Freitag, 7. März 2014

Zwei Stunden für VATeR

Nach dem VATeR-Debakel kam wieder Ruhe ins Haus. Oder das, was man dafür hält. Natürlich müssen wir weiterhin in schönster Regelmäßigkeit mit Programmabbrüchen, unterbrochenen Verbindungen zum Rechenzentrum und Softwarefehlern leben. Aber das VATeR-Debakel hat doch Eindruck hinterlassen.

Einige Zeit später war in einem allgemein zugänglichen Besprechungsprotokoll der höherrangigen Führungskräfte zu lesen, daß irgendein schlauer Kopf berechnet habe, wie viel Arbeitszeit wir durch die aufgrund der durch den Systemausfall erforderlichen Zusatzarbeiten verloren hatten. Man ermittelte zwei Stunden pro Person.

Das ist schon eine beeindruckende Zahl, insbesondere wenn man diese mit der Anzahl der Betroffenen vervielfältigt und dann deren durchschnittlichen Stundenlohn berücksichtigt.

Unser Herr Abteilungsleiter wünschte sich, daß den Mitarbeitern in den einzelnen Referaten, Dezernaten und Außenstellen im Rahmen der vor Ort bestehenden Möglichkeiten ein motivierendes Dankeschön zukommen ließe. Natürlich war von vorne herein klar, daß es sich dabei keinesfalls um eine monetäre Gabe handeln würde, denn nach den allgemeinen Erkenntnissen des Hauses wirkt Geld nicht motivierend – und genug vorhanden ist davon ohnehin nicht. Da würde sich kein Mitarbeiter, der nicht gerade mit dem Hammer gebügelt oder vollkommen neu bei uns war, noch Illusionen hingeben. Also warteten wir ab, was noch geschieht.

Zunächst mal nichts.

Üblicherweise fasst Dr. Strebsinger die wichtigen Inhalte der Besprechungsprotokolle der höheren Führungskräfte in der nächsten Dienstbesprechung (Neudeutsch: Meeting) nochmal kurz zusammen, aber zu diesem Thema verlor er kein Wort. Nun ja, jeder hat da wohl seine eigenen Prioritäten, also hörten wir uns lieber die Zusammenfassung einiger hausgemachter Katastrophen Statistiken an.

Wochen vergingen, als das Thema plötzlich wieder aktuell wurde. Dr. Strebsinger hatte sich für eine Lösung entschieden, die er uns bedingt durch seine eigene Abwesenheit im Rahmen einer Dienstbesprechung über Frl. Hasenclever verkünden ließ: Jeder Mitarbeiter in unserer Außenstelle, der von dem VATeR-Debakel betroffen war, würde zwei Stunden Dienstbefreiung bekommen. Das bedeutet, daß wir zwei Stunden von seinem Arbeitsplatz entfernt sein dürfen, diese Zeit aber trotzdem als Arbeitszeit gilt. Man konnte zum Beispiel früher Feierabend machen. Zu nehmen seien diese zwei Stunden der Dienstbefreiung bis zum Ende des folgenden Monats, also zu diesem Zeitpunkt in etwa fünf Wochen.


„Frl. Hasenclever, verstehe ich es richtig, daß wir als Entschädigung für sinnlos vertane Arbeitszeit in einer Phase, in der wir mehrere unbesetzte Stellen durchziehen, terminbedingte Mehrarbeit bis zum Ende des besagten Monats erledigen sollen und auch zum gleichen Termin die Zahl unserer aufgelaufenen Überstunden durch Abbummeln halbieren müssen, ohne daß die Laufzeiten darunter leiden, auch noch zwei Stunden zusätzliche dringend benötigte Arbeitszeit weggenommen bekomme und damit vier verlorene Stunden ohne offizielle Mehrarbeit wieder reinholen müssen? Ich fühle mich jetzt schon irgendwie verarscht.“

Frl. Hasenclever setzte einen leicht bedrückten Gesichtsausdruck auf.

„Ja, wenn Sie wollen, können Sie es natürlich auch so nennen.“

„Nein, Frl. Hasenclever, ich muss es so nennen.“

Natürlich habe ich die zweistündige Dienstbefreiung nicht in Anspruch genommen. Das ist für mich eine Frage des Stolzes und auch des Protestes.

So wie ich das später auf unserem Abwesenheitsplan nachvollziehen konnte, war ich mit meiner Haltung alleine.

Ich empfinde das nur noch als traurig.




Kommentare:

  1. Tz tz, lieber Paterfelis, mit nichts zufrieden *ironiemodusoff

    Es gibt leider Leute die haben einen Job und andere eine Arbeit. Dies wirkt sich auch im Umgang und Verhalten untereinander aus.

    Haben Sie es eigentlich anders vermutet?
    Die meisten sind leider "rund geschliffen" und gedankt wird es doch auch nie.
    Ich nenne diese Kollegen Zombies - leider…

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    1. An sich verlief die gesamte Aktion erwartungsgemäß - sowohl das "Geschenk" als auch seine Annahme. Viel Sensibilität ist da auf beiden Seiten nicht vorhanden. Oder bin ich zu empfindlich?

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