Montag, 30. Juni 2014

Ausdruckstanz

Unser Ökoklaus zeigte sich wieder etwasdeutlich angespannt. Wundert mich nicht, die Dauervertretung zehrt auch an seinen Nerven. Der kaum noch vorhandene hoffnungsvolle Sachbearbeiter-Nachwuchs ist ja noch längst nicht soweit, ernstzunehmend arbeiten zu können. Hinzu kommt, daß der Ökoklaus noch nicht mal mehr Platz in seinem Schrank hat, um dort Akten zu lagern. Alles ist voll, er muß anfangen, den Boden als Lagerfläche zu nutzen.

„Na, wie geht es dir?“

Man nimmt ja Anteil an dem, was die Kollegen so bedrückt.

„Du, mir geht es so gut, daß ich den ganzen Tag die Wörter Spaß und Freude tanzen könnte. Aber wie tanzt man eigentlich kursiv?“

Ähm, keine Ahnung, ich war auf einer anderen Schule.




Sonntag, 29. Juni 2014

Mein Freund, der Marty

Es gibt ja Themen, die sich größter Beliebtheit erfreuen. Natürlich wird nie jemand zugeben, derartig thematisierte Geschichten gerne zu hören. Das ist in etwa so wie mit der Blöd-Zeitung, Tutti-Frutti oder dem Dschungelcamp. Jeder kennt es, aber niemand hat wirklich jemals einen Blick reingeworfen. Natürlich nicht.

Eines dieser heiklen Themengebiet ist die Toilette. Selbstverständlich möchte niemand Geschichten vom Klo hören. Iiiiiiiih! Aber schmunzeln tun sie doch alle. Und wenn es heimlich ist. Bei manchen auch eher unheimlich. Und da in diesem Blog schonungslos aus dem wahren Leben erzählt wird und mir kaum etwas zu peinlich ist, um hier nicht davon zu berichten, gibt es nun eben eine Klo-Geschichte. Rümpft schon mal die Nase und schluckt die letzten Reste eures Brötchens runter.

Es gibt ja verschiedene Dinge, mit denen man sich auf dem Klo beschäftigen kann. Die einen lesen die Zeitung oder – wie einer meiner Onkel in früheren Zeiten – die Bibel, während sie auf dem Thron hocken. Andere denken über das Leben als solches nach. Und wieder andere telefonieren oder kommunizieren dank Smartphone auf anderen Wegen mit dem Rest der Welt, während sie verrichten. Gemeinschaftsklos im Büro sind schon was Tolles. Was man da so alles mitbekommt ist wirklich wundersam.

Ganz Durchtriebene spielen sogar mit leeren Klorollen und versuchen, besonders viele von diesen Klorollen auf geschickten Wegen zusammen in eine einzelne Klorolle zu stopfen, ohne sie einzureißen. Leute gibt es…

Während Frauen es ja gewohnt sind, zumindest in der Öffentlichkeit gemeinsam auf das Klo zu gehen, um sich dann wieder in getrennten Kabinen einsam niederzulassen, ist es für die Männerwelt nicht ungewöhnlich, sich bei der eher männertypischen Variante der Verrichtung ins Gesicht sehen zu können. Wenn sie denn wollen. So von Angesicht zu Angesicht unterhält es sich auch besser. Mit anderen Worten: Wir sind es gewohnt, beim Wasserlassen nicht einsam zu sein.

Sogar ich bin von den profanen Dingen des Lebens nicht gefeit. Hin und wieder erreicht mich ebenfalls ein menschliches Rühren, welches mich veranlasst, die sanitären Einrichtungen der eigenen Wohnung aufzusuchen. Und natürlich lässt es die (heimische) Lage nicht zu, der Verrichtung auf typisch männlichem Weg nachzukommen. Ich denke, der in Mitteleuropa übliche Weg hin zur sitzenden Verrichtung ist bekannt. Der hosetragende Mensch lässt selbige der Schwerkraft folgend nach unten gleiten, sorgt anschließend dafür, daß die darunter befindliche kürzere Zweithose folgt und macht es sich auf dem Thron gemütlich.

Hin und wieder nimmt der hauseigene Kater Marty die damit verbundenen Geräusche zum Anlass, sich gerufen zu fühlen. Da steht er nun mit großen Augen vor mir, während ich so sitze und über die Probleme der Welt grüble. Er bemerkt meinen Gegenblick und wähnt sich eingeladen. Schon ist er da und wünscht gekrabbelt zu werden. Zu einem solchen Anlass könnte ich mir durchaus angenehmere Orte vorstellen, aber der Kater hat dummerweise die Eigenheit, immer die Gelegenheiten zur Befriedigung seines Zuwendungsbedürfnisses auszuwählen, die mir nicht so sehr entgegenkommen: nach dem morgendlichen Aufrichten im Bett, nach dem Duschen, beim Wäsche aufhängen und – wenn ich auf dem Thron sitze. Aber bloß nie, während ich mich auf dem Sofa herumlümmel und nahezu alle Zeit der Welt habe, ihn zu beachten.

Nicht genug damit, fängt er dann an, wie verrückt mit deutlicher Kraft um meine Beine herumzustreichen und versucht sogar durch die Beine meiner Hose zu kriechen. Der kann nicht mehr normal sein. Natürlich lenkt mich das alles auch noch beim Nachdenken ab.

Wenn ihr also weiter darauf warten solltet, daß mir endlich die Lösung für die Probleme dieser Welt einfällt, dann vergesst es einfach. So lange mich der Kater beim Denken stört, wird das nichts mehr.




Samstag, 28. Juni 2014

In der Fremde

Vor Tagen wurde ich nun schon aus dem Krankenhaus entlassen. Acht volle und zwei halbe Tage habe ich dort verbracht. Insgesamt hat es objektiv nicht sehr lange gedauert, doch mir kam es wie eine kleine Ewigkeit vor. Dabei habe ich die Zeit, abgesehen von den ersten schwül-warmen Tagen, noch nicht mal als besonders unangenehm empfunden. Phasenweise sogar als ganz das Gegenteil.

Noch nie habe ich meine Wohnung so lange verlassen, während dort das Leben weiterging. Die zweitbeste Ehefrau von allen hat in der Zeit die Haushaltsführung übernommen. Dies ist sonst weitgehend meine Sache. Warum auch nicht? Es ist in beiderseitigem Einvernehmen besser so.

Ich bin zu Hause. Und doch wiederum auch nicht. Ich fühle mich noch fremd in meiner eigenen Wohnung. Sie ist nicht so, wie ich sie verlassen habe. Sie ist anders. Mir fehlt die Übersicht über die Vorräte, über das, was getan werden muß und was nicht. Außerdem haben wir eine neue Waschmaschine bekommen. Auch wenn mir meine Angetraute sagt, daß alle Wäsche gewaschen ist und ich dies auch sehe, genügt es mir nicht. Ob ich mich darum kümmere oder jemand anderes, sollte keinen Unterschied machen. Eigentlich. Es kommt innerlich nicht an.

Ich komme nicht an.

Im Krankenhaus war ich weit ab von allem. Ich musste mich um nichts kümmern, wurde nicht mit Nachrichten überhäuft, musste mir keine Gedanken um alle möglichen Dinge machen. Genau so wie in den ersten Tagen zu Hause.

Es ist nichtdasselbe.

Meine Angetraute hat mich zur Abschlussuntersuchung zum Arzt gebracht. Auf dem Rückweg fuhren wir zum Einkaufen. Für mich überraschend. Ungeplant. Es gab keinen Einkaufszettel. Eine Unmöglichkeit für mich.

Die Mobilisierung muß so langsam beginnen. In meinem rechten Bein ist ein Muskelstrang aufgrund der langen Liegezeit und des Bewegungsmangels ständig angespannt. Der hieraus resultierende Schmerz ist unterschwellig, aber spürbar. Bewegung kann kein Fehler sein.

Ich begleite meine Angetraute also in den Laden. Es ist mitten in der Woche und noch relativ früh am Tag. Die Räume sind nur spärlich mit Kunden besucht. Es sollte alle kein Problem für mich sein. Doch das Einkaufen ohne Planung, ohne Einkaufszettel macht mich zusätzlich nervös. Mir wird wieder bewusst, daß ich keinen Überblick habe. Alles erscheint mir so fremd, so unwirklich. Ich komme knapp an einer Panikattacke vorbei.

Dabei waren es nur acht und zwei halbe Tage.

Ich verstehe es nicht.

Montag werde ich voraussichtlich wieder zur Arbeit gehen. Und auch so langsam den Haushalt in meine Hand nehmen. Dann sollte die Normalität mich wieder haben. 

Ich werde zu Hause sein.





Freitag, 27. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 10 - Würmer

Was ist schlimmer, als in einen Apfel zu beißen und danach einen Wurm in ihm zu sehen? In einen Apfel zu beißen und danach einen halben Wurm in ihm zu finden.

 ***

Noch liege ich im Bett herum und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Ich schnappe mir den Rechner und schreibe ein paar Zeilen, die ich gleich, wenn ich wieder zuhause bin, im Blog veröffentlichen kann.

Der Anschlusstermin bei meinem Hausarzt ist schon für Freitag vereinbart. Bis Montag wäre Zeit gewesen, bis dahin soll ich alles an Medikamenten mitbekommen, was ich benötigen werde. Jetzt kann ich nur noch warten, daß die Uhr schnellstens ihr Werk verrichtet.

Zu Hause dann endlich wieder duschen. Die Erlaubnis habe ich mir schon von Dr. Altwasser eingeholt. Ich werde den Heißwasservorrat erst mal komplett verbrauchen. Und dann das Sofa besetzen. Bettruhe kann auch Sofaruhe heißen.  

Schwester Enja versorgt mich mit meinem Tropf. Er läuft, doch nach wenigen Minuten streikt die Vene; die Penicillinlösung läuft über meinen Arm statt in meinen Körper. Das Zeug stinkt immer noch. Gut, daß es noch kühl hier ist, so daß der Geruch nicht so penetrant in der Luft hängt. Aber es reicht. Dieses Mal hat der Zugang lange gehalten, aber nun ist auch er verbraucht. Auf meinen Ruf hin kommt Schwester Enja nochmal rein, entfernt den Tropf. Wohl wissend über meine für heute angedachte Entlassung versucht sie, einen Arzt zu erreichen, damit dieser entscheidet, ob mir heute nochmal ein Zugang gelegt werden soll oder ob die Umstellung auf Tabletten jetzt schon erfolgen kann. Schichtende, sie wünscht mir weiterhin gute Besserung. Ja, ich gelobe, mich zu bessern.


