Freitag, 14. März 2014

Nachbetrachtungen

Es ist an der Zeit, euch mal wieder einen Einblick in die innere Welt eines Soziophobikers zu geben. Dieses Mal im Zusammenhang mit den geschilderten Ereignissen rund um das Große Fressen in unserem China-Restaurant.

Dem unbefangenen Leser wird an dieser Geschichte nichts besonders Bemerkenswertes auffallen. Außer vielleicht, daß der Ökoklaus und ich so richtig in die Vollen gegangen sind, was die Anzahl der Portionen betrifft. Mehr, als es für einen Durchschnittsmenschen üblich ist. Ich bleibe übrigens dabei, daß die Anzahl der Portionen reichlichst war, aber die Schilderung die pure Masse des Vertilgten noch größer erscheinen lässt, als sie wirklich war. Aber was war sonst? Kollegen verbringen in einem China-Restaurant einen schönen Abend. Ein paar sind verfressen, andere sind Hungerkünstler oder eher versoffen, aber nicht besoffen. Na und?

Viel und!

Der Umgang mit der Thematik Restaurantbesuche ist für mich nicht ganz einfach. Grundsätzlich ist es so, daß ich nicht gerne draußen, also außerhalb der eigenen vier Wände, etwas esse. Ich fühle mich beobachtet und dementsprechend unwohl. Der einzige Ort, an dem ich dies wirklich unbefangen auch außerhalb der eigenen Wohnung entspannt tun kann, ist mein Elternhaus.

Jetzt lest den Absatz nochmal durch. Na, ist euch was aufgefallen? Nein? Dann mache ich es deutlich. Es geht um das Essen außerhalb der eigenen Wohnung. Innerhalb der Wohnung kann ich jederzeit entspannt essen, egal wer anwesend ist. Dabei liegt der Kern der Aussage auf dem Begriff essen, jedoch nicht auf dem – als vordergründigstes Kernproblem eines Soziophobikers -  Umgang mit Personen, welche mir nicht absolut nahe stehen. Also nicht der zweitbesten Ehefrau von allen oder meinen Eltern. Schon meine Schwiegereltern sind raus der Betrachtung; sie zähle ich rein emotional nicht zu den mir nahestehenden Personen. Zu meinen Verwandten habe ich mit Ausnahme meiner Eltern keinen Kontakt, und Freunde habe ich ebenfalls nicht.

Im Gegensatz zu anderen Aspekten, bei denen meine Handlungen mal mehr und mal weniger massiv durch die Soziophobie beeinflusst werden, bildet sich jedoch ein weiteres Element aus, nämlich die positive Wirkung des Essens als solches auf mein Gemüt. Mein Trost erfolgt durch das Essen. Ja, es besteht eine enge Verwandtschaft mit dem allseits bekannten Frustessen. Das kann ich offensichtlich gut. Der biochemische Hintergrund und die psychischen Auswirkungen sind identisch. Diese beiden Elemente, also der Frust durch die Angst und die Belohnung durch das Essen, führen ihren Kampf in mir. Je nachdem hat das eine oder das andere Element, welches ja in diesem Fall die gleiche Ursache hat, die Oberhand. Nun kommt aber noch das Problem der sozialen Interaktion hinzu.

Im klassischen Restaurant bestellt der Gast sein Gericht, bekommt dieses zumeist gleichzeitig mit den weiteren am selben Tisch sitzenden Gästen und ist irgendwann mit dem Essen fertig. So lange ich esse, spüre ich durchaus das Gefühl des Unwohlseins, kann es aber in Schach halten. Dabei ist es vollkommen unerheblich, mit wie vielen Personen ich am Tisch sitze. Die Zahl der Menschen, mit denen ich Kontakt haben könnte, ist zwangsläufig begrenzt. Wer am anderen Ende der großen Tafel sitzt, ist weit weg. Dennoch bevorzuge ich die Außenplätze. Der Fluchtweg ist damit geöffnet. Oder ich suche einen Platz, welcher an einer Wand angrenzt. Ein potentieller Kontakt weniger, eher aber zwei, denn einer von schräg gegenüber fehlt ja auch…

Doch irgendwann ist der Vorgang des Essens beendet; der so genannte gemütliche Teil beginnt. Dann ist es vorbei mit der relativen Ruhe. Es gibt nichts mehr, was mich wirklich ablenken könnte; die Gespräche plätschern weitgehend an mir vorbei. Ich beteilige mich so gut wie nie daran, soweit es nicht um Themen geht, in denen ich wirklich zu Hause bin. Die Hauptrichtung meiner Gedanken zielt, je nach Tagesform mehr oder weniger intensiv, dahin, das Restaurant baldmöglichst verlassen zu können. Jede neue Runde Getränke, die andere Gäste bestellen, wird mir zur Qual, denn ich weiß, daß diese den ersehnten Aufbruch hinauszögern. Ich werde unruhig, der Stresspegel steigt, ich suche oft etwas zum Abreagieren, spiele mit Bierdeckeln oder was es sonst noch gibt.

