Mittwoch, 26. März 2014

Nächtliche Hausbesuche (1)

Wir befinden uns wieder im Jahr 2013. Es ist Mitternacht. Mitten in der Woche. Die richtige Vorweihnachtszeit hat gerade begonnen, nicht die von der Werbewirtschaft und dem Einzelhandel vorgegebene. Ich werde wach, höre Sally im Wohnzimmer nörgeln. Sie hat Hunger und will ihren Spezial-Kakao. Wenn sie den jetzt nicht bekommt, wird sie morgens gegen vier Uhr vor Hunger kotzen, denn diese Form der Nahrung hält nicht lange genug vor. Und Sally geht nur noch zu seltenen Momenten an das bereitstehende Trockenfutter. Dumme Katze. Kranke Katze. Alte Katze.

Ich  muß nicht aufstehen und mich darum kümmern, denn die zweitbeste Ehefrau von allen ist um diese Uhrzeit normalerweise noch nicht im Bett und übernimmt die Versorgung. Ich sehe Licht im Wohnzimmer. Also ist auch heute alles wie immer und ich kann liegen bleiben. Aber dennoch ist etwas anders. Ich bemerke ein Flackern von draußen, höre ein ungewohntes Geräusch. Wenn ich schon mal wach bin, kann ich ja auch gleich mal den Porzellanpalast besuchen und anschließend meine Neugier meinen typisch männlichen Wissensdurst stillen.

Die Katzenbande – mit Ausnahme von Sally, welche sich für derlei Dinge nicht mehr interessiert – beobachtet von unseren verschiedenen Fensterbänken aus die Außenwelt. Das Flackern stammt von einem Notarzt- sowie von einem Rettungswagen, ebenso das Geräusch. Beide stehen ein paar Häuser weiter und blockieren die komplette, eher schmal gebaute Stichstraße. Kein Problem um diese Zeit. Nacheinander ziehen Katzen und Kater schließlich wieder von ihren Aussichtsposten ab. Das Flackern wurde wohl langweilig. Und sonst geschieht nichts von Katzeninteresse.

In der Wohnung Erdgeschoss links brennt Licht. Hier wohnt ein älteres Ehepaar.  Dem Vernehmen nach soll der männliche Teil des Ehepaares früher, bevor er in den Ruhestand ging, Psychologe gewesen sein. Alle Psychologen, die mir bis jetzt untergekommen sind – entweder aufgrund von Eigenbedarf oder aus beruflichen Gründen – hatten irgendwie selbst auch einen an der Klatsche einen an der Waffel einen Hau eine menschlich sonderbare Eigenart. Genau wie dieser Herr. Meine Angetraute und ich nennen ihn nur den Krawattenopa. Dies ist nicht unfreundlich gemeint. Ständig trägt er einen Anzug, dazu weißes Hemd und Krawatte. Und zwar bei allem, was er tut. Zumindest, soweit wir das beurteilen können.

Bevor wir in unsere jetzige Wohnung gezogen sind, wohnten wir nur ein paar Häuser weit entfernt in der gleichen Straße. Wir konnten von unserem Balkon aus in den Garten des Krawattenopas sehen. Selbst beim Sonnenbaden, Rasenmähen, Unkrautjäten und Laubfegen trägt er nichts anderes als Anzug, weißes Hemd und Krawatte. Während eines wirklich heißen Sommertages konnten wir ihn jedoch mal dabei ertappen, wie er seine Jacke beim Rasenmähen abgelegt hat. Nicht jedoch die Krawatte.

Die Sanitäter kommen mit einer Trage aus dem Haus, verstauen diese in ihrem Wagen. Es ist der Krawattenopa, der auf ihr liegt. Er ist nicht zugedeckt, wir können ihn erkennen. Die Wagen fahren noch nicht los. Der Notarzt telefoniert noch ein paar Minuten. Dann wenden die Fahrzeuge und verschwinden in der nur von dem Flackerlicht erhellten Nacht.

Es ist in dem Zusammenhang absurd, aber wir bemerken, daß der Krawattenopa dieses Mal keine Krawatte getragen hat.


(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. So einen Krawattenopa kenne ich auch. Bei einem frühmorgendlichen Stromausfall, so gegen 5 Uhr traf ich ihn auf der Straße. Im Schlafanzug und Morgenmantel .. und umgebundener Krawatte ..
    Seltsam, das alles ..
    Gruß vonner Grete

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  2. Er wäre ja dann der perfekte Mitarbeiter bei uns.
    Das mit Abstand wichtigste Utensil bei uns auf/für Arbeit.

    Zum nachlesen: Mittwoch 29.Jan. 2014 Dienstkleindung

    p.s. ich habe es extra nicht verlinkt - hoffe es war richtig

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    1. Verlinkungen in Kommentaren sind kein Problem, also mach ruhig.

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  3. Dann wollen wir es ihm mal verzeihen, wenn er im Krankheitsfalle auf die Krawatte verzichtet...;-)

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