Dienstag, 4. März 2014

Mehr von kleinen Indianer

Ich habe euch ja erzählt, daß ich als Kind ein Indianerkostüm besaß. Meinem schon im Kindergartenalter doch recht ausprägten Hang zu einer – zumindest aus meiner Sicht – gewissen Authentizität auch in spielerischen Dingen und Darstellungen nach war dieses Kostüm etwas detaillierter als das, was viele der anderen Kinder seinerzeit als Indianerkostüm getragen haben.

War es bei vielen eine normale Hose (keine Jeans, die war damals noch selten an Kindern zu sehen) und ein Pullover, an denen Filzfransen befestigt waren, dazu eine Federhaube, ein Hackebeil, vielleicht noch ein Gewehr und eine (oh Graus) Pistole sowie etwas Kriegsbemalung, hatte ich eine richtige Indianerhose und ein entsprechendes zugehöriges Oberteil. Winnetou lässt grüßen. Dazu gab es ebenfalls eine Federhaube – ja, wir waren alle Häuptlinge und Helden, Fußvolk wurde schon damals ignoriert – sowie einige andere Zubehörteile wie eine Indianerkette, den Tomahawk und ein (Gummi-)Messer. Der Anzug muß auf Zukunft gekauft worden sein, denn er begleitete mich, nicht unbedingt zu meinem Leidwesen, über gefühlt mehrere Jahre. Wie lange es wirklich war, weiß ich nicht mehr, aber in mindestens zwei Sessionen trug ich ihn schon. Denn später erhielt ich eine andere Federhaube, weil ich aus der alten herausgewachsen war. Der Anzug hingegen aber passte noch. Mutters Nähkünste dürften das ihrige dazu beigetragen haben.

Selbstverständlich fand ich dennoch etwas, was nicht so ganz richtig an dem Konzept war. Ich hatte nämlich blonde Haare. Äußerst blonde Haare. Die wurden erst später immer dunkler und dann grauer. Indianer aber haben nicht nur keine Pistolen, sondern auch keine blonden Haare! Und kurz sind die auch nicht. Die Haare jedenfalls. Kurze Indianer mag es geben, das räume ich ein, aber keine mit kurzen Haaren. Bestimmt nicht. Indianer trugen auch keine Bärte. Selbst in dieser kleinen Sachfrage musste ich mal einem anderen Kind klugscheißerischaufklärerisch zur Seite stehen. Aber das sei hier nur am Rande mal erwähnt.

So gesellte sich in einem späteren Jahr zu der bereits bekannten Ausrüstung noch eine schwarze Perücke und etwas braune Schminke für die indianertypisch sonnengebräunte Haut hinzu. Die Schminke war mir ja als eindeutige Mädchensache nicht so ganz geheuer. Die würde bestimmt kleben. Und was wäre, wenn die nicht mehr zu entfernen war? Wenn ich von jetzt an immer so herumlaufen müsste? Aber die Perücke hatte schon was. Meine kritischen Anmerkungen, daß die Haare von Winnetou ja durchaus etwas natürlicheranders aussehen würden, blieben ohne weitere Auswirkungen. Darüber, daß der Typ im Fernsehen nur ein Schauspieler war, bestand bei mir uneingeschränkte Klarheit. Und der würde – so meine Mutter – auch nur eine Perücke tragen. Vielleicht eine andere als ich sie habe. Es hätten ja auch nicht alle Indianer die gleiche Frisur getragen. Meine Mutter hatte eben keine Ahnung. Natürlich hatten alle Indianer die gleiche Frisur. Außer Irokesen. Aber sonst so wie Winnetou.  

Da meine Eltern beide zu unterschiedlichen, aber schichtbedingt teilweise sich überschneidenden Zeiten arbeiten mussten, kam es durchaus häufiger vor, daß ich mal für die eine oder andere Stunde zu Hause alleine verbracht habe, bis dann meine Oma, die ebenfalls noch ihrem Beruf nachging, erschien, um mich weiter zu betreuen. Der Kindergarten war damals auch noch keine Ganztagsveranstaltung.

An einem solchen Tag zur Karnevalszeit gedachte ich, meine Oma zu verwirren. Die Perücke kannte sie noch nicht. Das Kostüm hatte ich schon angezogen, bevor sie kam, aber mit der Perücke hatte ich so meine liebe Not. Irgendwie saß sie nicht richtig. Während ich noch so herumarbeitete ließ unser  Siebzigerjahre-Türgong  sein grausames Lied erklingen. Ich wurde hektisch und probierte weiter. Der Gong war wieder und wieder zu hören. Ja, da können auch kleine Kinder so etwas wie Stress bekommen. Irgendwann saß die Perücke schließlich halbwegs.

Meine Oma würde sich bestimmt erschrecken, wenn sie hineinkäme und statt meiner einen wilden, für sie vollkommen fremden Indianer vorfinden würde. Ganz bestimmt. Ich hörte, wie sie die Treppen hinaufkam und öffnete die Tür erst, als sie davor stand.

So stand ich also da, in voller Verkleidung, noch von meiner Mutter geschminkt und mit anderen Haaren, als meine Oma auch schon sagte…

…“Hallo Paterfelis, warum hast du die Tür denn nicht geöffnet?“

Woran hat sie mich nur erkannt?

Unbegreiflich.



Und morgen? Morgen ist Aschermittwoch. Da ist alles vorbei. Auch die Geschichte vom kleinen Indianer. 

Hugh.




Kommentare:

  1. Vermutlich hat sie dich daran erkannt, dass du so lange gebraucht hast, die Türe zu öffnen! :-)

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