Endlich wieder ohne Anbauteile

Nach nur etwa zwei Stunden wurde ein Arzt gefunden. Die Tablettenabgabe ist ab sofort machbar; ich muß nicht erneut angestochen werden. So bekomme ich die Tabletten, lege mir eine auf die Zunge. Boah, Leute, geschmacksneutral ist anders. Gegen eine Zuckerschicht hätte ich gerade nichts gehabt. Schnell runter damit.

Das Frühstück wird heute von Schwester Danuta serviert. Nach ihrer Aussage der Höhepunkt des Tages. Ehe sie richtig im Zimmer ankommt, ist sie schon wieder verschwunden. Stress auf der Station. Ein fieser Geruch zieht mir in die Nase; in meiner Tasse befindet sich ein dunkelbraunes Gebräu. Kaffee statt des Schwarzen Tees, den ich sonst bekomme. Bäh! Aber niemand zwingt mich schließlich, ihn zu trinken. Ab in den Ausguss damit. Heute scheint der Wurm drinnen zu sein. Feiertagseier gibt es nicht zum Feiertagsfrühstück. Sonntagseier übrigens auch nicht. Wir haben schließlich nicht Sonntag.

Visite; eine Ärztin, die ich noch nie gesehen habe, begutachtet die Reste Afrikas. Ja, sieht gut aus, auch wenn sie nicht wisse, wie es ursprünglich gewesen sei. Entlassung dann am Freitag. Das wäre morgen?! Nix da, nicht noch mehr Würmer. Obwohl: Morgen gibt es laut Speiseplan (ha ha ha haaaa) Backfisch mit Remouladensauce und Kartoffelsalat. Mit mehr Kalorien als jeweils alle drei der an den anderen Tagen zur Auswahl stehenden Mittagessen zusammen. Da hätte ich mich schon drüber gefreut. Aber nein. Für heute ist die Entlassung angedacht gewesen. Heute! Die Ärztin hat nichts dagegen, doch entscheiden müsse das der Stationsarzt. Der wird im Laufe des Vormittags zur Privatvisite auf der Station erscheinen und dann für mich abgefangen werden, damit er sein endgültiges Einverständnis gibt. Wehe, er macht Blödsinn. Wenn ich jetzt noch länger hierbleiben muß, wird sich die zweitbeste Ehefrau von allen meine immer noch nicht vorhandene Kettensäge schnappen und hier selbst das Massaker veranstalten. Habe ich zumindest so im Gefühl. Sie wird ein solches Vorhaben später aber leugnen.

Eine Studentin will mir Blut abnehmen. Vor der Entscheidung über meine Entlassung will man nochmal die Entzündungswerte messen. Die Nadel wird gesetzt, das Blut fließt. Nach 2 Millilitern ist Schluß, die Vene rückt nichts mehr raus. Zu wenig. Eine neue Stelle wird gesucht. Über den Handrücken klappt es dann, doch das Blut fließt heute nur langsam. Schrieb ich gerade nicht was über Würmer?


Gelöchert

Seit ewigen Zeiten habe ich nun nicht mehr als vier Stunden am Stück geschlafen, und das auch nur einmal täglich. Selbst für einen Wenigschläfer wie ich einer bin wird das langsam anstrengend. Ich bin müde, will einfach nur ins Bett. Ach, da bin ich ja schon. Die Blutuntersuchung wird mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen. Mit dem Arztbesuch ist also erst mal nicht zu rechnen, alles andere ist durch. Ich verschanze mich in meinem Bett mit dem Ziel, mehr als nur etwas zu dösen. Wumm, die Tür öffnet sich mit einem Schlag. Ohne Brille erkenne ich eine schemenhafte Person mit blauen Handschuhen. Kein Arzt, sondern die Feiertagsputzfrau. Sie kommt nur, um den Mülleimer zu leeren. Mehr findet an Reinigungsarbeiten an Sonn- und Feiertagen nicht statt. Wie lautet die alte Weisheit? Wer Würmer hat, ist nie alleine! Dabei hätte ich gegen etwas Alleinsein gerade nichts einzuwenden. Es sei denn, der Stationsarzt käme, um mich rauszuschmeißen.

Ich beginne wieder wegzudösen, als mich Kirchenglockenlärm in die Senkrechte reißt. Die Krankenhauskapelle vor meinem Fenster lässt die Glocken läuten, als ob Armageddon bevorsteht. Oder Ragnarök, jeder so wie er will, ist mir egal. Das hört überhaupt nicht mehr auf. Doch irgendwann ist wieder Ruhe. Kaum verflachen meine Gedanken, höre ich einen Singsang. Fromme Kirchenlieder werden voller Inbrunst geschmettert. Ich taste nach meiner Brille und werfe einen Blick aus dem Fenster. Eine Prozession frommer Christenmenschen marschiert über das komplette Krankenhausgelände. Das können nicht alles Insassen sein. Ich erkenne zwar ein paar der indischen Ordensschwestern wieder, die hier allenthalben auch über die Flure huschen, ansonsten scheint es sich überwiegend um Anwohner zu handeln. Irgendwie muß man die Hütte ja voll bekommen.

Der Singsang hält eine Weile an, bis dann doch wieder Stille einkehrt. Dachte ich. Nun dröhnt die Orgel aus dem Kapelleninneren. 10.22 Uhr. Ich gebe auf. Würmer halt. Sie sind heute einfach drinnen.

Hat schon mal jemand von euch einen Wurm aus der Erde gezogen? Und dabei deren prägnanteste Eigenschaft festgestellt? Die können sich richtig laaaaaang machen, wenn man an ihnen zieht, um sie zu entfernen. Ich habe keinen Bock mehr auf lange Würmer.



Käse-Hackauflauf vom Rind in Kräutersauce mit Romanesco-Gemüse

Nach dem geschmacklich erstmals sehr eigenwilligen Mittagessen, natürlich war das angekündigte frische Obst als Dessert wieder nur Fruchtjoghurt, kommt die erlösende Nachricht: Verschwinden Sie von hier.

Die letzten verbliebenen Sachen sind schnell gepackt, dazu die Tabletten und ein Karton mit Thrombose-Spritzen, welche ich mir jetzt selber verabreichen darf, bis die Sache erledigt ist. Gerne gebe ich Schwester Danuta noch einen Umschlag mit etwas Geld für die Kaffeekasse in die Hand. Sie vermisst zwar noch auf den Umschlag gemalte Herzchen, aber meine Angetraute weist sie folgerichtig darauf hin, daß Männer so etwas nicht zu tun pflegen. Recht hat sie.

Auf dem Weg zum Aufzug kommen wir an einen Wagen mit aufgestapelten Tabletts vorbei. Überall liegen neben den Wärmedeckeln ganze, frische Birnen. Und zwar von einer saftig-süßen Sorte. Der Begleitzettel beschreibt die Tabletts als für die Privatpatienten bestimmt.

Wir gehen zum Aufzug, von dort weiter zum Auto. So sieht die Welt da draußen also aus.

Lilly begrüßt mich zu Hause sofort. Marty wälzt sich später aus seiner Schlafkuhle, kommt nach oben, begutachtet ausgiebig die Tasche mit meinen Sachen, widmet sich den Fressnäpfen und streicht dann kurz an mir vorbei, damit ich ihm wenigstens zwei Mal über den Rücken krabbeln kann. Smilla ignoriert meine Anwesenheit etwas länger, begutachtet dann ebenfalls die Tasche, schaut kurz zu mir rüber und verschwindet nach einem kleinen Snack wieder in ihren Topf. Sie erhält dann später ein paar Streicheleinheiten von mir, die sie auch willig entgegennehmen wird.

Endlich wieder zu Hause.

Übrigens: Ich mag Birnen nur, wenn sie fest und säuerlich sind.




Donnerstag, 26. Juni 2014

Kleine Randbemerkung - Autokorso

Ist gerade wieder ein Fußballspiel  zu Ende gegangen? Hier zieht soeben ein 1-Wagen-Autokorso hupend durch die Gegend.

Manchen ist ja nichts zu peinlich.



Stillgelegt, Tag 9 - Lichtblicke

Schwester Anke erscheint zu ihrer Morgenrunde, bewaffnet mit Puls- und Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer und einer fast steinhart gefrorenen Kühlkompresse. Sie ist eine zierliche Person und beginnt, diese Kompresse mit gewisser Kraftentfaltung irgendwie in eine Form zu biegen, um sie sinnvoll an mir unterbringen zu können.

„Na, kleine Muskelübung am Morgen?“

„Och, jetzt klappt das noch. Gleich um 14.30 Uhr sieht das ganz anders aus.“

Ja, das glaube ich gerne. Die Mädels sind mehr als genügend ausgelastet. Bewundernswert, wie sie dennoch ihre gute Laune behalten. Oh, ich bekomme noch einen Lichtblick. Schwester Anke bestätigt mir, daß meine Entlassung zur Zeit für Donnerstag oder Freitag vorgesehen ist. Endlich.

Andrea, die Stationsassistentin, taucht auf. Sie bringt Frühstück, später das Mittagessen, und sorgt für frische Bettwäsche. Wo sie ist, da scheint wirklich die Sonne. Andrea hat mich in den letzten Tagen mit allerlei Kissen versorgt. Ich habe ein kleines für die Nacht, ein großes für den Tag und ein ganz großes, um das Bein darauf hochlegen zu können. Das Bettzeug bedarf des Wechselns, in der Nacht hat sich etwas der Antibiose, der Penicillinlösung, darüber verteilt, als der Tropf herumgezickt hat. Man kann wirklich nicht sagen, daß das Zeug übertrieben gut riecht.

