Samstag, 29. März 2014

Wagenladungen

Es ist Freitagmorgen. Ich suche alles an bei uns in den letzten Tagen aussortierten Kram zusammen, welcher zumindest innerhalb der Wohnung noch im Weg herumsteht und verlagere diesen zunächst ins Treppenhaus. Unmengen an papiergefüllten Kartons, ausgemusterte Elektrokleingeräte, Metallschrott, Altglas und Altkleider haben sich angesammelt. Auf der Terrasse lagern noch ein paar Mülltüten für die gelbe Wertstofftonne und Restmüll. Die nächste Leerung findet erst wieder in ein paar Wochen statt. Ich bin begeistert.

Es könnte knapp werden, aber mit etwas Glück schaffe ich es, alles mit Ausnahme des Wertstoffmülls in einer Tour zur Entsorgungsstelle zu bringen. Der für die gelbe Tonne bestimmte Müll wird dort nicht angekommen. Und die Preise für den Restmüll sind unverschämt. Schade, aber nicht zu ändern.

Ich sorge dafür, daß sich Balduins Ladefläche vergrößert, klappe um, was umgeklappt werden kann, fahre vor die Haustür und lade alles ein. Ein kritischer Blick meinerseits lässt mich erahnen, daß sich da auch noch Platz für ein paar Pfandflaschen und einen einzuwerfenden Brief findet. Obwohl letzteres schon knapp wird… Jedenfalls kann ich so auf dem Rückweg ein paar Einkäufe erledigen, ohne nochmal die Heimatbasis ansteuern zu müssen, um die Flaschen abzuholen. Blödes Flaschenpfand. Die Pullen nehmen so viel Platz weg. Früher konnte man die wenigstens auf ein handliches Format pressen, aber heute? Na ja, auch das ist nicht zu ändern. Und komme mir keiner mit einem Soda-Streamer. Zwei Mal hatten wir so ein Ding. Hat uns nicht gefallen.

An der Einfahrt zur Entsorgungsstelle stehen schon einige Autos. Ich gehe zur Anmeldung; hier warten ein paar Herren am Schalter auf ihre Abfertigung. Der erste deklariert seine Lieferung:

"Papiermüll und Elektrokleinteile."

Er bekommt von der Dame am Schalter seinen Laufzettel und darf weiterfahren.

Der nächste Herr, dieselbe Dame. "Altglas und Papiermüll."

Der Laufzettel wird ausgestellt, er darf weiterfahren.

Ich bin dran, trete an den Schalter.

"Papiermüll, Elektrokleinteile, Altglas, Metall, Altkleider."

"Fahren Sie doch mal vor, damit ich mir das alles mal ansehen kann.“

Hrmpf. Gut, mache ich. Die Dame sichtet den Wageninhalt. Ich erkläre, was sich alles in den verschiedenen Kisten und Kartons befindet.

"Das ist Flaschenglas?"

"Ja. Ist doch sehr offensichtlich."

"Kein Fensterglas oder so was?"

"Nö, einfach nur Flaschen für den Glascontainer."

"Aha. Sind die Altkleider sauber?"

"Ja, frisch aus dem Kleiderschrank. Du kannst ja mal dran riechen. Lenorfrisch."

"Und das da?"

"Normale Einkaufstüten. Die nehme ich wieder mit. Die große Plastikbox auch, die ist nur Transportbehälter für Pappe."

Man sieht sich weiter um.

"Das hier sind aber Pfandflaschen."

"Ich weiß. Deswegen befinden die sich ja auch in den Einkaufstüten, getrennt vom Müll."

„Die nehmen Sie wieder mit?“

"Natürlich, du alte Schnepfe. Was denn wohl sonst?"

Man knöpft mir fünf Euro für die Ladung ab. Ich ärgere mich, denn ich sehe keinen Grund dazu. Da ist kein Hausmüll dabei, aber man besteht darauf. Drecksbande. Müllmafia. Ich fahre 20 Meter vor bis zum nächsten Müllmafioso Einweiser. Er wartet drei Meter neben Balduin. Normalerweise treten diese Herrschaften ja an den Wagen heran. Erwartet der jetzt etwa, daß ich aussteige, zu ihm rüberlatsche und ihm den Laufzettel gebe? Pustekuchen! Ich halte ihn aus dem Wagen raus den Laufzettel entgegen.

"Den bekommen Sie?" frage ich ihn, obwohl ich es weiß.
 
Er kommt, nimmt meinen Laufzettel, erklärt mir, wo alles hinmuß. Weiß ich zwar schon, aber ich lasse ihn gewähren. Der Mann braucht ja auch seine Daseinsberechtigung. Ich bin ein wirklich guter Mensch.

"Fangen sie dort mit dem Metallschrott an."

Ich lächle ihn an, bedanke mich artig und fahre zur Papiermüllstation. Der bildet sich doch wohl nicht ein, daß ich erst den Wagen komplett entlade, um an meinen Metallschott zu gelangen, nur um dann alles wieder für den Weg zu den nächsten Stationen einzuladen? Nein, ich frage besser nicht. Fakten schaffen ist angesagt.

