Montag, 14. April 2014

Und wenn du denkst...

…es geht nichts mehr, dann kommt von irgendwo der Hammer her.

Bereits in der Vorwoche hat Dr. Strebsinger geheimnisvoll angedeutet, daß eine geniale Idee dafür Sorge tragen würde, daß bei uns nun hinsichtlich der Abarbeitung von Aktenbeständen alles viel besser und toller und schöner werden würde. Ich konnte mich vor Aufregung kaum zurückhalten. *gähn* Solche höchst dramatischen Vorankündigen haben in den letzten paar Jahren die Neigung entwickelt, inflationär zu werden, ohne eine wirkliche Änderung herbeizuführen.

Die Dienstbesprechung unserer verschiedenen Fachbereiche finden für gewöhnlich nacheinander statt. Erst kommen die Kollegen von Mandys Fachbereich an die Reihe, danach sind wir dran und dürfen uns in den kleinen Besprechungsraum mit der dann verbrauchten Luft setzen. Kurz vor Beginn der Besprechung sah ich Dr. Strebsinger über den Flur in Richtung des Besprechungsraumes laufen, während er ein Flipchart vor sich herbalacierte. Das ließ böse Ahnungen in mir erwachen.

So verschwand Mandy dann auch mit den Kollegen ihres Fachbereiches, um zwei Stunden später wieder zurückzukommen. Leichte bis mittelschwere Zornesröte ging von ihrem Gesicht aus. Die Kollegen wünschten uns angenehme Unterhaltung. Sehr verdächtig. Aber meine Ahnungen schienen somit durchaus begründet zu sein.

Nach dem üblichen Eröffnungsgeplänkel ohne besonderen inhaltlichen Wert begann Dr. Strebsinger, uns wieder von der Wichtigkeit zu überzeugen, bestimmte Vorgänge schnellstens zum Abschluss zu bringen. Würden genau diese Akten zügiger erledigt, hätten wir schließlich alle weniger zu tun. Einwände, nach denen diese Vorgänge auch nach Bescheiderteilung noch nicht abschließend erledigt sein würden und durchaus andere, ebenfalls eilige Vorgänge liegenbleiben müssten, kamen irgendwie nicht bei ihm an.

Viel schlimmer noch, begann er mit der Analyse weiterer Statistiken und fing mit dem Benchmarking an. Lerne vom Besten, wie man eine Statistik so bescheißt, daß das zuständige Ministerium zufrieden mit dir ist. Ich will das Benchmarking ja nicht per se als Unfug abtun, es hat sicherlich seinen Sinn. Allerdings finden sich Aspekte, die sich mir nicht erschließen wollen. Das mag damit zu tun haben, daß ich keinen Studierten bin. Dafür habe ich – so meine Hoffnung – einen gewissen Rest an gesundem Menschenverstand bewahrt.

Die erste Erkenntnis meiner unter Anwendung eben dieses  Menschenverstandes ausgeführte Überlegung besagt, daß acht Stunden immer acht Stunden bleiben. So lange Einstein nicht ins Spiel kommt. Aber wir sind eine Behörde und haben mit den Aspekten der Zeitdilatation nichts zu tun. So schnell bewegen wir uns nicht. Auch nicht diejenigen von uns, die nicht verbeamtet wurden. Ich kann innerhalb von acht Stunden nur ein bestimmtes  Arbeitsvolumen erbringen. Daran ändert auch nicht, in welcher Reihenfolge ich Akten bearbeite. Das sieht Dr. Strebsinger anders. Gut, jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung.

Der nächste Aspekt ist die Kostenfrage. Im öffentlichen Dienst sind wir - dies ist durchaus unstrittig -  unproduktiv. So rein wirtschaftlich gesehen. Wir produzieren nichts, was sich in einem ordentlichen Warenkreislauf zu Geld machen ließe. Aber wir verursachen Kosten. Nun hat ein damit beauftragter und sicherlich gut bezahlter Mensch berechnet, wie hoch unsere Stückkosten sind. Mit anderen Worten: wie teuer es ist, einen bestimmten Bescheid zu erlassen. Losgelöst natürlich von den Geldausgaben, die aufgrund des erteilten Bescheides zu erfolgen haben. Und diese Stückkosten sind zu hoch. Alles andere hätte zwar verwundert, aber bis hierhin konnte ich immerhin noch folgen.