Als Alternative habe ich danach allerdings wieder den stechenden Geruch der Desinfektionsmittel des Krankenhauses in der Nase. Auch das seit meinem Einzug hier pausenlos weit geöffnete Fenster bietet keine nachhaltige Abhilfe, das Zeug ist einfach überall: auf dem Boden, an den abwaschbaren Gerätschaften, vor allen Dingen aber in der Bettwäsche.

Gestern hat Andrea das leere Tablett vom Mittagessen vermisst, als sie auf ihrer Abräumrunde war.

„Das wurde schon abgeräumt.“ erklärte ich ihr.

„Wer hat das denn gemacht?“

„Schwester Danuta.“

„Wie ist die denn drauf, das macht die doch sonst nie?“

Tja, ich wickle sie eben alle um den Finger.

Später erscheint der Dr. Altwasser zur Visite. Ja, es sieht alles gut aus. Donnerstag werde ich gefeuert entlassen. Endlich. Hier drinnen verliert sich die Zeit. Ich weiß immer noch nicht, ob Schröder noch Kanzler ist. Anhand des Speiseplans ermittle ich, daß Donnerstag schon morgen ist. Och Mensch, dabei hätte es Kartoffelauflauf zum Mittagessen gegeben. Und am Freitag Backfisch. Nö, dafür bleibe ich nicht länger in meiner Präsidentensuite, das kann ich alles selber machen. Beziehungsweise machen lassen, denn auch zu Hause besteht ja weiterhin die Pflicht zur Bettruhe. Ich werde es wohl überstehen.

Freuen wir uns auf das heute vorgesehene Bifteki. Bei der Bestellung wurde es als mit Käse gefüllte Frikadelle angekündigt.

Die Tür öffnet sich, Andrea serviert.

„Ja, Herr Paterfelis, das ist hier fast wie Weihnachten. Ständig wird man mit Essen abgefüllt. Lassen Sie es sich gut schmecken.“

Ich kann an ihrer Mimik nicht erkennen, ob sie das Wort abgefüllt ernst gemeint hat. Aber Befehl ist Befehl; sie hat gesagt, daß ich es mir schmecken lassen soll.


Bifteki, Djuvec-Reis und Paprika-Sauce

Das Bifteki erinnert stark an gewöhnliche Frikadellen. Muß nicht verkehrt sein. Knoblauch ist nicht enthalten, was mich jetzt auch nicht unbedingt überrascht. Die Konsistenz ist – eigenartig, der Geschmack ist in Ordnung. Wenn er auch mehr an eine Paprikafrikadelle erinnert und nicht an Bifteki. War da nicht noch was mit Käse? Stimmt, eine Frischkäsefüllung sollte enthalten sein. Ich untersuche beide Frikadellen und finde jeweils – ohne jegliche Übertreibung – an einem Punkt konzentrierte winzige Spuren einer weißen Masse, welche mal Frischkäse gewesen sein könnte. Der Djuvec-Reisist totgekocht. Und die angekündigten frischen Früchte oder der alternativ angebotene Früchtequark entpuppt sich als… na ihr wisst schon was.

Weisungsgemäß habe ich es mir schmecken lassen. Es war ja nicht unlecker. Über die Auslegungsfähigkeit der Speisekarte habe ich mich ja schon geäußert und vor Ort entsprechend angepasst.

Den Bezug zur vergangenen Zeit habe ich im Einerlei der Tagesabläufe verloren. Ich weiß immer noch nicht, ob Schröder noch Kanzler ist. Gefühlt war er es jedenfalls noch, als ich hier eingewiesen wurde.

Schwester Danuta kam ins Zimmer, um mir den Tropf abzunehmen.

„So eine Scheiße, ich habe vergessen, daß morgen Feiertag ist.“

„Und?“ schaute ich sie fragend an.

„Wir haben nichts zu Essen im Haus. Ich habe meinen Mann gerade angerufen, daß er heute noch was einkaufen geht. Tiefkühl-Reibekuchen oder so etwas.“

„Oh, das ist natürlich blöd.“

„Ja, so ist das, wenn man alle Tage arbeiten muß.“

Ich bemerke, daß ich mit meinem aktuell mangelnden Bezug zum Kalender nicht alleine bin. Scheint ein generelles Problem von Menschen im Krankenhaus zu sein, gleich ob Insasse oder Mitarbeiter.

Nur noch morgen und der Rest von heute.





Mittwoch, 25. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 8 - Offenbarungen

Erholsames Schlafen ist in einem Krankenhaus eines jener Dinge, welches nur ganz besondere Charaktere beherrschen. Meine Angetraute zum Beispiel. Ich nicht. Von Einzelfällen abgesehen bin ich bis ein Uhr in der Nacht wach. Der Infusionstermin sorgt dafür, daß ich in der Zeit vorher allenfalls etwas vor mich hin döse aber nur selten richtig einschlafe. Nach vier Stunden Schlaf ist die restliche Nacht für mich auch schon wieder vorbei. Den Vormittag döse ich wieder, an Schlaf ist nicht zu denken. Zu viele Unterbrechungen, zu viel Lärm. Die Geräuschkulisse hier im Krankenhaus ist vielfältig und nahezu ständig präsent. Es piept, es summt, Wagen und Betten werden durch die Gegend gefahren. Dazu viele Stimmen auf dem Flur. In der Etage über mir befindet sich die Intensivstation. Ständig rumpelt man dort herum. Wenn mir jemand sagen würde, daß die Etage gerade umgebaut wird, hätte ich keine Zweifel an der Aussage. Es handelt sich aber wohl um übliche Arbeitsgeräusche, welche entstehen, wenn Betten und Gerätschaften verschoben, auf-, ab- oder umgebaut werden.

Zum Mittagessen gibt es vier Rollen Cannelloni mit Ricotta-Spinatfüllung in einer Tomatensauce. Etwas matschig das Ganze, aber schmackhaft. Der angekündigte Pudding als Nachtisch wird als Fruchtjoghurt getarnt und entsprechend geschmacklich umgearbeitet. Man könnte es tatsächlich für Fruchtjoghurt halten, was da so im Plastikbecher serviert wird. Um 15 Uhr verspüre ich wirklich wieder Hunger, nicht nur einen Appetit.


Cannelloni "Verdi" mit Ricotta-Spinatfüllung in Tomatensauce

Die amtierende Stationsärztin ist zufrieden mit der Entwicklung meines kleinen Afrikas. Da die Sache aber nur langsam voranschreitet, bekomme ich die nächste Verlängerung meines Aufenthaltes in Aussicht gestellt, vermutlich bis Donnerstag oder Freitag. Danach werde ich wohl noch mindestens eine weitere Woche stillgelegt sein. Natürlich inklusive der Bettruhe.

Ich beschließe, mich bei Frl. Hasenclever zu melden und den aktuellen Stand durchzugeben. Sie ist gerade nicht da, das Telefon wurde auf einen anderen Fachbereichsleiter des Hauses umgestellt. Er meldet sich auch prompt, nimmt meine Meldung entgegen. Wie üblich ein wenig zur Geschwätzigkeit neigend erklärt er mir in großen Worten, wie dramatisch sich die Lage im Büro zeigt. Geht mich das jetzt gerade etwas an? Sollte mich das aktuell wirklich interessieren? Ich werde keinen einzigen Tag früher zurückkommen, als mir dies möglich ist. Die Zeiten, zu denen ich krank und gegen ärztlichen Rat zur Arbeit gegangen bin, sind vorbei. Das ist nur etwas für Führungskräfte, nicht aber für das popelige Volk. Meine Kollegen tun mir leid. Die ohnehin manipulierte Statistik aber geht mir am Arsch vorbei. Und um mehr geht es nicht mehr. Benchmarking.

Weiter erklärt er mir, daß es natürlich nicht so schön ist, daß ich nicht schon früher gesagt habe, wann ich zurückkomme. Als ob ich ihm das jetzt gerade gesagt hätte. Ich weiß es doch nicht. Die Krankmeldung durch meine Angetraute lautete, daß sie mich in der Nacht zuvor ins Krankenhaus gebracht habe, Dauer des Aufenthaltes ist ungewiss. Punkt. Daran hat sich streng genommen bis heute nichts geändert. Mehr Informationen hat niemand zu bekommen. Dennoch bin ich ziemlich angepisst. Auch noch wegen einiger anderer Informationen, die sich aus dem Gespräch ergeben. Zum Beispiel darüber, daß man sich im Rahmen der gestrigen Besprechung der Führungskräfte über meine Diagnose ausgetauscht hat. Eine Diagnose, welche ich nicht weitergegeben habe.

Mein Bett ist meine Burg

Es wird Abend. Ich habe mich wieder etwas beruhigt, nicht zuletzt dank des ganz falschen Hasens, den mir meine Angetraute in einer Variation eines Rezeptes des Silbernen Löffels mitgebracht hat. Jeder ist bestechlich.

Von draußen dringt ein scharrendes Geräusch hinein. Zwei junge Frauen, vermutlich Bewohnerinnen des nahe gelegenen Schwesternwohnheims, rollen einen dieser modernen, niedrigen Fernsehschränke den Weg entlang. Es wäre wohl etwas einfacher, wenn die eine dabei nicht auf dem Schrank sitzen würde, sondern mal mit anfasst. Der Weg führt etwas abwärts, das Krankenhaus befindet sich abseits vom Weltgeschehen aber dennoch sehr gut erreichbar in einer Höhenlage. Eigentlich geht es hier in jeder Richtung bergabwärts, wenn man es mal genauer betrachtet. Nach einiger Zeit lässt sich beobachten, wie der Schrank in ein Auto verladen wird. Dieses Auto fährt nun den gesamten Weg wieder zurück, den die Beiden den Schrank gerade noch lautstark entlanggerollt haben, und verlässt das Krankenhausgelände. Gute Planung sieht ja irgendwie anders aus, oder?





Stillgelegt, Tag 7 - Nachtwächter

Montag, 2.21 Uhr. Die Tür zu meinem Zimmer wird geöffnet. Ich überlege, ob die Nachtschwester einen Rundgang macht. Es wäre unüblich, aber die jetzige Nachtschwester hat auch zu Beginn ihrer Schicht eine entsprechende Runde unternommen. Das hätte was von einem historischen Nachtwächter, der durch die Stadt geht und sein Lied singt.

„Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen…“

Alle mal wecken, damit sie darüber informiert werden, ruhig weiterschlafen zu können.

Nein, sie macht keine Kontrollrunde. Ich höre das Rascheln einer Plastikfolie. Das direkt an der Tür stehende Bett wird einsatzbereit gemacht und aus dem Zimmer geschoben. Scheiße, das kann nur eines bedeuten. Nämlich, daß ich einen Zimmergenossen bekomme.

Die Maschinerie in meinem Kopf beginnt gnadenlos zu arbeiten. Und es ist nicht nur das Offenkundige, was mir Probleme bereitet. Es geht nicht überwiegend um die Frage, ob der Typ nachts schnarcht, auf die Bettpfanne muß oder derlei Dinge. Und auch nicht nur darum, daß ich von nun an nicht mehr mitten in der Nacht das Licht anmachen kann, um etwas zu lesen. Damit hat jeder zu tun, der im Krankenhaus liegt. Unangenehm, vielleicht auch nur lästig, doch akzeptabel und zu bewältigen. Ist ja kein Hotel hier.

Ich müsste mich aber auch mit jemandem, der mir wildfremd ist, auf persönlicher Ebene auseinandersetzen, ohne daß ich der Sache aus dem Weg gehen könnte. Wie erfolgt die erste Kontaktaufnahme? Die gegenseitige Vorstellung? Verdammte Hacke, sein Bett wäre das neben Waschbecken und Kleiderschrank. Viel Bewegungsraum ist da nicht, ich käme ihm ziemlich nahe, wenn ich dort zu tun habe. Insbesondere beim Haarewaschen, während dessen ich noch mehr Raum in Anspruch nehmen müsste. Natürlich gibt es einen Vorhang, welcher den Waschbereich abtrennt, aber eng bleibt eng. Ich überlege, das Haarewaschen für die Dauer meines Restaufenthaltes einzustellen. Egal, wie beschissen das aussieht und sich anfühlt.

An sich könnte meine Angetraute damit auch ab sofort ihre Besuche einstellen. Ich werde mich hier nicht mehr als das Nötigste mit ihr unterhalten, und seien es noch solche Belanglosigkeiten, so lange ein Fremder mithören kann. Das ist schlimmer als im Bus oder anderen öffentlichen Stellen. In einem geschlossenen Raum, in dem sich nur drei Personen aufhalten, hat das noch eine ganz andere Qualität als in einem Pulk von Menschen. Da versteht doch jeder alles. Die externe Lebensmittelversorgung werde ich auch nicht mehr benötigen. Ich würde ohnehin nur essen, was vom Krankenhaus geliefert wird und auch nur, wann es geliefert wird. Alles andere wäre mir höchst unangenehm. Dies gilt umso mehr für laute Lebensmittel wie Kekse oder knackige Äpfel. Für fast jeden Patienten sind diese Zusatzrationen normal und problemlos. Für mich nicht. Es hat was von Essen in der Öffentlichkeit.

Die Maschinerie arbeitet weiter. Meine Angetraute könnte auch direkt bei meinen Eltern Bescheid sagen, daß sie nicht auf meinem Handy anrufen brauchen. Jetzt würde ich ohnehin nicht mehr rangehen.

Das Schlimmste überhaupt betrifft euch: Ich würde mein Essen natürlich auch nicht mehr fotografieren. Und auch nichts anderes mehr. Es wäre mir nur peinlich. Stellt euch das vor! Ein Blogger, der sein Essen nicht fotografiert. Ein unhaltbarer Zustand, dem ich nicht hätte abhelfen können.

Stundenlang wälze ich diese Gedanken, immer wieder von vorne. Die Nacht ist für mich vorbei.

5.30 Uhr. Die Nachtschwester erscheint zur nächsten Infusion. Sie fragt, ob ich eine ruhige Nacht gehabt hätte. Ich verneine. Sie erkundigt sich, warum dies so sei. Ich erkläre ihr, daß die Aussicht auf einen Zimmergenossen mir zusetzt. Aber nein, ich würde niemanden aufs Zimmer bekommen. Sie hätte das Bett woanders benötigt, wähnte mich schlafend und war deswegen auch besonders leise. Wohl nicht leise genug. Nun, da hatte sie keine Chance. Ich habe ohnehin meistens nur einen leichten Schlaf. Als meine Angetraute selbst noch in unregelmäßigem Wechseldienst arbeitete, ist es ihr auch so gut wie nie gelungen, in der Nacht unbemerkt nach Hause zu kommen. Die Nachtschwester erklärte, daß sie davon ausgegangen sei, daß ich morgens, wenn ich sehe, daß auch der Nachtschrank weg ist, klar wäre, daß da niemand hinkommt. Ansonsten hätte ich natürlich auch fragen können, wenn ich doch schon wach war. Dieses Zimmer bleibe auf jeden Fall ein Einzelzimmer.

Nein, ich hätte nicht fragen können, denn das ist ja Bestandteil meines Problems. Das ist mehr als eine Erkundigung nach den elementarsten Dingen, die - für jedermann verständlicherweise - erfragt werden müssen. Mir ist ja bewusst, daß ich keinen Anspruch auf ein Einzelzimmer habe. Es ist nur eine Gefälligkeit, so lange es machbar ist. Ich habe keine Gelegenheit, ihr das zu erklären.

Die Nachtschwester verlässt das Zimmer, ich bin wieder alleine. Die Anspannung findet ihren allzu sichtbaren Weg, um wieder von mir abzufallen.

Ich döse den ganzen Vormittag nur vor mich hin, mir fehlt jegliche Konzentration. Immer wieder kommt jemand in das Zimmer: Boden wischen, Fieber messen, Blut abzapfen, Blutdruck messen, Frühstück bringen, Reste abholen, Thrombose-Spritze setzen und noch mehr.

Schwester Danuta erscheint. Auf ihrem Arbeitszettel steht, daß ich mich alleine wiegen soll. Dies führt zu einer gewissen Heiterkeit auf beiden Seiten, denn die Waage besteht aus einem Stuhl, in den man sich zu setzen hat. Füße anheben nicht vergessen, wir wollen ja nicht mogeln. Das Ergebnis ablesen? Die Anzeige befindet sich auf der Rückenlehne und ist nur für jemanden lesbar, der dahinter steht.

Der inhaltliche Höhepunkt eines jeden Vormittags: die Aufnahme der Essensbestellung für den nächsten Tag. Heute war eine junge Frau mit afrikanischen Wurzeln da. Schwarze Löwenmähne, strahlende Augen, bitterschokoladebraune Hautfarbe, astreines Deutsch. Wo bekommen die hier immer die gutaussehenden Mädels her? Wenn ich am Haltepunkt Neustädter Ländchen auf meinen Bus warte, gibt es so etwas nie zu sehen und zu hören. Was da in einem vergleichbaren Alter herumsteht, wirkt überwiegend nur billig. Vielleicht ist dies auch ein Aspekt bei der Personalauswahl. Das gehört bestimmt  zum Genesungsprogramm. Mal so aus rein akademischem Interesse gefragt - gibt es hier eigentlich eine Frauenstation, auf der nur gutaussehende Krankenpfleger arbeiten?

Visite, ohne Fanfare. Die amtierende Stationsärztin erscheint unter Abwesenheit Ihrer Majestät. Sie wirkt gleich viel entspannter. Der Rückzug Afrikas geht nur verhalten weiter. Die Ärztin sagt, daß es Geduld erfordere. Die Entzündungswerte zeigen an, daß alles auf dem richtigen Weg ist, auch wenn es nur langsam voranschreitet. Die zwischenzeitlich durch Schwitzen, Waschen, Eincremen und der Auswirkung sonstiger Reibekräfte fast verschwundenen Anzeichnungen der Umrisse Afrikas werden wieder aufgebracht. Etwas weniger kunstvoll als zuvor. Schwester Danuta hat da nicht das Talent ihrer Kollegin.


Teile des neuen Afrikas

12 Uhr, Mittagessen, die Infusion gibt es ausnahmsweise mal vorher. Der Mensch verlangt nach Abwechslung. Auf dem Tablett: Putenbrustbraten mit Champignons und Bandnudeln, frisches Obst, Salat. Das frische Obst hatte man wohl versehentlich mit Joghurt vermengt und in mit Folie verschlossene Plastikbecher gepackt, damit es für alle reicht. Der tote Vogel war etwas trocken.


Putenbrustbraten mit Champignons und Bandnudeln, "frisches Obst"

Die zweitbeste Ehefrau von allen erscheint kurz nach dem Abendessen. Sie hat zum Heben meiner Stimmung einen kleinen Schlenker über eine dieser bekannten amerikanischen Bulettenbratereien gemacht und was mitgebracht. Also einen Nachtisch für mich – und Frühstück für sie. Manchmal geht es nicht anders. Da um 18.00 Uhr meine Infusion wartet und das Tablett von meinem spärlichen Krankenhaus-Abendessen noch zur Abholung bereitsteht, ist mit dem Erscheinen der Krankenschwester jederzeit zu rechnen. Wir warten, weil wir nicht unbedingt essenderweise überrascht werden wollen, und auch nicht unbedingt der Raum  nach den entsprechenden amerikanischen Bulettenbrötchen stinken soll. Wie es immer so ist, verzögert sich der weitere Verfahrensablauf natürlich ausgerechnet heute. Ich habe keine geeigneten Vorräte mehr, mit denen ich meine Angetraute über Wasser halten könnte.

Währenddessen läuft das Fußballspiel Deutschland – Portugal. Wir müssen den ohnehin immer noch nicht angemeldeten Fernseher keineswegs einschalten, um über das Ergebnis informiert zu werden. Sowohl von draußen als auch von drinnen hören wir genügend mitfiebernde Menschen, welche dafür Sorge tragen, daß uns das aktuelle Spielgeschehen gewahr wird. Und selbst wenn die nicht gewesen wären – spätestens die Krankenschwester, welche sichtlich verwundert ist, daß hier der Fernseher nicht läuft – teilt uns schließlich das 3 : 0 mit. Nicht, daß wir es hätten wissen wollen. Immerhin sehe ich draußen keinen hupenden Autokorso vom Parkplatz fahren.

