Mittwoch, 14. Mai 2014

Gruß aus der Hölle: Kokos-Schokoladenriegel

Irgendwann kurz nachdem ich einkaufen war, vermutlich am 2. Mai, abends:

Die zweitbeste Ehefrau von allen ließ mir einen wirklich absolut dezenten Wink zukommen. Kaum wahrzunehmen. Aber ich bin ja ein aufmerksamer Bursche. Während wir im Wohnzimmer so herumsaßen, wie wir nun mal im Wohnzimmer herumsitzen, wenn wir nichts Besseres zu tun haben, riss mich folgender Satz aus meinen Gedanken:

„Ich weiß, was du mir zum Geburtstag schenken kannst.“

Wehe, wehe, wenn ich auf – ach, besser nicht.

Wir schenken uns bekanntlich nichts. Nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten und auch nicht zu allen anderen Tagen, welche die Geschenke- und Werbeindustrie zu Jetzmüsstihreuchaberunbedingtwasschenkentagen bestimmt hat. Das klappt seit Jahren weitgehend gut. Und jetzt das?

Meine Angetraute schickte mir eine Datei auf den Desktop. Ein Rezept. Bounty-Riegel. Zum Selbermachen. Ich schaute es mir kurz an, brummte ein gelangweiltes „Na ja, das kriege ich vielleicht hin.“ und hakte das Thema damit demonstrativ ab.

Die Herausforderung: Zutaten besorgen. Und zwar heimlich. Ich wollte nicht offenkundig dafür einkaufen, sondern zumindest eine winzig kleine Restunsicherheit bei meiner Angetrauten offen lassen, ob ich denn auch an diese Schokoladenriegel denken würde.

Es wäre ja nun überhaupt kein Problem gewesen, mal im Rahmen meiner Einkaufsrunde das benötigte Material zu besorgen. Dummerweise ergab es sich ausgerechnet jetzt umständehalber, daß ich keine planmäßige Gelegenheit mehr haben sollte, unbegleitet einkaufen gehen zu können. Dabei war alles, was ich brauchte, eine Packung Kokosflocken. Eine einzelne 200 g-Packung. Na ja, vielleicht auch zwei. Für den Notfall. Mehr aber nicht. Alles andere war vorrätig. Die Zubereitung musste ja auch an einem Tag möglichst kurz vor ihrem Geburtstag erledigt werden, an dem ich zweckmäßigerweise alleine zu Hause war. Im gesamten organisatorisch geplanten Wochenablauf bot sich nur die Option, am Samstag, nachdem meine Angetraute zu ihren Terminen wieder aushäusig weilte, eben zum Händler zu laufen.


Donnerstag:

Gut, das konnte ich mir dann doch ersparen. Man erinnert sich vielleicht, daß ich dann doch außer der Reihe Balduin zur Verfügung hatte und mit diesem eine kleine Extratour unternahm. Bei der Gelegenheit war es mir auch möglich, das Begehrte käuflich zu erwerben und ins Haus zu schmuggeln.


Samstag:

Am späten Vormittag, nachdem ich für etwas Ordnung gesorgt, die gut versteckte Katzenkotze entfernt und meine Angetraute das Haus planmäßig verlassen hatte, begann ich mit den Arbeiten. Das Rezept sah vor, zwei Esslöffel Zucker, 200 ml Sahne und 60 g Butter in einem Topf zu erhitzen. Man könne aber auch 100 ml Sahne und 100 ml Kokosmilch verwenden. Oder 200 ml Kokosmilch, dafür aber keine Sahne. Kokosmilch hatte ich aber nur in einer 400 ml-Dose, Sahne in der 200 ml-Packung. Außerdem wollte ich keine größere Menge herstellen, da ich sehr schlecht abschätzen konnte, was sich so für ein Volumen aus der fertigen Masse ergibt. Zumal meine Angetraute das Endprodukt wohl alleine verzehren müssen wird, da ich mich für Bountys – mit einer Ausnahme  - noch nie so erwärmen konnte. Und ich nicht weiß, wie lange sich das alles so halten wird.