Der Besuch eines Restaurants mit Buffet gestaltet sich da durchaus anders. Durch das Buffet kann ich mich während eines Großteils der Zeit damit beschäftigen, mir Trost durch die dem Grunde nach nicht unangenehme Nahrungsaufnahme zu verschaffen. Je mehr Personen anwesend sind, die in irgendeiner Form zu mir gehören, mir nicht fremd sind und denen ich positiv gegenüberstehe, desto weniger unangenehm wird der Restaurantbesuch für mich. In kleinen Gruppen drohe ich durch meine Verfressenheit – die ich jetzt bewusst nicht kursiv schreibe – eher aufzufallen als in einer Meute.

So lange ich nicht der einzige in der Gruppe bin, der regelmäßig den Gang zum Buffet unternimmt, ist alles weitgehend in Ordnung. Unter diesen Umständen halte ich auch einen Restaurantbesuch nur zu zweit aus, wobei mir dieser doch schon unangenehm sein kann. Je kleiner die Gruppe ist, und eine Zweipersonen-Gruppe ist nun mal die kleinstmögliche Gruppe, desto dringender wird die vermeintliche Erwartungshaltung an mich, verbal zu kommunizieren. Ich habe aber nicht viel, was ich erzählen könnte. Und ich möchte mich auch nicht in der Öffentlichkeit, in der Unbekannte meine privaten Äußerungen mitbekommen können, unterhalten. Dies gilt natürlich auch für solche Situationen wie eine Fahrt mit dem Zug, in dem ich jemanden treffen könnte, den ich kenne und mit dem ich mich dann höflichkeitshalber auseinandersetzen muß. Ich versuche, derartige Situationen im Regelfall zu vermeiden. Nie werde ich Menschen verstehen, die sich im Bus so laut mit ihrem Sitznachbarn oder am Handy unterhalten, daß jeder andere Anwesende alles mithören kann. Es ist mir einfach unbegreiflich.

Zurück ins Restaurant. Das Buffet beschäftigt mich, lenkt mich ab und das durch die Nahrungsaufnahme  angesprochene Belohnungszentrum des Gehirns tut seine Arbeit, indem es meine negativen Befindlichkeiten durch entsprechende Hormonausschüttung zumindest etwas eindämmt. Wehe, die Gruppe gleich welcher Größe, befindet, genug gespeist zu haben um sich von nun an dem bereits aufgeführten gemütlichen Teil widmen zu wollen, und den restlichen Abend also erzählend mit ein paar Getränken verbringen möchte. In dem Moment ist der Ofen wieder aus. Ich will raus. Ist das Verlangen groß genug, schaffe ich durchaus noch alleine einen Gang zum Buffet, aber auch dann fühle ich mich erst in Sicherheit, sobald ich den Tisch wieder erreicht habe und der Teller noch nicht geleert wurde. Und die Zerreißprobe zwischen dem Problem des Essens in der Öffentlichkeit und der Belohnung durch eben dieses Essen geht wieder los.

Dennoch ist für mich und mein Empfinden einige der wenigen Möglichkeiten, Zeit relativ entspannt in einer Gruppe – in diesem Fall außerhalb oder innerhalb der eigenen Wohnung, das ist egal - zu verbringen, die Beschäftigung mit einem Buffet. Die Situation ist natürlich übertragbar; die Örtlichkeit eines Restaurants lässt sich jederzeit gegen andere Orte austauschen, an denen entsprechendes Zusammensein gepflegt wird. Und das Buffet kann auch ein arbeitender Grill sein. Ein Garant für eine gewisse Unbeschwertheit ist dieses jedoch nicht. Die Angst kann durchaus überhand nehmen. Dies gilt umso mehr, wenn ich selber schon im Vorfeld etwas angeschlagen bin oder die Stimmung vor Ort nicht optimal ist.