Nun erklärte Dr. Strebsinger weiterführend, daß sich die Kosten weiter erhöhen würden, wenn wir Vorgänge liegen ließen. Und da ist der Moment gekommen, zu dem ich innerlich ausgesetzt habe. Wie gesagt, bin ich keinen Studierten. Mir fehlt wahrscheinlich der akademisch geschulte Verstand, um die Sache nachvollziehen zu können.

Machen wir es mal ganz einfach, frei nach Lieschen Müller:

Ein Antrag kommt rein. Ziel des Kunden ist es, ab einem bestimmten Zeitpunkt eine Geldleistung von uns zu bekommen. Ich schaue auf den Kalender und stelle fest, daß wir zum Beispiel den 1. März haben. Der Anspruch auf die beantragte Geldleistung wird keinesfalls vor dem 1. Juni entstehen. Also bekommt er sie auch nicht früher. Das liegt nicht an mir, sondern an der entsprechenden Rechtsgrundlage und steht eindeutig fest. Ich könnte nun, sofern ich alle Unterlagen vorliegen habe, die ich benötige, sofort über den Antrag entscheiden. Oder ich könnte ihn noch zwei Monate liegenlassen und am 1. Mai 2. Mai darüber entscheiden. Dies macht für den Kunden keinen Unterschied, denn auch dann würde er sein Geld noch rechtzeitig bekommen. Natürlich hätte er früher Gewissheit über das Ergebnis seines Antrages, aber das können wir an dieser Stelle ausblenden, denn es hat nichts mit der Sache zu tun. Laut Dr. Strebsinger und den Regelungen der Berechnungen im Benchmarking aber werden die Stückkosten der Bescheiderteilung mit jedem Tag, um den sich diese hinauszögert, höher. Weswegen dies zu vermeiden sei.

Es mag ja sein, daß sich aufgrund einiger lebensferner Berechnungen so etwas ergibt. Aber die Realität sieht doch wohl anders aus. Die Akte liegt oder hängt in der Zeit bis zur Bescheiderteilung nur herum. Sie nimmt keinen besonderen Platz weg. Es laufen keine Zinsen auf, die zu bezahlen wären. Auch keine, die das LASA bekommen könnte. Das Ding liegt einfach nur in der Gegend herum. Nein, das will und muß ich nicht verstehen, auch wenn ich schon von Amts wegen gerne mit abstrakten Sachverhalten hantiere. Und auch rein persönlich Mathematik für ein wundervolles Thema halte. Wenn diese nicht so lebensfern angewendet wird.

Auf jeden Fall aber werden unsere in Frage kommenden Akten von nun an mit roten Zipfeln gekennzeichnet. Damit wir sofort erkennen, daß in unseren Stapeln noch eine vorziehenswerte Akte liegt. Und diese ist sofort zu erledigen. Alles andere kann muß von nun an liegenbleiben, wie eilig es auch sein mag. Es geht nur um diese Sorte von Akten, weil zur Zeit nur diese vom Benchmarking betroffen sind. Die Führungskräfte würden Stichproben von der Bearbeitung dieser Akten nehmen.  Kostet ja keine Extra-Zeit, nicht wahr?! Aber damit habe ich endlich eine offizielle Entscheidung, daß ich alles andere liegen lassen kann. Und Beschwerden nicht zu meinen Lasten gehen, da ich ja per Order Mufti andere Akten zwingend vorzuziehen hatte, egal ob sie im wirklichen Leben eilig sind oder nicht.

Die roten Zipfel haben übrigens die erstbearbeitenden Assistenten in den Akten anzubringen. Damit war für mich auf dem Weg von der Dienstbesprechung zurück in mein Büro eines auf jeden Fall klar:

„Sven, wenn du mir jemals mit deinem roten Zipfel zu nahe kommst, dann ist was los.“



Kommentare:

  1. Das ist ein Witz, oder? Unfassbar.

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  2. Nach welchem Auswahlverfahren erhält denn eine Akte einen roten Zipfel? Nach der Anzahl der Zipfelmützenträger im Garten des Antragsstellers? Seltsam!

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    1. Es geht um eine bestimmt Art von Anträgen. Die Zuordnung ist ganz einfach, da gibt es keine Zweifelsfälle. Es ist halt so, daß diese Sorte von Anträgen auserkoren wurden, maßgebend für das Benchmarkingverfahren zu sein. Alle anderen Fälle können theoretisch liegenbleiben bis sie verschimmeln, es würde niemanden interessieren. Bis sich ein Kunde darüber beschwert.

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