Später baue ich meine Idee mit der Modellbahn-Gartenanlage auf dem Dach des Nachbargebäudes weiter aus. Meine Angetraute fragt mich, was denn wohl wäre, wenn mal ein Zug entgleist. Da müsse doch jemand auf das Dach klettern. Kein Problem, eine Leiter ist vorhanden. Und wer gehe dann dahin? Himmel, man kann die Sache auch verkomplizieren. Wozu gibt es Hausmeister? Oder Gärtner? Man kann natürlich auch einen Praktikanten einstellen. Genau. Das wäre es. Natürlich muß der sich auf Rufbereitschaft einstellen. Ja, das ist ein verfolgenswerter Gedankengang. Ich muß dringend meinen Zettel mit dem Verbesserungsvorschlag etwas weiter ausformulieren.





Dienstag, 24. Juni 2014

Reißerische Nachrichten

Ich sitze auf dem Monster. Nein, nicht ganz, ich liege eigentlich mehr als ich sitze. Ihr wisst ja, das Bein muß hochgelegt sein und gekühlt werden. Immer noch hänge ich hier im Schongang herum und finde das Leben ausgesprochen langweilig. Zu Hause nur blöd herumzuhängen und nichts tun zu dürfen erscheint mir deutlich schlimmer zu sein als im Krankenhaus zu liegen. Ein Zimmer ohne Mitbewohner vorausgesetzt. Irgendwie hatte ich im Krankenhaus mehr Ruhe, um zu lesen. Hier ist zu viel Ablenkung. Und so richtig gemütlich ist es auch nicht.
 
In eben dieser Verfassung schalte ich durch die per Television empfangbaren Sender, um irgendwie in halbewegs zurechnungsfähigem Zustand Mitternacht zu erreichen. Meine nächtliche Leckerei wartet auf mich, die Penicillin-Tablette. Irgendwann bleibe ich auf N24 kleben. Soll ja angeblich ein Nachrichtensender sein. Mein Blick schweift in Richtung des Laufbandes, welches die aktuellsten, wichtigen Meldungen des Tages anzeigt.


SPD-Chef Gabriel rechnet nicht mit einem Ansturm auf die Rente mit 63.

So so, tut er das nicht?


Michael Schumachers Krankenakte gestohlen.

Michael wer? 


Alfred Biolek interessiert sich nicht für die WM.

Nein. NEIN. Jetzt geht es aber mit mir durch. So geht das einfach nicht. Und eine derart essentielle Neuigkeit wird unter ferner liefen gebracht? Ich fasse es nicht. Da geht ja mein Blutdruck ab wie ein Zäpfchen, wenn ich so etwas höre. Ausweisen sollte man den Burschen, ihm die Staatsbürgerschaft entziehen. Wo bleibt der Patriotismus unserer Prominenten? Alles Steuerflüchtlinge, und dann auch noch so etwas. Ich verlange eine Programmänderung für die erforderliche Sondersendung. Mein Informationsbedarf ist doch nicht durch so eine Kurzmeldung gestillt. Unglaublich so etwas.

Wirklich, ich sollte weniger Nachrichtensender anschauen. Die Aufregung ist Gift für meine zarte Gesundheit. Die Werbeunterbrechung wird mich retten.

Wie schön war doch die Zeit ohne Fernseher.





Stillgelegt, Tag 6 - Die Kanzlerfrage

Vom Bett aus kann ich den Sonnenaufgang beobachten. Ich bin ohnehin immer schon vor der Sonne wach, das Fenster ist weit geöffnet, die Rollos hochgezogen. Dieses Lied >Klick mich< bekomme ich jetzt nicht mehr aus dem Ohr, auch wenn sich der Himmel später wieder zuzieht. Die Luft ist deutlich abgekühlt, ich wechsle wieder zurück auf das normale Oberbett und verziehe mich sogar am Tag darunter. Gemütlich.


Morgenhimmel



Minuten später: der Sonnenaufgang


Zum Frühstück gibt es Abwechslung: Ein Ei bereichert die Festtafel, ein eindeutiger Hinweis darauf, daß Sonntag sein muß. Ich schaue auf den Begleitzettel zum Frühstück, und richtig: Es handelt sich tatsächlich nicht um ein einfaches, gekochtes Hühnerei, sondern um ein Sonntagsei. Welches wahrscheinlich auch nur von einem gewöhnlichen Huhn aus dem Arsch gedrückt gelegt und später in normalem Wasser gekocht wurde. Ansonsten alles wie gehabt.


Sonntagsfrühstück mit Sonntagsei

So langsam merke ich, wie es ist, sich mal so wirklich um rein gar nichts kümmern zu müssen, keinen Haushalt an der Backe zu haben, nicht einkaufen zu müssen und selbst die Katzenscheißeschaufelei auf andere abwälzen zu können. Aber auch sonst nichts von der Außenwelt mitbekommen zu müssen, da ich den Fernseher weiterhin nicht angemeldet habe, ich keine Tageszeitung lese und auch der Internetzugang fehlt. Es hat was Entspannendes, auch wenn mir die Zeit lange vorkommt. Ist der Schröder eigentlich noch Bundeskanzler?


Der Beweis: Es war ein Sonntagsei

Meine Kollegen tun mir allerdings schon Leid; auf Ebene der Sachbearbeiter waren in dieser Woche deutlich weniger als die Hälfte derer anwesend, für die auf unserem Geschäftsverteilungsplan formal ein Arbeitsplatz eingerichtet ist. Das war wieder eine Woche reiner Mängelverwaltung.

Wie von mir bereits festgestellt wurde, ist heute Sonntag. Ich beschließe, mir einen faulen Tag zu machen und diesen ausnahmsweise mal im Bett zu verbringen. Das schaffe ich zu Hause nie.

Der freundliche Stationsarzt Dr. Altwasser, die alte Laberbacke, hält heute wieder die Visite ab. Die Entzündungswerte haben sich, nachdem sie zunächst eine weiter steigende Tendenz zeigten, auf die Hälfte des ursprünglichen Wertes reduziert. Die jetzige Ansicht Afrikas gefällt ihm auch, es wird flacher und weicher, vor allen Dingen aber kleiner und blasser. Wir machen weiter wie gehabt. Er deutet einen eventuellen Entlassungstermin Mitte nächster Woche an. Danach könne alles von zu Hause aus bei weiterer Schonung über Tabletten weiterlaufen. Der Arzt erklärt verständig, will wissen, ob ich Fragen habe. So muß es sein, und so macht es sonst auch die andere Stationsärztin, welche sich zuletzt im Gefolge Ihrer Majestät, der Oberärztin, aufhalten durfte musste. Ordentlich.

Es wird wieder wärmer, ich schiebe das Oberbett zur Seite. Jetzt habe ich Zeit zum Nachdenken, ob ich meinen Müßiggang zu Gunsten hygieneerhaltender Maßnahmen und eines Kleidungswechsels eventuell doch mal unterbrechen sollte. Schwierig, ich muß mich schließlich immer noch schonen. Hat der Arzt ausdrücklich (!) gesagt. Ich beschließe, auch heute nicht zu einer olfaktorischen Herausforderung für die Krankenschwestern und meine Angetraute werden zu wollen, das hätte keine von ihnen verdient. Und so begebe mich dann doch an das Waschbecken. Nur das Kissen hört mein Seufzen. Dieser Stress macht mich fertig.

Der Speiseplan kündigt Rinderbraten mit gebratenem Gemüse und gerösteten Kartoffeln an. Ich sehe vor mir gegartes Gemüse ohne Röstspuren, Salzkartoffeln und Rinderbraten. Na ja, stimmt wenigstens so ungefähr. Das Fleisch zergeht auf der Zunge. Kochen kann man hier, und das auch nach meinem Geschmack. Lediglich den Ankündigungen der Speisekarte sollte man nicht so hundertprozentig trauen, dann ist alles in Ordnung.


Rinderbraten, "gebratenes" Gemüse und "Röstkartoffeln"

Ins Nachbarzimmer ist heute ein Typ eingeliefert worden, der sich selbst gerne reden hört. Er dürfte so um die sechzig sein. Seit er da ist, schwadroniert er herum. Also ganz genau ein Typ von der Sorte, wie ich sie gefressen habe. Manche Menschen sind ja einfach schon von ihrem Grundwesen her nur laut, egal was sie machen. Ich mag das nicht. Wenn er seinen Zimmernachbarn keine Vorträge hält, telefoniert er und scheucht andere Menschen durch die Gegend. Seine Frau und der erwachsene Sohn waren bei seinem Einzug anwesend. Ein Riesentamtam auf dem Flur, die Krankenschwester wurde von Pontius nach Pilatus gehetzt, bis es ihm endlich recht war. Man war durch die Bank weg sehr bestimmend. Damit hat er sich gleich richtig hier eingeführt. Und er war es Schuld, daß das Mittagessen zu spät gekommen ist. Eine Todsünde im Krankenhaus.


Wenn der Lesestoff zuneige gegangen ist...








Montag, 23. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 5 - Routine

Seit fünf Uhr bin ich wach und warte auf die Nachtschwester, damit ich einen neuen Tropf bekomme. Um sechs Uhr ist er fällig, meistens bekomme ich ihn früher. Heute nicht. Um 6.30 Uhr werde ich langsam unruhig und drücke den Rufknopf. Die Vormittagsschwester erscheint und will mir den Tropf abnehmen, den ich noch nicht bekommen habe. Ups. Der wurde wohl vergessen. Kann passieren, die Schwestern sind auch keine Maschinen.
Die Stationsärztin stellt fest, daß die Schwellungen und die Rötung an meinem Bein zurückgegangen sind. Afrika beginnt, im umliegenden Ozean versinken.


Afrika beginnt zu versinken

Draußen ist es kühl geworden, endlich fühlt es sich in den eigenen Klamotten nicht mehr so widerlich an, bloß weil die ein paar Stunden getragen worden sind. Ich überlege, ob ich aus Langeweile anfangen soll, die mir beigebrachten Nadelstiche zu zählen. Bevor ich zu einer Entscheidung gelangt bin, kommt eine andere Schwester zur Blutabnahme und erhöht die Summe der bislang ungezählten Einstichstellen um den Wert 1. Da der Unterhaltungswert des Zählens eher begrenzt ist, wird die Gesamtzahl der Stiche ungeklärt bleiben.