Dabei sei angemerkt, daß auch der Begriff des Essens gegen eine übersichtliche Anzahl mich ablenkender Beschäftigungen ersetzt werden kann. So zum Beispiel gegen ein Spiel. Tabletop-Spiele dauern meistens mehrere Stunden. So lange in der Runde gespielt wird, egal ob ich aktiv beteiligt bin oder umständehalber gerade auf die Zuschauerbank verbannt wurde und sich (Achtung! Wichtig!) niemand längere Zeit mit mir beschäftigt, ist die Sache im Regelfall in Ordnung. Sobald jemand meint, mich in ein Gespräch verwickeln zu müssen, welches nicht mal rudimentär mit dem Geschehen auf dem Tisch im Zusammenhang steht, bewegt sich mein Stresspegel wieder gewaltig in die Höhe und ist durchaus mit jenem in den Phasen von der Erwartung des Besuchs bis zum Beginn des Spiels bzw. bis zur Verabschiedung der Spieler nach Spielende vergleichbar. Dabei ist es wiederum weitgehend unerheblich, ob ich den Anwesenden mit Sympathie begegne oder nicht.

Und ihr werdet lachen, aber auch der Aufenthalt im Büro entspricht diesem Schema. Das Büro ist das Restaurant, die vorhandene Arbeit das Buffet. Auch wenn sich die hier entstehenden Glücksgefühle zumeist übersichtlich gestalten. Doch auch in dieser Situation sind Zusammenhänge erkennbar, denn ein erledigtes, interessantes Problem in den Akten kann sich ebenfalls positiv auf meinen Gemütszustand auswirken.

So lange ich grundsätzlich beschäftigt und damit abgelenkt bin, kann ich mich auch – so wie hier im Blog immer wieder dargestellt – für eine begrenzte Zeit mit meinen Mitmenschen auseinandersetzen. Ruht die Arbeit für längere Zeit, etwa durch einen totalen EDV-Ausfall, wird es schwierig. Und wenn man meint, die Zeit nutzen zu müssen, um in gemütlicher Runde… siehe oben.

Aber mache das mal einem Menschen begreiflich.




Kommentare:

  1. danke für diesen Einblick, das war sehr spannend! Du hast es wahrscheinlich schon längst irgendwo geschrieben, aber ich bin zu faul zum suchen, deshalb frag ich einfach mal ganz neugierig nach: wie hast du es unter diesen 'Bedingungen' geschafft, deine Frau kennenzulernen?

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    1. Das habe ich noch nicht geschrieben, könnte ich aber irgendwann mal machen.

      Kurzfassung: Eine damals engere Bekannte und ich hatten uns für ein Seminar angemeldet. Alleine hätte ich das wohl nicht gemacht. Letztendlich musste ich doch auf mich alleine gestellt hinfahren. So etwas ist für mich nicht ganz ohne, aber mit gewissen Vermeidungsstrategien und einem wirklichen Anreiz (hier eben das Seminarthema) überlebe ich so etwas. Außerhalb der Seminarzeiten gehe ich meinen Mitmenschen weitgehend aus dem Weg und hoffe, daß es im nächsten Durchgang keine Gruppenarbeiten gibt.

      Meine Angetraute war auf dem gleichen Seminar und hat alles in Bewegung gesetzt, um mich in den paar Tagen rumzukriegen.

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  2. Ich hab mich das auch gefragt, wie deine Frau dich wohl "gefunden" hat. Wie schön, dass sie weiß, was sie will! :-)
    Dein Unwohlsein im Restaurant kann ich ein wenig nachvollziehen. Als ich meine Zeit mit Panikattacken durchmachte, habe ich ähnlich wie du gefühlt. Der Platz neben dem Ausgang war auch immer meiner. Manchmal ist es auch heute noch so (man weiß ja nie). :-)
    Lieben mitfühlenden Gruß!

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  3. Danke für deinen sehr "intimen" Einblick.
    Eines lässt mich aber schmunzeln. Du "hast nichts zu erzählen"!

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    1. Ich habe auch nichts zu erzählen. Das Schreiben ist für mich eine vollkommen andere Welt.

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  4. Wolfy hat mir einen Kommentartext zugesandt und mich gebeten, diesen aus technischen Gründen selbst zu veröffentlichen. Was ich hiermit gerne erledige:

    "@Wheeler:

    Schreiben und Erzählen sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Schreibend kann man sich Stunden und Wochen zeit lassen, darüber nachdenken, wie es auf Andere wirkt und wie man es am Besten verpackt, damit es ja auch nicht negativ auffällt.

    Im Dialog mit einem Einzelnen geht das nicht. Da stottert man von einem Thema zum Anderen (stottern hier nicht im klassischen Sinne sondern eher im großen Zusammenhang: das Gespräch ist aus der Sicht des Soziophobigers nicht flüssig, man zögert immer um sich die Worte zurecht zu legen; antwortet man zu schnell, überrennt man sich selbst damit - ich verhaspel mich dann immer, überspringe Wörter oder ganze Satzteile und rede immer schneller) und hofft, dass es bald vorbei ist.
    Je größer die Gruppe, umso besser - mehr oder weniger. Umso größer die Gruppe, desto weniger muss man selbst reden. Gleichzeitig ist der Druck deutlich größer, weil es mehr Zuhörer gibt. Bzw Sprecher, wo man erst mal gegen ankommen muss.
    Ich weiß nicht wie es Paterfelis geht: aber wenn ich mal ein Thema hab, wo ich was zu sagen könnte, dann sage ich dann doch nix, weil ich einfach nicht zu Wort komme und die Anderen nicht unterbrechen will.