Doch dann bekome ich die Gelegenheit, mich zu rächen. Ich fahre an die Glascontainer heran. Hier werfe ich je eine blaue und eine rote Flasche in den Container für Weißglas. Für Weißglas! Jawohl! Ich bin richtiggehend renitent. Zivil ungehorsam sozusagen! Das hat die Müllmafia jetzt davon! Und es tut mir auch nicht Leid, daß ich vergessen habe, das faule Ei, welches sich noch geruchssicher verpackt in einem der Gläser befand, vorher rauszunehmen und in den Bio-Müll zu schmeißen. Das hättet ihr alles anders haben können, aber ihr wolltet ja den Krieg.

Nachdem ich endlich alles weitgehend dort gelassen habe wo es hingehört, stelle ich Balduins Normalzustand wieder her und fahre meines Weges. Über die ganzen Irren, die sich freitags morgens auf der Straße befinden, lasse ich mich jetzt nicht aus. Nur soviel: Die Union deutscher Sonntagsfahrer hatte ihren Wandertag vorgezogen. Vielleicht aber haben auch nur ein paar Anwärter zur Aufnahme in diesen Verein ein paar Testfahrten gemacht. Man weiß es nicht.

Schließlich erledige ich meine Einkäufe. Hier stoße ich auf die erwartete und gefürchtete Klientel. Erinnert mich daran, daß ich um diese Uhrzeit - unter der Woche um 9 Uhr, falls ich mal nachfrage - nie wieder einkaufen gehe. Außer online. Aber wirklich nie im örtlichen Einzelhandel. Sämtliche Klischees werden hier wieder bedient. Wie lange kann man vor einem Kühlregal stehen und überlegen, welche der drei angebotenen Sorten Magerquark man zu erwerben wünscht? Und auf welch mannigfaltigen Wegen kann man es bewerkstelligen, die Räumung des Kassenbereiches so lange zu verzögern, daß die fünf Menschen an der Nachbarkasse mit ihren prall gefüllten Einkaufswagen noch schneller durch sind als der hier bei uns nachfolgende Kunde, welcher zufällig ich bin?! Irgendwo muß die versteckte Kamera sein. Ich finde sie nicht. Ich warte darauf, daß irgendwann jemand brüllt „Cut, Szene ist im Kasten“ und ich dann Loriot auf einem Regiestuhl sehe. Bis mir einfällt, daß der ja auch schon das Zeitliche gesegnet hat. Die Guten sterben halt viel zu früh.

So schiebe ich dann endlich meinen Einkaufswagen über den Parkplatz zum dort wartenden Balduin. Ich nähere mich einem Kombi mit geöffneter Heckklappe. Eine junge Mutter hat gerade ihre Einkäufe auf der Ladefläche verstaut. Ihre Tochter, vielleicht zwei Jahre alt, steht im Auto aufrecht neben den verladenen Klappboxen.

„Bleib schön hier, Melanie-Annegret. Die Mama bringt nur noch schnell den Einkaufswagen weg.“

So spricht man und verschwindet. Das Kind steht weiter auf der Ladefläche. Alleine. Die Heckklappe ist weiterhin geöffnet.

Ich möchte nicht der Fahrer sein, der die Vollbremsung machen muß, wenn die kleine Melanie-Annegret überraschend aus dem Wagen springt und ihren Marsch über den Parkplatz antritt.





Kommentare:

  1. Ich kann Dich gut verstehen..... sehr gut sogar.......

    That´s Life! Bei Dir, so wie auch hier bei uns.

    Trotzdem wünsch ich ein sonniges Wochenende. Kann nur noch besser werden.^^

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    1. Es wird nicht besser. Montag ist mein Urlaub vorbei.

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  2. Sag ich doch! Der beste Platz im Supermarkt, ist hinter der Kasse. Ganz klar.
    Hab ein schönes Wochenende, du wirklich guter Rebell.

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  3. Au weia, da hast du ja ganz schön was mitgemacht! Unsere Containerleute sind auch immer so schlecht gelaunt, dass ich mir immer Verstärkung mitnehme, um mit mehr Argumenten aufwarten zu können, falls mir einer von denen blöd kommt. LG und schönen Sonntag!

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    1. Es ist immer gut, ein paar schlagkräftige Argumente mehr zu haben.

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  4. Menschenskind Paterfelis, danke dass Du mich daran erinnerst, welche -im Vergleich- paradiesischen Zustände bei unserem Entsorgungsfachbetrieb herrschen!
    Ich hab noch nie erlebt, dass man sich auf dem Wertstoffhof wirklich "bei Hofe" fühlt und untertänigst um eine Audienz bitten muss, so wie Du das beschreibst.
    Hier ist das schlicht ein Dienstleister. Der nimmt gebührenfrei von jedem in der Stadt Gemeldeten eine Kofferraumladung je Besuch- Altpapier, (E-)Schrott, Wertstoffsäcke, Lacke+Lösungsmittel, Grünschnitt. Lediglich Altglas nehmen sie nicht (das bringt man zu einem der Conatiner im Stadtviertel), und Bauabfall und -schutt muss kostenpflichtig auf die Deponie.

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    1. Na ja, theoretisch ist das hier auch so. Aber grau ist alle Theorie...

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