"Spaghetti Bolognese"

Mittags erwarten mich laut Speisekarte Spaghetti Bolognese. Leute, wen wollt ihr denn auf den Arm nehmen? Es geht doch wohl niemand, aber auch wirklich niemand davon aus, daß in einem Krankenhaus tatsächlich Spaghetti serviert werden, oder?! Vielleicht Gabelspaghetti, aber doch keine richtigen in mindestens haushaltsüblicher Standardgröße oder noch länger.  Eben. Die Spaghetti entpuppten sich als Fusilli und die Bolognese als gewöhnliche Hackfleischsauce. So wie erwartet. Aber die Fusili waren noch nicht mal verkocht. Gut, auch nicht al dente, aber auch so etwas kann man von einer Großküche nicht erwarten. In der Hackfleischsauce konnte ich nicht wenige brunoise geschnittene Karotten, Zwiebeln und auch Tomatenstücke erkennen; an den Nudeln fanden sich Hinweise auf frische Kräuter. Insgesamt durchaus lecker.

Mir ist von alleine eingefallen, was mir die geheimnisvolle SMS meiner Angetrauten sagen will. Es geht um die Verteilung der Inhalte der Katzenklos. Einige dieser Klos haben Türen, andere nicht. Ich habe die Türen umverteilt, bevor ich ins Krankenhaus musste, um mal zu beobachten, wie sich die Verteilung der Inhalte so entwickelt. Für die Katzenklos bin ich alleine zuständig, für meine Angetraute ist es jetzt natürlich überraschend, was sie wo in welchen Mengen vorfindet. Oder auch nicht. 24 Stunden nach der letzten Säuberung sah das Ergebnis dann so aus:

Katzenklo im oberen Badezimmer: keine Urinklumpen, keine Katzenscheiße
Katzenklo im Gartenzimmer: keine Urinklumpen, keine Katzenscheiße
Katzenklo im unteren Badezimmer: 5 x Urinklumpen, 3 x Katzenscheiße
Die Katzenbande hat wieder viel gefressen und wenig ausgeschieden. Die bestehen wohl mal wieder nur aus Magen und Darm, denn wo sonst sollte sich das alles befinden?!

Keine Sorge, morgen, spätestens aber übermorgen werden die Klos gut gefüllt sein. Manchmal ist es da eben etwas ungleichmäßig.






Und das alles ohne mich

Die zweitbeste Ehefrau von allen und die Mädels hatten an diesem Wochenende wieder Auftritte im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung. Da ich ja weiterhin in meiner Mobilität aufgrund dringenden ärztlichen Anratens hin eingeschränkt bin, was mich hier zu Hause im Übrigen noch mehr in den Wahnsinn treibt als dies je im Krankenhaus der Fall gewesen ist, war es natürlich nicht angebracht, meinerseits dem Ereignis mit Stativ und Kamera beizuwohnen. Und dabei hätte ich mich ausgerechnet dieses Mal wirklich sinnvoll einbringen können.

Ich starte den Versuch, das mir Berichtete nachzuerzählen.

Die Mädels hatten also ihren Auftritt. Diesen absolvierten sie mehr oder weniger in Zusammenhang mit den Darbietungen der den treuen Lesern bereits bekannten Zirkusschule Don Peperoni, welche sich in diesem Jahr für ihre eigene im Rahmen der Gesamtveranstaltung stattfindenden Show den Zauber von 1.001 Nacht auf die Fahnen und ins Programm geschrieben hatte.

Nach der Show setzten sich die Damen noch zu einem improvisierten Abendessen zusammen. Eine jede hatte aufgrund kurzfristiger Vereinbarung noch geeignete Vorräte aus Küche und Keller geplündert, um eine entsprechende Teilversorgung leisten zu können. Fladenbrote oder Ähnliches sowie verschiedene Soßen und Cremes zum Dippen Tunken haben zumindest wir fast immer vorrätig. Ebenso tunkbares Grünzeug.

Als die Hauptdarstellerinnen dieser kleinen Erzählung die nicht allzuweit vom Veranstaltungsort befindlichen Räumlichkeiten der Zirkusschule, in welcher sie auch in angemieteten Räumen für gewöhnlich das Training abhalten, nach erfolgtem Ausklang des Beisammenseins wieder verließen, bemerkte meine Angetraute Irritierendes. Der mäßig kleine Zirkus-LKW-Oldtimer, welcher vor dem Haus quer zur Fahrrichtung der vorbeiführenden Straße seinen Stellplatz gefunden hatte, schien sich zu bewegen. Ohne Fahrer. Meine Angetraute warf einen Blick auf die Räder des Gefährts, um sich ihren Eindruck bestätigen zu lassen. Ja, stimmt, die Karre rollt. Ohne Fahrer! Und natürlich in Richtung der Straße. Auf der anderen Straßenseite standen in den Parkbuchten genau an der vermutlichen Aufschlagstelle natürlich auch direkt zwei Nobelkarossen aus München und Zuffenhausen. Üble Sache.

Nun ist meine Angetraute in den Theorien von Physik und Mechanik nicht gerade unterbelichtet und wusste, daß sich der LKW zu diesem Zeitpunkt, in dem er noch nicht richtig an Schwung gewonnen hatte, durchaus noch durch reine Körperkraft aufhalten lässt. Außerdem ist sie als angehende Fitnesstrainerin nicht unbedingt ein unmuskulöses Püppchen, welches schon durch einen Windhauch umgeworfen werden kann. Also stellte sie sich hinter das Fahrzeug und konnte dieses durch Einsatz eigener Körperkraft zum Stehen bringen. Der Rest unserer Tanzmädels zeigte sich schon alleine von dem Gedanken, solches tun zu müssen, hellauf begeistert entsetzt und verweigerte sich an dieser Stelle der aktiven Mithilfe. Umso mehr zeigten sie sich von der Leistung meiner Angetrauten als durchaus beeindruckt.

Nun war meine Angetraute aber weder gewillt noch in der Lage, das schwere Fahrzeug auf längere Zeit in Position zu halten. Die Mädels fanden in der Zirkusschule die Reste eines zerbrochenen Gummihammers. Das Kopfteil wurde unter ein Rad gekeilt, was sich als vorübergehende Maßnahme zur Bekämpfung des Übels als durchaus wirkungsvoll erwies.

Aber damit war es natürlich nicht getan. Der LKW befand sich nun etwa 1 ½ Meter von seinem Stellplatz entfernt in Straßennähe. So konnte es nicht bleiben. Außerdem musste er gegen neuerliches Wegrollen gesichert werden. Also Handy zücken und Don Peperoni als Eigentümer anrufen.

Der Schreck fuhr ihm ordentlich in die Glieder.

„Verdammte Scheiße, ich habe die Haltekeile vergessen. Der Wagen hat Probleme mit der Hydraulik.“

„Kannst du vorbeikommen?“

„Nein, ich bin schon im Zug nach Frankfurt.“

Das ist natürlich schlecht.

„Sind die Keile denn irgendwo in der Zirkusschule?“

„Die liegen im Fahrerhaus.“

Was man als noch schlechter bezeichnen könnte.

„Hast du die Schlüssel dabei?“

Ein Aufatmen an der anderen Seite der Leitung.

„Nein, die liegen im Schreibtisch in meinem Büro in der Zirkusschule. Da kommt ihr ran.“

Gut, also ein Problem weniger. Schlüssel und Haltekeile wurden schnell gefunden. Nun galt es, den Wagen wieder auf seinen Parkplatz zu steuern. Keine der Damen wagte sich, den Oldtimer per Motorkraft in Bewegung zu setzen, und auch ich räume ein, mir dieses nicht zugetraut zu haben, wenn ich in die Verlegenheit gekommen wäre, dies versuchen zu sollen. Ich darf zwar einen 7 ½-Tonner fahren, aber grau ist alle Theorie. Und das alte Schätzchen würde eventuell sogar noch mit Zwischengas geschaltet werden müssen. Lieber nicht. Und schon gar nicht 1 ½ Meter vor einer Steinwand.

Also war(en) frau(en) bemüht, den LKW mit Muskelkraft in Bewegung zu setzen. Freiwillig zufassende Passanten gab es zunächst nicht. Spätestens an der Stelle, an der eine relativ kleine Stufe, deutlich niedriger als eine übliche Bordsteinkante, als Abgrenzung von Gehweg und Parkplatz für eine Bodenunebenheit sorgte, war Schluß mit Lustig. Hier wurde weitere, bevorzugt männliche Hilfe zwingend erforderlich.

Nachdem die Aussicht auf vorbeischlendernde Passanten und deren Mithilfe trotz Ansprache mangels Masse als wenig optimistisch betrachtet werden musste, begab man sich in das auf der anderen Straßenseite befindliche arabische Restaurant, in dem die Damen ohnehin aufgrund wöchentlicher Einkehr bestens bekannt waren. Beim Wirt wurden hilfsbereite, kräftige Männer bestellt – und einer auch prompt geliefert. So gehört sich das. Praktischerweise gesellte sich später ein weiterer Helfer in Form eines augenscheinlichen Kraftsportlers hinzu, welcher seine erworbenen Kräfte auch sinnvoll und geschickt einzusetzen wusste. Ohne weitere Klagen erreichte der LKW wieder seinen Standplatz, wurde sicher verkeilt und harrte nun der Dinge. Insbesondere aber, daß ein Bekannter Don Peperonis sich der weiteren Sache annimmt.

Die Mädels aber hatten neben dem Ausdauertraining auf der Bühne auch noch ein schönes Krafttraining zum Abschluss des Tages. Man weiß ja nie, wozu es gut ist.

Und dieses Mal wäre ich auch gerne dabei gewesen. Einfach mal wieder rohe Kräfte sinnlosvoll walten lassen ist doch auch mal was Schönes.