Da ich mit den eventuellen Resten an Kokosmilch und Sahne aktuell nichts anfangen konnte, entschied ich mich für die Variante mit 200 ml Sahne. Gegen meine innere Überzeugung; ich hätte gerne die Kokosmilch verwendet. Aber für den ersten Versuch muß das reichen. Später kann man ja nochmal variieren.

Gerade als ich den Topf aufsetzen wollte sah ich, daß der Postbote in der Gegend war. Verdammte Hacke, wenn ich jetzt in der Küche die Dunstabzugshaube anmache, höre ich sein Klingeln nicht. Denn es wurde ein Paket erwartet. Also Geduld bewaren, bis er unsere Gegend versorgt hat. Die Zeit verging. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich das Klappern an den Briefkästen unseres Hauses. Kein Klingeln. Weg war er. Und die Zeit auch. Mist.

So erhitzte ich die ersten Bestandteile des späteren Riegelkerns und ließ, nachdem sich der Zucker aufgelöst und ich den Topf vom imaginären Herdfeuer genommen hatte, die Kokosflocken in den Topf rieseln. Alles schön verrühren. Zack, kein Problem. Fertig. Anschließend gab ich die Masse auf ein größeres Schneidebrett und formte ein Rechteck mit einer Teigdicke von 15 bis 20 mm. Auch sehr einfach. Ab damit in den Kühlschrank, damit die Masse sich abkühlt und fester wird.

Nach zwei Stunden holte ich das Brett wieder vor und schnitt den Teig in einzelne Stücke, die zumindest annähernd in ihrer Form und Größe an einen kleineren Schokoriegel erinnern sollten. Hat nicht immer geklappt, es entstanden auch Quadrate, Rauten und sonstige unregelmäßige Formen, für die auch die moderne Geometrie des dritten Jahrtausends noch keinen mir bekannten Namen gefunden hat. Aber egal, passt schon.


Das geplante Innere der Kokosriegel - hier nur die hübschen Stücke

Nun galt es, 300 g Schokolade zu schmelzen. Das Rezept hat empfohlen, 300 g Vollmilchschokolade zu verwenden, leckererweise aber als Option angegeben, Vollmich- und Zartbitterschokolade in einem nicht genannten Verhältnis zu mischen. Zartbitterschokolade ist hier ein Risikoprodukt, da meine Angetraute auf Bitterstoffe etwas empfindlich reagiert. Also blieb nur Vollmilchschokolade. Wir hatten noch Kuvertüre sowie Schokoladentafeln auf Halde liegen. Die Kuvertüre würde eine zu große Menge ergeben, also empfahl es sich, die Schokoladentafeln zu verwenden. Ich stellte alles für den Schmelzvorgang im Wasserbad bereit. Und das Elend begann.


Problem 1: der Zeitfaktor

Ich kann samstags nicht genau in meine Planungen einbeziehen, wann meine Angetraute nach Hause kommt. Es gibt nur die groben Richtungen früh und spät. Im ersten Fall bedeutet dies eine zu erwartende Ankunftszeit am frühen Nachmittag. Im zweiten Fall irgendetwas zwischen 16 und 18 Uhr, mit der Option der Ausweitung in alle Richtungen, je nachdem was ansteht. Es war spät angesetzt, was mich unter Berücksichtigung einer unerwartet frühen Heimkehr doch etwas unter Druck setzte. Sollte aber passen, wenn nicht…


Problem 2: die Schokolade

…aufgetreten wäre. Kann mir bitte jemand verraten, wie gewöhnliche Schokolade heute behandelt wird? Ich zerbrach die erste Tafel in kleine Stücke und gab einige Teile davon in den im heißen Wasser badenden Topf. Ja meint ihr etwa, das Zeug wollte sich verflüssigen? Zum Verrecken nicht. Die Konsistenz wurde zwar weich - aber von Verflüssigung ergab sich keine Spur. Auch nicht nach über einer halben Stunde im Wasserbad. Und weiterhin nicht, nachdem ich einen Schluck Milch hinzugegeben hatte. Jedes einzelne dieser drecksverdammten Schokoladenstücke blieb annähernd formstabil. Mir begann die Zeit davonzurennen.