    Dazu kommt:
    Viele Soziophobiker interessieren sich für Themen, die in ihrer direkten Umgebung gar nicht oder eher selten vertreten sind. Dadurch haben sie kaum Gesprächsstoff für andere. Gleichzeitig interessieren sie sich nicht für die Themen, die "öffentlich" gerade so angesagt sind. Was weiß ich... Popstars und so Schmu.
    Dadurch haben Wir auch sehr wenige Möglichkeiten, um mit anderen in Kontakt zu kommen. Wir haben nix zu sagen, was den anderen interessieren könnte.

    ...
    Und ja, ich verallgemeiner das gerade etwas zu sehr. xD"

    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfy"

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    1. Ja, ich kann Wolfys Aussagen aus meiner Sicht weitgehend bestätigen. Im Detail mag es ein paar Abweichungen geben, aber die sind nicht wesentlich. Wie ich anderen Ortes bereits beschrieben habe, gibt es bei mir keine - wenn überhaupt - über leichtes Lampenfieber hinausgehende Probleme damit, vor großen Gruppen zu reden (Stichworte: Unterricht geben, Vortrag halten, Bühnenshow moderieren), da ich darauf vorbereitet bin und somit weiß, was ich sagen soll. Die anderen sind dann tatsächlich auch nur vor Ort, um mir zuzuhören. Ich muß gegen niemanden anreden und mir nicht erst Gehör verschaffen, da mein Status als Redner feststeht. Eine einfache Plauderei ist dagegen sehr viel anstrengender bis unmöglich.

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    2. Das schreiben und reden unterschiedlich zu betrachten sind ist mir zwar klar, habe ich doch aber gedacht - wenn man Themen fürs schreiben findet, sollte man auch welche für eine Unterhaltung finden.
      Aber ihr habt mich ja jetzt aufgeklärt.
      Ich habe ja nicht gewusst wie schwer einem Soziophobiker selbst einfache Gespräche fallen können.

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  5. Das sind wirklich interessante Einblicke. Danke.
    Nun gibt es ja auch Menschen, die denken: Sieh mal, das sitzt da, wie das fünfte Rad am Wagen... will Dich mit einbeziehen und bringt Dich damit in Stress.
    Wenn ich Dich richtig verstehe, sagst Du dann auch nicht, dass Du Dich nicht unterhalten möchtest; einfach, weil Dir das unmöglich scheint.
    Alleine bei der Vorstellung erscheint mir das total stressig. Daher Hut ab, dass Du trotzdem auswärts isst und mit dem Buffet eine Möglichkeit für Dich gefunden hast.

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    1. Das Angebot einer Unterhaltung abzulehnen, würde doch einen unhöflichen, abweisenden Eindruck hinterlassen. Also schließt sich diese Option schon mal aus. Und jedem direkt auf die Nase zu binden, ein Soziophobiker zu sein, ist auch keine gangbare Alternative. Die meisten Menschen können damit ohnehin nichts anfangen. Also stehe ich es durch.

      Das bedeutet natürlich nicht, daß mir nicht jemand etwas erzählen dürfte. Es gibt ja auch mal ganz interessante Sachen, die ich mir durchaus gerne anhöre. Nur werde ich die damit unter Umständen verbundene Erwartungshaltung, daß sich daraus eine nette Unterhaltung entwickelt, nur selten erfüllen können.

      Ich denke, das Thema werde ich später nochmal in einem neuen Eintrag aufgreifen.

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  6. Ich verstehe dich. Weißt du, was toll ist? Wenn man sich kennt, sich akzeptiert und seinen Weg geht. Ich vermute mal einfach so.... war nicht immer einfach, diesen Weg - mit geradem Rücken und tief durchatmend - zu gehen, hmm? Menschen haben oft Probleme, mit den Wegen anderer. Scheiß drauf. (Strich? Dann mach halt.)

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    1. Also bitte - du bekommst doch keinen Strich. Ich lese das hier schließlich nicht im Büro. Obwohl ich auf deinen Sch-Kuchen besonders gespannt wäre.

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    2. Ich kann nur Linzertorte. Sag, auf welchen Sch-Kuchen spielst du an?

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    3. Ich hegte die Vermutung, daß auch bei dir so etwas dabei rauskäme: Klick mich

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