Sonntag, 22. Juni 2014

Stillgelegt, Tag 4 - Hierarchien

Gegen 1.00 Uhr erscheint ein Arzt. Er ist in Eile, aber sichtlich gut gelaunt. Wie ich später erfahre, hat er wohl gerade eine Zusage für seine Bewerbung auf eine bestimmte Stelle im Haus erhalten. Wie ich gleichfalls in Erfahrung bringe, kommt er direkt von einer dreistündigen Notoperation. In der Ambulanz ist wohl immer noch der Teufel los. Hat nicht gerade die Fußball-WM begonnen? Ich weiß es nicht, halte es aber für gewagt, da einen Zusammenhang herzustellen. 

Er sucht eine Stelle, um mir einen neuen Zugang zu legen. An meinem rechten Arm scheitert er genauso gnadenlos wie die angehende Ärztin am Nachmittag zuvor. Es ist unverkennbar, daß er unter Zeitdruck steht, obwohl er ruhig und freundlich bleibt. Schließlich wird mir der Zugang auf dem linken Handrücken eingebaut. Meine Angetraute hat mich schon im Vorfeld instruiert, dieses möglichst vermeiden zu lassen, aber die Umstände sind offensichtlich gegen mich.


Bei Wolverine sieht das cooler aus.

Der Tropf läuft zügig durch, um 1.45 Uhr kann ich mich endlich nach 21 Stunden zum Schlafenhinlegen. Liege tue ich ja schon lange genug.

Um fünf Uhr werde ich wach, eine dreiviertel Stunde später hänge ich wieder am Tropf. Nun verspüre ich auch tatsächlich, daß die ehemalige Zugangsvene im Oberarm schmerzt. Nicht viel, aber doch spürbar. Zum angedachten Penicillinwechsel gibt es keine neuen Erkenntnisse, die Ärzteschaft ist weiterhin kaum erreichbar. Wer weiß, was alles vorgefallen ist?

Der neue Zugang stört mich nicht, wo er jetzt liegt. Tatsächlich empfinde ich diese Stelle sogar als angenehmer, wenn auch unpraktischer. Denn von nun an muß ich mich einhändig Waschen, die theoretische Möglichkeit zu duschen wurde mir aufgrund der Entzündung, welcher ich meinen Aufenthalt hier verdanke, ohnehin verboten. Ich beschließe, es jetzt aber mal sein zu lassen. Noch herrscht hier zu viel morgendliche Geschäftigkeit. Vielleicht am Nachmittag, mal sehen. Oder nach der Visite. Hoffentlich kommt die zügig. Ich sehne mich nach anderer Kleidung und einem frisch bezogenen Bett. Meines ist seit der Nacht etwas mit Penicillinlösung und Blut eingesaut und riecht entsprechend übel.

Das Mittagessen bildet einen steten Quell der Überraschung. Meine Angetraute wollte es heute selbst in Augenschein nehmen und hat dafür Sorge getragen, pünktlich bei mir zu sein, wenn es serviert wird. Es gab gebratenes Makrelenfilet mit Stampfkartoffeln in einer undefinierten Sauce, dazu etwas Blattsalat und einen Aprikosenjoghurt. Die Stampfkartoffeln waren tatsächlich selbst gemacht, das Makrelenfilet erwies sich wirklich als grätenfrei. Alles zusammen schmeckte tatsächlich hervorragend. Mein Problem: Der Fisch war geschätzt ungefähr so groß wie drei einzelne Fischstäbchen zusammen.


Gebratenes Makrelenfilet mit Kartoffelstampf an Kräutersauce

Die Oberärztin wird als zur Visite erscheinend angekündigt, die Patienten haben auf den Zimmern zu verweilen. Bei den gewöhnlichen Stationsärzten kommt das nicht vor. Ja, man ist eben wer. Ich höre schon die Fanfaren erklingen, wenn ihre Majestät sich zu dem gemeinen Volk begibt.

Trompetenschall und Trommelwirbel bleiben dann doch aus, als die Oberärztin in Begleitung der amtierenden Stationsärztin erscheint. Man ließ sich vom niederen Personal instruieren, beugte das Haupt einmal über Afrika, kommentierte ein wenig, sprach laut zu mir und leise zur Stationsärztin. Ja, sie werde sich das morgen nochmal selbst ansehen – und gab im Rausgehen der Stationsärztin die Anweisung, ihr zu berichten. Als ob Ihre Majestät am Wochenende selbstpersönlich hier erschienen wäre. Ja, im Krankenhaus werden Hierarchien noch voller Inbrunst ausgelebt. Ich verleugne an dieser Stelle nicht, daß ich an sich ein Freund von klaren Hierarchien bin. Es ist nicht jeder überall im Berufsleben gleich. Aber man kann es so oder eben auch anders ausgestalten. Das ist der Punkt.

Verbliebener Lesestoff nach drei Tagen im Krankenhaus, es könnte knapp werden

Und ganz ehrlich: Mir ist die Meinung und das Tun eines Stationsarztes wichtiger als das, was Ober- oder erst recht Chefärzte so von sich geben. Die Stations- und Assistenzärzte sind es doch, welche abgesehen von den Krankenschwestern die Arbeit machen und voll im Geschehen stecken. Ich habe keinen inneren Reichsparteitag, wenn mir der Chefarzt das Händchen hält. Der administriert doch nur noch und zehrt von dem, was er in seinen jüngeren Jahren, also vor langer Zeit, mal gelernt hat. Sollte es jemand unter meinen Lesern besser wissen, lasse ich mich gerne belehren.

Die Oberärztin erinnert mich sowohl äußerlich als auch durch die ganze Art, ihrer schneidenden Sprechweise und den Umgang mit ihrer Kollegin – so sie sich als solche bezeichnen darf - an eine mir bekannte Person, welche einst Ambitionen auf ein sehr herausgehobenes stadtverwaltendes Amt hatte, diese Ambitionen aber nicht verwirklichen konnte… Sympathieträger jedenfalls verhalten sich anders.

Die Behandlung läuft weiter wie geplant: Penicillininfusionen alle sechs Stunden, Kühlung, Bettruhe, Bein hoch lagern. Alternativen gibt es nicht.

Das Wetter ist wieder erträglicher geworden. Die Stationsassistentin hat mich zusätzlich mit einem kleineren Kissen und einem leichten Bettlaken zum Zudecken versorgt. Das schwere Oberbett benötigt jetzt kein Mensch, und große Kissen sind auch nicht nachtschlaffördernd für mich.

Die abendliche Infusion läuft nicht. Der Zugang liegt nicht mehr richtig. Er muss ausgetauscht werden. Ein Arzt wird gerufen. Nach 90 Minuten ist er da. Der neue Zugang wird mir am rechten Arm gelegt. Etwas suspekt ist mir der junge Bursche mit seinem blauen Oberteil schon; er scheint mir sehr aufgeregt und etwas zitterig zu sein. Ich glaube aber fest daran, daß er schon häufiger solche Zugänge gelegt hat. Dieser erfüllt seinen Dienst, das allerdings erst, nachdem er mit Kochsalzlösung durchgespült wurde. Und zwar vor jedem Einsatz. Ist soweit kein Problem.


Der dritte Zugang

Aus dem Fenster blickend sehe ich das Flachdach des niedrigeren Nachbargebäudes. Es ist mit Grünpflanzen bedeckt und erinnert mich an Gelände für Tabletop-Spiele: Es gibt einige scharf abgegrenzte Stellen mit hohem Bewuchs (= Wald), eine höhere Anzahl ebenfalls scharf abgegrenzter Stellen mit mittlerem Bewuchs (= Büsche, hohes Gras), der Rest ist nur flach bewachsen (= Gras). Mir kommt der Gedanke, daß man da vielleicht auch eine Spur 1-Modellbahn-Gartenanlage aufbauen könnte, welche sich von den Zimmern aus fernsteuern ließe. Technisch ist das heute überhaupt kein Problem mehr. Die zweitbeste Ehefrau von allen schüttelt ob meiner Gedanken nur den Kopf. Kann ich nicht nachvollziehen. Wo ist hier der Kasten, in denen man die Zettel mit Verbesserungsvorschlägen werfen kann?

Ich lege mich hin, um ein Stündchen Schlaf mitzubekommen, bevor die Mitternachtsinfusion fällig ist. Mit dem rechten Arm muß ich vorsichtig umgehen. Normalerweise liegt der immer in sehr exponierten Positionen. Mit dem Zugang könnte das jetzt nicht ganz so sinnvoll sein. Also aufpassen, soweit es geht. Ich wache auf, es ist dunkel draußen, aber wegen des Nachtlichts im Zimmer hell genug, um etwas erkennen zu können. Mein rechter Arm kommt mir sehr dunkel vor, so als ob er mit Blut vollgekleckert wäre. Ich bin noch nicht ganz klar im Kopf, versuche Licht zu machen. Nach einigen Versuchen klappt es auch schon. Alles in Ordnung, optische Täuschung. Ich werfe einen Blick aufs Handy. Zwei SMS meiner Angetrauten sind eingelaufen, eine davon ist etwas kryptisch:

Mädchen 0-0
Garten 0-0
Männer 5-3
Wo zum Henker lassen die Mistviecher das ganze Futter???

Ich komme nicht dahinter, was sie mir mitteilen will und schlafe über meinen Grübeleien wieder ein.

Die Nachtschwester erscheint im Zimmer. Sofort werde ich wach und bin gedankenklar, schaffe es aber, nach der Infusion nochmal wegzudämmern.


PS: Vorschläge zur Bedeutung der SMS werden in den Kommentaren gerne entgegengenommen. Die Auflösung gibt es im nächsten Teil.





Stillgelegt, Tag 3 - Afrika

Mein Magen macht sich bemerkbar, so daß ich mir meinen Mitternachtssnack genehmige: ein trockenes Ciabatta. Die Temperaturen sind wieder angenehmer. Ich liege hellwach im Bett, schreibe etwas, hole danach mein Buch raus und warte auf die nächste Infusion. Irgendwann schlafe ich doch ein. Um fünf Uhr werde ich wach und finde mich vollkommen nassgeschwitzt unter der Bettdecke vor. Ekelig. Kurze Zeit später erscheint die Nachtschwester und tankt mich per Schlauch wieder auf. Der Tagesablauf schreitet in seinem Ritual voran und wird sich voraussichtlich in der nächsten Zeit nicht ändern. Meiner Hand geht es besser. Gut so.

