Donnerstag, 27. März 2014

Nächtliche Hausbesuche (2)

Ich weiß bis heute nicht, wie die Geschichte mit dem Krawattenopa weiter gegangen ist. Wir haben ihn seit dieser Nacht nicht mehr gesehen, was aber nichts bedeuten muß. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich pflegen keine intensiven Kontakte zur Nachbarschaft. Frau Kleinhüppgenreuther könnte uns mit Sicherheit Auskunft geben, aber sie ist die letzte Person, die wir fragen würden. Irgendwann werden wir es erfahren, vermutlich bei einer sich bietenden Gelegenheit von Frau Knutsen, unserer eine Etage über uns wohnende Hausverwalterin, welche einen guten Draht zu Frau Kleinhüppgenreuther besitzt. Auch sie ist stets gut informiert, erlangt ihre Informationen aber auf wesentlich dezentere Weise und neigt nicht zum übertriebenen Tratschen.

Dieser Einsatz um Mitternacht erinnert mich jedoch an eine ähnliche Situation vor vielen Jahren. Meine Angetraute hat kurz zuvor ihren Status von Freundin zu Verlobte gewechselt. Jedenfalls so rein juristisch betrachtet, eine formelle Verlobung gab es bei uns nicht.Wir lebten mit Sally und Miss Daisy in der bereits erwähnten Wohnung weiter hinten in der Stichstraße. An die Ankunft von Lilly, Marty und Smilla wagte die Weltgeschichte noch nicht zu denken. Gut, ich räume ein, daß die Weltgeschichte von den Dreien bis heute auch noch keine Notiz genommen hat und dies wohl auch nicht mehr geschehen wird. Hoffe ich. Es wäre mir doch etwas zuviel der Aufmerksamkeit.

Seit zwei Tagen litt die zweitbeste Verlobte von allen an Rückenschmerzen. Kann vorkommen. Ich unterstützte sie bei einigen Übungen, welcher der Entlastung dienen sollten, mit mehr oder weniger durchschlagendem Erfolgt. Seinerzeit war meine Anverlobte noch in ihrem alten Beruf tätig und konnte sich nicht die Nächte um die Ohren schlagen, so wie sie es heute ihrem Naturell entsprechend tut. Wir gingen zu unserer üblichen Zeit gemeinsam ins Bett.

Bevor ich einschlafen konnte, wurde der Schmerz bei ihr so heftig, daß sie mich bat, den Notarzt zu rufen. Sie vermochte sich kaum noch zu bewegen. Ich vergewisserte mich, daß ich richtig verstanden hatte. Ja, hatte ich. Nun, in solchen Krisensituationen ist es auch mir möglich, trotz bestehender Phobie mit Fremden zu kommunizieren. Für so etwas bildet der Körper Stresshormone.

Mein Anruf galt dem nahegelegenen Krankenhaus, welches auch die örtliche Notdienstpraxis unterhält. Der diensthabende Arzt bedauert, mir nicht helfen zu können, er habe einen psychologischen Notfall. Nein, einen Wagen könne er auch nicht schicken und habe überdies keine Zeit.

Also neuer Versuch, dieses Mal bei der wohlbekannten 112. Auch hier Fehlanzeige. Man würde ja gerne einen Wagen schicken, aber dieser sei gerade auf der anderen Seite des regionalen Fließgewässers im Einsatz, das könne dauern. Ich möge mich doch bitte an die nächstgelegene Notdienstpraxis wenden.

Also wieder Anruf im Krankenhaus. Das Gespräch drehte sich im Kreis, von dort war keine Hilfe zu erwarten. Neuer Anruf bei der 112. Nein, weiter vertrösten ist nicht drin, der Wagen soll kommen, wenn er bereit sei. So weit, so schlecht.

Nach einer Stunde näherte sich ein Flackern. Der Rettungswagen fuhr vor; vom Balkon aus machte ich auf mich aufmerksam. Zwei Sanitäter kamen rein und besahen sich die Lage. Nein, sie würden meiner Anverlobten nicht helfen können, ein Notarzt müsste vor Ort erscheinen. Dieser kam nach telefonischer Anforderung dann auch geraume Zeit später. Er untersuchte meine Anverlobte und gab ein Schmerzmittel, welches sie nahezu schlagartig ausknockte. Sie müsse auf jeden Fall ins Krankenhaus. Natürlich ins nächstgelegene…

