkte mein Schwiegervater – nicht ohne mahnende Worte meiner Schwiegermutter überhören zu müssen - etwas Fleisch von seinem Teller in die auf dem Teller meiner Angetrauten verbliebenen Saucenreste.

„Ja, ist ganz lecker.“ ließ er sich vernehmen.

Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Gesichtsfarbe begann, eine mehr als dezente Rötung anzunehmen. Aber er blieb tapfer, während er hektisch nach einem Taschentuch fingerte.

Als meine Angetraute wieder zu uns kam, sah sie sich ihren Vater kurz an.

„Du hast von meinem Teller genascht!“ analysierte sie die Veränderungen in seinem Erscheinungsbild.

„Ja, aber nur ganz wenig.“

„Und?“

„Ist scharf.“

Ach was?!

Es dauert halt, bis man seine Eltern erzogen hat.





Kommentare:

  1. Die ändern sich nicht mehr ..... im Gegenteil .... sie benehmen sich mit zunehmendem Alter immer mehr wie ein bockiges Kind. Sie entwickeln sich sozusagen rückwärts. Selbst erlebt, ich weiß wovon ich rede. :o))

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  2. Altersstarrsinn nennt man das.
    Kann ganz unterhaltsam sein. Für Deine Leserschaft ganz bestimmt :-D

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