Zum Frühstück gibt es ein Brötchen, eine kleine Scheibe Brot, eine Portion von dem trockenen Magerquark, Geflügelleberwurst, Aprikosenmarmelade, zwei Scheiben Käse und Butter. Weitaus mehr Belag, als ich ihn ernsthaft für die zur Verfügung stehenden Unterlagen benötigen würde. Variationen in der morgendlichen Verköstigung bestehen künftig nur aus abweichenden Marmeladensorten.


Blick zum Fußende des Bettes - mit den zugehörigen Füßen

Ich erinnere mich an einen früheren Kollegen, der einst mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus lag. Er war Privatpatient und hatte aufgrund Anspruch auf ein Einzelzimmer. Darauf hat er freiwillig verzichtet, ein Einzelzimmer sei ihm zu langweilig. Na ja, jeder so wie er meint.

Wir kommen zum Experiment Haare waschen. Die hier auf der Station vorhandene Dusche ist etwas klein geraten, so daß ich die tägliche Waschung auf klassische Weise mit Hilfe eines Waschlappens am Waschbecken vornehme. Das muß jetzt auch für die Haare herhalten. Es ist nur etwas unglücklich, daß der Wasserhahn eher kurzhalsig ist. Egal, probieren. Die Sache funktioniert dann doch erstaunlich gut, , der gelegte Zugang stört nicht weiter, ich kann sogar die Rückseite meines Kopfes unter den fließenden Wasserstrahl bugsieren. Und bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ich mit der Stirn ebenfalls in Wasserkontakt stehe. Kein ablaufendes Fließgewässer von oben, sondern Standwasser von unten. Der Wasserablauf verdient offensichtlich auch mal eine Grundreinigung, denn er ist nicht in der Lage, die nur in vergleichsweise geringer Stärke nachlaufenden Wassermassen zeitnah wieder abfließen zu lassen, so daß sich das Waschbecken zügig füllt. Wenn man es weiß, kann man sich drauf einstellen. Wunderbar, ein Problem weniger.


Blick nach links - so soll es bleiben

Die Krankenschwester ist heute alleine auf der Station, wird allerdings von einer Praktikantin unterstützt. Die hübsche junge Dame, welche bald Studentin der Medizin zu werden wünscht, scheint ein unerschütterlicher Quell der Lebensfreude zu sein. Faszinierend. Sie trägt eine dieser Brillen, welche wir früher als AOK-Brille oder Kassengestell bezeichnet haben, als die Krankenversicherung so etwas noch bezahlt hat. Warum nur sind diese Dinger wieder in Mode gekommen?


Blick nach rechts - es grünt so grün

Nachmittags erscheint eine Studentin im Klinikum. Nein, ohne Rollstuhl, ich bin nicht an Jule geraten.  Sie ist mit allen möglichen Dingen bepackt, jemand hat ihr Blutabnahmetablett entführt, so daß sie nun den ganzen Kram irgendwie anders mit sich herumschleppen muß. Ich würde ihr ja bereitwillig von meinem Blut etwas abgeben, aber meine problemloseste Hauptblutspendevene ist gerade mit anderen Dingen besetzt. Der hier liegende Zugang rückt auch nach Säuberung kein Blut raus, die Venen auf der rechten Seite zicken herum. Feigheit vor dem Feind. Immer und immer wieder beugt sich die Studentin vor, tastet, klopft, sticht. Bis sie fündig wird. Ich werde gefragt, ob ich für die Einstichstelle ein Pflaster benötige oder ob ich den Tupfer lieber ein paar Minuten drücken möchte. Ich entscheide mich für das Drücken, dann habe ich wenigstens eine sinnvolle Beschäftigung.


Blick nach oben - gestrichene Rauhfaser, eher langweilig

Mir bleibt die Erkenntnis, daß ein wohlgestaltetes und ansprechend präsentiertes Dekolleté auch die überwiegend vergebliche Prozedur einer Blutabnahme zu einem angenehmen Erlebnis werden lassen kann. Einen Keks für die Chauvi-Kasse. Den gebe ich gerne.
 
Die entzündete Stelle hat sich deutlich vergrößert, obwohl ich nun seit 36 Stunden Penicillin bekomme. Außerdem haben sich Blasen gebildet. Dr. Altwasser, der diensthabende Stationsarzt, sieht sich die Sache an. Er weiß nicht, wie die Ausgangslage war, bekommt die Bilder zu sehen, die wir ganz am Anfang gemacht haben. Ja, die Sache könnte ernst sein. Wir müssen das Ergebnis der Blutuntersuchung abwarten und unter Umständen eine andere Art von Penicillin einsetzen. Was bedeutet: alles wieder auf Anfang und Aufenthaltsverlängerung. Übrigens: Auch Dr. Altwasser trägt eine fette Angeberuhr. Sind die jetzt Mode? Egal, er ist ein sympathischer Kerl und kann auch mehr als drei Sätze sprechen. Sowohl jetzt als auch bei späteren Besuchen.

Anschließend kommt die Krankenschwester vorbei und zieht die Grenzen der Ausbreitung mit einem schwarzen Stift nach. Die Umrisse Afrikas erscheinen auf meinem Bein. Na ja, so ungefähr. In etwa. Mit etwas Phantasie. Es ist Afrika. Ohne Madagaskar. Dafür aber aufgrund der Beulen dreidimensional.


Blick auf Zentralafrika

Ich bekomme Tagträume von Gyros vom Drehspieß, Pommes, Zwiebeln und Zaziki. Alternativ einen klassischen 80er-Jahre jugoslawischen Grillteller. Statt dessen erwartet mich die übliche Abendbrot-Variation mit den beiden Brotscheiben und einer Beilage. Heute besteht diese aus einer Karotten-Rohkost. Auf dem Bild findet ihr diese links oben auf dem Teller sowie auf den Resten meines Käsebrotes. Die Versorgungsleistung durch die zweitbeste Ehefrau von allen hält mich über Wasser.


Komplettes Abendessen, die Karotten-Rohkoste sticht förmlich heraus.

Nach dem Essen gibt es das Dessert in Form einer Infusion. Währenddessen ist mir langweilig, ich darf den linken Arm nicht anwinkeln, da dies den Zufluss behindert. Somit bin ich in meinen Gestaltungsmöglichkeiten zum Zeitvertreib etwas eingeschränkt. Die Magazine und Bücher, welche ich hier herumliegen habe, sind nicht in einem Format, welches einhändiges Halten beim Lesen angenehm macht. Also beschließe ich, die Tropfen zu zählen, die aus der Flasche in den Tropfenfangbehälter fallen. Oder die Blubberblasen, die sich in ihr bilden. Das wird mir dann aber doch zu hektisch; ich lasse es sein.

Meine Hand hat sich weiter beruhigt. Also lagen die Schwellung und alles, was sonst noch nicht so war, wie es sein sollte, meiner Theorie entsprechend tatsächlich an dem hautschonendenDesinfektionszeug. Ich habe nicht weiter benutzt, sondern mich mit einfacher Seife begnügt und die Hand regelmäßig eingecremt. Meine Angetraute erbringt darüber hinaus den meine Theorie stützenden Beweis, indem sie das Zeug wider besseres Wissens ebenfalls benutzt. Mit eindeutigem Ergebnis. Wenn das die hautschonende Variante war, muß die Normalausführung für schwielenübersähte Holzfällerhände sein.


Hautschonendes

Mir fällt vollkommen zusammenhanglos ein, daß ich noch ein Geschenk für Alex aus dem Krankenhaus mitbringen möchte. Darf ich nicht vergessen.

Meine Angetraute versorgt mich mit meinen täglichen Eiweißshakes. Wirklich hochwertige Sachen auf Sojabasis ohneleere Füllstoffe, im Gegensatz zu den sonstigen derartigen handelsüblichen Pulvern. Nein, die sind nicht überflüssig. Die täglich benötigte Eiweißmenge richtet sich nach dem tatsächlichen Körpergewicht. So viel Quark kann ich gar nicht essen, um meinen Mindestbedarf durch die normale Nahrungsaufnahme stillen zu können. Ich gebe das Pulver zur Milch in den Shaker, schüttle und stelle fest, daß ich ungewöhnlicher Weise noch nicht alles ordentlich vermischt habe. Ja, da macht sich meine schwächliche Konstitution bemerkbar. Ich rege an, eine Matratze mit eingebauten Vibrationseffekten zu bekommen. Meine Angetraute versteht nicht sofort, warum ich die haben will. Dabei liegt das doch auf der Hand: Ich muß mich doch schonen, habe Bettruhe, Sport fällt ohnehin aus. Wenn das Bett vibrieren würde, müsste ich den Shaker währenddessen nur in der Hand hal… Ja, an dieser Stelle hat sie mich auch ausgelacht. Ich fand die Idee gut.

23.30 Uhr. Die Nachtschwester erscheint und möchte mir den Tropf anlegen. Sie fragt, ob mir der Arm eventuell schmerzt, da die Vene, über welche die Infusion erfolgt, augenscheinlich entzündet ist. Nein, Schmerzen verspüre ich da nicht. Es kommt durchaus häufiger vor, daß ich kleinere Verletzungen, Entzündungen etc. überhaupt nicht bemerke, obwohl mir erklärt wird, daß die schon schmerzhaft sein müssten. An sich sollte sich ein Mediziner die Sache mal ansehen, aber die zur Verfügung stehenden Ärzte des Hauses haben gerade alle in der Ambulanz zu tun. Da ich keine Schmerzen verspüre, wird mir der Tropf angelegt. Spätestens morgen aber müsse sich ein Arzt die Sache ansehen.

Einige Augenblicke später, nachdem die Nachtschwester das Zimmer verlassen hat, läuft es mir kalt den Rücken Arm hinunter. Die Penicillinlösung! Ich rufe die Nachtschwester. Sie stoppt den Durchfluss und versucht, einen Arzt zu erreichen. Ohne Reaktion. Wir müssen warten. Die Nachschwester verlässt den Raum, um ihre weiteren Arbeiten zu erledigen. Ich hole mir was zu lesen und harre der Dinge, die da noch kommen sollen.

Bis Mitternacht geschieht nichts mehr.