Es stellten sich zwei weitere Probleme. Das Treppenhaus war relativ eng, mit einer üblichen Trage würde man sie nicht sicher hinunter transportieren können. Also müsste sie in einer Decke getragen werden. Die Sanitäter benötigten handanlegende Unterstützung. Diese wurde vom Notarzt angefordert. Wir erledigten die dringlichsten Formalitäten, als zwei weitere Sanitäter erschienen. So wurde meine Anverlobte auf einer Decke liegend von den vier Sanitätern das Treppenhaus hinunter getragen. Ich sah ihr auf dem Treppenabsatz nach. Auf dem Weg nach unten kam ihr Rücken mit der Kante einer Treppenstufe in Kontakt. Sie hatte die Augen geöffnet und sah mich an.Wie ich später erfuhr, war der Schmerz durch diesen Kontakt dermaßen stark, daß sie kurz aus dem Dämmerzustand erwachte. Schließlich war alles geregelt, zwei Rettungs- und ein Notarztwagen verschwanden in den nun so langsam heranziehenden Morgen.

So tat ich, was man als treusorgender Verlobter eben macht. Ich packte eine Tasche mit den ersten, wichtigen krankenhauserforderlichen Dingen, brachte mich in einen ausgehfähigen Zustand, was bedeutet: duschen, Haare waschen, Straßenkleidung anziehen. Dann fuhr ich zum Krankenhaus. Meine Angetraute war bereits auf Station und ansprechbar. Sie habe vermutlich einen heftigen Bandscheibenvorfall. Einen doppelten sogar, wie sich später herausstellte. Wenn schon, dann richtig.

Sie sollte nun schlafen, also fuhr ich nach Hause. Von dort rief ich kurz, nun schon wieder begleitet von dem Erfordernis, die phobische Mauer überwinden zu müssen, ihre Eltern an, informierte diese und hetzte anschließend zur Arbeit. Denn im LASA standen wir kurz vor der Einführung der ersten Version des MIST. Unsere bis dahin genutzte, noch von hauseigenen, ehemals aus der Sachbearbeitung stammenden Programmierern erstellte und zur allgemeinen Zufriedenheit arbeitende Software sollte ersetzt werden. Ich war auserkoren, die neue Anwendung in unserer Außenstelle zu schulen. Es gab einen äußerst knappen Terminplan; man befand sich in Konkurrenz zum LASA eines anderen Bundeslandes und hatte den Ehrgeiz, ohne Not mit allem schneller und besser und schöner und toller, dafür aber ohne Rücksicht auf Verluste fertig zu werden. Ein Ausfall meinerseits war nicht vorgesehen, Ersatz für mich gab es nicht. So riss ich meine an diesem Tag eingeplanten Stunden im Schulungsraum runter, arbeitete den Rest des Tages bis zum pünktlichen Feierabend und fuhr direkt im Anschluss deutlich übernächtigt ins Krankenhaus.

Dieses war der Beginn einer Odyssee, welcher meine Anverlobte und mich in Kontakt zu zahlreichen Kliniken und Ärzten brachte, bis schließlich die Anwendung einer damals neuen, noch nicht von den Krankenkassen zu zahlende und damit selbst zu finanzierende Operationsmethode endlich Hilfe brachte. Diese Odyssee durch die Kliniken wurde durch ein verlängertes Wochenende unterbrochen, an dem meine Anverlobte meine Angetraute wurde.


(Ende)



Kommentare:

  1. Es ist schon beängstigend zu lesen, wie Euch die Hilfe verweigert wurde. Mit Bereitschaftsärzten habe ich auch schon so meine Erfahrungen gemacht, denn wenn ein Hautarzt ein Frauenleiden diagnostizieren soll, kann es unter Umständen zu kuriosen Ergebnissen kommen. Alles Gute für Euch beide, dass Ihr nie mehr in solch eine Lage kommt. LG ST.

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    1. Wir hatten da auch mal so ein Erlebnis mit einem Psychologen und einer hochallergischen Reaktion auf einen Insektenstich. Lustig war anders.

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  2. Schlimm, wenn man bei heftigen Schmerzen auf Hilfe so lange warten muss, da werden Minuten wirklich zu Stunden.
    Es freut mich für dich und deine zweitbeste Ehefrau, dass sich doch noch alles zum Besseren gewendet hat, ich kann lange Odysseen im Bezug auf Behandlungsmethoden sehr gut nachvollziehen, ist mir nicht unbekannt.
    Alles Liebe.
    Sadie

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    1. Ja, das sind Dinge, die kein Mensch braucht.

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