Also entfernte ich die Schokolade aus dem Topf und begann von vorne. Dieses Mal mit der Kuvertüre, die auch recht zügig erste Verflüssigungstendenzen erkennen ließ. Nachdem ein Teil geschmolzen war erkannte ich messerscharf, daß ich den zweiten Block doch auf jeden Fall benötigen würde. Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß ich die Kokosmasse überziehen, abkühlen lassen und danach für meine Angetraute unsichtbar lagern müsste, brach ich mein Vorhaben ab, sicherte alle Zutaten so gut es ging und versteckte diese an einem aus meiner Sicht sicheren Ort. Sonntag würde ich voraussichtlich nochmal die Gelegenheit bekommen, still und ungestört weiterzumachen. Hoffentlich vermisst meine Angetraute den Halbkugeltopf heute nicht.

Ich sollte Recht bekommen, denn kaum hatte ich alle Spuren meines Wirkens beseitigt und damit begonnen die Wäsche aufzuhängen, holte mich das Klingeln des Telefons nach oben. Meine Angetraute kündigte ihre baldige Ankunft an. Gut. Ich begab mich wieder nach unten, nur um von einem neuerlichen Klingeln wieder nach oben gerufen zu werden. Meine Angetraute – allerdings kam die Verbindung nicht zustande. Auch ein Rückruf meinerseits verblieb ohne Erfolg. Also begab ich mich erneut an das Wäscheaufhängen, stolperte dabei über den wie üblich schmusebedürftigen Kater, brüllte ihn und die ebenfalls wie üblich daneben stehende Lilly  - es trifft eben auch immer die Unschuldigen - gereizt wie ich war eben an und schloss das Kapitel „einen schönen Samstag gehabt zu haben“ endgültig ab.


Sonntag:

An dem Tag war ich ohnehin schon schlecht zurecht. Andauernde Kopfschmerzen sowie ein gewisser Grad der Übermüdung ließen mich erahnen, daß der Tag nicht zu einer reinen Freude für mich werden würde.

Unmittelbar nachdem die zweitbeste Ehefrau von allen zum Training aufgebrochen war, holte ich die versteckten Utensilien und begann einen erneuten Versuch, die Schokolade zum Schmelzen zu bringen. Ich kürze die Sache einfach ab, indem ich sage, daß das mit den Resten von Samstag zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führte. Die Kuvertüre wurde grisselig. Mit anderen Worten: Sie war verbrannt.

Einen Versuch hatte ich noch. Ich suchte den letzten Block Kuvertüre raus, reinigte den Halbkugeltopf für das Wasserbad und begann erneut. Getreu dem Motto „Lirum, larum, Löffelstiel, wer nicht rührt, der kriegt nicht viel.“ schmolz ich die Zutat meiner letzten Chance ein, was soweit auch ganz gut funktionierte. Sie war jedoch nicht flüssig genug, um die geplante Weiterverarbeitung zu ermöglichen. Mit einem Schuss Milch versuchte ich, Abhilfe zu schaffen.

Den Angaben des Rezepts folgend nahm ich einen Riegel der Kokosmasse auf und legte diesen dann in die geschmolzene Kuvertüre. Theoretisch sollte diese unter dem Riegel kleben bleiben. Tat sie aber nicht. Ich hob den Riegel etwas und ließ mittels eines warmen Holzlöffels Kuvertüre darüber laufen. Wie das Rezept, so der Plan. Und? Die Konsistenz der Kuvertüre war immer noch nicht flüssig genug. Ich begann, die Creme vorsichtig auf dem Riegel zu verstreichen, doch durch die Wärme wurde dieser instabil und zerbrach. Einen weiteren Riegel versuchte ich noch, ohne Streichversuch mit der Kuvertüre zu überziehen, doch auch dieser zerbröselte in seine Bestandteile.


Opfer in Kuvertüre-Creme

Einen dritten Versuch würde es nicht geben, denn schon zeigte die geschmolzene Masse wieder Verbrennungserscheinungen.

Aus und vorbei, das war es. Ich mag nicht mehr.


Dienstag:

Ich werde von der zweitbesten Ehefrau von allen gefrag, ob ich denn schon alles für ihr Geburtstagsgeschenk fertig habe.Ob das reicht, was auf dem Foto zu sehen ist? *schluck*


Das Bild spricht für sich


Mittwoch:

Nachdem meine Angetraute und ich nach einer waghalsigen Verfolgungsjagd durch mehrere Städte, welche unter Zuhilfenahme von Bahn und Bus erfolgte, das auf mich gehetzte Killerprächen am Bad Hustener Hauptbahnhof zur Strecke gebracht haben, konnten wir deren Überreste und unsere Spuren mit Hilfe eines Einwegfeuerzeuges beseitigen. Da wir Nichtraucher sind, haben wir selten Feuerzeuge dabei. Dieses fanden wir in dem Schrank, der zufällig in den Katakomben des Hauptbahnhofes herumstand und welcher verdächtig unserem Esszimmerschrank ähnelte.

Ich wachte auf. 1.34 Uhr. Der Geburtstag meiner Angetrauten. Im Wohnzimmer brannte Licht; sie war noch wach. Gut, eine Gelegenheit, sie heute zu sehen, denn die nächste Gelegenheit dazu wäre erst wieder Donnerstagabend. Geplant hatte ich eigentlich, ihr das Präsent auf dem Tisch zu hinterlassen und zur näheren Erläuterung auf diesen vorprogrammierten Eintrag zu verweisen.

Vorsichtig zog ich meine Beine unter Lilly und Marty hervor, die oberhalb der Bettdecke auf meinen Füßen lagen. Aneinandergekuschelt. Ein seltener Anblick, Lilly mußte im Tiefschlaf sein und das nicht mitbekommen haben. Ich holte meine Behälter mit den besch...eidenen Produktionsergebnissen und tappte vollkommen gerädert - eine längere Flucht ist anstrengend - ins Wohnzimmer. So überreichte ich meine Geburtstagsgabe.

Meine Angetraute zeigte sich trotz allem hocherfreut über das dennoch leckere Ergebnis und erinnerte mich daran, daß sie doch am liebsten die Inhalte der Bounty-Riegel essen würde. Auch ohne Schokolade.

Und die waren mir schießlich gelungen.

Alle Gute zum Geburtstag.



PS: Sollte einer meiner Leser heute einem stattlich gewachsenem Zombie mit Vollbart begegnen, so könnte ich das sein. Zu spät ins Bett, nächtliche Verfolgungsjagden und ein unterbrochener Schlaf ließen mich derart mutieren, daß ich nunmehr auf dem Zahnfleisch unterwegs bin.

Tretet mir nicht auf die Zunge. 

Danke.






Kommentare:

  1. Liebe geht eben doch durch den Magen...
    danke für den Lacher, das Teil auf dem Bild ist echt der Brüller :o)

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  2. Ein wahrer Liebesbeweis! Alles Gute zum Geburtstag auch von Eurer Blognachbarin!

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  3. Hallo Paterfelis
    Die zweitbeste Ehefrau von allen würde dich bestimmt schon alleine
    wegen der Mühen, der Hartnäckigkeit, dem Kampf mit der Schokolade usw. die du für ihren Geburtstag in Kauf nimmst, nochmals heiraten.
    Außerdem bin ich der Überzeugung, dass dir trotz der kleinen Patzer diese
    Bounty gut gelungen sind.
    LG und einen schönen Tag.
    Sadie

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  4. Und auch hier nochmal: Ich liebe dich sehr!!! <3 <3 <3

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  5. Na DAS nenne ich mal Einsatz.
    Ich hätte schon aufgegeben und den ganzen Klump in die Tonne getreten.

    Und wieder was gelernt, dachte bisher das ein Wasserbad "sicher" ist und dort nichts anbrennen kann. Ich werde trotzdem mal versuchen das nachzubauen, Kokos mag ich auch und wenn ich etwas koche dann Nachspeisen/Süßes.

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    1. Ich bin eben eher Holzhacker als Kunstschnitzer.

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